Martin Endreß | Rezension |

Verworrene Verhältnisse

Rezension zu „Vertrauen. Die unsichtbare Macht“ von Martin Hartmann

Martin Hartmann:
Vertrauen. Die unsichtbare Macht
Deutschland
Frankfurt am Main 2020: S. Fischer
S. 304, EUR 22,00
ISBN 978-3-10-000068-2

Fragen des Vertrauens scheinen in der Gegenwart aktueller denn je. Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie stellen sie sich in vielfältiger Hinsicht neu und verschärft. Rückt ein typischerweise als Ressource sozialen Zusammenhalts und gesellschaftlicher Kooperation begriffenes Phänomen wie Vertrauen derart in den Vordergrund gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Interesses, können Arbeiten zu diesem Thema sich einer besonderen Aufmerksamkeit sicher sein. Die Wahl des Publikationsdatums des neuen Vertrauensbuches von Martin Hartmann, März 2020, also passend zum Höhepunkt der ersten Corona-Welle, hätte so kaum glücklicher ausfallen können.[1] Zugleich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ein Untertitel wie „Die unsichtbare Macht“ dieser Tage ohne Weiteres auf einen Haupttitel „Corona“ folgen könnte, der die Darstellung eines nahezu beliebigen Aspekts der Pandemie ankündigt.

Beginnt die Lesende nun mit der Lektüre von Hartmanns freilich vor der Pandemie entstandenem Buch, wird sie vom Autor früh informiert, dass dieser „kein Fachbuch verfassen, sondern die realen Zweifel am Vertrauen und die reale Suche nach Vertrauen philosophisch reflektieren“ wolle (S. 14). Das klingt eher nach Lebenskunstlehre oder Beratungsliteratur als nach Philosophie oder Gesellschaftstheorie. Entsprechend ist die Sprache des Buches angelegt, das eine seiner wesentlichen Aufgaben darin sieht, „zu zeigen, dass ein richtig verstandenes Vertrauen Biss hat“ (S. 14, 80, 82), und dafür werben möchte, „dem Vertrauen Luft zum Atmen zu geben“ (S. 283).

Mit der Skizze einer gegenwärtig angeblich besonders gravierenden Vertrauenskrise nimmt Hartmann im ersten Kapitel seinen Erzählfaden auf. Dieser Signatur der „großen Krise“ folgen zwei Kapitel zur Bestimmung der für Hartmann leitenden Konzeption von Vertrauen, bevor in den Kapiteln vier bis sieben im Durchgang durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Phänomene (Wirtschaft und Treuhandschaft, Wissen und Transparenz, Technik und Sicherheit, Politik) die Konturen der „Krise“ prägnanter hervortreten sollen. Einige knappe resümierende Bemerkungen beschließen den Band.

Insgesamt geht es Hartmann darum, der „Fülle des Vertrauens“ Herr zu werden. Dabei plädiert er in einer scheinbar paradoxen Wendung für eine enge Auffassung des Vertrauensbegriffs (S. 75 ff.), die sich ganz auf die Sphäre des personalen Vertrauens, also auf das Vertrauen in konkrete Andere konzentriert (S. 89). Geleitet sind Hartmanns Reflexionen dabei von dem „Verdacht“, dass „wir [sic!] [nur deshalb] behaupten, dass man den meisten Menschen nicht mehr vertrauen kann, weil wir nicht mehr vertrauen wollen“ (S. 63). Demnach verbirgt sich hinter dem als allgegenwärtig diagnostizierten Vertrauensverlust eine kollektive Rationalisierungsstrategie, die subjektive, vorurteilsbehaftete, stimmungs- und affektgeladene Gründe des Nicht-Mehr-Vertrauen-Wollens verschleiert, „da Vertrauen an sich gut ist“.

Hartmanns kritisch verstandene Diagnose lässt sich also wie folgt auf den Punkt bringen: Weil „wir“ der „Fülle des Vertrauens“ nicht mehr trauen, wird das Vertrauenschenken in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Praxis auf einen rein kalkulatorischen Verhaltenstypus reduziert (S. 65). Die „Krise des Vertrauens“ wird als eine begriffen, die „auf paradoxe Weise auf das Vertrauen selbst zurückwirkt“ (S. 71). Aus diesem Grund, so Hartmanns Befund, leben wir in einer „Vertrauensbedarfsgesellschaft“ (S. 70).

