Claudius Härpfer | Rezension |

Vom Reformer zum Revolutionär

Rezension zu „Du Bois. A Critical Introduction“ von Reiland Rabaka

Reiland Rabaka:
Du Bois. A Critical Introduction
Großbritannien
Cambridge 2021: Polity
224 S. , £55.00
ISBN 9781509519248

Die Buchreihe „Key Contemporary Thinkers“ läuft bei Polity Press schon seit vielen Jahren mit dem Ziel, ein breites Publikum mit einflussreichen Denker:innen vertraut zu machen, ohne Einschränkungen durch Geografie, Denktraditionen oder Disziplinen. Nach Studien beispielsweise zu Agamben, Chomsky, Heidegger, Sloterdijk, Walser und vielen anderen ist nun auch ein Band zu W. E. B. Du Bois erschienen.

William Edward Burghardt Du Bois (1868–1963) ist ohne Frage einer der besonders wichtigen afroamerikanischen Intellektuellen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.[1] Unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studierte er ab 1885 an der Fisk University in Nashville und Harvard, wo er 1895 als erster Afroamerikaner einen PhD in Geschichte erlangte. Zuvor verbrachte er ab 1892 zwei Jahre in Deutschland, in denen er unter anderem Vorlesungen von Gustav Schmoller und Heinrich von Treitschke hörte. Von 1897 bis 1910 hatte er eine Professur an der University of Atlanta, Georgia inne und baute dort eines der ersten Soziologiedepartments in den Vereinigten Staaten auf. Von 1910 an war er im Vorstand der von ihm mitbegründeten National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), deren Zeitschrift The Crisis er herausgab. 1934 trat er im Alter von 66 Jahren von all seinen Ämtern zurück.

Du Bois begann seine schriftstellerische Karriere in den 1890er-Jahren als von der historischen Schule der deutschen Nationalökonomie ausgebildeter Sozialwissenschaftler, der empirische Studien zur Lebenssituation der schwarzen Bevölkerung durchführte. Größere Aufmerksamkeit erlangte er durch sein frühes ‚Hauptwerk‘ The Souls of Black Folk aus dem Jahre 1903.[2] Im Nachklang dieses Buches entwickelte er ein zunehmend vielfältiges politisches Engagement und setzte sich auf breiter Front für die Gleichstellung und Eigenständigkeit der afroamerikanischen Bevölkerung ein. In diesem Zusammenhang wurde er auf viele weitere Problemfelder aufmerksam und der konservative Reformer wurde allmählich zum (immer radikaleren) Revolutionär. Sein publizistisches wie politisches Engagement brachte ihn im Laufe der Zeit auch dem Marxismus näher. 1961 wanderte er schließlich nach Ghana aus, wo er 1963 als ghanaischer Staatsbürger starb. Blickt man in die seit den 1990er-Jahren stark angewachsene Literatur zu Du Bois, so findet man dort vielfach sich teils widersprechende Zuschreibungen wie Harvard-Absolvent, Soziologe, Historiker, Publizist, Sozialreformer, Revolutionär, radikaler Marxist, demokratischer Sozialist, Feminist, Chauvinist, schwarzer Nationalist, Pazifist und radikaler marxistischer Internationalist, um nur einige zu nennen. Dem Werk einer derart vielschichtigen (öffentlichen) Person auf 200 Seiten in gut lesbarer Form kritisch würdigend gerecht zu werden, ist ein überaus komplexes Unterfangen. Aber mit Reiland Rabaka hat sich freilich ein langjähriger Kenner der Materie dieser schwierigen Aufgabe gestellt.[3]

Als Zuschnitt seiner Darstellung wählt Rabaka fünf Themenblöcke, die einer groben – natürlich nicht überschneidungsfreien – Chronologie folgen. Zum besseren Verständnis streut der Autor den historischen wie kulturellen Kontext sukzessive ein, belässt diesen aber ebenso wie die Person Du Bois zugunsten der behandelten Themen eher im Hintergrund. Als Klammer dient Rabaka die Idee, dass es sich bei Du Bois‘ logisch zusammenhängender und aufeinander aufbauender Kritik an Rassismus, Sexismus, Kapitalismus und Kolonialismus um eine frühe Form von Intersektionalität handelt.

