Accounting von Körperbewegungen – Sport als instruktiver Fall für eine Soziologie der Bewertung

Frühjahrstagung der DGS-Sektion Soziologie des Körpers und des Sports in Kooperation mit dem DFG-Netzwerk „Auf dem Weg in die Bewertungsgesellschaft?“vom 31. März bis zum 1. April 2020 in Eichstätt

Als Gegenstandsbereich der Soziologie des Wertens und Bewertens (Lamont 2012; Kjellberg et al. 2013; Peetz et al. 2016) bleibt Sport bisher unerschlossen. Dies ist zunächst insofern erstaunlich, als dass Sport als Leistungssystem auf das Medium des quantifizierenden Vergleichs konstitutiv bezogen ist (Werron 2005). Die Frühjahrstagung der DGS-Sektion Soziologie des Körpers und des Sports und des DFG-Netzwerks „Auf dem Weg in die Bewertungs-gesellschaft?“ setzt sich zum Ziel, diese Lücke zu schließen und den Sport als instruktiven Fall für Praktiken des Wertens, Bewertens und des Accounting in den Mittelpunkt zu rücken. Davon ausgehend und ergänzend will die Tagung Seitenblicke auf Formen der Bewertung von Körperpraktiken auch in anderen sozialen Feldern versammeln.

Die Soziologie des Wertens und Bewertens versammelt eine Vielzahl familienähnlicher Forschungsrichtungen, die sich z. B. mit dem Vergleichen (Heintz 2016), der Quantifizierung (Espeland & Stevens 2008; Diaz-Bone & Didier 2016) und mit dem Accounting im Sinne des organisationalen Rechnungs- und Buchhaltungswesens (Vormbusch 2004; Mennicken 2011) beschäftigen. Die unterschiedlichen Praktiken des Verbuchens, Zählens, Messens, Ratens oder Rankens werden schwerpunktmäßig in den Feldern der Ökonomie, Wissenschaft, Bildung und Kultur untersucht (Nicolae et al. 2019). Recht früh ist allerdings auch darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich Studien des „Accounting at the margins“ (Miller 1998; Mennicken & Sjögren 2015) – also in Bereichen, die abseits der genannten Felder liegen und vom hier praktizierten Bewerten, Vergleichen und Quantifizieren bislang noch wenig erfasst wurden – für das Verständnis dieser Praktiken und ihrer Effekte als besonders vielversprechend erweisen können. Denn Logiken, Instrumente und Verfahren der Bewertung werden in diesen Randbereichen im Zuge ihrer Etablierung im hohen Maße kontrovers ausgehandelt. Sie werden nicht als selbstverständliche Repräsentationen von Realität hingenommen, treffen auf Kritik (Bourguignon & Chiapello 2005) sowie auf andere, hier bereits etablierte Beurteilungs- und Bewertungslogiken. Die Tagung untersucht Sport als ein solches Feld von Bewertungspraktiken.

Sport als Feld von Bewertungspraktiken

Die zahlenförmige Vergleichbarmachung sportlicher Leistungen kommt in Sportspielen etwa in Spielergebnissen zum Ausdruck, im Laufsport durch die Messung von Zeitspannen bis zur Erreichung bestimmter Ziele oder im Box- und Tanzsport in der Punktewertung der Jury. Daneben treten auch jüngere Entwicklungen zur Vermessung von Leistungsparametern, von Vitalwerten des Körpers und von Körperbewegungen im Feld des Freizeit- (Lupton 2016) und Leistungssports. Im (Profi-)Fußball lassen sich in jüngster Zeit Analyseprozesse beobachten, die nicht nur Ereignisse des Spiels (Spielzüge, Passformen, Zweikämpfe, Fouls etc.) zu Beobachtungseinheiten und zum Gegenstand quantifizierender Bewertung machen. Auch in Bezug auf Spieler*innen, Vereine und Taktiken werden bestimmte Leistungsparameter (Laufleistung, Ballbesitzwerte, Passgenauigkeitswerte, überspielte Gegner, Expected Goals, Chancenverwertung) entwickelt, die sie unter diesen Kriterien vergleichbar machen. Begleitet und ermöglicht wird diese Entwicklung durch Messartefakte (GPS-Sender, Kamera-Tracking, Bilderkennung etc.) sowie durch statistische (nicht bloß zählende) Methoden (Data Mining, algorithmische Mustererkennung) etc., die sich hier zu etablieren versuchen.