Insbesondere mit Blick auf eine inzwischen salonfähig gewordene Kultur des offenen Lügens von Verantwortlichen und Entscheidungsträgern (S. 32ff.) sowie die allgegenwärtige und zusätzlich geschürte Angst vor terroristischer Gewalt (S. 46ff.) formuliert Hartmann die Herausforderungen, vor denen gegenwärtige Gesellschaften unter dem Vorzeichen der Vertrauensfrage stehen. In diesen einleitenden Problemskizzen scheinen durchaus wichtige Fragen auf: Ist die Furcht der Menschen vor ihrer Verletzlichkeit größer als ihre Bereitschaft zu vertrauen? Ist ein inflationäres Gefahrenbewusstsein für die Ausprägung einer strapazierfähigen Vertrauenskultur ein unüberwindbares Hindernis? Gleichwohl: Trotz der diagnostizierten Vertrauenserosion argumentiert Hartmann auf der anderen Seite, dass „Zweifel an der Annahme der einen großen, die Gesellschaft gefährdenden Vertrauenskrise“ (S. 86) angebracht seien. So steht die weitere Lektüre unter dem Vorzeichen durchgängig irritierender Ambivalenz.

Das nicht nur umfangreichste, sondern auch zentrale dritte Kapitel des Bandes steht unter der simplen Leitfrage „Was ist Vertrauen?“. Hartmann erachtet „Einstellungen des Vertrauens“ als stets „eingebettet in ein System anderer Werte und Einstellungen“, sodass eine konkrete Vertrauensgabe „immer an den weiteren Werten [hängt], die sich im Vertrauen verwirklichen“ (S. 82). Eine werttheoretische Reflexion wird hier zum Kern des Vertrauensverständnisses. Entlang dieser Argumentationslinie dominiert ein reflexiver Vertrauensbegriff die weiteren Überlegungen. Entsprechend stellt sich schnell die Frage, wie dieses reflexive Verständnis von Vertrauen mit den ebenfalls herangezogenen Charakterisierungen von Vertrauen als Weltvertrauen, als Grundvertrauen oder als Gesamtvertrauen zusammenhängt bzw. in Einklang zu bringen ist. Ist also – so muss wohl gefragt werden – der Charakter jedweder Vertrauensbeziehungen adäquat begriffen, wenn deren Qualität als unabhängig von der Frage betrachtet wird, inwieweit und inwiefern eben diese Beziehung selbst gerade fraglich geworden ist?

Leitend für Hartmanns philosophische Reflexionen ist die Unterscheidung von Vertrauen und Sich-verlassen-auf. Beide Formen drücken für ihn (zumindest wohl im Kern) Haltungen resp. Einstellungen zu anderen aus. Doch während er letztere als moralisch neutral begreift, gilt ihm Vertrauen als „moralisch aufgeladene Haltung“ (S. 229) mit „normative[m] Gewicht“ (S. 265). Die notwendige Rückbindung des Vertrauensbegriffs an Individuen lässt die Idee eines eigenständigen Vertrauens in Institutionen unsinnig erscheinen, da sich ein solches stets nur „vermittelt über Personen“ einstellen könne (S. 133 ff.). In dieser von Hartmann eingenommenen Perspektive markiert jede Rede von Institutionen-, Organisations- oder Systemvertrauen nicht viel mehr als eine „Schwundstufe intakter Vertrauenspraktiken“ zwischen Personen (S. 151).

Ob man nun aber eine vorrangige Orientierung des Vertrauensbegriffs an personalen Konstellationen für plausibel hält oder nicht – und Hartmann lässt überzeugende Gründe und Präzisierungen durchgängig vermissen –, so scheint hier doch zumindest eine äußerst reduktionistische Auffassung des sozialen Lebens durch. Auf entwaffnende Art bezeichnend ist, dass Hartmann als Beispiel für eine „Krise durch Vertrauen“ ausgerechnet die „Finanzkrise“ heranzieht, von der sich wohl nur unter größten Verrenkungen sagen lässt, dass sie primär von einem Vertrauensverlust innerhalb persönlicher Beziehungen ausgelöst wurde. Auch methodische Einwände lassen sich anführen, etwa dort, wo die Gefahr entsteht, eine durchaus berechtigte Kritik an der Umfrageforschung mit der Kritik am Konzept des Institutionenvertrauens selbst zu verwechseln (S. 124 ff., 151, 157).