Dieser Idee folgend ist das erste Kapitel überwiegend Du Bois‘ 1899 publizierter empirischer Studie The Philadelphia Negro[4] gewidmet, die als sein umfassendster sozialwissenschaftlicher Beitrag gilt. In dieser bemerkenswerten Studie, in deren Rahmen er unter anderem 5000 (!) Interviews führte, untersuchte er 1896/1897 die Lebensverhältnisse der afroamerikanischen Bevölkerung in Philadelphias 7th Ward. Diesem reichhaltigen, statistisch ausgewerteten Datenmaterial legt Du Bois eine breite historische Rekonstruktion zu Grunde; beides liefert ihm das Material für seine soziologische Interpretation. Das von Rabaka besonders hervorgehobene Verdienst dieser Arbeit ist die darin stattfindende Diskussion der Klassenstruktur der afroamerikanischen Bevölkerung. Du Bois unterscheidet zwischen der besseren Klasse, der Arbeiterklasse, den Armen und der niedrigsten Klasse, die aus Kriminellen, Prostituierten und Faulenzern besteht. Damit habe er, so Rabaka, ein Klassenmodell geschaffen, das die Kategorien Rasse und Klasse integriere und so speziell auf die Afroamerikaner:innen und andere kolonialisierte Minderheiten in kapitalistischen Ländern zugeschnitten sei. Wie man am Beispiel von Du Bois‘ Darstellung der afroamerikanischen Familienverhältnisse, insbesondere an der Beschreibung unverheirateter Frauen aber sehe, schaffe es Du Bois in dieser Arbeit nicht, seinen durch Überassimilation erworbenen Eurozentrismus und Elitismus zu überwinden. Daher gelangt Rabaka zu der Einschätzung, Du Bois‘ methodologische Fortschrittlichkeit treffe in dieser Studie auf rückschrittliche, konservative Interpretationen.

Hatte Du Bois in The Philadelphia Negro noch versucht, die Lebensumstände der afro­amerikanischen Bevölkerung mit dem State of the Art der – aus Europa importierten – empirischen Sozialforschung zu erfassen, so versuchte er anschließend, das Schwarz-Sein aus Sicht der afroamerikanischen Bevölkerung begreiflich zu machen. Die Kapitel zwei und drei von Rabakas Ausführungen drehen sich um Du Bois‘ (im Vergleich zu The Philadelphia Negro) kleines, aber dennoch einschlägiges und bis heute viel gelesenes Büchlein The Souls of Black Folk.[5] Darin stellt Du Bois das Weiß-Sein dem Schwarz-Sein gegenüber und postuliert zwei Welten, zwischen denen der unüberbrückbare „veil of color“ hänge, ein Schleier des Rassismus, der das Leben der Afroamerikaner:innen im individuellen Alltag bestimme. Höher skaliert nennt Du Bois dieses strukturelle Phänomen die „color-line“, die das zentrale Problem des 20. Jahrhunderts sei, wie er im berühmten ersten Absatz des Buches postulierte.[6] Schwarze bilden Du Bois zufolge ein Doppelbewusstsein aus, indem sie lernen, sich selbst vom weißen (scheinbar überlegenen) Standpunkt aus zu betrachten und sich damit als (scheinbar unterlegene) Schwarze unterzuordnen. Stellen Afroamerikaner:innen dieses Konstrukt in Frage – Du Bois spricht in diesem Kontext von einer „second-sight“ – und begreifen sich vom afroamerikanischen Standpunkt aus als Schwarze (Selbstbewusstsein), so sind sie in der Lage, einen kleinschrittigen Prozess der Dekolonialisierung und Befreiung einzuleiten.

Führt man diese Gedanken zu Ende, stellt sich freilich die Frage nach dem Weiß-Sein. Aus Perspektive des Schwarzen Du Bois, der Selbstbewusstsein entwickelt hat, ist nun nicht mehr der Schwarze das Problem – man denke hier an den vielzitierten Satz: „How does it feel to be a problem?“[7] – sondern der Weiße respektive die weiße Vorherrschaft. Diese unterscheidet sich von überall auftauchenden lokalen Rassismen durch ihre imperialistische, weltumspannende Wirkung, die zu einer Kolonialisierung der Humanität führe, wie Du Bois 1910 in seinem Aufsatz The Souls of White Folk näher ausführte.[8]

Auf die Kritik an der weißen Vorherrschaft folgt in Rabakas Darstellung in Kapitel vier die Kritik an der männlichen Vorherrschaft, die Du Bois ab den 1910er-Jahren neben der Friedensbewegung zu den großen Aufgaben seiner Zeit zählte.[9] So wie die Unterdrückung anderer Teile der Welt durch die Vorherrschaft der Weißen falsch sei, sei auch die Unterdrückung des weiblichen Teils der Weltbevölkerung ein drängendes Problem. Dieser Ansicht entsprechend setzte er sich für das Wahlrecht und die Gleichberechtigung schwarzer Frauen ein und begann zunehmend, die Probleme der dunkleren Rassen, der schwachen Frauen und der niederen Klassen zusammenzudenken und so die Mechanismen von Rassismus, Sexismus und Klassismus als Teile eines einzigen Problems zu verstehen. Er nahm afroamerikanische Frauen als Frauen, als Afroamerikanerinnen und als Arbeiterinnen in den Blick. Aus diesen Verknüpfungen erwuchs für ihn zum einen ein inklusives Demokratieverständnis, zum anderen eine kritische Haltung gegenüber dem Kapitalismus, den er als Quelle all jener Übel identifizierte. An dieser Stelle wird Rabakas Anschluss an den aktuellen Intersektionalitätsdiskurs deutlich. Dass Du Bois‘ öffentlicher Feminismus mit privatem Chauvinismus einherging, deutet Rabaka immerhin in einer längeren Endnote an(S. 189 f.), in der er im Rekurs auf diverse Stellen in den in Fußnote 1 genannten einschlägigen Biografien von David Levering Lewis eine ganze Reihe von Affären und einen wenig rühmlichen Umgang mit Frauen thematisiert.

Im fünften Kapitel schließlich beschreibt Rabaka Du Bois‘ Weg vom gemäßigten Reformer hin zum Radikalen. Schon in seiner Berliner Studienzeit beschäftigte Du Bois sich mit Marxismus und Sozialismus. Sein Interesse für diese Strömungen intensivierte sich im Nachklang der Revolution von 1917 in den 1920er-Jahren und hatte seinen bekanntesten publizistischen Niederschlag im 1935 veröffentlichten Black Reconstruction in America 1860–1880.[10] In diesem Buch lieferte Du Bois eine alternative Geschichtsschreibung des Bürgerkriegs und der darauffolgenden Zeit des Wiederaufbaus, den er als großes marxistisches Experiment begriff. Der Marxismus Du Bois‘ unterscheide sich Rabaka zufolge von den Entwürfen weißer Autoren darin, dass er die kapitalistische Unterdrückung mit Perspektiven auf die Kategorien Rasse, Gender und Kolonialismus verknüpfe. Während Du Bois zwar die Kapitalismuskritik des Mainstream-Marxismus teilte, insistierte er auch darauf, dass die Mehrheit der Arbeiterklasse nicht nur mit dem Kapitalismus ringe, sondern auch tagtäglich mit Rassismus und Kolonialismus konfrontiert sei. Rabaka geht an dieser Stelle auch auf Du Bois‘ unkritische Unterstützung der Regime Josef Stalins und Mao Tse-Tungs ein und vermutet, dass Du Bois‘ Faszination für die Sowjetunion daher rührte, dass er dort im Rahmen seiner Besuche eine antikapitalistische Welt erlebt hatte, die zudem frei von Rassismus war (S. 150), was ihn in seinem Glauben an diese alternative Möglichkeit bestärkte. Dennoch war der Marxismus für Du Bois nur ein Mittel zum Zweck, denn seine Lösung sah eine radikale Demokratie (demokratischer Sozialismus) im Sinne eines kulturellen Zivilisationsprojektes vor, in dem sich jeder Mensch – von den Nöten des Alltags befreit – frei nach eigenem Gutdünken und persönlichen Vorlieben entwickeln könne.[11]

Rabaka hat ein kompaktes und klar geschriebenes, informatives Buch vorgelegt, das einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt Du Bois‘ ermöglicht und Lust darauf macht, sich dessen reichhaltiges Werk im Original anzusehen. Dabei betreibt der Autor keinerlei Heldenverehrung, sondern bleibt zumeist angenehm distanziert und nüchtern, ohne zu skandalisieren – gleichzeitig aber auch ohne viel zu erklären. So steht der Vorwurf des Eurozentrismus neben den Ergebnissen von The Philadelphia Negro, der private Chauvinismus neben dem öffentlichen Feminismus und die pazifistischen Bemühungen neben der Bewunderung für Mao und Stalin. Als sortierende, interpretative Klammer bietet Rabaka wie erwähnt die Idee der Intersektionalität an. Dieser Zuschnitt mag aus der Perspektive der Critical Race Studies Sinn ergeben und macht Du Bois zweifelsohne für einen aktuellen interdisziplinären Diskurs anschlussfähig. Jedoch stellt sich die Frage, warum es ausgerechnet dieser Diskurs ist, den Rabaka herausgreift. So überzeugend dieses Konzept auch sein mag, so fällt schon bei der Lektüre des Buches auf, dass es sich dabei eher um einen unsystematisch angeschlossenen Nebenschauplatz handelt und das Werk Du Bois‘ sehr viel mehr zu bieten hat. Der explizite Anschluss an den Intersektionalitätsdiskurs findet im Wesentlichen auf wenigen Seiten im Kapitel „The Damnation of Women“ statt (S. 95–113) – wo er auch passend platziert ist, wenn man von einem engen Intersektionalitätsbegriff ausgeht. Der Fokus bleibt allerdings auf Du Bois und der Literatur zu dessen öffentlichem Feminismus im Kontext des Black Feminism, ohne, dass der Mehrwert dieses Anschlusses deutlich würde.

Rabaka schließt das Buch mit der etwas unbefriedigenden Aussage, die intellektuelle Wandlung Du Bois‘ vom konservativen Reformer hin zum radikalen Revolutionär sorge dafür, dass in seinem Denken jede:r etwas von Wert für sich selbst finden könne (S. 161). Gerade bei einem Intellektuellen, der im Laufe seiner Entwicklung aus heutiger Perspektive einige Irrwege absolviert hat, wie etwa die erwähnte unkritische Unterstützung antikapitalistischer Diktatoren, wäre – zumindest aus europäischer Perspektive – etwas mehr Historisierung angebracht gewesen, um einige der scheinbaren Widersprüche zu relativieren und einzuordnen. Rabakas Fazit ist sicher nicht geeignet, um eine intellektuelle Legitimation für die Massenmorde Stalins und Maos zu liefern, sondern vielmehr als Aufruf zum Selbstlesen und -entdecken des Du Bois‘schen Werkes zu verstehen. Hierfür bietet das Buch ohne Frage wichtige Hilfestellungen, indem es einen chronologisch-thematischen Überblick über Du Bois‘ Schriften zur Verfügung stellt und dabei auch die wichtigen von den Gelegenheitsarbeiten unterscheidet. Gerade bei einem Intellektuellen wie Du Bois, der sich unterschiedlichster Genres bedient hat, ist eine solche Hilfestellung nicht zu unterschätzen. Auch die entsprechende einschlägige Sekundärliteratur wird diskutiert, sodass den Leser:innen des Buches eine gute Basis bereitgestellt wird, um sich mit dem Werk Du Bois‘ zu befassen.

  1. Vgl. etwa David Levering Lewis, W. E. B. Du Bois. Biography of Race, 1868–1919, New York 1993; David Levering Lewis, W. E. B. Du Bois: The Fight for Equality and the American Century, 1919–1963, New York 2000; David Levering Lewis, W. E. B. Du Bois: A Biography, New York 2009.
  2. W. E. B. Du Bois, The Souls of Black Folk, New York 1994.
  3. Auf der Liste mit Rabakas ausgewählten Publikationen dominiert die Auseinandersetzung mit Du Bois seit 2007: https://www.colorado.edu/ethnicstudies/people/core-faculty/reiland-rabaka [zuletzt abgerufen am 9.12.2021].
  4. W. E. B. Du Bois, The Philadelphia Negro: A Social Study, Publications of the University of Pennsylvania Series in Political Economy and Public Law, Bd. 14, Philadelphia 1899.
  5. Du Bois, The Souls of Black Folk
  6. Ebd., S. 3
  7. Ebd., S. 7.
  8. W. E. B. Du Bois, The Souls of White Folk, S. 29–52, in: W. E. B. Du Bois, Darkwater. Voices from Within the Veil, New York 1920.
  9. Vgl. zum Beispiel Du Bois, The Damnation of Women, S. 163–186, in: W. E. B. Du Bois, Darkwater. Voices from Within the Veil, New York 1920.
  10. Du Bois, Black Reconstruction in America 1860–1880, New York 1935.
  11. Du Bois, The Future of Europe in Africa, S. 184–198, in: W. E. B. Du Bois, Against Racism: Unpublished Essays, