„Sozialismus oder Barbarei“?

Noch eine Feier zum 200. Geburtstag von Karl Marx an der Evangelischen Akademie in Tutzing

Bis in den Spätsommer hinein war das Jahr 2018 prall gefüllt mit Konferenzen, Ausstellungen und Lesungen zu Ehren des 200. Geburtstages von Karl Marx. Langsam aber sicher neigt sich  das Jubiläumsjahr und damit die Allgegenwärtigkeit des Ökonomen und Philosophen in allen erdenklichen Medien dem Ende entgegen. Gut sechs Monate nach dem großen Tag im Mai wollte auch die Evangelische Akademie Tutzing noch einmal persönlich gratulieren. Sie lud zu einer dreitägigen Veranstaltung in ihr Schloss am Starnberger See ein. Dass eine kirchliche Stiftung im tiefsten Bayern eine Tagung zu Ehren von Marx` veranstaltet, wäre vor nicht allzu langer Zeit wohl noch ein Anlass für erstaunte Irritation gewesen.   

Dass es sich es sich gemäß des Bildungsauftrags der Akademie nicht um eine wissenschaftliche Fachtagung handelte, änderte nichts an der Prominenz des mit so ausgewiesenen Namen wie Agnes Heller, Klaus Dörre und Alex Demirović  besetzten Podiums, das sich einem vorwiegend gesetzteren Publikum präsentierte. Das leitende Tagungskollektiv der Tutzinger Akademie zielte mit seiner Konzeption weniger auf die Beantwortung einer spezifischen Fragestellung, vielmehr wollte man  den Aktualitätspotentialen der Marx‘schen Theorie auf den Grund gehen. Freilich hätte der Veranstaltung angesichts ihrer ebenso breiten wie vagen Themensetzung eine konsequentere Strukturierung des Programmablaufes gutgetan. So wechselten sich grundlegendere Beiträge zu Marx` Methodik und grundbegriffliche Vokabular mit theoretischen Weiterentwicklungen oder praxisnahen Aktualisierungsversuchen ab.

Um dem Publikum wesentliche Paradigmen und Konzepte der Marx‘schen Theorie näher zu bringen, gingen mehrere Vortragende eher werksexegetisch vor. Ihre Vorträge leisteten  sachdienliche Begriffsarbeit. Um in das Marx‘sche Denken einzuleiten, erläuterte AGNES HELLER (New York / Budapest) das dialektische Vorgehen wie es bei Marx vornehmlich auf Hegel zurückverweist. Damit legte die wohl berühmteste Schülerin von Georg Lukács die geschichtsphilosophischen Grundlagen der Theorie von Marx dar. Ihre Interpretation suchte Marx nicht primär als Ökonomen oder historischen Sozialwissenschaftler auszuweisen, sondern als einen Philosophen ganz eigenen Rechts. Es sei der Philosoph Marx gewesen, der das Kapital in seiner wesentlichen Eigenart als gesellschaftliches Verhältnis bestimmt habe. Folglich sei die von Marx entfaltete Kritik der politischen Ökonomie, so lautete die für das Auditorium zunächst kontraintuitive Annahme Hellers, eigentlich keine empirische Theorie, deren Befunde sich durch wissenschaftlich systematisierte Beobachtung verifizieren ließen. Sowohl die Substanz des Wertes, in der sich die abstrakt menschliche Arbeit ausdrückt, als auch das Verständnis von Mehrwert, das Marx artikuliert habe, seien Konzeptionen, die empirisch letztlich nicht falsifiziert werden könnten. Dennoch könnten sie für sich reklamieren, wahre Einsichten auf den Begriff gebracht zu haben, weil sie gestatten, die so  „gespenstischen“ Prozesse kapitalistischer Gesellschaften zu dechiffrieren und zu erklären. Ergo sei es philosophische Aufklärung und  nicht wissenschaftliche Erkenntnis, die,von Marx bleibe.

ALEX DEMIROVIC (Frankfurt am Main) wollte mit seinen Ausführungen zum Freiheitsbegriff den gegen Marx häufig ins Feld geführten Totalitarismusvorwurf entkräften. Totalitarismus bezeichne, mit dieser Definition steckte er seinen Problemparcours ab, eine entstrukturierte Gesellschaft. In ihr treten isolierte Individuen nur noch in der und als Masse zusammen. Demgegenüber ziele Marx auf einen gesellschaftlichen Begriff individueller Freiheit, der die Verwirklichung der eigenen Freiheit an die Bedingung der Freiheit der Anderen knüpft. Im Gegensatz zum liberalen Konzept negativer Freiheit sei für Marx‘ die Praxis gesellschaftlicher Kooperation zentral. Erst im gemeinsamen Handeln könne sich eine Erfahrung von Freiheit verwirklichen, die sich qualitativ von bloß subjektiver Freiheit unterscheide.

