Demokratie und Wahrheit

Lange Nacht der Sozialforschung in Frankfurt

Mit Kurzvorträgen von Michael Butter, Petra Gehring, Katharina Hoppe, Oliver Marchart, Martin Saar, Christiane Schnell, Martin Seel, Jasmin Siri, Felix Trautmann und Paula-Irene Villa

Die alte Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Politik ist mit großer Dringlichkeit in die Selbstvergewisserungsdiskurse unserer Gesellschaft zurückgekehrt. Die Unverhohlenheit, mit der seit einiger Zeit aus wahrheitswidrigen Behauptungen politisches Kapital geschlagen wird, geht einher mit anderen Entwicklungen, die Warnungen und Ängste schüren: mit einer Spaltung der Gesellschaft durch Reideologisierung und rücksichtslose Identitätspolitik, einer ungehinderten Verbreitung von Verschwörungsszenarien in den sozialen Medien, dem Erfolg populistischer Narrative, einer entfesselten Rede von Lügenpresse und korruptem politischem Establishment, einer Verrohung der politischen Sprache und kommunikativer Verwahrlosung, mit Versuchen, Meinungen, Presse und Künste in ihrer Freiheit einzuschränken. Haben wir es gegenwärtig mit einer Krise der Wahrheit zu tun? Oder verweist die Analyse des Phänomens von Falschmeldungen und systematischer Fehlinformation eher auf die lange Geschichte einer höchst spannungsreichen Beziehung zwischen Medien, Politik und Wissenschaft, die im Kontext medialer Umwälzungen neue Wendungen nimmt? Und die heftigen Affekte, mit denen sowohl „Fake News“ in die Öffentlichkeit getragen als auch widerstreitende Meinungen als „Fake News“ denunziert werden, sind sie nicht vor allem Ausdruck einer gegenseitigen Verfeindlichung von politischen Weltsichten, zwischen denen es kaum noch Berührungspunkte gibt?

The old question of the relationship between truth and politics has reemerged with considerable urgency in our society’s discourses on self-assurance. The blatancy with which, for some time now, untruthful claims are being turned into political capital goes hand in hand with other developments that fuel warnings and anxieties: a splitting of society due to re-ideologization and ruthless identity politics, an unimpeded dissemination of conspiracy scenarios in the social media, the success of populist narratives, unbound talk about the so-called “lying press” and a corrupt political establishment, a brutalization of political language and a deterioration in communication, along with attempts to restrict freedom of opinion, the press and the arts. Are we confronted currently with a crisis of truth? Or does the analysis of the phenomenon of “fake news” and systematic false information point instead to the long history of the highly tense relations between media, politics and science which is taking whole new turns in the context of a media revolution? And are the strong emotions with which both “fake news” in publicized and contradictory opinions denounced as “fake news” not mainly an expression of a current hostility between political world views which scarcely have any more points of contact?

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