Gewalt und Soziale Beziehungen

3. Workshop des AK »Gewalt als Problem soziologischer Theorie« in der DGS-Sektion »Soziologische Theorie«

Nach einer langen und durchaus produktiven, nun aber im Ausklingen befindlichen Zeit, in der sich die Gewaltforschung in Deutschland vornehmlich mit der Untersuchungseinheit der Situation beschäftigt hat, wollen wir uns mit dem nächsten Arbeitskreistreffen der Dimension sozialer Beziehungen zuwenden. Die Relevanz dieses Fokus ergibt sich aus der zunächst trivial anmutenden Tatsache, dass Gewalt soziale Beziehungen beeinflusst und vice versa. Dass Gewalt in ihren Formen, Inhalten und Verlaufsmustern mit der sozialen Umwelt verstrickt ist, zeigt auch die immer feingliedriger werdende Kritik am Situationismus. Weniger trivial hingegen, aber umso wichtiger ist die Tatsache, dass Gewalt soziale Beziehungen nicht nur beendet und zerstört, also nicht bloß der Störfall ansonsten stabiler Verhältnisse ist, sondern diese im gleichen Maße formen, ordnen und erhalten kann.

Bislang aber fehlt es an Theorieangeboten, die diesen Umstand angemessen reflektieren und in eine allgemeine Gewalttheorie integrieren, d.h. ihn mit den situativen Innovationen der letzten 20 Jahre ebenso wie mit neueren prozessualen Ansätzen in einen Dialog bringen. Dabei ist der Blick auf soziale Beziehung der nächstliegende Schritt einer Soziologie der Gewalt, die ihren Gegenstand auf seine ordnungstheoretische Relevanz hin zu untersuchen trachtet.

Für einen ersten Problemaufriss, den der Workshop leisten soll, wollen wir den Blick zunächst auf das Verhältnis ganz spezifischer sozialer Beziehungen zur Gewalt eingrenzen. Deshalb laden wir dazu ein, den Blick auf solche Beziehungen zu richten, die auf Dauer gestellt sind und die maßgeblich durch die fortgesetzte miteinander oder untereinander ausgeübte Gewalt geprägt sind. Wir begrüßen Beiträge, die danach fragen, wie Gewalt auf Beziehungen einwirkt, wie Beziehungen wiederum konkrete Gewaltformen beeinflussen und wie die so entstehenden Gewaltverhältnisse soziologisch und theoretisch erfasst werden können. Damit rufen wir ein sehr breites Spektrum an Phänomenen auf, weshalb die folgende Liste von Themenvorschlägen als exemplarisch zu verstehen ist:

  • Gewalt in der Familie: Gewalt innerhalb der Familie, sei es zwischen Paaren oder gegenüber Kindern, gilt als exemplarischer Fall der hier angedeuteten Zusammenhänge. Diese Fälle zeigen bemerkenswert oft eine langfristig stabile Dynamik, in der Gewalt zum festen oder gar konstitutiven Bestandteil des sozialen Gefüges wird. Entgegen der allgemeinen Annahme, Gewalt beende soziale Beziehungen, lässt sich hier beobachten, wie Beziehungen über das Medium der Gewalt erhalten und reguliert werden.
  • Tätergruppen: Gewalt erzeugt spezifische Beziehungen zwischen denen, die sie gemeinsam ausüben. Gleichzeitig gehören besondere Formen von Gruppendynamik und -kohäsion zu den Voraussetzungen, welche die andauernde Ausübung von Gewalt oder extreme Formen von Gewalt erst ermöglichen. Beispielsweise bei bewaffneten Untergrundgruppen, Milizen, oder auch Hooligans lässt sich diese enge Verflechtung von Gruppendynamik und Gewalt beobachten, wobei die Muster und Qualitäten derBeziehungen sehr unterschiedlich sein können. Im Fall von Hooligans, die sich vielleicht nicht ausschließlich, aber doch zu einem nennenswerten Teil über die gewaltsame Auseinandersetzung als Gemeinschaft verstehen, ist kollektiv ausgeübte „sinnlose“ Gewalt – hier mehr noch als in den anderen Fällen – Mittel der Kohäsion und Anker des Selbstverständnisses der Gruppe. Bei bewaffneten Gruppen im Untergrund ebenso wie in Bürgerkriegen interessieren neben dem Beziehungsgeflecht der beteiligten Gruppenmitglieder auch Interdependenzen von Gewalt und Beziehungen zu Dritten, zu Angehörigen, zur Anhängerschaft sympathisierender Protestbewegungen, oder zu von der Gewalt betroffenen Zivilbevölkerung.
  • Folter: Das, was zwischen Folterndem und Gefoltertem geschieht, lässt sich mühelos als soziale Beziehung beschreiben, und zwar nicht bloß dann, wenn man körperliche Gewalt selbst schon als solche definiert. Der Prozess des Folterns entsteht gerade durch die Beziehungselemente, die zwischen und in den Gewaltsituationen erzeugt werden, daher erscheint es uns durchaus lohnend, diese ins Zentrum der Analyse zu stellen.
  • Totale Institutionen: Schließlich bilden auch totale Institutionen unterschiedlichen Typs ein ideales Feld, um die von uns aufgerufenen Fragen in den Blick zu bekommen. Dabei ist zu vermuten, dass jene Verhältnisse sich je nach Organisations- bzw. Institutionszweck durchaus unterscheiden, z.B. in Kasernen, im Heim oder im Gefängnis. Allen gemein ist zwar das Spannungsverhältnis zwischen Personal und Insassen – also immer auch das zwischen Gewalt und legitimen Zwangsmitteln –, doch lassen sich vermutlich unterschiedliche Gewaltverhältnisse beobachten, je nachdem, ob das gemeinsame Erlernen von Gewalt im Zentrum der Institution steht, ob sie der Erziehung dient oder Sanktionsmittel sein soll.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, am Workshop des Arbeitskreises teilzunehmen. Vorschläge für Beiträge erbitten wir bis zum 15.Dezember 2018, zusammen mit einem kurzen Abstract (300 Wörter), an Laura Wolters (laura.wolters(at)his-online(dot)de). Über die Annahme der Beiträge informieren wir bis zum 12. Januar 2019.

Teilnehmende ohne eigenen Beitrag können sich bis zum 20. Februar 2019 formlos bei Verena Keysers (verena.keysers(at)kwi-nrw(dot)de) anmelden. Bitte nutzen Sie dazu den Betreff „Workshop Gewalttheorie“. Die Teilnahme ist kostenlos. Programm und Anreiseinformationen geben wir bis Ende Februar 2019 bekannt. Um den Werkstattcharakter der Veranstaltung zu erhalten, ist die Teilnehmer*innenzahl auf ca. 25 Personen begrenzt. Dafür bitten wir um Verständnis.

Organisator*innen des Workshops: Laura Wolters (Hamburger Institut für Sozialforschung), Eddie Hartmann (Universität Heidelberg) und Stefan Malthaner (Hamburger Institut für Sozialforschung).
Veranstaltungsort: Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 20148 Hamburg.

Hier geht's zur Veranstaltungsankündigung (PDF).