Auf tiefe Einschnitte und Brüche in der Entfaltung des Marx`schen Werks lenkte INGO ELBE (Oldenburg) in seinem Beitrag zu Marxens Vorstellung von Revolution das Augenmerk. Während der frühe Marx noch eine positive Theorie der Revolution ausformulierte, nimmt die im Spätwerk ausgearbeitete Kritik der politischen Ökonomie des späten Marx diese Emphase völlig zurück. Sämtliche Überzeugungen, die ihn zu seiner Theorie der Revolution geführt hatten, wie etwa die Annahme einer fortschreitenden Verelendung des Proletariats und des privilegierten Erkenntnisstandortes der lohnabhängig beschäftigten Arbeiter*innen, werden im Spätwerk – Elbes eindrücklicher Rekonstruktion zufolge – revidiert. Eine notwendige Tendenz zur Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft durch das Proletariat als revolutionärem Subjekt, dem es in seinem universalen Anspruch um das Ganze von Gesellschaft gehe, habe der späte Marx nicht mehr unterstellt.

Während die zuvor beleuchteten Vorträge eher darauf abzielten, Marx in werkimmanenter Deutung zum Sprechen zu bringen, war anderen Referent*innen  daran gelegen, mit oder ohne Marx, über Marx hinauszugehen. So bot LUISE MEIER (Berlin) in dem „MRX – Maschine“ betitelten Vortrag, der auf einem kürzlich erschienenen Essay aus ihrer Werkstatt beruhte, einer gewissen marxistischen Orthodoxie die Stirn. Sie ließ wissen, das im Titel fehlende A versinnbildliche, Abstand von Marx als kanonisierter Autorität, als „Alpha-Marx“, zu nehmen. Hingegen werde sie gerade an den Leerstellen und Brüchen seines Werkes anzusetzen. Und damit wendete sich Meier nicht zuletzt gegen die gerne auch mit Marx begründete Degradierung des Feminismus als einer Bewegung, die sich eines bloßen Nebenwiderspruchs annehme und angenommen habe. In Wahrheit diene die Beschwörung von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft nur der Verschleierung und Legitimierung unbezahlter Mehrarbeit. Da die zugeschriebenen Geschlechterrollen als „heroischer Mann“ und „fürsorgliche Frau“ in der neoliberalen Idealisierung des unternehmerischen Selbsts nur reproduziert würden, bleibe für die Frauen lohnfreie Haus- und Sorgearbeit auch weiterhin selbstverständlich. Deshalb zielte Meiers Kritik in einer doppelten Stoßrichtung nicht nur auf eine fragwürdige Abwertung des Feminismus mit vermeintlich politisch-ökonomischen Argumenten, sondern zugleich auf einen „bürgerlichen Feminismus“, der seinerseits aus Marxscher Sicht kritisiert werden müsse.: Die Emanzipation von Frauen könne keineswegs isoliert betrieben werden, vielmehr verlange deren Befreiung eine ganz generelle Emanzipation, die alle gesellschaftlichen Sphären umfasst. Dabei sei nicht nur völlig klar, dass sich mit dem Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt patriarchale Verhältnisse keineswegs auflösen, sondern außerdem auch noch gewiss, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit Klassengegensätze durchaus nicht beseitigt.

LISA HOELTZ und JOHANNES KAHLAU (Berlin), mit Nachdruck als Repräsentanten einer jüngeren Generation angekündigt, die in Sachen Marx doch auch zu Wort kommen müsse, knüpften an Meiers feministischen Impuls an. Allerdings öffnete ihre Stellungnahme die identitätspolitischen Perspektive, indem sie die Frage nach den Geschlechterrollen in die intersektionale Trias von „race, class, gender“ eingliederten. Ohne sich direkt auf Marx zu beziehen, versuchte ihre Intervention das eingefahrene Vortragsformat zu verlassen. Der Appell, verinnerlichte Weisen der Selbstinszenierung von Männlichkeitsperformance ebenso abzulegen wie gesellschaftlich erzeugte Privilegien, das Gewohnte zu hinterfragen und neue Perspektiven durchzuspielen, reagierten Publikum wie Podium gemischt. Die pointierte These, gerade die akademische und häufig links orientierte Elite sei viel zu stark im eigenen  Habitus befangen, um ernsthaft und glaubwürdig mit herrschaftskritischer Gesellschaftsanalyse aufwarten zu können, stieß nicht nur auf Verständnis. Es gab auch Stimmen, die sich darin persönlicher angegriffen fanden. Tatsächlich wurde schon die Gesprächskultur, wie sie sich während der annähernd zweitägigen Tagung eingestellt hatte, dem emanzipatorischen Gegenstand der Auseinandersetzungen in der Regel nur selten gerecht.