Auf der eingeschlagenen Linie einer im Kern reflexiven Bestimmung des Vertrauensbegriffs liegt sodann ebenso Hartmanns Plädoyer, Vertrauen als „kritisches Vertrauen“ zu fassen, welches stets „Urteilsfähigkeit“ impliziere (S. 135). Vertrauen wird so reflexiv an „Kenntnis“ gebunden, wobei zunehmend fraglicher wird, wie sich klare Grenzen zu einem Sich-Verlassen-auf ziehen lassen. Die Antwort liegt wohl in einer Reziprozitätsunterstellung begründet: Vertrauen, so Hartmann, setze das grundsätzliche Wohlwollen des- oder derjenigen voraus, dem oder der man vertraut (S. 110). Entsprechend lebe konkretes personales Vertrauen von einem allgemein herrschenden Vertrauensklima (S. 139). Indem Hartmann auf diese Weise die Unabdingbarkeit einer „kollektiven Vertrauenspraxis“ oder „allgemeinen Vertrauenskultur“ herausstreicht (S. 145), schließlich aber behauptet, dass gerade dort, wo eine solche Praxis und Kultur gelebt wird, „selten blind einer einzelnen Person“ vertraut werde, erscheint plötzlich gerade die umgekehrte Annahme als die weitaus plausiblere. Denn insbesondere Rahmenbedingungen, die zur Beförderung einer allgemeinen „Grundhaltung des Vertrauens“ geeignet erscheinen, dürften die Akzeptanz jeweils fallbezogener kritischer Prüfung eher konterkarieren – und zwar gerade aufgrund einer verbreiteten Haltung des Sich-verlassen-Könnens-auf.

Hartmanns Argumentation ist von einer eigentümlichen Ambivalenz, ja Widersprüchlichkeit geprägt. Er möchte einerseits „nicht einfach eine von allen vorgeblich verstandene Bedeutung“ von Vertrauen voraussetzen (S. 82) – eine wohl nicht nur für Philosophen als selbstverständlich anzusehende Arbeitsgrundlage –, andererseits aber rekurriert er in seinem Text durchgängig auf eine nicht näher umschriebene Instanz des „Wir“ und postuliert so vermeintlich allseits geteilte Voraussetzungen und Vorverständnisse. Die kontinuierliche Bezugnahme auf ein undifferenziertes „Wir“ steht offenkundig nicht nur im deutlichen Kontrast zum zuvor erklärten Bemühen, eben gerade keine vorgeblich verstandene Bedeutung vorauszusetzen, sondern sie irritiert in ihrem ungezügelten Gebrauch auch als rhetorische Figur. Immer drängender stellt sich im Verlauf der Lektüre die Frage, wer dieses „Wir“ denn nun „ist“. Etwa die „Normalen“ oder die „Guten“? Diesen Eindruck erweckt zumindest die folgende unverkennbar stigmatisierende Passage: So berichtet der Autor, er habe – noch in Berlin wohnend – einmal „im Volkspark Friedrichshain einen Rucksack mit wimmernden, sehr niedlichen Hundewelpen“ entdeckt und sich gefragt, ob nicht „vielleicht eine Punkerin oder ein Obdachloser“ diese „einfach … zurückgelassen“ habe (S. 67). Eine irritierende Einlassung, die kaum auf anderes als auf problematische Normalitätsunterstellungen schließen lässt.

Hartmanns Überzeugung, dass „wir [!] […] auf die Präsenz einer […] Basismoral“ alltäglich vertrauen würden, widerspricht offenkundig der Ausgangsannahme, dass „wir [!] [zwar] den Wert des Vertrauens kennen, aber aus […] Angst nicht mehr in der Lage sind, Bedingungen zu schaffen, die der Ausbildung von Vertrauen zuträglich sind“ (S. 13). So durchziehen den Band auch hinsichtlich des leitenden Vertrauensverständnisses markante Ambivalenzen. Denn einerseits lehnt Hartmann eine Verkürzung auf rationales Vertrauen ab, weil diese „irrationales Vertrauen“ sowie „die dunklen oder unangenehmen Aspekte des Vertrauens“ ausblende, argumentiert aber zugleich, dass man erst einmal vertrauen müsse, um feststellen zu können, „ob es richtig ist zu vertrauen“ (S. 87 f.), und plädiert somit letztlich doch wieder für ein reflexives Vertrauensverständnis.

Irritierend bleibt insgesamt der höchst suggestive Stil des Buches („wir“), dessen geradezu therapeutische Grundausrichtung („die Orte aufsuchen“) und die vitalistischen Unter- und Obertöne („das Vertrauen atmet“). Der therapeutische Zuschnitt des Bandes läuft letztlich auf Imperative hinaus wie: Seid risikobereit! Zeigt euch verletzungsoffen! Sie stehen im Dienst der wiederum im Jargon der Lebensberatung geäußerten Aufforderung, „dem Vertrauen […] Räume [zu] gewähren“ (S. 283). Auch angesichts zahlreicher weiterer alltagsnaher, aber umso unschärferer Sprachbilder darf man fragen, ob derart holzschnittartige Verkürzungen wirklich der richtige Weg sind, um im aufklärerischen Sinne erkenntnissteigernd und mahnend in den Alltag hineinzuwirken und die Alltagspraxis an ihr Vertrauen ins Vertrauen zu erinnern, das sie „sich hat ausreden lassen“ (S. 15). Eine Wendung, die fast schon verschwörungstheoretische Züge trägt und sich problemlos einem regelmäßig ins Pathetische hineingesteigerten Stil einpasst. Hinzu kommt die wiederholte und reflexartige Verdammung von Medien (S. 30, 40 etc.), Algorithmuskulturen, ökonomischen Gepflogenheiten und „der [sic!] Verlogenheit, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind“ (S. 281 f.).

Und so geht dem Autor, der auf den letzten drei Seiten seines Buches „dem Vertrauen Luft zum Atmen geben“ möchte, am Ende selbst die Luft aus. Zu knapp, zu locker und unverbindlich, zu appellativ geraten seine abschließenden Überlegungen, als dass sie das zuvor breit skizzierte Krisenpanorama plausibel einholen könnten. Wenn Hartmann letztlich eine doppelte Krise ausmacht – nicht nur eine einfache „Krise des Vertrauens“, sondern zugleich und darüber hinaus eine „Krise unseres [!] Vertrauens in das Vertrauen“ (S. 74) –, so stellt sich mit Nachdruck die Frage, ob und wie Hartmanns Analyse dazu beitragen könnte, zumindest das Vertrauen in das je eigene Vertrauen (wieder) zu stärken.

Hartmanns zweite Monografie zum Vertrauen nimmt so in vielerlei Hinsicht einen eigentümlichen Gang. Zum Ende des fünften Kapitels, also nachdem gut achtzig Prozent der Textstrecke absolviert sind, ergibt sich eine Zäsur. Nun informiert uns der Autor nicht nur darüber, dass sein bisheriger Vertrauensbegriff wohl „ein wenig rationalistisch geraten“ sei (S. 239), sondern auch darüber, dass er unter Umständen doch bereit sei, ihn angesichts von Phänomenen wie des Vertrauens in Technik „zu erweitern und auf jeden Fall von abgeleitetem Vertrauen zu reden“ (S. 243 f.). Völlig überraschend gewährt Hartmann so einem Typus vermittelten Vertrauens denjenigen Raum, den er zuvor noch den strukturgleichen Spielarten des Institutionen-, Organisations- und Systemvertrauens verwehrt hatte. Eine Revision, die jedoch mit Blick auf das abschließende Kapitel zum politischen Vertrauen, in dem undifferenziert von Vertrauen in die „Regierenden“, „in die Sicherheit des öffentlichen Nahverkehrs“ und „in das allgemeine Zivilitätsniveau“ gesprochen wird, grundbegrifflich folgenlos bleibt (S. 257 ff.).

Hartmann fordert: „Institutionen und Systemen sollten wir [!] nicht vertrauen, wir sollten sie kontrollieren und überwachen“ (S. 275), und wer wollte da auf den ersten Blick widersprechen. Auf den zweiten Blick jedoch wird deutlich, dass sich Bürgerinnen und Bürger in den komplexen Konstellationen, die sich unter den Lebensbedingungen moderner Demokratien unvermeidlich ergeben, auch und gerade auf die institutionalisierten Kontrollmechanismen nicht nur des politischen Systems in erheblichen Umfang verlassen können müssen. So wird nochmals deutlich, dass weder der Typus des Sich-verlassens-auf einzuschränken ist auf personale Konstellationen noch dessen Abgrenzung vom Typus des Vertrauens umstandslos erfolgen kann.

Insgesamt scheint es, als führten Hartmanns Mahnungen, das Vertrauen nicht zu überfordern und von der weit verbreiteten Rede vom Institutionenvertrauen Abstand zu nehmen, geradezu umgekehrt zu einer Überforderung der Bürgerinnen und Bürger. Denn um unter den in gegenwärtigen Demokratien herrschenden Bedingungen komplexer Lebens- und Gesellschaftsgefüge überhaupt existieren zu können, müssen die Individuen die Wirksamkeit institutionalisierter Kontrollmechanismen notgedrungen voraussetzen – und zwar nicht in normativer, sondern struktureller Hinsicht. Für die Erläuterung der zwischen Kontrolle und Versorgung changierenden komplexen Funktionen von Systemen, Institutionen und technischen Apparaturen für das Leben der Bürgerinnen und Bürger ließe sich durchaus im Sinne Hartmanns auf den Vertrauensbegriff verzichten. In keinem Fall aber reichen die angeführten Gründe des Buches aus, den Schluss auf eine konsequente Personalisierung dieser Zusammenhänge zu rechtfertigen.

So stellt sich am Ende zum wiederholten Male ein Kernproblem ein, das auch für den zeitdiagnostischen Gesamtzuschnitt negativ verbucht werden muss. Denn, wie weiter oben zu lesen war, äußert Hartmann ja einerseits „Zweifel an der Annahme der einen großen, die Gesellschaft gefährdenden Vertrauenskrise“ (S. 86), konstatiert jedoch andererseits eine gegenwärtige „Krise der Erkennbarkeit der Bedingungen des Vertrauens und der Vertrauenswürdigkeit“ (S. 264). So verhaken sich Hartmanns Überlegungen nicht nur in einem unscharf changierenden Bereich zwischen einem reflexiv zugespitzten Vertrauensbegriff auf der einen und einem pragmatisch-breiten Vertrauensbegriff auf der anderen Seite. Ebenso wenig zufriedenstellend gerät die Unentschiedenheit zwischen zwei gegenläufigen Thesen, die die Lage des gegenwärtigen politischen Vertrauens zu bestimmen versuchen.

Denn zum einen, so Hartmann abschließend, gehe mit der „Privatisierung oder Intimisierung des politischen Vertrauens“ ein Verlust der Erfahrbarkeit von Politik und deren damit verbundene Nicht-Greifbarkeit für die individuelle Urteilskraft einher (S. 273); zum anderen charakterisiere gerade die Präsenz und Wirkmächtigkeit von Urteilskraft die Besonderheit des „kritischen Vertrauens“ (S. 135), für das Hartmanns Buch eine grundlegende Theorie und Handlungsanleitung liefern will. Auch in dieser Hinsicht herrschen verworrene Vertrauensverhältnisse, die das Buch auf ganzer Linie nicht zu entwirren vermag.

  1. Vgl. bereits Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, Berlin 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Normen / Regeln / Konventionen Gesellschaft

Martin Endreß

Prof. Dr. Martin Endreß lehrt Allgemeine Soziologie an der Universität Trier. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Bereiche Soziologische Theorie, Politische Soziologie, Soziologie des Vertrauens und die soziologische Resilienzforschung.

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