Historische Authentizität – Subjektivierung und Vergemeinschaftung in der Moderne

Tagung des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gewinnen sowohl die Vorstellung eines authentischen, expressiven Selbst als auch die Idee vermeintlich authentischer Kollektive – insbesondere im Zuge des Nationalismus und Kolonialismus – an gesellschaftlicher und politischer Überzeugungskraft. Spätestens seit den 1970er Jahren sind Authentizitätsideale (und der Ruf nach dem autonomen Subjekt) fester Bestandteil von Praktiken und Politiken des Selbst. Während der Diskurs über personale, subjektive Authentizität zutiefst mit Prozessen der Individualisierung verknüpft ist, sind Vorstellungen kollektiver oder gruppenbezogener Authentizitäten zunehmend in die Kritik geraten, auch wenn sie im Zuge der Dekolonisierung, den Neuen Sozialen Bewegungen, des Kommunitarismus oder heute in der sichtbaren Re-Nationalisierung immer wieder eine wichtige Rolle spielen.

Traditionell sind Authentizitätsdiskurse in verschiedene Entfremdungserzählungen eingebunden: Das Selbst entfremdet sich von der Natur, von der Arbeit oder von der Gemeinschaft; es gilt vor der Folie der Massengesellschaft als beliebig und austauschbar, um im Informations- und Medienzeitalter vor den Herausforderungen der Medialisierung und Virtualisierung seiner Lebenswelt zu stehen. Authentizitätskonzepte werden insofern häufig als Antagonisten aufgerufen, um das Partikulare gegenüber dem Allgemeinen zu betonen, und sie verbinden dabei identitätsstiftende Prozesse der Individualisierung, Subjektivierung und Vergemeinschaftung.

Die interdisziplinäre Tagung fragt anhand von intellektuellen und literarischen Diskursen, populärer Musik und Körperkonzeptionen nach dem Wandel personaler, kollektiver bzw. subjekt- und gemeinschaftsbezogener Authentizitätskonzeptionen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Das zentrale Anliegen der Konferenz ist es, die Semantik des Authentischen (Konzeptionen von Ursprung und Originalität, von Unverstelltheit, der Treue zu sich selbst etc.) über zwei Jahrhunderte exemplarisch aufzuschließen und dabei die Bedeutung von personalen und gruppenbezogenen Authentizitätskonzeptionen nicht nur für das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu hinterfragen, sondern zugleich das Augenmerk darauf zu richten, welche Konzeptionen von Geschichte mit unterschiedlichen Authentizitätskonzepten in der Moderne verbunden sind.

 

Anmeldung:

Eine Anmeldung nimmt bis zum 9. September 2018 Anna Kleuser entgegen: kleuser(at)zzf-potsdam(dot)de

 

Programm

Donnerstag, 13. September 2018

13.00 Uhr

Martin Sabrow (Potsdam/Berlin)
Begrüßung

Achim Saupe (Potsdam)
Einführung

13.30 - 14.15
Philipp Sarasin (Zürich)
Keynote: 'Knowledge of the self' und das Problem der Authentizität in den 1970er Jahren

Panel I: Intellektuelle und gesellschaftliche Projektionen des „authentischen“ Selbst

14.30 - 16.45 Uhr

Achim Saupe (Potsdam)
Einleitung/Moderation

Dirk Rose (Innsbruck)
Recht und Gesang. Zum medialen Ort des Authentischen bei Johann Gottfried Herder

Günter Leypoldt (Heidelberg)
Das tiefe Selbst: romantische Innerlichkeit und die Entstehung nationaler Identität

15.15-15.30 Uhr Pause

Christian Geulen (Koblenz)
Die versiegende Quelle des Authentischen: Über Natur im 20. Jahrhundert

Tilmann Siebeneichner (Berlin)
Auf der Suche nach dem „echten Kollektiv“: Gemeinschaft und Gewalt in der Weimarer Republik

16.45 - 17.15 Uhr Pause

Panel II:  Authentizitätskonstruktionen in der Literatur
17.15 - 19.00 Uhr

Katja Stopka (Potsdam)

Einleitung/Moderation

Christoph Zeller (Nashville)

Der Dichtung heiligster Bezirk: Wie Hugo Ball durch Laute seine Ruhe fand

Jörg Döring (Siegen)

Authentisierung in westdeutschen Kriegserzählungen um 1950

Claus Pias (Lüneburg)

Creative Computing, Uncreative Writing, 1970/2010

19.30 Uhr Abendessen

 

Freitag, 14. September 2018

Panel III:  Das authentische Selbst in der Populärkultur

9.00-10.45 Uhr

Bodo Mrozek (Berlin/Potsdam)
Einführung/Moderation

Steffen Just (Berlin)
Figur statt authentisches Selbst. Theatrale Inszenierungen im populären Musiktheater, 1890-1930

Dietmar Elflein (Braunschweig)
What’s going on? Soul und Authentizität. Spuren einer problematischen Beziehung

Fabian Holt (Roskilde)
Lost in the crowd? Music festivals in late modernity

10.45-11.15 Uhr Pause

Panel IV: Konzepte des Authentischen bei der physischen und psychischen Konstituierung des Selbst

11.15-13.00 Uhr

Annelie Ramsbrock (Potsdam)
Einleitung/Moderation

Nina Mackert (Erfurt)
How to train the appetite into natural paths. Zur Ambivalenz des Authentischen in US-amerikanischen Ernährungsdiskursen des frühen 20. Jahrhunderts

Maik Tändler (Jena)
Aporien therapeutischer Authentizität in den 1970er Jahren

Barbara Orland (Basel) 
Das Drama des Lebens. Authentizität und Fiktion der pränatalen Bildgebung

13.00-14.00 Uhr Mittagsimbiss

Abschlussdiskussion

14.00-15.00 Uhr

Moderation: Achim Saupe (Potsdam)

Martin Sabrow (Potsdam), Philipp Sarasin (Zürich), Katja Stopka (Potsdam)

 

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