Neben feministischen Leerstellen, die sich in der Marx`schen Theorie identifizieren ließen, wurde, wenn auch eher beiläufig, zudem moniert, sie lasse ein dezidiert ökologisches Problembewusstsein vermissen. Dagegen vertrat BIRGIT MAHNKOPF (Berlin), auf diesem Feld sicherlich eine der profiliertesten Sozialwissenschaftlerinnen, in ihrem Vortrag die These, dass sich nicht nur in den „Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie“, sondern auch im „Kapital“ von Marx ebenso konkrete wie fruchtbare Anknüpfungspunkte für eine marxistische Perspektive auf ökologische Krisen darböten. Marx sei keineswegs ein naiver Fortschrittsoptimist gewesen, der die entfesselnden Kräfte des Kapitalismus als die geschichtlichen Faktoren begrüßt hätte, die eine grenzenlose Steigerung der Produktivkräfte gestatteten. Wie sie ausführlich illustrierte, setzte sich Marx intensiv mit den neuesten Forschungen seiner Zeit zu Frage- und Problemstellung von Agrikulturchemie und -physik auseinander. Ausgehend vom Doppelcharakter der Ware werde dank Marx deutlich, dass die permanente Verwertung des Werts als eines immerwährenden reversiblen Prozesses die irreversible Stoff- und Energietransformation des Gebrauchswertes entgegenstehe. Deshalb seien ökologische Krisen das Resultat der weltumspannenden Wertakkumulation mitsamt der dazu gehörigen, prinzipiell  unendlichen Verwertungsprozesse, die ihrerseits auf der Gebrauchswertseite zur Zerstörung unserer Zivilisation führten. Folglich untergrabe die Verwertungslogik des Kapitalismus die „Springquellen alles Reichtums“, das heißt die beiden Ressourcen, die Marx als die Erde und den Arbeiter ausgemacht habe.

Eine Reihe von Beiträgen verzichtete auf primär theoretischen Arbeit am Oeuvre von Marx und warf stattdessen Schlaglichter auf Möglichkeiten gesellschaftsverändernder Praxis, die sich an Erkenntnisse von Marx anlehnten, ohne bei ihnen stehen zu bleiben. Derartige Plädoyers warben wieder und durchaus bewusst dafür, scheinbar angestaubte und geschichtlich womöglich belasteter Begriffe wiederzubeleben. So skizzierte KLAUS DÖRRE (Jena) seine Vorstellungen von einem „Neo-Sozialismus“,  während MICHAEL BRIE  Bedingungen einer „dritten Welle des Sozialismus“ sondierte und JAN DIEREN (Berlin), stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos, für den „Sozialismus als junges politisches Programm“ warb.

Insbesondere Dörre unterstrich mit seinen Thesen, nicht die Verdrängung dessen, was im Namen revolutionärer Absichten unternommen und begangen wurde, sei unabdingbar, sondern umgekehrt ein möglichst bewusstes Eingedenken. Ähnlich hatte am Abend zuvor bereits Luise Meier argumentiert, als sie eine unorthodoxe, auf solidarische Praxis abzielende Neufassung des Begriffs des Proletariats forderte. Gerade den in  geschichtlich überlieferten Wörtern und Begriffen sedimentierten Erfahrungsgehalten müsse bei der politischen Auseinandersetzung mit dem Realsozialismus und seinen inneren, historischen Konflikten Gerechtigkeit widerfahren. Dörres Umrisse der „neo-sozialistischen Option“ wussten eben dieser Forderung durchaus Rechnung zu tragen: Ein neuer Sozialismus müsse im Gegensatz zu allen bisherigen Versuchen ein wirksames Mittel gegen eine zentralisierte Akkumulation unkontrollierter Macht bereitstellen. Nach Dörre obliegt einer aktiven und demokratischen Zivilgesellschaft diese Aufgabe, die sie nicht zuletzt dadurch erfolgreich bewältige, dass sie für eine konsequente Garantie politischer Freiheiten und subjektiver Grundrechte sorge. Jedes sozialistische System müsse Gegenstand reversibler kollektiver Entscheidungen sein. Es müsse, anders gesagt, erst durch das Votum von Mehrheiten zustande kommen. Unter dieser Voraussetzung nahm Dörre unter seinem Stichwort vom „Neo-Sozialismus“ eine umfassende gesellschaftliche Transformation in den Blick. Ihr Fundament wäre ihm zufolge auf eine Abkehr vom Wachstumsdiktum, eine „Rückverteilung“ von Reichtum – innerhalb und zwischen Zentrum und Peripherie – sowie die Einrichtung einer neuen Eigentumsordnung, die ihrerseits aus einer radikalen Demokratisierung der Ökonomie hervorzugehen hätte.

