Nils C. Kumkar | Rezension |

Vernunft als Funktion

Rezension zu „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“ von John Dewey

John Dewey:
Die Öffentlichkeit und ihre Probleme
Aus dem Amerikanischen von Wolf-Dietrich Junghanns. Mit einem Nachwort von Martin Hartmann
Deutschland
Berlin 2024: Suhrkamp

ISBN 978-3-518-30016-9

Ein Werk fast 100 Jahre nach seinem ersten Erscheinen zu rezensieren, droht eine eitle oder blamable Aufgabe zu sein. Eitel, wenn man dem von Adorno apropos der Würdigungen Hegels beißend kritisierten, ausgetretenen Rezensentenpfad folgt, „daß, wer das fragwürdige Glück besitzt, später zu leben, und wer von Berufs wegen mit dem befaßt ist, über den er zu reden hat, darum auch souverän dem Toten seine Stelle zuweisen und damit gewissermaßen über ihn sich stellen dürfe“[1]. Andersherum birgt das von Adorno vorgeschlagene umgekehrte Verfahren, nämlich die Gegenwart aus der Warte des Gewürdigten zu betrachten, das Risiko, mit hundert Jahren Verspätung die Erfindung des Rades als Neuigkeit zu vermelden und sich als Entdeckung zuzurechnen.

Trotz dieses Risikos scheint mir im Fall von John Deweys Die Öffentlichkeit und ihre Probleme die zweite Möglichkeit aus mindestens zwei Gründen die treffendere Wahl. Zunächst hat der Suhrkamp Verlag dem Werk ein Nachwort des Dewey-Experten Martin Hartmann beigefügt, das in Fragen der werk- und philosophiegeschichtlichen Einordnung sowieso übertrifft, was hier geleistet werden könnte. Wichtiger aber noch scheint mir der zweite Grund: Deweys doppelter Zugriff auf Öffentlichkeit als experimentell und evolutionär immer wieder neu praktisch zu evaluierendes Problem und Bearbeitung bestimmter Probleme drängt fast von selbst auf die Frage, wie die Gegenwart sich dieser Herausforderung stellt. Denn anders als in Habermas‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit und dessen aktuellstem Update ist der Gegenstand eben nicht eine bestimmte historische Konstellation, von der die jeweilige Gegenwart dann fast notwendig als Schwundstufe erscheinen muss, die sich dann nur durch das Folgen einer weiteren, noch schwindenderen Schwundstufe rehabilitiert.[2] Weil Deweys Gegenstand eben ein Problem ist, das sich je historisch verschieden stellt und bearbeitet wird, lässt sich die Frage nach der irgendwo (meist dann früher, oder in unbestimmter Zukunft) vorliegenden ‚besseren‘ Lösung umschiffen, die ihre kulturpessimistische Antwort immer schon in die Aufgabenstellung einlässt – denn so lassen sich Problemlösungen auch immer wieder neu auf ihre je historische Angemessenheit befragen. Was also ist das Problem?

Der unmittelbare Problemkontext, dem sich Dewey als einer der bedeutendsten Vertreter des US-amerikanischen Pragmatismus in seinen Vorlesungen (die er später zu diesem Buch umarbeitete) stellt, ist die politische Situation der US-Demokratie nach dem 1. Weltkrieg. Die Industrialisierung und Urbanisierung, die Konstitution eines einheitlichen Marktes, die politisch-militärische Mobilisierung der Bevölkerung im 1. Weltkrieg und die Etablierung des bis heute prägenden und vielkritisierten Zweiparteiensystems sind nur einige der Widerstände, an denen sich damals die öffentliche Debatte kritisch auf sich selbst zurückwendete. Unmittelbar nimmt er dabei an verschiedenen Stellen auf die einflussreichen Bücher Walter Lippmanns zum Begriff der Öffentlichkeit vom Anfang der 1920er-Jahre Bezug (deren Rezensionen durch Dewey dem Buch vorangestellt sind), dem er vor allem in Hinsicht auf dessen Idee einer expertokratischen Flankierung der Demokratie widerspricht. Wie Hartmann in seinem Nachwort feststellt, ist diese Dewey-Lippmann-Debatte von einer „fast schon unheimliche[n] Aktualität“ (S. 205) – findet sich doch Vergleichbares in den Auseinandersetzungen um Expert:innenwissen und dessen Stellenwert auch in den Gegenwartsdebatten, zum Beispiel um die Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung.[3] Doch ist es vor allem das von Dewey sozialtheoretisch bestimmte grundlegende Problem der Öffentlichkeit, das eine Vergleichbarkeit auch jenseits dieser frappierenden Aktualität bestimmter struktureller Merkmale des unmittelbaren Problemkontextes der Öffentlichkeit der 20er-Jahre des 20. und 21. Jahrhunderts instruktiv macht:

