Tagung

Wissenschaften des Konkreten

Internationale und interdisziplinäre Tagung am 15.–17. Februar 2023 an der RWTH Aachen

15. - 17. Februar 2022
Organisator: RWTH Aachen
Veranstaltungsort: RWTH Aachen

Abstraktion und Konkretion lassen sich als komplementäre epistemische Operationen betrachten, die für die Literatur, die Wissenschaften und die Künste gleichermaßen konstitutiv sind. Sie sind wirksam in Prozessen des Fingierens und Entwerfens, in der Anverwandlung, Anordnung und Beschreibung empirischer Gegenstände, in der Begriffsbildung und Exemplifikation.

Methoden und Kategorien der praxeologisch orientierten Wissenschaftsforschung aufgreifend, befasst sich die Tagung mit historischen Konzepten und Verfahren der Konkretion und Abstraktion sowie mit künstlerischen und wissenschaftlichen Praktiken des Umgangs mit dem Konkreten: mit Verfahren der Beobachtung und Analyse, des Sammelns und Klassifizierens, der Präsentation und der Darstellung. Dabei soll der Begriff des Konkreten in seinen verschiedenen Facetten entfaltet und spezifiziert werden, vom Einzelphänomen über das Individuelle und Subjektive bis hin zum Sinnlich-Anschaulichen und den Konnotationen des präzise Umrissenen, Harten und Greifbaren.

Der Begriff ‚Wissenschaft des Konkreten‘ geht auf Claude Lévi-Strauss zurück, der ihn in seinem Buch La pensée sauvage (Das wilde Denken) von 1962 einführt, um das Wissen der sogenannten Primitiven zu charakterisieren und zu den exakten Wissenschaften der modernen Industrienationen in Relation zu setzen. Die science du concret, so seine These, bildet die Basis des ‚wilden‘ ebenso wie des modernen wissenschaftlichen Denkens. Mit dem ‚Konkreten‘ sind dabei die Dinge, Stoffe und Lebewesen gemeint, die in der natürlichen Umgebung vorkommen und als Nahrungsmittel, Medikamente und Werkstoffe verwendbar sind, aber auch zum Gegenstand von Mythen und Klassifikationssystemen werden, und über die ein umfangreiches, auf dem Wege der sinnlichen Wahrnehmung und des Experiments erworbenes Wissen existiert. Die Entwicklung der modernen Wissenschaft setzt nach Lévi-Strauss allerdings zwingend die Abstraktion vom Sinnlich-Konkreten voraus. Mit dem Konzept einer ‚Wissenschaft des Konkreten‘ eröffnet Lévi-Strauss eine Perspektive, die transversal zu gängigen Binarismen verläuft und es ermöglicht, wissenschaftliche, literarische und künstlerische Praktiken unter epistemischen Gesichtspunkten zu beschreiben, ohne dabei den heute etablierten disziplinären Grenzen zu folgen.

1. Das Konkrete in den Wissenschaften
Die Unterscheidung von ‚konkreten‘ und ‚abstrakten‘ Wissenschaften knüpft an eine Tradition an, die bis in die Frühe Neuzeit zurückreicht: Schon Francis Bacon entwarf in The Advancement of Learning (1605) eine Systematik der Wissenschaften, deren Basis die auf das Individuelle und Konkrete ausgerichtete, gleichermaßen Natur- und Kulturgeschichte umfassende Historia bildete. Mit charakteristischen Modifikationen liegt Bacons Einteilung sowohl dem Système figuré der Encyclopédie als auch der Wissenschaftssystematik Auguste Comtes zugrunde.
Die Gliederung der Wissenschaften nach ihrem Abstraktionsgrad verläuft quer zur Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften und geht ihr historisch voraus. Mit der Zweiteilung der Wissenschaften im späten 19. Jahrhundert konfiguriert sich das Verhältnis zwischen ‚konkreten‘ und ‚abstrakten‘ Wissenschaften neu: Das Konzept einer Wissenschaft des Konkreten im Sinne des Individuellen spielt nun eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit Bemühungen, die historischen Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften und ihren vermeintlich universalen methodischen Prinzipien abzugrenzen, so etwa bei Wilhelm Windelband, Wilhelm Dilthey und – anknüpfend an Walter Benjamin und Theodor W. Adorno – Peter Szondi. In der Fluchtlinie ideologiekritischer Würdigungen des Individuellen ist auch Roland Barthes’ Projekt einer Mathesis singularis in La chambre claire zu lesen.
Erwünscht sind Beiträge, die dieses Bild konkretisieren, erweitern und ausdifferenzieren: Eröffnet der Fokus auf das Verhältnis zwischen Abstraktion und Konkretion neue Perspektiven auf die Geschichte der Mathematisierung und Empirisierung? Wie lassen sich in diesem Panorama die verschiedenen Spielarten der Phänomenologie lokalisieren? Welche Konstellationen und Mischformen zwischen Wissenschaften und Künsten ergeben sich in einer Landschaft des Wissens, die (noch) nicht von der Opposition zwischen Natur- und Geisteswissenschaften strukturiert ist?