Die Ökonomie zum Gegenstand demokratisierter Entscheidungsverfahren zu machen, nahm, obschon auf verschiedenen Abstraktionsebenen, auch in den weiteren Beiträgen zu möglichen Transformationsperspektiven eine zentrale Stellung ein: Gemeinsames und demokratisches Entscheiden über Sinn und Zweck der Produktion jenseits von Profitlogik stellte für Jan Dieren das fundamentale Anliegen der von ihm skizzierten sozialistischen Utopie dar.  Und auch Demirović plädierte in akzentuierter Abgrenzung von der Vorstellung einer hierarchisch gegliederten, zentralen planwirtschaftlichen Bedarfsorganisation für eine Demokratisierung von Unternehmen und Betrieben, selbstverständlich unter Einschluss nicht nur der Beschäftigten, sondern auch der prospektiven Konsumenten*innen. Die Reaktionen des Tagungspublikums auf solche Zukunftsentwürfe waren dann weniger von schroffer Ablehnung geprägt als vielmehr durch eine beharrliche Skepsis, die sich in der wiederholten Rückfrage Ausdruck verschaffte: „Aber wie denn ganz konkret?“

Zumindest Michel Brie nutzte einen Teil seines Beitrags, um eine Antwort anzubieten. Er warb unter dem Motto einer „radikalen Realpolitik“ für „Einstiegsprojekte“, die einerseits als konkret umsetzbare Politiken angegangen werden können, gleichzeitig jedoch auch umfassendere Transformationsperspektiven für die Zukunft erschließen. Als ein ausgesprochen handgreifliches Beispiel für den Typ von Projekt, der ihm vorschwebt, führte Brie einen entgeltlosen öffentlichen Personennahverkehr an, mithin die bereits ältere Idee, die sich aktuell wiedererneuerter Popularität erfreut.

Einig waren sich die Vortragenden in der Überzeugung, dass eine Demokratisierung der Ökonomie nicht allein wegen der krisenhaften und selbstzerstörerischen Tendenzen des globalisierten Kapitalismus dringlich sei, sondern zumal vor dem Hintergrund der rechtspopulistischen und autokratischen Verschiebungen im politischen Spektrum. Nicht ohne Pathos suchte der Jungsozialist Dieren einzuschärfen, wir stünden vor der „Entscheidung zwischen Sozialismus oder Barbarei“.

Angesichts eines eher Marx-freundlichen Podiums wollte es sich die Tagesleitung offenbar nicht nehmen lassen, noch eine konservative Gegenposition zu Wort kommen zu lassen. Den Part des Kritikers übernahm am Samstagabend PHILIP PLICKERT, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der erklärten Absicht, eine ihm allzu harmonisch erscheinende Geburtstagsparty zu sprengen, hielt Plickert einen Vortrag, der sich im Schnelldurchlauf fast alle Marx‘schen Prognosen vornahm und sie mit harten Bandagen als fehlerhaft verwarf. Derart platt daherkommender Antimarxismus, man wähnte sich zurückversetzt in vergangen geglaubte Tage ideologischer Polarisierung, stieß aber selbst das wohlhabende Bildungsbürgertum an den Ufern des Starnberger Sees vor den Kopf.

Nicht allein in diesem Augenblick rächte sich der Umstand, dass einige Referent*innen kaum länger als für die Dauer ihres eigenen Vortrags an der Tagung teilnahmen. So konnte sich keine kontinuierliche Kontroverse auf fachkundigem Niveau entwickeln, konnten Positionen und Einwürfe nicht wieder ins Spiel kommen, die schon einmal mit Expertise präsentiert worden waren. Insgesamt bot das dicht ausgefächerte Programm ohne Frage eine Vielzahl von Deutungsangeboten für ein so unerschöpfliches Werk wie dasjenige von Marx, doch blieb unter dem Strich zu wenig Zeit, um die aufgeworfenen Frage- und Problemstellungen mit der nötigen Konzentration zu würdigen. Dass ein offenkundig vital an Marx interessiertes Publikum den Heimweg mit neuen Einsichten und neuen Fragen angetreten hat, dürfte ein Fazit mit Gewissheit sein.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Kira Meyer.