Natur und Umwelt: Risiken, Gefahren und Katastrophen

Kongress des Verbands französischer Hochschulgermanisten (AGES) vom 10. bis 12. Juni 2021 in Clermont-Ferrand

Während der Begriff Risiko im Zentrum der Reflexionen zur Moderne und ihren zeitgenössischen Formen stand (Postmoderne, reflexive Moderne…) – und dies insbesondere in den Jahren 1980 bis 2000 in Europa aufgrund technologischer (nuklearer) und ökologischer Risiken, aber auch auf dem Hintergrund des Aufkommens eines neuen Paradigmas: der "Risikogesellschaft" (U. Beck) –, wurde der Begriff Katastrophe ganz vernachlässigt oder nur auf Einzelfälle angewandt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts zeigen jedoch mehrere weltweit von den Medien behandelte Ereignisse (der Tsunami im Indischen Ozean 2004, der Hurrikan Katrina 2005, der Zyklon Nargis, der Burma 2008 traf, das Erdbeben in Haiti 2010, der Tsunami 2011 in Japan), dass die "Ära" der seriellen oder wiederkehrenden Katastrophen, die die westlichen Länder für beendet hielten, nicht vorbei ist. Sie zwingen uns, unsere Beziehung zu unserer Umwelt und vielleicht noch mehr zu unseren eigenen Fähigkeiten zu überdenken. Gleichzeitig wurde die "Katastrophe" ganz am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem "neuen wissenschaftlichen Paradigma". Auch wenn der Begriff fruchtbar erscheint, um über unser Verhältnis zur Gegenwart nachzudenken, so scheint es doch notwendig, ihn zu hinterfragen, da er heute im öffentlichen und medialen Diskurs omnipräsent ist. 

Die Katastrophe ist kein größeres Risiko: Nach der Definition der Gruppe 2040 ist es das „absolute Ereignis […], das die Existenz der Gemeinschaft, der Spezies oder der Natur bedroht“. Zusätzlich zu ihrem Ausnahmecharakter unterscheidet sich die Katastrophe vom Risiko durch ein spezifisches Verhältnis zur Zeit: Sie verursacht einen Bruch, bleibt teilweise unvorhersehbar und nicht quantifizierbar. Sie wird durch ihre augenblickliche Verbreitung in den Medien als global wahrgenommen und erlebt, die Reichweite der von ihr ausgelösten Emotionen übersteigt das Einzelereignis. Das griechische καταστροφή („Verheerung“, „Umwendung“) ist das, was im dreifachen Sinn „umwendet“: „die Katastrophe kehrt zurück, führt zur Umwendung, kehrt das Oberste nach unten.“ Im antiken Theater, und mindestens bis zur Renaissance, entspricht sie dem letzten Teil eines Dramas, d.i. dem Wendepunkt der Handlung. In der Neuzeit wird der Begriff auf reale Ereignisse angewandt, insbesondere in der politischen und militärischen Geschichte, und nimmt allmählich eine negative Bedeutung an. Spätestens nach dem Lissabonner Erdbeben von 1755 bezieht er sich auf extreme Naturereignisse. In der zweiten Hälfte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts wurde seine Verwendung auf neue Bereiche ausgedehnt, wobei es zu Verschiebungen zwischen dem öffentlichen – technischen, politischen, kulturellen – und wissenschaftlichen Diskurs kam. Seit dem Ende des letzten Jahrhunderts lässt sich von einer inflationären Verwendung sprechen, wobei der Begriff auch zum Synonym für eine akute Krise geworden ist. Katastrophe verweist nun nicht mehr nur auf Ereignisse, sondern auch auf Prozesse und schließlich auch auf permanente Zustände. 

Die Unvorhersehbarkeit und das Ausmaß einer Katastrophe machen Erklärungen notwendig: Katastrophen sind daher Gegenstand pluraler – religiöser, wissenschaftlicher, philosophischer – Erzählungen, die darauf abzielen, über das Ereignis Rechenschaft abzulegen und seine möglichen Ursprünge zu identifizieren, Erzählungen, die es verdienen, dass man ihnen, ebenso wie den Tatsachen selbst, Aufmerksamkeit schenkt. Wenn das Entsetzen vorbei ist, wirken große Katastrophen wegen ihrer anfänglichen Bedeutungsleere als "Kausalitätsbrunnen": "[Diskurse] stellen Erwartungen sowie nahe oder entfernte Ursachen her und ziehen aus verschiedenen Registern des Urteils die Mittel, um [ihnen] einen Sinn zu verleihen". Katastrophen sind also untrennbar mit den Diskursen verbunden, die über sie berichten, sie interpretieren und so an ihrer Konstruktion mitwirken. Sie können eine diagnostische, präventive und prädiktive Funktion haben.
Gleichzeitig verdienen die Konfigurationen Beachtung, in denen individuelle oder kollektive Katastrophen zur Sprachlosigkeit, auch im wörtlichen Sinne, führen, und die Akteure als Überlebens- und Weiterlebensstrategien Vergessen, Verdrängen und möglichst weitgehende Kontinuität mit dem Zustand vor der Katastrophe suchen. Diese „Sprachlosigkeiten“ können ebenfalls in ihren unterschiedlichen Ausdrücken untersucht werden. 

Aufgrund ihres außergewöhnlichen und massiven Charakters, der ambivalenten Mischung von Faszination und Abscheu, die sie hervorruft und ihrer vielfältigen Interpretationen hat die durch eine Katastrophe bedingte Zerstörung viele Künstler inspiriert. Die Erzählungen haben sowohl dystopische als auch utopische Aspekte, wobei die Erfahrung der Katastrophe von gegensätzlichen Bewegungen und Bildern begleitet wird. Die Ausstellung 2018 in der Kunsthalle Hamburg mit dem Titel Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600 zeigt die Fruchtbarkeit des Konzepts für das künstlerische Schaffen.

Der Kongress wird die Gelegenheit sein, Wahrnehmungen, Diskurse und Darstellungen von so genannten "natürlichen" Risiken, Gefahren und Katastrophen im deutschsprachigen Raum zu untersuchen. Welche Naturkatastrophen haben besondere Aufmerksamkeit erregt (in der Forschung hat sich ein Konsens über den "kanonischen" Charakter des Lissabonner Erdbebens von 1755 für Katastrophenerzählungen herauskristallisiert )? Erweisen sich bestimmte Perioden in der Geschichte als besonders diskursfördernd für die Darstellung von Risiken, Gefahren und Naturkatastrophen? Welche ästhetischen, ideologischen und politischen Fragen liegen den Diskursen zugrunde? Die sowohl diachrone als auch komparative Perspektive zielt darauf ab, die zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kontexten entstandenen Darstellungen und Diskurse zu konfrontieren und ihre präzisen Implikationen zu erhellen. Studien von Einzelfällen und ihrem Vergleich können aufzeigen, wie das Denken über Risiken und Katastrophen im Laufe der Zeit formuliert wird. Die Konfrontation zwischen weit entfernten historischen Zusammenhängen zielt darauf ab, neue Parallelen oder Ähnlichkeiten in der Art und Weise aufzudecken, wie man Risiken, Gefahren und Naturkatastrophen in verschiedenen Zeiträumen darstellt und darüber nachdenkt.

Auf diesem Hintergrund können folgende Forschungsperspektiven entwickelt werden:

  • die semantische, lexikographische und lexikometrische Analyse der Begriffe Risiko und Katastrophe sowie der Bereiche, auf die sie sich beziehen und der mit ihnen verbundenen Bilder (Mythologie, Religion usw.);
  • quantitative oder quantitativ-qualitative Analysen (wissenschaftliche Abhandlungen, Statistiken usw.) mit Bezug auf die Bedeutung der Zeitlichkeit bei Naturkatastrophen, z.B. wie diese von den Betroffenen erlebt werden oder von denen, die sich von ihnen bedroht fühlen, ihre Auswirkungen auf die Geschichten und Biographien, die von ihnen unterbrochen oder zerrissen werden, die Gewissheiten, die sie erschüttern, die Überzeugungen, die sie verstärken, ihre Einschreibung in das kollektive Gedächtnis;
  • die Argumentation sowie die Funktion der Diskurse zu Risiken, Gefahren und Naturkatastrophen: Welche diskursiven Strategien werden von welchen Akteuren und zu welchen Zwecken eingesetzt? Die Analyse vergangener Katastrophen sowie die Analyse künftiger Bedrohungen ist ein argumentativer Ansatzpunkt, der in politischen, ethisch-moralischen und wissenschaftlichen Bereichen relevant sein kann (wie die jüngste Bewegung Fridays for Future gezeigt hat). Auch die Porosität zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft könnte Untersuchungsgegenstand sein.
  • die literarische und künstlerische Darstellung von Naturkatastrophen: Wie kann man darstellen, was per definitionem außergewöhnlich ist? Können wir ikonographische oder narrative Stereotype identifizieren? Welches sind die ästhetischen Bezugspunkte und die ethischen Grenzen (z.B. bei der Opferinszenierung)? Welche Funktionen (Wissensvermittlung oder Ausdruck kollektiver Ängste, Erinnerungs-Orte, Resilienz...) übernehmen Literatur und Kunst? Auch das Verhältnis zwischen bildenden Künsten und Literatur (Intermedialität) kann Untersuchungsgegenstand sein.

Sprachwissenschaft
Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive können Diskurse analysiert werden, die sich thematisch auf Naturkatastrophen beziehen, oder auch Diskurse alarmistischer Natur, sowie die Spezifitäten dieser Diskurse je nach Medientyp (Presse, Literatur, Blogs, social media usw.). Situationen von Naturkatastrophen, aber auch solche der Resilienz in diesen Kontexten führen zu besonderen Kommunikations- und Äußerungsformen und zur Verwendung spezifischer Lexeme und Phraseologien. Die betroffenen Forschungsbereiche sind Lexikologie und Phraseologie, Syntax, Pragmatik, Übersetzung und interkulturelle Kommunikation, Fachsprachen, Textgattungen, Diskursanalyse, Aussprache, Gesprächsanalyse, multimodale Analyse. Die untersuchten Korpora können somit verschiedenen Textgattungen angehören (Schriftsprache, Gesprochene Sprache, Chats, SMS inklusive, Massenmedien, soziale Netzwerke, Literaturen usw.). 

Geschichte und Landeskunde
Im Feld der Geschichte und Landeskunde können eine Vielzahl an Themen und Aspekten zu Katastrophen und Katastrophismus untersucht werden. Abhängig vom Untersuchungsgebiet können zunächst die verschiedenen Formen von Naturkatastrophen analysiert werden (Überschwemmungen und Hochwasser, im deutschsprachigen Raum vor allem des Rheins, Trockenheit und Dürre, Brände, Lawinen, Sturmfluten usw.). In methodischer Hinsicht kann so regionalhistorische Forschung mit der historischen Klimaforschung und weiteren Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft (Stadtgeschichte, Umweltgeschichte, Alltagsgeschichte, Mentalitätsgeschichte…) kombiniert werden. Abgesehen von der Kontextualisierung in den Quellen – vor allem Chroniken, die von Ereignissen berichten und diese mit vorangegangenen Naturkatastrophen vergleichen, oder in der historischen Statistik – existiert mit Gedenktafeln oder Wasserstandsmarken an Brücken und Gebäuden im städtischen Raum eine Form der Erinnerung, die untersucht werden kann. Weiterhin sind die Reaktionen von Zeitgenossen und Institutionen ebenso zu berücksichtigen wie Präventionsmaßnahmen, wie die Verbesserung und Modernisierung der Infrastruktur zur Risikominimierung (wobei dies in bestimmten Fällen allerdings zu neuen Risiken führen kann), wie beispielsweise in den Alpen der Bau von Eisenbahnlinien und Tunneln, um der Gefahr von Lawinen und Erdrutschen auf den bisherigen Verkehrswegen auszuweichen, die Wiederaufforstung, der Bau von Dämmen und Mauern gegen Bergrutsche, aber auch die Übertragung von Kompetenzen im Bereich der Prävention und Rettungsmaßnahmen von der lokalen auf die nationale Ebene. Ein weiteres Forschungsfeld eröffnet sich mit der Untersuchung der Schutzeinrichtungen, die Teil der lokalen und regionalen Erinnerungskultur werden (z.B. die Musealisierung der Lawinenschutzwände als Teil des historischen Erbes Bestandteil der Landschaft in den Alpen). 