Gesellschaft ist laut Dewey nicht nur Assoziation und Kooperation, sondern auch die Beobachtung ebendieser Assoziation und Kooperation in Bezug auf deren Nebenfolgen vor allem auf die nicht unmittelbar an den jeweiligen Kooperationen Beteiligten. Gesellschaft ist also nicht nur einfach ‚da‘, sondern immer schon ihr eigener Beobachtungsgegenstand – und dieses Beobachtetwerden ist eben wesentliches Bestimmungsmerkmal des Gegenstands selbst, dessen Komplexität nicht zuletzt daraus entspringt, dass er damit zu seinem eigenen Problem wird. 

„Denn die Beachtung der Folgen zusammenhängenden Handelns zwingt die Menschen dazu, über den Zusammenhang selbst nachzudenken; sie macht diesen zu einem Gegenstand der Aufmerksamkeit und des Interesses. Jeder handelt, soweit der Zusammenhang bekannt ist, im Hinblick auf den Zusammenhang. Es sind immer noch Individuen, die denken, wünschen und Zwecke setzen, aber was sie denken, ist die Folge ihres Verhaltens gegenüber dem Verhalten anderer und des Verhaltens anderer gegenüber ihnen.“ (S. 47)

Öffentlichkeit ist, in diesem Sinne, die Gruppe der um ihre Betroffenheit von den Nebenfolgen des Handelns Anderer Wissenden, die sich deshalb um die Regulation dieses Handelns bemüht und dabei von Repräsentant:innen organisiert und zur Wirkung gebracht wird – „die Öffentlichkeit ist ein politischer Staat“ (S. 55). Dieser fast schon spekulative Schluss (wie überhaupt die Argumentation Hegel’scher ist, als Deweys Polemik gegen dessen Geschichtsphilosophie [etwa S. 58] vermuten lassen würde), ist ein der landläufigen Zivilgesellschaftsromantik entgegenstehender Stachel, den es sich festzuhalten lohnt: Von Öffentlichkeit zu sprechen, ergibt im Sinne des beschriebenen Bezugsproblems in der Tat nur Sinn, wenn die Möglichkeit der Beobachtung von sozialen Nebenfolgen des Handelns auch mit der Möglichkeit der Entscheidung über die Regulierung dieses Handelns zusammentrifft. Allerdings muss an dieser Stelle zweierlei betont werden: Zunächst hebt Dewey explizit hervor, dass dadurch nichts über die Angemessenheit bestimmter Entscheidungen oder sogar politischer Systeme gesagt ist. Sie können als Staat im gehaltvollen Sinne nur insofern gelten, als sie sich diesem Problem widmen, aber dabei mögen sie dennoch versagen. Da die Öffentlichkeit außerdem maßgeblich von den technischen Möglichkeiten des Verkehrs geprägt wird, während politische Arrangements zur Beharrung und Verfestigung neigen, sind grundlegende Innovationen also nicht nur oft nötig, sie können sich auch in der Regel nur revolutionär vollziehen – und obendrein, nicht zuletzt wegen der bereits genannten Komplexität des Subjekt-Objekts „Gesellschaft“ auch nur experimentell. In einem Satz, den man in großen Lettern auf Plakate drucken möchte, bringt Dewey diese evolutionäre Perspektive auf den Punkt: „Vernunft drückt eine Funktion aus, keinen kausalen Ursprung.“ (S. 71) Wenn das, was wir als Staat beobachten, sich dem, was die Öffentlichkeit sich als Problem stellt, in vielerlei Hinsicht angepasst ist, dann nicht, weil große Köpfe weit vorausgeplant haben, sondern weil grobe Fehlanpassungen verworfen wurden. Die Regel ist Vernünftigkeit in der unmittelbaren politischen Praxis ohnehin nicht, wie er lapidar bemerkt:

„Weil die Öffentlichkeit nur durch Amtspersonen […] einen Staat bildet und da das Bekleiden einer offiziellen Stellung keine Wunder der Transsubstantiation bewirkt, ist nichts Verwirrendes oder gar Entmutigendes am Spektakel der Dummheiten und Irrtümer des politischen Verhaltens.“ (S. 79)

Auch für den demokratischen Staat und mithin die Demokratie hält Dewey in diesem Sinne fest, man dürfe nicht den Fehler machen, sie für das Resultat der Verwirklichung von Programmen zu halten, vielmehr sei sie Ergebnis von etwas, das sich „nicht nur ohne Rücksicht auf Theorien, sondern auch ohne Bezug zur Politik ereignete: allgemein gesprochen, auf Grund der Nutzung von Dampf für mechanische Erfindungen“ (S. 99).[4]

„Das Erlöschen der Öffentlichkeit“[5] als von ihm zeitgenössisch beobachtetes Phänomen ist darum eben nicht als Verfall einer ehemals intakten Öffentlichkeit zu verstehen, genauso wenig allerdings als ein einfacher Formwandel eines seinem Gehalt nach unveränderten Gegenstandes, sondern als offenbar werdende (und erwartbare) Nicht-Passung zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und Verkehrsmittel mit den Formen ihrer politischen Regulierung und, damit untrennbar verbunden, mit der fehlenden Möglichkeit, dass die Öffentlichkeit sich überhaupt als kompetente Beobachterin ihrer selbst gewahr wird. „Das Maschinenzeitalter hat […] das Ausmaß der indirekten Folgen so gewaltig erweitert, vervielfacht, gesteigert und verkompliziert […], dass die resultierende Öffentlichkeit sich nicht identifizieren und erkennen kann.“ (S. 123) Dabei „ist [es] nicht so, dass es keine Öffentlichkeit gibt […]. Es gibt zu viel Öffentlichkeit; die Öffentlichkeit ist zu ausgebreitet und zerstreut und in ihrer Zusammensetzung zu kompliziert. Und es gibt zu viele Öffentlichkeiten […].“ (S. 131)

Wie dieses Problem der Öffentlichkeit – also die „Entdeckung und Identifizierung ihrer Selbst“ – zu beheben ist, dazu schweigt sich Dewey, getreu seiner experimentellen Methode, aus. Er schließt mit nichtsdestotrotz instruktiven Überlegungen zu den intellektuellen Voraussetzungen eben einer solchen Problemlösung. Als wichtigstes Hindernis bestimmt er dabei den Scheinwiderspruch von Individuum und Gesellschaft, sowie, wahlverwandt, zum Beispiel den von Autorität und Freiheit. Er blockiere die wesentlichen Debatten: „Das Leben ist nicht durch die Vormachtstellung der ‚Gesellschaft‘ […] gegenüber der Individualität verarmt worden, sondern durch die Herrschaft einer Assoziationsform – der Familie, des Clans, der Kirche, wirtschaftlicher Einrichtungen – über andere wirkliche und mögliche Formen.“ (S. 173) Generell sei es der dogmatische Charakter des Wissens von Gesellschaft, der wirklichen intellektuellen Fortschritt verhindere, und der seinem Gegenstand schon allein deswegen unangemessen sei, weil jedes Wissen von Gesellschaft ihren Gegenstand verändert. In einer fast schon kybernetisch argumentierenden Passage erklärt er, diese Form der Selbstbeobachtung und eben nicht vor allem der „freie Wille“ sei es, der gesellschaftliches Handeln unvorhersag- und damit unkontrollierbar mache (S. 177). Vorschläge einer Expert:innenherrschaft weist er knapp, aber entschieden zurück. Sowohl als sachunangemessen – „Der Mann, der die Schuhe trägt, weiß am besten, dass und wo sie drücken, auch wenn der fachkundige Schuhmacher am besten beurteilen kann, wie den Beschwerden abzuhelfen ist“ (S. 183) – als auch als unrealistisch:

„Die Herrschaft einer ökonomischen Klasse kann vor den Massen verborgen werden, die Herrschaft von Experten nicht. Sie könnte nur funktionieren, wenn die Intellektuellen sich zu willfährigen Werkzeugen mächtiger wirtschaftlicher Interessen machen ließen. Andernfalls müssten sie sich mit den Massen verbünden, und das bedeutete wiederum deren Beteiligung an der Regierung.“ (S. 182)

Ziel müsse die intellektuelle Befähigung der Bevölkerung sein, sich selbst hinreichend zu verstehen, um sich über die Nebenfolgen ihres gesellschaftlichen Handelns und deren sinnvolle Regulierung verständigen zu können. Dass dies prinzipiell möglich ist, dagegen lässt er zumindest den Einwand der beschränkten intellektuellen Kapazitäten der ‚Leute‘ nicht gelten. Diese seien eben so intelligent wie die sozialen Verhältnisse, in und über die sie sich verständigen müssten. „Die Vorstellung, Intelligenz sei eine persönliche Begabung oder eine persönliche Errungenschaft, ist der große Dünkel der intellektuellen Klasse, so wie derjenige des Handelsstandes darin besteht, dass Reichtum etwas ist, was er persönlich erarbeitet hat und besitzt.“ (S. 186)

Deweys Darlegung des Arguments ist alles andere als ausschweifend – insofern gilt für diese knappe Zusammenfassung, was Dewey selbst in seiner Rezension zu Walter Lippmanns Public Opinion (1922) anmerkt –, dass sie nämlich in all ihrer Trockenheit und Formalität nur verzeihlich ist, wenn sie darauf baut, dass die Leser:innen „die Lücken des leeren Umrisses durch ihre persönliche Bekanntschaft mit dem Band ausfüllen“ (S. 7). Gerade die zahlreichen Anmutungen an und Umnuancierungen von Argumenten, die von anderer Warte in Diskussionen über die Öffentlichkeit eingebracht wurden, lassen sich in einer Rezension nicht annähernd einfangen, auch wenn aus dieser knappen Skizze schon deutlich geworden sein sollte, dass ihrer überreichlich vorhanden sind: Systemtheoretische Überlegungen zur (politischen) Öffentlichkeit als Beobachtung seiner Umwelt durch das politische System,[6] Habermas‘ Überlegungen zur Diskurstheorie des Rechtsstaats,[7] aber auch eher medienzentrierte oder marxistische gesellschaftstheoretische Überlegungen zu Staat und Öffentlichkeit oder kommunitaristische Überlegungen über Tugend und Gemeinschaft[8] dürften sich genug in seiner Argumentation wiedererkennen, (wenn sie sich nicht einfach ohnehin schon dort bedient hatten), um dann doch von den Differenzen an anderer Stelle irritiert zu sein.

