Angela Wegscheider | Rezension |

Visionen und Frustrationen im sozialistischen Umgang mit Behinderung(en)

Rezension zu „Re/imaginations of Disability in State Socialism. Visions, Promises, Frustrations“ von Kateřina Kolářová und Martina Winkler (Hg.)

Abbildung Buchcover Re/imaginations of Disability in State Socialism von Kolárová/Winkler (Hg.)

Kateřina Kolářová / Martina Winkler (Hg.):
Re/imaginations of Disability in State Socialism. Visions, Promises, Frustrations
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2021: Campus
320 S., 39,95 EUR
ISBN 978-3-593-51348-5

Zentrale Aufgabe der Disability History ist es, die vielfältige, komplexe Geschichte, aber auch die verborgenen, oft sogar vergessenen und schwer rekonstruierbaren Geschichten von Behinderung zu erforschen.[1] Obwohl es den Forschungszweig der Disability History schon seit geraumer Zeit gibt,[2] ist er nach wie vor ein kleines Feld mit einer großen Aufgabe. Er gehört zu den Disability Studies, die wiederum kontinuierlich wachsen und auf immer größeres Interesse stoßen. Die Disability Studies wollen neue Perspektiven eröffnen auf Behinderung, aber auch auf Normalität, denn beides gilt ihnen nicht als naturgegeben, sondern als sozial und kulturell konstruiert. Ein solches Verständnis ist wichtig zur Analyse von Marginalisierung und von sozialen wie kulturellen Ungleichheiten, die aus nicht erfüllten oder erfüllbaren Normalitätsanforderungen und/oder einer verkörperten Differenz erwachsen.[3]

In den letzten Jahren widmete sich die Disability History zunehmend der Erforschung von Behinderung in (post-)sozialistischen Ländern.[4] Hier ist auch der vorliegende Sammelband einzuordnen, der sich mit der (Neu-)Konzeption von Behinderung(en) im Staats- oder Realsozialismus bis 1989/1991 beschäftigt. Beeinflusst von historischem Materialismus, marxistischer Philosophie und den Prinzipien fortschrittlicher Pädagogik bemühten sich sozialistische Expert*innen, einen neuen erkenntnistheoretischen Rahmen abzustecken, der es ermöglichen sollte, Menschen mit Behinderungen in den sozialistischen Optimismus und in die sozialistische Utopie zu integrieren. Im Zuge dessen begründete man eine neue sozialistische Wissenschaft namens Defektologie, die im Wesentlichen Sonderpädagogik, aber auch Bereiche der Psychologie, Medizin sowie Rehabilitation umfasste und genetisch orientierte Perspektiven ablehnte.

Die Defektologie sah Behinderung weder als etwas individuell Körperliches noch als dauerhafte Beeinträchtigung. Sie unterschied vielmehr zwischen Beeinträchtigungen beziehungsweise körperlichen oder intellektuellen Variationen einerseits und Defektivität andererseits.

Die Perspektiven und Erkenntnisse der Defektologie bedeuteten ein völlig neues Verständnis von Behinderung, das bald den Umgang mit Behinderung dominierte. Die bis dahin vorherrschenden Auffassungen begriffen individuelle Beeinträchtigungen als pathologische Abweichung und als Defizit, die die Betroffenen behindern und die Gesellschaft belasten. Das defektologische Paradigma verlagerte die Aufmerksamkeit vom individuellen auf den kollektiven, respektive den sozialen Körper. Die Defektologie sah Behinderung weder als etwas individuell Körperliches noch als dauerhafte Beeinträchtigung. Sie unterschied vielmehr zwischen Beeinträchtigungen beziehungsweise körperlichen oder intellektuellen Variationen einerseits und Defektivität andererseits. Letztere bezeichnete in erster Linie die dysfunktionale Beziehung zwischen Menschen mit Behinderungen und der nichtbehinderten Gesellschaft und machte die Schwierigkeiten dieses Verhältnisses zum Thema. Die neue Denkweise brachte viele politische und ideologische Implikationen mit sich, sie gab insbesondere der Fürsorge eine neue, spezifisch ideologische Bedeutung und fügte sich somit gut in die offizielle Rhetorik vom triumphierenden Sozialismus ein.[5]

In ganz unterschiedlichen Hinsichten befasst sich der Sammelband mit der sozialistischen Vision einer idealen Gesellschaft, in der es Behinderung(en) nicht mehr geben sollte. Aber mit der Zeit trat die Diskrepanz zwischen utopischer Vision und realer Praxis, die sich unter anderem aus den sozioökonomischen Schwächen des Staates ergab, immer stärker zutage. Die neun Einzelbeiträge zeichnen den Umgang mit Behinderung(en) in den Bereichen Forschung, Praxis, Politik und soziale Verwaltung, sowie in Medien und Literatur nach und beziehen sich auf ausgewählte sozialistische Staaten zwischen 1945 und 1989/1991. Ein geografischer Schwerpunkt liegt auf der sozialistischen Tschechoslowakei, daneben informiert der Band auch über die Situation in Bulgarien (welche sich in diesem Bereich an der UDSSR orientierte), in Polen und in der DDR.

