Tagung

Leib – Körper – Ethnographie. Erkundungen zum Leib-Sein und Körper-Haben

Tagung vom 8. bis 9. Juli 2022 in Fulda

08. - 09. Juli 2022
Organisator: Hochschule Fulda, Technische Universität Dortmund
Veranstaltungsort: Hochschule Fulda

Ethnographinnen und Ethnographen setzen an der empirischen Erforschung von sozialem Handeln, Lebenswelten, Praktiken, institutionellen Kontexten und kulturellen Orientierungen durch Beobachtung, Ko-Präsenz, längerfristige Teilhabe an dem zu untersuchenden Feld an. Sie konzentrieren sich auf das Miteinanderhandeln von Menschen einer bestimmten Lebenswelt, sie beobachten, und sie erleben selbst deren aufeinander bezogenes, stets körpergetragenes Miteinanderumgehen. Ethnographie ist so gesehen in irgendeiner Form immer auch (zumindest) Körper-Ethnographie – sei es gegenständlich im Hinblick auf den beobachteten Körper, sei es methodisch im Hinblick auf den Körper als Beobachtungsinstrument (Poferl und Schröer 2022). Damit sind heuristisch zwei relevante Dimensionen körperethnographischer Forschung benannt, deren Sprengkraft gegenüber herkömmlichen, sinnlich vermeintlich entleerten und ‚sterilen‘ Forschungsweisen bislang längst nicht ausreichend diskutiert worden ist. Eine körperlose Ethnographie, so die Ausgangsthese der 8. Fuldaer Feldarbeitstage, gibt es nicht.

Ethnographinnen und Ethnographen legen fest, wie weit sie sich auf das verkörperte Miteinanderhandeln der Protagonisten im Feld einlassen und offensiv Körper-Ethnographie betreiben. Reicht es, den körperlichen Ausdruck der Protagonisten im Feld aufzunehmen, zu beschreiben, und ihn sich dann später verstehend anzueignen? Oder geht es darüber hinaus (auch) darum, empirisch sensibler die Perspektiven der Menschen im Feld einzunehmen – das heißt körper-soziologisch: die mit dem beobachteten Handeln einhergehende Leiberfahrung der Protagonisten in Erfahrung zu bringen, sie mit- und nachzuvollziehen? Ausschlaggebend für die Ausrichtung dürften jeweils die Fragestellung der Untersuchung, die körper- und leibtheoretische Positionierung, die methodologische Fundierung und die Erhebenssituation sein. Hier ergeben sich für die Verhandlungen auf den 8. Fuldaer Feldarbeitstagen hinreichend Reflexions- und Klärungsbedarfe.

Ethnographiegeschichtlich geht die Entwicklung – idealtypisch begradigt – von der Beobachtung des körperlichen Ausdrucksverhaltens im Modus des Selbstverständlichen hin zu einer ausdrücklichen Beobachtung der körperlichen Praktiken. Es kommt bei den ethnographischen Erhebungen dann mehr und mehr zu einer Beschreibung der lebensweltlichen Verkörperungen aus dem Erleben der Menschen heraus. Diese Entwicklung hin zu einer offenen Leib – Körper – Ethnographie geht einher mit einer zunehmenden Beachtung des Körperlichen und des Leiblichen im soziologischen Diskurs insgesamt (Lindemann 1993; Schroer 2005; Gugutzer, Klein und Meuser 2017). Obwohl allgegenwärtig, wurde die Leib – Körperlichkeit des sozialen Handelns lange eher beiläufig und in cartesianischer Manier als vom Geistigen abgetrennte materiale Voraussetzung wahrgenommen. Seit den 1970er Jahren ändert sich das allmählich. Emanzipatorische Strömungen wie die feministische Bewegung, die Bürgerrechtsbewegung, die Behindertenbewegung, die Antirassismusbewegung und der Postkolonialismusdiskurs, aber auch die aufkommende Konsumkultur, die neuen biotechnischen Möglichkeiten der Körpergestaltung und medizin- und hygienetechnische Neuerungen führten zu einem stärkeren Interesse an der Körperlichkeit und der Leibgebundenheit sozialen Handelns bis in den soziologischen und ethnographischen Diskurs hinein. Alltagskulturell individualisierende Umgestaltungen: die Ästhetisierung des Körpers, der Jugendlichkeitskult, die zunehmende Sorge um die Gesundheit, die Eventisierung des Alltags usw., lenkten und lenken gleichfalls den Blick stärker auf den Körper und den Leib als Untersuchungsgegenstand und drängen sich als Bezugspunkt Leib – Körper – Ethnographischer Forschung nahezu auf. Entsprechend kam es, im Anschluss an Norbert Elias, Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty, Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Hermann Schmitz, zu Ethnographie nahen Ausdifferenzierungen der soziologischen Theoriebildung: Der practice und performative turn, der new materialism, das Konzept des embodiment, der Kommunikative Konstruktivismus sowie die neophänomenologische Soziologie haben zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für den Körper in der Soziologie beigetragen. Mehr und mehr achtete man dabei auf das leibliche Selbsterleben und auf die leibliche Kommunikation der miteinander Handelnden. Nicht zuletzt diese Hinwendung der Soziologie und Ethnographie zur Körper- und Leiberfahrung bringt die zweite Dimension der Ethnographie als Leib – Körper – Ethnographie in den Blick: Leib – Körperlichkeit wird nicht nur gegenständlich beobachtet, sie ist überdies selbst das Medium der ethnographischen Erfahrung.