Schließen möchte ich deswegen mit drei Punkten, einem inhaltlichen, einem formalen und einem politisch-praktischen. Nach fast 100 Jahren könnte Dewey helfen, das Gros der gegenwärtigen Debatte zur Öffentlichkeit, ob sie sich nun auf die Frage konzentriert, ob Freiheit beim Ich oder bei der Gesellschaft beginne, oder ob sie sich von Filterblasen zerrissen und Bot-Armeen unterwandert sieht, auf die Füße zu stellen. Durch das gesamte Buch zieht sich eine pointierte Kritik an falschen Entgegensetzungen und Parallelisierungen der falschen, um Individuum und Gesellschaft zentrierten Entgegensetzungen. Nicht Individuum und Gesellschaft stehen sich entgegen, sondern Formen der Vergesellschaftung, die in Widerspruch geraten. Die interessante Frage in Bezug auf die Öffentlichkeit ist also auch heute nicht so sehr, ob zum Beispiel die Berichterstattung über die öffentliche Meinung dem gerecht wird, was die einzelnen Leute jeweils von sich aus wirklich zu einem politischen Konflikt meinen, wie es vor allem in der umfragedatenzentrierten Debatte über Polarisierung verhandelt wird. Dewey folgend wäre die Frage vielmehr, in welchem Verhältnis unterschiedliche Arenen dessen stehen, was in seiner Gesamtheit dann ja die Öffentlichkeit bildet. Dazu gehört die Presseberichterstattung über die öffentliche Meinung genauso wie die Idee einer privaten Meinung, die sehr viel voraussetzungsvoller ist, als gemeinhin angenommen wird.[9] Das Verhältnis dieser verschiedenen Arenen der Meinungsvergesellschaftung zueinander ist vermutlich wichtiger als deren Gehalt: Trägt dieses Verhältnis dazu bei, dass die Gesellschaft ein tragfähiges Bild dessen entwickeln kann, was sie zum Gegenstand bindender Entscheidungen macht?

Das grundlegende Problem des sozialwissenschaftlichen Nachdenkens über die Öffentlichkeit ist dabei gar nicht kategorial vom grundlegenden Problem der Öffentlichkeit selbst unterschieden: In beiden Fällen geht es darum, verstehend-rekonstruierend erst einmal herauszufinden, was die Öffentlichkeit in diesem je spezifischen Problemkontext unter Beobachtung eigentlich ausmacht. Wer gehört dazu, in Bezug auf welche Probleme konstituiert sich diese Gruppe, welche Medien und Symbole erlauben dieser Gruppe die Selbstentdeckung und Verständigung? Diese Fragen sind nicht nacheinander abzuarbeiten, weil sie sich gegenseitig erst konstituieren. Diese Loslösung von der Idee eines einfachen Prüfsteins für die Funktionsweise der Öffentlichkeit, die sich eben immer nur an ihren jeweils konkreten Problemen beweisen kann, erspart auch die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass die jeweils neuesten Medien nicht die Funktion der Medien erfüllen, an die man sich gewöhnt hatte. Es ließe sich dann viel offener fragen, was warum und vor allem wie durch diese Medien als gesellschaftliches Selbstbild konstruiert wird. Dass die Freiheit beim Ich anfängt, zum Beispiel, ist ja gerade dann einleuchtend, wenn man abschattet, wo dieses Ich eigentlich anfängt und welche Formen der Vergesellschaftung gerade diese spezifische Form des Ich-als-Anfang-der-Freiheit immer wieder produzieren.

Politisch-praktisch bedeutsam ist vor allem Deweys Hinweis darauf, dass die Öffentlichkeit nur als politische Öffentlichkeit Struktur gewinnt: Nur wo bindend entschieden werden kann, konstituiert sich eine Öffentlichkeit, die über den Gehalt und die Form dieser Entscheidungen sinnvoll deliberiert, wobei gerade von der institutionalisierten Politik nicht zu erwarten ist, dass sie bei notwendigen Anpassungen und Veränderungen der Öffentlichkeit eine konstruktive Rolle spielt. Statt also zu hoffen, dass Regulierungen von Medien und Diskursen durch die Politik die Öffentlichkeit reparieren, sollte man sich viel eher fragen, welche Anpassungen der politischen Institutionen selbst notwendig sind, um die durch die technischen und sozialen Entwicklungen erforderlichen Umwälzungen der Struktur der Öffentlichkeit zu erlauben. Steckt hinter der viel beschworenen Wahrheitskrise nicht vielleicht weniger ein Regulierungsbedarf in Bezug auf Wirklichkeitsbehauptungen in den sozialen Medien, sondern vielmehr eine Beobachtungskrise, bei der die Öffentlichkeit des Umstands gewahr wird, dass ihre zentralen politischen Konflikte von den politischen Institutionen nicht in einer Form bearbeitet werden können, die der Legitimationserzählung ebendieser Institutionen gerecht würde?[10]