In ihrer Einleitung erläutern die Herausgeberinnen Kateřina Kolářová und Martina Winkler die Themenwahl der Beiträge und geben einen Überblick zu den unterschiedlichen Rollen und Positionen, die Menschen mit Behinderungen in den sozialistischen Ländern hatten. Der Sammelband wolle dazu beitragen, dass wir besser verstehen, „how the socialist state defined, enabled and frustrated the citizenship of people with disabilities, of how differently it approaches diverse groups of people with disabilities and various forms of disabilities“ (S. 8). Der Staatssozialismus beruhe zwar auf einer umfassenden Vision von Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück für alle Menschen, so Kolářová und Winkler weiter, erkläre aber zugleich Erwerbsarbeit zum moralischen Imperativ. Gesundheitsversorgung, Rehabilitation und Arbeitsintegration nach dem sozialistischen Leistungsprinzip („jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“) waren zwar gut ausgebaut, konzentrierten sich aber größtenteils auf als arbeitsfähig wahrgenommene Personen. Erwachsene, deren Bildung und Integration in den Arbeitsmarkt nach den sozialistischen Vorstellungen nicht erfolgsversprechend gelingen wollte, waren aufgrund ihrer Beeinträchtigungen und den Unzulänglichkeiten des Staates in besonderer Weise von staatlichen Leistungen ausgeschlossen und gesellschaftlich benachteiligt.

Die Autor*innen fragen in ihren Beiträgen unter anderem danach, wie der reale Sozialismus Menschen mit Behinderungen einbezogen hat, wie sozialistische Gesellschaften mit körperlichen, intellektuellen, psychischen oder anderen Unterschieden umgingen und inwieweit Behinderung(en) das utopische sozialistische Gesellschaftsziel beeinträchtigt, verändert oder belastet haben. Sie behandeln aus Mikro-, Meso- oder Makroperspektive, welche Vorstellungen und Maßnahmen sowohl Menschen mit Behinderungen als auch deren Angehörige im realsozialistischen Staat begleiteten, förderten und integrierten, aber auch vernachlässigten, behinderten und frustrierten.

Im ersten Beitrag erläutert Claire Shaw sehr detailreich, wie sich während des Kalten Krieges eine sowjetische Gehörlosengemeinschaft formierte, die die Grundlage für internationale Netzwerke zwischen gehörlosen Menschen in den sozialistischen Ländern bildete. Marek Fapšo und Jan Randák führen in ihrem Artikel in die ideologischen Grundlagen der tschechoslowakischen Defektologie ein, die sich in der dortigen Wissenschaft und Praxis seit den 1950er-Jahren entwickelte und etablierte. Als nächstes beschreibt Teodor Mladenov aus administrativer Perspektive die defektologische Wissenschaft in Bulgarien und das dortige System zur Einschätzung des Behinderungsgrades. In Frank Henschels Text geht es um kindliche Sexualität, die man in den sozialistischen Ländern vielfach als Behinderung interpretierte, und für die man in erster Linie die Eltern verantwortlich machte. Der Beitrag bleibt nicht bei Normen und Werten stehen, sondern untersucht auch die Umgangsweisen der Regierung. Der Aufsatz von Maria-Lena Faßig macht mithilfe einer diskursanalytischen Untersuchung der tschechischen Frauenzeitschrift Vlasta deutlich, wie sich die Sichtweise auf Behinderung und Krankheiten in der Kindheit mit der Zeit änderte: Vermeintliche körperliche Mängel sollten mit immer weitreichenderen Mitteln beseitigt werden. Kateřina Kolářová und Filip Herza arbeiten kontroverse defektologische Debatten über Menschen mit Behinderungen und Roma heraus, die Vorurteile, staatliche Benachteiligungen und Ausgrenzung legitimieren sollten. Pia Schmüser befasst sich mit den sozialpolitischen Ambivalenzen in der DDR in Bezug auf Kinder mit Behinderungen und hohem Unterstützungsbedarf. Ob und in welchem Ausmaß Behinderung(en) in tschechischen Kindermedien vorkommen – dies fragt Martina Winkler, während sich Natalia Pamula mit intellektueller Behinderung in der polnischen Jugendliteratur beschäftigt.

Charakteristischerweise lag die alleinige Herrschaft im Staatssozialismus bei den staatlichen Parteien, die Sozialpolitik – also auch Auffassung von und Umgang mit Behinderung – war das wichtigste Mittel, um diese Machtposition zu legitimieren.

