Neue Spielräume für gemeinwohlorientierte Wirtschafts- und Arbeitsformen im digitalen Kapitalismus?

Workshop an der Universität Stuttgart

Mit der digitalen Transformation der Gesellschaft rückt die ›Plattform‹ als soziotechnischer Koordinationsmodus zunehmend in den sozialwissenschaftlichen Aufmerksamkeitsbereich. Während unter diesem Begriff bis in die 2000er-Jahre hinein vorrangig grundlegende Hard- oder Softwaresysteme verstanden wurden, auf denen spezifischere Anwendungen aufbauen, umschreibt er heute nicht nur eine Vielzahl über das Internet vermittelter Wertschöpfungs- und Arbeitsmodelle, sondern dient darüber hinaus als Metapher für eine umfassende Rekonfiguration kapitalistischer Wirtschaftsweisen.

Die sogenannte Sharing Economy hat in diesem Kontext in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren und wurden ursprünglich als Gegenentwurf zur aktuellen Wirtschaftsordnung formatiert. Der entsprechende Diskurs war lange durch positiv-besetzte Assoziationen geprägt,die auf neuartige technikinduzierte Möglichkeitsräume rekurrieren. Die symbolischen Bedeutungszuweisungen, die primär auf die intrinsische Motivation zur Partizipation und die Egalität der Beteiligung in der Sharing Economy abheben, zielten darüber hinaus auf eine neue Form des Wirtschaftens im Sinne sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit, diemitunter auch als eine mögliche Lösung der anthropogenen Klimakrise angesehen wurde.

Auf der einen Seite werden solche Narrative inzwischen vor allen Dingen von kommerziell orientierten Unternehmen verwendet. Das wachsende Segment von wie auch immer gearteten ›alternativen‹ Formen des Wirtschaftens umfasst inzwischen ein weites Spektrum von Geschäftsmodellen, die mit ›Teilen‹ im gemeinwohlorientierten Sinne nicht mehr viel gemein haben. Vielmehrfließt ein großer Teil der dort erwirtschafteten Gewinne an die betreibenden Unternehmen und ihre Shareholderab. Nicht mehr das Teilen in einer Gemeinschaft unter Gleichen, sondern die Vermittlung anonymer Crowd- Ressourcen durch zentrale Kontrollinstanzen steht im Fokus. Die Hoffnung auf die Auflösung von Besitzverhältnissen weicht den Risiken der Erosion regulatorischer Strukturen in der Wirtschafts- bzw. Arbeitswelt und der kapitalistischen Vereinnahmung bislang nicht kommodifizierter Lebensbereiche.

Auf der anderen Seite lassen sich die Dynamiken in der Plattformökonomie allerdings auch nicht ausschließlich auf Kommodifizierung und Kolonialisierung reduzieren. Noch weitgehend außerhalb des öffentlichen und sozialwissenschaftlichen Aufmerksamkeitsbereichs entstehen seit einigen Jahren plattformbasierte Projekt- und Arbeitszusammenhänge, welche die Potentiale digitaler Infrastrukturen nutzen, um in ihren jeweils adressierten Bereichen gemeinwohlorientierte Wirtschafts- und Austauschweisen zu etablieren – darunter insbesondere kooperativ betriebene Vermittlungs- und Handelsplattformen wie z.B. Fairbnb, Resonate oder Fairmondo.

In unserem interdisziplinären Workshop, der im Rahmen des durch die Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekts »Digitale Projektgemeinschaften als Innovationsinkubatoren« organisiert wird, möchten wir ebensolche Plattformkooperativen sowie weitere plattformkoordinierte gemeinwohlorientierte Projekte in den Blick nehmen und mit der übergreifenden Sharing Economy und ihrer sozialwissenschaftlichen Untersuchung in Bezug setzen.