2. Praktiken des Sammelns, Ordnens, Präsentierens
Wenn Francis Bacon in seinem Novum Organum (1620) nicht nur Modi der deduktiven Wissensproduktion, sondern auch das schiere, unverdaute Anhäufen von Einzeldingen und -beobachtungen einer Kritik unterzieht, ist der theoretische Grundstock gelegt für die sich in der Neuzeit etablierenden Praktiken im Umgang mit den Partikularien der Natur- und Wissenswelt. Scheint es zunächst, als setzten sich zunehmend empirisch-induktive Methoden auf Kosten der ratiocinatio durch, lassen sich bei genauerem Hinsehen vor allem unterschiedliche Mischformen von Kompilation und Klassifikation, Aggregation und Argumentation beobachten – in den artes und scientiae gleichermaßen. Es entstehen vielfältige Formen des Erstellens von Listen und Tabellen, Exzerptenheften und Kollektaneen, Zettelkästen und Wunderkammern, die sich in ihrem je spezifischen Austarieren von Konkretion und Abstraktion beobachten und vergleichen lassen. Von den umfassenden Enzyklopädien und Bibliothekskatalogen, Herbarien und mineralogischen Sammlungen des 18. Jahrhunderts bis zu den Registern, Datenbanken und Informationssystemen der Gegenwart werden im Umgang mit dem Konkreten immer neue Modi der Wissensorganisation erprobt und konfiguriert. Aber auch Schreibpraktiken wie das Notieren, Glossieren und Kompilieren erscheinen nicht nur in szientifischen, sondern auch in künstlerischen Zusammenhängen als Produkte von Arrangierverfahren, die sich als science du concret in einem weiteren Sinne fassen ließen. Das gilt für frühneuzeitliche Texte wie Fischarts Geschichtklitterung, in denen experimentelle und rhetorisch-poetische Methoden kombiniert zum Einsatz kommen, genauso wie z.B. für Benjamins Passagenwerk.
Welche Verfahren kommen also im Umgang mit dem Sammeln und Präsentieren konkreter Dinge der Natur- und Wissenswelt zum Einsatz – und wie werden sie reflektiert? Welche epistemischen Voraussetzungen bestimmen das Zusammenstellen, Archivieren und Aufbereiten von Wissensbeständen in wissenschaftlichen wie in künstlerischen Kontexten? Welche Umgangsformen etablieren sich mit den unsystematisch scheinenden Repositorien und Materialsammlungen? In Auseinandersetzung mit diesen und ähnlichen Fragen wird die Tagung den praxeologischen Dimensionen der Wissenschaften des Konkreten nachgehen.

3. Epistemische Dinge in den Literaturen und Künsten
Die Relation von Sinnlich-Konkretem und Geistig-Abstraktem ordnet nicht nur das Feld der Wissenschaften, sondern konstituiert auch künstlerische Praktiken und ihre Wissensproduktion. „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur die Dinge“, notiert Novalis 1798 zu Beginn der Blüthenstaub-Fragmente. Der Aphorismus kann gegen den Strich gelesen werden. Bestimmte ästhetische Suchverfahren können nicht von konkreten Dingen abgelöst werden, ihr Auffinden wiederum gleicht weniger der Entdeckung von etwas bereits Vorhandenem als einer temporären Verfestigung in einem unabgeschlossenen, mitunter verbalen Prozess: „Verba tene, res sequentur.“ (Umberto Eco) Solche ‚Dinge‘, die sowohl die Suche initiieren als auch das Finden perpetuieren, lassen sich insofern als ‚epistemisch‘ verstehen, als sie wesentlich bestimmen, welches Wissen auf welche Weise in den Literaturen und Künsten produziert wird.
Als ‚epistemische Dinge‘ bezeichnet Hans Jörg Rheinberger Untersuchungsgegenstände in naturwissenschaftlichen Experimenten, die noch nicht durch Begriffssprache und Formalisierung stillgestellt sind. Sie entsprechen partiell offenen, Differenzen produzierenden Existenzen, die sich erst in einem Ensemble von materiellen Objekten, handelnden Wissenschaftler:innen und Repräsentationssystemen bilden. Diese Existenzweise behält das Ding, bis es keine Wissensproduktion mehr stimuliert und sich zum geschlossenen ‚technischen Ding‘ wandelt.
Wo liegen die Chancen und Grenzen einer Übertragung des Begriffs ‚epistemische Dinge‘ aus der Wissensgeschichte in die Literatur- und Kunstwissenschaften? In welchen Fällen kann nach ‚epistemischen Dingen‘ – in Abgrenzung zu anderen dinglichen Existenzweisen – in den Literaturen sowie Künsten gefragt und welche genuin ästhetischen (Experimental-)Verfahren ihres Ereignens können beschrieben werden? Auf der Hand liegt die Affinität zum Konkreten bei Genres wie dem Dinggedicht oder künstlerischen Strömungen wie der Konkreten Poesie, der Musique concrète und der Konkreten Kunst, aber zu denken wäre etwa auch an das Porträt und das Stillleben, die Biographie und die Anekdote. Welchen Transformationen sind konkrete Dinge unterworfen, wenn sie durch eine literarische oder künstlerische Praxis epistemisch werden? Oder: Wann werden ‚epistemische Dinge‘ der Literaturen und Künste abstrakt?