Die Beiträge beweisen eindrücklich, dass der Staat die ideologisch überhöhten sozialistischen Versprechen – umfassende Hilfe und Eingliederung – aufgrund seiner strukturellen Schwäche letztlich nicht einzulösen vermochte. Dies sorgte für Unmut und großen Frustrationen. Für ein besseres Verständnis des im Titel aufgeführten Begriffs des „Staatssozialismus“ wäre ein Überblicksartikel zur Ideologie und zum politischen System hilfreich gewesen. Charakteristischerweise lag die alleinige Herrschaft im Staatssozialismus bei den staatlichen Parteien, die Sozialpolitik – also auch Auffassung von und Umgang mit Behinderung – war das wichtigste Mittel, um diese Machtposition zu legitimieren.[6] Abschließend vermisst die Leserin wiederum einen Beitrag, der die Aussagen der versammelten Beiträge zusammenfasst und vergleichend diskutiert. Auch sind die einzelnen Artikel für thematische Outsider nicht immer gut verständlich.

Trotz der genannten Kritik ist die Lektüre des Buches sehr zu empfehlen, denn die Beiträge bieten eine breite interdisziplinäre, internationale und vergleichende Perspektive auf Behinderung(en) im Staatsozialismus. Sie gehen dabei über den üblichen, auf die UdSSR begrenzten Fokus hinaus und verbinden – intersektionalen Ansprüchen folgend – das Label „Behinderung“ mit anderen sozialen Kategorien wie „Ethnizität“, „Jugend“, „Geschlecht“ und „Sexualität“. Durch die zahlreichen Informationen, die in den Einzelaufsätzen mit unterschiedlichen thematischen oder regionalen Schwerpunkten stecken, und durch die Vielfalt an Zugängen und Themen entsteht auf den über 300 Seiten Stück für Stück ein komplexes Gesamtbild zu Behinderung(en) in staatssozialistischen Ländern. Die Beiträge zeigen die Widersprüche, die sich aus den sozialistischen Visionen, Versprechen und schließlich auch Frustrationen ergaben, analysieren sie in unterschiedlichen Hinsichten und versuchen, die bleibenden Ambivalenzen einzuordnen.

  1. Paul K. Longmore, Why I Burned My Book and Other Essays on Disability, Philadelphia, PA 2003.
  2. Siehe für die BRD: Elsbeth Bösl / Anne Klein / Anne Waldschmidt (Hg.), Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung, Bielefeld 2010; Gabriele Lingelbach / Anne Waldschmidt (Hg.), Kontinuitäten, Zäsuren, Brüche? Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen in der deutschen Zeitgeschichte, Frankfurt am Main / New York 2016.
  3. Anne Waldschmidt, Disability Studies zur Einführung, Hamburg 2020.
  4. Sarah D. Phillips, „There Are No Invalids in the USSR!“ A Missing Soviet Chapter in the New Disability History [21.10.2021], in: Disability Studies Quarterly 29 (2009), 3, o.p.; Michael Rasell / Elena Iarskaia-Smirnova (Hg.), Disability in Eastern Europe and the Former Soviet Union. History, Policy and Everyday Life, London 2016; Teodor Mladenov, Disability and Postsocialism, London 2018; Sarah Dauncey, Disability in Contemporary China. Citizenship, Identity and Culture, Cambridge 2020.
  5. Maria Cristina Galmarini-Kabala, The Right to Be Helped. Deviance, Entitlement, and the Soviet Moral Order, Ithaca, NY 2017. Siehe insbes. die Einführung von Kateřina Kolářová / Martina Winkler sowie die Beiträge von Marek Fapšo / Jan Randák und Teodor Mladenov im hier rezensierten Sammelband.
  6. Siehe Uwe Backes / Günther Heydemann / Clemens Vollnhals (Hg.), Staatssozialismen im Vergleich. Staatspartei – Sozialpolitik – Opposition, Göttingen 2019.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Care Geschichte Gesundheit / Medizin Körper Sozialpolitik

Angela Wegscheider

Angela Wegscheider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, Österreich. Sie arbeitet zu Disability Studies, Disability History, Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen und Sozialpolitik.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Angela Wegscheider

Diskurse um Normierung und Optimierung

Rezension zur Ausstellung „Wert des Lebens. Der Umgang mit den Unbrauchbaren“ im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, Österreich

Artikel lesen

Anna Kluge

Eine politische Angelegenheit

Rezension zu „Politiken der Reproduktion. Umkämpfte Forschungsperspektiven und Praxisfelder“ von Marie Fröhlich, Ronja Schütz und Katharina Wolf (Hg.)

Artikel lesen

Newsletter