Schließlich kann auch noch die transnationale Dimension in den Blick genommen werden. Abgesehen von dem klassischen Beispiel des Erdbebens von Lissabon im Jahr 1755 und seiner Rezeption ist zu denken an Ereignisse mit globalen Auswirkungen wie der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien im Jahr 1815, der zu einem „Jahr ohne Sommer“ führte, in dem es im Sommer zu Schneefall und zu einer dramatischen Lebensmittelknappheit in Europa kam. Im deutschsprachigen Raum löste dies in bestimmten Regionen große Hungersnöte aus. Die sozialen Kosten dieser Katastrophe in Gestalt einer massiven Verarmung der Bevölkerung und einer hohen Zahl an Opfern der Hungerkatastrophe infolge von häufig unzureichenden Maßnahmen der Behörden können ebenso in den Blick genommen werden wie die internationale Medialisierung von weit entfernt stattfindenden Naturkatastrophen (wie beispielsweise nach dem Ausbruch des ebenfalls in Indonesien liegenden Krakatau im Jahr 1883).

Für die Untersuchung dieser Phänomene und Aspekte können in einem interdisziplinären Zugang Umweltgeschichte sowie Sozial- und Kulturgeschichte mit Diskursanalyse, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Imagologie usw. kombiniert werden. 

Literatur und Kunst
Ein besonderes Augenmerk kann auf die Art und Weise gelegt werden, wie Naturkatastrophen im mittelalterlichen Denken begriffen wurden. Eine anthropologische Lektüre der Chroniken, die hiervon berichten, ermöglicht neue Zugänge zur Erforschung der Geschichte von Katastrophendarstellungen. Denkbar sind Beiträge zur „kleinen Eiszeit“ ab dem frühen 14. Jahrhundert oder zu einschneidenderen Ereignissen und ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung oder bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Epidemien (z.B. die große Pestepidemie 1347-1352), Erdbeben (z.B. das außergewöhnlich starke vom 25. Januar 1348 mit seinen Auswirkungen in Norditalien, Österreich, Bayern, Böhmen und Ungarn), Überschwemmungen (reißendes Donauhochwasser zwischen dem 13. und dem frühen 16. Jahrhundert), Lawinen und Stürme in der Alpenregion oder schließlich Brände und von Tieren übertragene Seuchen. Magische Handlungen wie der Wetterzauber zwischen Hochmittelalter und 16. Jahrhundert und ihre Bekämpfung durch die Kirche sind weitere mögliche Themen für Beiträge.

In der Literatur und der Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts hat die „Inszenierung“ (F. Walter) der Naturkatastrophe unterschiedliche Funktionen. Die Literatur nutzt sie als dramatischen Kunstgriff in Texten mit einer moralischen oder philosophischen Zielsetzung. Zahlreiche Autoren greifen ebenfalls auf die Metaphorik der Kräfte der Natur zurück, um soziale und politische Umwälzungen ihrer Zeit mitzuteilen (Schiller 1781 in Die Räuber, Kleist 1806/07 in Das Erdbeben in Chili, Goethe, Hölderlin, F. Schlegel, Ernst Moritz Arndt, Joseph Görres usw.). Der Katastrophismus ist ein Thema der Romantik schlechthin: Neben Schiffsunglücken (Caspar David Friedrich, Die gescheiterte Hoffnung, 1824) ziehen die in Vulkanen sichtbar werdenden Kräfte die Künstler dauerhaft in ihren Bann, nachdem im Jahr 1748 die Überreste von Pompeji entdeckt worden waren. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Katastrophismus ein bedeutender Bestandteil in der Science-Fiction-Literatur. 

Die Ökokritik wiederum ist seit einigen Jahren der Resonanzkörper der Sorge um die Umwelt, die im Feld der Literaturwissenschaft artikuliert wird . Einige Schriftsteller haben im Übrigen bereits den bevorstehenden Untergang des Denkens und weitere mehr oder weniger metaphorische Katastrophen vorhergesagt, wie das spektakuläre Verschwinden des Waldes bei Robert Menasse (Schubumkehr). Der Begriff Untergang durchzieht die Literatur des 20. Jahrhunderts vom Expressionismus bis zu Thomas Bernhard .

Ziel des AGES-Kongresses 2021 wird es daher sein, über die neuen Perspektiven nachzudenken, die sich sowohl für die Forschung als auch für die Didaktik im Bereich Risiko, Bedrohung und Gefahren durch Naturkatastrophen ergeben – Begriffe, die für den deutschsprachigen Sprach- und Kulturraum aufgrund der Geographie und bestimmter Optionen, wie die wirtschaftliche und vor allem die touristische Nutzung des Alpenraums, eine besondere Relevanz haben.

Arbeitssprachen: Deutsch, Französisch

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