4. Schreibweisen des Konkreten
Unter dem Aspekt der Schreibweise stehen individualisierende und konkretisierende Darstellungsprinzipien im Vordergrund. In der Rhetorik wird sprachliche Wirksamkeit schon seit der Antike mit Veranschaulichung und Verlebendigung (evidentia, enargeia, pro ommaton poiein) assoziiert. Dazu gehören rhetorische Mittel wie pars pro toto, accumulatio, enumeratio. Untersucht werden soll, in welchen epistemischen Zusammenhängen solche Schreibweisen des Konkreten stehen.
Schon in der spätmittelalterlichen Novellistik wird der Einzelfall gegenüber der allgemeinen moralisatio gestärkt. In Spätmittelalter und Früher Neuzeit stehen enumerative Verfahren im Kontext enzyklopädischen Erzählens, das auf einem umfassenden Verständnis von historia beruht. Die rhetorischen Mittel enumeratio und distributio im 17. Jahrhundert, in denen sich auch die Verwandtschaft zum Stillleben in der Malerei bekundet, zielen häufig auf Exemplarität oder auf die Annihilation des Weltlichen. Mit der Begründung der Ästhetik im 18. Jahrhundert wird Literatur über ihre Sinnlichkeit und Konkretion definiert – für Baumgarten etwa sind Vorstellungen desto poetischer, je merkmalsreicher und bestimmter sie sind. Die Erlebnislyrik, zumal in Goethes Gleichsetzung mit der Gelegenheitslyrik, ist gebunden an die Konkretion von Situationen und Gegenständen. Von der Aufklärung bis zur Psychoanalyse lassen Fallgeschichten als epistemische Schreibweisen des Individuellen das Wechselverhältnis von Psychologisierung und biographischem Erzählen in den Blick treten. Die Psychologisierung von Romanfiguren gründet dabei auf der zunehmenden Nuancierung von Charaktereigenschaften und ‚kleinen Zügen‘, die sich im realistischen und naturalistischen Roman des 19. Jahrhundert fortsetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts bildet sich eine besondere Aufmerksamkeit für das Ephemere aus. Mit der Fokussierung des Details scheint eine Desintegration des Ganzen einherzugehen, die mit technischen und wissenschaftlichen Verfahren der Vergrößerung, Sezierung und Stillstellung identifiziert wird.
Lassen sich Schreibweisen des Konkreten in den Wissenschaften und den Künsten in ihrer Koevolution feststellen? Können bestimmte literarische Gattungen und rhetorische Figuren als Schreibweisen der Individuierung und Konkretion begriffen werden, die epistemische Qualität aufweisen? Wie gestaltet sich das jeweilige Verhältnis zwischen Konkretion und Abstraktion?

Die internationale und interdisziplinäre Tagung „Wissenschaften des Konkreten“ wird vom 15. bis 17. Februar 2023 an der RWTH Aachen stattfinden. Wir laden ein, Beitragsvorschläge im Umfang von ca. 500 Wörtern sowie kurze biobibliographische Angaben bis zum 21.11.2021 einzureichen (y.mohagheghi(at)germlit.rwth-aachen.de). Bewerbungen von Nachwuchswissenschaftler:innen sind ausdrücklich erwünscht. Die Reise- und Unterbringungskosten können voraussichtlich übernommen werden. Ein Tagungsband ist geplant. Bitte beachten Sie, dass aufgrund der fortgeschrittenen Tagungsplanung lediglich drei Beitragsvorschläge berücksichtigt werden können.

Organisation und Konzeption:
Prof. Dr. Caroline Torra-Mattenklott
Dr. Christiane Frey
Dr. Yashar Mohagheghi
Dr. Sergej Rickenbacher

Zum Call for Papers (Link)

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