Ethnographisches Forschen erfolgt stets im Modus der Ko-Präsenz, der langfristigen Teilnahme und Teilhabe. Ethnographinnen und Ethnographen betreten das Feld, sie etablieren sich im Feld, und sie erheben über eine geraume Zeit ihre Daten aus ihrer Teilnahme im Feld. Wie keine andere Form der empirischen Sozialforschung arbeitet die Ethnographie über die körperliche Präsenz und mit der Körpersensibilität der Forschenden, mit deren leib – körperlicher Reaktivität. Die Ethnographinnen und Ethnographen gewinnen so Nähe und eine mitunter intime Sensibilität zu ihrem Gegenstand. Nicht zuletzt deshalb nimmt die Ethnographie bis heute eine beargwöhnte Sonderstellung im Wissenschaftsbetrieb ein. Die Vorbehalte gegenüber der Ethnographie führten zunächst dazu, dass Verfahrensgrundsätze einer bloß peripheren Mitgliedschaft im Feld ausgearbeitet wurden. Produktiv irritiert durch die bereits angesprochenen emanzipatorischen Bewegungen und Diskurse, durch die die Körperlichkeit hervorhebenden soziokulturellen Umgestaltungen und angeregt durch die wissenschaftstheoretischen Ausdifferenzierungen hin zu einer materialen Soziologie, kam es ebenfalls seit den 1970er Jahren – Ethnographie intern befeuert von der writing- culture-Debatte (Clifford und Marcus 1986; Berg und Fuchs 1993) – zunehmend dazu, dass nicht nur der lebendigen Körperlichkeit der zu beforschenden Menschen, sondern auch dem leiblich – körperlichen Miteinander des (ethnographischen) Forschungsprozesses Beachtung geschenkt wurde. Mit dem Aufkommen von Leib – Körper – Thematiken lag es nahe, die Leib – Körperlichkeit der Ethnographinnen und Ethnographen und die des dialogischen Forschungsprozesses einzubeziehen und in den Berichten offenzulegen (exemplarisch: Wacquant 2003; Boll 2019). Mittlerweile gilt die Leib – Körper – Erfahrung der Ethnographinnen und Ethnographen aus dem Forschungsdialog heraus gar als ein zentrales Adäquanzkriterium. Ob diese methodologische Sicht nicht dann doch zu weit geht – wie Jo Reichertz moniert (2022) – wird auf den Feldarbeitstagen zu erörtern sein. In der Ethnographie fanden der methodologische body turn und das damit einhergehende Interesse an der existenziellen leib – körperlich getragenen Rekonstruktion der Körpererfahrung der Feldbewohnerinnen und Feldbewohner konzeptionell ihren Ausdruck in der praxeologischen Ethnographie Bourdieus (1976), in der Lebensweltanalytischen Ethnographie (Honer 2011; Hitzler und Eisewicht 2016) und in der (evokativen) Autoethnographie (Ellis, Adams und Bochner 2010; Chang 2008), in der postkolonialen (Gerharz 2022), performativen (Winter und Niederer 2008), kollaborativen (Lassiter 2005), gendertheoretischen (Amelang u. a. 2016) Ethnographie, in der Diskurs-Ethnographie (Elliker 2022; Wundrak 2017) und nicht zuletzt in einer Ethnographie der Sinne (Jegge 1986; Pink 2009; Arantes und Rieger 2014).

Während der 8. Fuldaer Feldarbeitstage sollen ethnographische Studien ebenso wie ethnographische Theoriepositionen, Methodologien und methodische Herangehensweisen zur Leib – Körper – Ethnographie vorgestellt, miteinander in Bezug gesetzt, aus den sich ergebenden Spannungen heraus verglichen und auf ihre Brauchbarkeit hin diskutiert werden. In Erinnerung an den 70. Geburtstag von Anne Honer (30. März 2021), die die Fuldaer Feldarbeitstage 2006 begründet hat und die vor zehn Jahren, am 23. Februar 2012, verstarb, wird deren lebensweltanalytische Leib – Körper – Ethnographie einen eigenen Raum auf der Tagung einnehmen.

Die 8. Fuldaer Feldarbeitstagen am 8. und 9. Juli 2022 werden organisiert von Ronald Hitzler, Matthias Klemm, Simone Kreher, Angelika Poferl und Norbert Schröer.

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