Insgesamt sei die Lektüre dieses Buches allen ans Herz gelegt, die sich über die Öffentlichkeit als Form der Selbstverständigung von Gesellschaft Gedanken machen. Wer das beruflich tut, ob als Wissenschaftler:in oder Intellektuelle:r, wird davon profitieren, seine eigenen Schablonen davon, wie eine Öffentlichkeit auszusehen und was sie zu bewerkstelligen habe, der pragmatistischen Irritation auszusetzen. Aber auch all jene, die als Amateur:innen im besten Sinne ihr Interesse auf Fragen der Öffentlichkeit richten, werden von der Lektüre profitieren, die durch den luziden Stil der Darstellung zum Nach- und Mitdenken einlädt. Man mag die von Dewey formulierte Zukunftshoffnung, dass die Sozialforschung eines Tages in der Lage sei, ihre Erkenntnisse so aufzuarbeiten, dass diese direkt auf eine Verbesserung der Selbstbildfähigkeit der Gesellschaft einwirken, indem sie als Bildung der Öffentlichkeit wirken, insgesamt für unrealistisch halten und muss doch konstatieren, dass Deweys undogmatische, zugängliche Argumentation für dieses Ideal in seiner Einheit von Form und Inhalt beeindruckt.

  1. Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel, in: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Drei Studien zu Hegel, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt am Main 1990, S. 251.
  2. Jürgen Habermas, Überlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit, in: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit?, hrsg. von Martin Seeliger und Sebastian Sevignani, Baden-Baden 2021, S. 470–500; Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1962.
  3. Alexander Bogner, Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet, Ditzingen 2021; Caspar Hirschi, Expertise in der Krise: Zur Totalisierung der Expertenrolle in der Euro-, Klima-, und Coronakrise, in: Sebastian Büttner / Thomas Laux (Hg.), Umstrittene Expertise. Zur Wissensproblematik in der Politik, Baden-Baden 2021, S. 159–86; Nils C. Kumkar, Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung, Berlin 2022.
  4. Und wenn das schon nach Marx klingt, dann warte man auf die Pointe des Abschnitts zum demokratischen Staat: „Das wirkliche Problem, oder zumindest das Problem, das zuerst gelöst werden muss, betrifft die Bedingungen, unter denen die Institution des Privateigentums rechtlich und politisch funktioniert.“ (S. 110)
  5. „The Eclipse of the Public“ im Original ist dem beschriebenen Problem angemessener, wie der Übersetzer richtigerweise anmerkt (S. 111, FN1), denn die Öffentlichkeit schwindet ja nicht, sondern verdeckt sich – durch die mangelnde Passung von Form und Inhalt, Politik und Verkehrsformen – selbst.
  6. Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2019.
  7. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt am Main 2009.
  8. Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, aus dem Englischen von Wolfgang Riehl, Frankfurt am Main / New York 2006.
  9. Eric-John Russell, Certainty in an Uncertain World: Toward A Critical Theory of Opinion, in: Critical Sociology, 4. Dezember 2023; Pierre Bourdieu, Die öffentliche Meinung gibt es nicht, in: ders., Soziologische Fragen, aus dem Französischen von Hella Beister und Bernd Schwibs, Frankfurt am Main 1993, S. 212–223.
  10. Nils C. Kumkar, Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung, Berlin 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Demokratie Epistemologien Gesellschaft Gesellschaftstheorie Handlungstheorie Medien Öffentlichkeit Wissenschaft

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Nils C. Kumkar

Nils C. Kumkar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Seine Forschungsgebiete sind qualitative Methoden und Gesellschaftstheorie, mit Fokus auf sozialer Ungleichheit, Protest und Kritik. (© Falk Weiss)

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