Gesellschaftliche Produktion und Absorption von Unsicherheit

Interdisziplinäre Nachwuchstagung am 20. und 21. November 2020 an der FernUniversität in Hagen

Ziel der interdisziplinären Nachwuchstagung „Gesellschaftliche Produktion und Absorption von Unsicherheit“ ist es, Perspektiven auf das Thema Unsicherheit aus unterschiedlichen Fachrichtungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Eingeladen sind theoretisch oder empirisch angelegte Beiträge, die nach den synchron und/oder diachron variablen Strategien, Mechanismen und Kulturtechniken fragen, mittels derer Gesellschaften Unsicherheiten hervorbringen, thematisieren und bearbeiten.

Seit den 1990er Jahren haben sich Sicherheitsdiskurse und -konzepte erheblich gewandelt. Zum Aufgabenbereich des Staates etwa gehören heute nicht mehr nur die militärische Sicherheit, sondern Sicherheitsbedürfnisse aller Menschen in so unterschiedlichen Bereichen wie Arbeit, Einkommen, Gesundheit, Umwelt oder Verbrechen (vgl. Zwierlein 2012). Zugleich sind für viele Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts Unsicherheitserfahrungen zu einer beunruhigenden Selbstverständlichkeit geworden. Die Freisetzung des Menschen von traditionalen Sozialbezügen im Zuge der Individualisierung geht mit erheblichen Unsicherheitserfahrungen einher (vgl. Schroer 2001). Die technologische, soziale und kulturelle Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse (vgl. Rosa 2005) ist eine weitere bedeutende Quelle von Unsicherheitserfahrungen für die Menschen in den Gegenwartsgesellschaften. Dem Glauben an die Gestaltbarkeit der Welt steht eine „paralysierende Verunsicherung“ (Nassehi 1997: 37) gegenüber. Die hieraus resultierende Entgrenzung der Unsicherheit impliziert, dass die Gesellschaften der entwickelten Moderne nicht mehr zureichend aus der Perspektive von Sicherungsinstitutionen verstanden werden können. Vielmehr zeigen sich historisch variable Figurationen von Unsicherheit, in denen die Produktion und Absorption von Unsicherheit je spezifisch aufeinander bezogen sind. Dabei ist davon auszugehen, dass Unsicherheitserfahrungen ambivalent ausfallen, insofern sie nicht nur vermieden, sondern auch aktiv gesucht werden.

Eine derartige aktive Suche nach Verunsicherung lässt sich z. B. für die Literatur und andere fiktionale Medien konstatieren, in denen Verunsicherungen durchaus positiv konnotiert sind, insofern hierdurch ein produktiver Rezeptionsprozess angestoßen wird. Verunsicherung wird hier durch ästhetische Verfahren (z. B. perturbatory narration, vgl. Schlickers/Toro 2018) hergestellt, die Überschreitungen und Krisensituationen hervorbringen und so fiktionale Welten zu einem ästhetischen Experimentalraum erweitern. Parallel dazu lassen sich zahlreiche Kulturtechniken der Versicherung identifizieren. Hier denken wir insbesondere an wissenschaftlich und technisch vermittelte Formen der gesellschaftlichen Berechnung und Vorhersage wie Quantifizierungen und Prognosen, die Auswertung von Big Data und Algorithmen. Mit diesen werden insbesondere das Verhältnis kalkulativer Selbstbeschreibungen, gegenwärtiger Zukünfte und zukünftiger Gegenwarten sowie die vielfältigen Rückkopplungen zwischen Berechnungen und Prognosen einerseits, gesellschaftlichen Wirklichkeiten andererseits adressiert.

Das Verhältnis von Versicherung und Verunsicherung weist demnach keinen einfachen Richtungszusammenhang auf. Es zeichnet sich eine „Dialektik von Sicherheit und Unsicherheit“ (Bonß 2011: 43) ab. Den „Wandlungen der Sicherheitskonzepte unserer Gegenwart“ (Zwierlein 2012: 375f.) stehen ubiquitär erscheinende Verunsicherungen gegenüber, deren wissenschaftliche Aufarbeitung in den Disziplinen sehr unterschiedlich ausfällt.

Konzept der Tagung

Um einen regen Austausch auch über Fachgrenzen hinweg zu fördern, werden die Beitragenden gebeten, ihre Manuskripte vorab untereinander zu teilen. Zusätzlich werden die Beiträge jeweils durch eine/n fachfremde/n Critical Friend kommentiert, bevor sie im Plenum zur Diskussion gestellt werden. Die Beiträge können in deutscher oder englischer Sprache verfasst sein. Die Diskussionssprache ist Deutsch.

Organisation

Eryk Noji
FernUniversität in Hagen
Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften Institut für Soziologie
Soziologie II: Soziologische Gegenwartsdiagnosen KSW Neubau, Gebäudeteil D, Raum 0.007
58084 Hagen
Tel.: +49 2331 987-4742
E-Mail: eryk.noji(at)fernuni-hagen(dot)de

Zum CfP mit Literatur (PDF)