Von Körperbewegungen zum Zahlenwert im Sport

Die Entwicklung und Durchsetzung neuer Verfahren der Spiel- und Spieler*innen-Analyse und -Bewertung verläuft aber keineswegs unhinterfragt und bruchlos; so etwa im Profifußball, der als ein relativ neuer ‚Marginalbereich des Accountings‘ betrachtet werden kann. Vielmehr treffen zahlenbasierte Expertisen und quantifizierende Formen des Accountings auf vielfältige eigenlogische Praktiken des Kritisierens (Boltanski 2010) und skeptischen bis widerständigen Reaktionsweisen. Solche Kontroversen formen die Art und Reichweite des Zahlengebrauchs und stellen die Einführung neuer Analyse- und Bewertungsverfahren vor Schwierigkeiten.

Sie deuten auch darauf hin, dass der Sport aufgrund seiner gesellschaftlichen Sonderstellung für eine Soziologie der Bewertung von grundlegendem, sozialtheoretischem Interesse sein kann. Denn anders als in Feldern wie der veröffentlichten Meinung oder dem Warenverkehr liegen quantifizierbare und statistisch verarbeitbare Ereignisse – jenseits der von Sportspielen selbst produzierten Leistungszahlen – im Sport weder in sprachlicher noch in vorquantifizierter Form vor. Der Sport inszeniert codifizierte Körperbewegungen und bringt so die Körperlichkeit des Sozialen zur Aufführung. Das dabei „vorgezeigte Wissen (performed knowledge)“ (Hirschauer 2008) wird so öffentlich beobachtbar und verhandelbar gemacht. Diese starke Rolle von körperlichem Wissen stellt die Schematismen der Bewertung besonders auf die Probe. Insofern ist nicht nur zu fragen: Was macht das Bewerten und Accounten mit dem Sport? Sondern umgekehrt auch: Was macht der Sport mit dem Bewerten und Accounten?

Bewertete Körper in der Gesellschaft

Unsere These, die zunächst den Sport als einen instruktiven Fall für die Bewertungssoziologie geltend macht, wäre zu erweitern durch Forschungen in anderen Phänomenbereichen. Die Tagung richtet sich daher an Forschende, die sich in unterschiedlichen Gegenstandsbereichen mit dem Übersetzungsprozess zwischen sozialen Praktiken und ihren Körperbewegungen zu Bewertungspraktiken beschäftigen. Im Mittelpunkt sollen dabei folgende exemplarische Fragestellungen stehen:

  • Werden diese neuen Techniken im Feld für relevant gehalten und aufgegriffen? Wenn ja: Wie transformieren neue Mess- und Bewertungspraktiken Trainings-, Scouting-, Spiel- und Zuschauerpraxis? Welche Rolle spielen derartige Praktiken im Hobbysportbereich?
  • Lassen sich ähnliche Phänomene der Übersetzung von Körperbewegungen und -zuständen in (Mess-)Werte als Teil der Ausbreitung von Dispositiven der Bewertung auch in anderen Feldern (z. B. Ageing, Disability, Gender Studies oder Medizin- und Ernährungssoziologie) beobachten? Gibt es hinsichtlich solcher Übersetzungsprozesse kontext- und feldspezifische Differenzen?
  • Wie interagieren kommerzielle und auf sportliche Vollzüge bezogene Dispositive der Bewertung im Feld des Sports?
  • Welche Formen von Körperbewegungen liegen in konkreten sozialen Feldern vor (Medizin, Physiotherapie, Ernährung, Pflege- und Betreuungsbereich, Versicherungswesen etc.) und wie werden sie für Prozesse von Accounting und Bewertung relevant?
  • Wie entziehen sich körperliche Vollzüge, Gesten und Haltungen bestimmten Accountingformen, wie z. B. numerischen oder sprachlichen? Wie (anders) wird Accountability in sozialen Interaktionen hergestellt?
  • Wie verhalten sich die Bewertungspraktiken zum spannungsreichen Verhältnis von Individual- und Kollektivkörper? Wie kann eine konstitutiv arbeitsteilige/übersummative Leistung bewertet werden? Was bedeutet die Herstellung von quantifizierter Vergleichbarkeit der Leistungen einzelner Spieler für die Konstitution des Teamkörpers?
  • Welche Accounting- und Bewertungspraktiken stoßen in konkreten sozialen Feldern auf Widerstände? Warum tun sie das und wie werden diese Kritiken artikuliert?

Organisation

Franziska Hodek
Max Weigelin
KU Eichstätt-Ingolstadt
Professur für Prozessorientierte Soziologie
Ostenstraße 17
85072 Eichstätt
Tel.: +49 8421 93 -2312