Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität

Summer School an der Universität Tübingen

Der Rechtspopulismus hat viele der europäischen Gesellschaften in seinen Bann genommen, mit zeitlicher Verzögerung auch die Bundesrepublik. Mit ihm verändern sich die politischen Konstellationen und die in verschiedenen Öffentlichkeiten ausgetragenen Kontroversen etwa über Arbeits-, Familien-, Geschlechter-, Migrationspolitiken. Um den Rechtspopulismus wissenschaftlich hinreichend gut zu begreifen, ist über diese eher politischen Themen hinaus ein gesellschaftsbezogener, interdisziplinärer Blick auf ihn notwendig: In den rechtspopulistischen Strömungen, Bewegungen und Parteien, in ihren Themen und den von ihnen abgegriffenen Motivationen und Emotionen drücken sich gesellschaftliche Veränderungen aus, werden diese Veränderungen auf besondere Weise verarbeitet – und vollzieht sich gesellschaftlicher Wandel. Dies gilt nicht zuletzt für veränderte, nämlich stärker exkludierende Solidaritätsverhältnisse, also Veränderungen in den gesellschaftlichen Formen gemeinsamer und sich wechselseitig unterstützender Interessenverfolgung. Gesellschaftliche Solidaritäten sind für moderne Gesellschaften keineswegs »überflüssig« und keineswegs »trivial«, sondern sind notwendige Grundlage von Wohlfahrtsstaaten und der auf sie bezogenen Sozialpolitiken. Damit ist der Rechtspopulismus nicht nur unmittelbar von sozialpolitischer Relevanz, sofern von dieser Seite aus Sozialpolitik und Sozialstaatskritik betrieben wird. Von Relevanz ist auch, dass sich mit den im Rechtspopulismus ausdrückenden Solidaritätsverhältnissen die gesellschaftlichen Grundlagen wohlfahrtsstaatlicher Politik verändern.

Summer School: Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität

Zu diesem Thema werden interessierte Studierende und interessierte Absolvent*innen zu einer Summer School an die Universität Tübingen eingeladen. Im Gespräch mit den anderen Teilnehmer*innen, den Veranstalter*innen (Tanja Thomas; Hans-Jürgen Bieling; Matthias Möhring-Hesse; Peter Bescherer) sowie den eingeladenen Expert*innen (Gabi Dietze, angefragt; Alexander Filipović; Gudrun Hentges; Margreth Jäger; Julia Lux; Bernhard Pörksen; Fabian Virchow) können sie eigene Fragestellungen entwickeln und deren wissenschaftliche Bearbeitung konzipieren; sie können sich über die eigenen Forschungsprojekte austauschen und Forschungsergebnisse und -wege beraten. Damit gibt ihnen die Summer School die Möglichkeit, Hausarbeiten und Abschlussarbeiten im Rahmen ihres Studiums oder Promotionsprojekte für ein geplantes Aufbaustudium vorzubereiten bzw. bereits begonnene Arbeiten oder Promotionsarbeiten zu besprechen.

Auf der Summer School werden zunächst der Rechtspopulismus und rechtspopulistische Vorstellungen von Solidarität und Sozialstaat und deren Verhandlungen in (mediatisierten) Öffentlichkeiten untersucht. Ausmaß und gesellschaftliche Relevanz des Rechtspopulismus sollen bestimmt und insbesondere die Rolle der Medien betrachtet werden. In einem zweiten Schritt soll diskutiert werden, in welchem Sinn und mit welchen gesellschaftlichen Auswirkungen im Rechtspopulismus veränderte Solidaritätsverhältnisse zum Ausdruck kommen. Schließlich wirft die Summer School auch einen Blick auf die (politische) Opposition zum Rechtspopulismus – und fragt, ob dort abweichende Solidaritätsbereitschaften zum Ausdruck kommen, die auf gesellschaftliche Veränderung eine andere, nämlich inklusiv orientierte Antworten geben können. So hat die Summer School folgende drei Themenblöcke:

  1. Rechtspopulismus – neue Bewegung mit alten Vorurteilen?
    Arbeitsschwerpunkte: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Migration, Geschlechter- und Familienpolitik, Rechtsextremismus, Vorurteile und Rassismus, »Integration«, Verhandlungen von Rechtspopulismus und die ihn ausmachenden Vorstellungen in medialen Öffentlichkeiten.
  2. Rechtspopulismus und Solidarität: Entsolidarisierung oder exkludierende Solidarität?
    Arbeitsschwerpunkte: Soziale Gerechtigkeit, Grundlagen des Sozial- und Wohlfahrtsstaats, Arbeitspolitik, Armut, Exklusion.
  3. Gegenperspektiven: Die andere Solidarität – und wie kann sie praktisch werden?
    Arbeitsschwerpunkte: Widerstand gegen Rechtspopulismus, Geschlecht und sexuelle Orientierung als politisches Handlungsfeld, Migrationspolitik.

Interessierte werden gebeten, unter summerschool-rechtspopulismus(at)uni-tuebingen(dot)de ein kurzes Motivationsschreiben (ca. eine Seite) einzusenden, das wissenschaftliche Erfahrungen und Interessen in der Auseinandersetzung mit dem Veranstaltungsthema erkennen lässt. Frist für die Einreichung ist der 30.08.2017. Rückfragen bitte auch unter der genannten E-Mail-Adresse. Die Veranstalter*innen bemühen sich um eine Förderung der Teilnahme an der Summer School.

Promotionskolleg: Rechtspopulismus und exkludierende Solidarität

Die Summer School dient auch zur Vorbereitung eines geplanten interdisziplinären Promotionskollegs an der Universität Tübingen. Dieses Kolleg soll zum Sommersemester 2018 starten – und soll dann acht Promovierenden die Gelegenheit geben, in unterschiedlichen Fächern und in enger interdisziplinärer Kooperation zum Thema »Rechtspopulismus und exkludierende Solidarität« zu forschen.

Hier geht es zum Call for Participation (PDF).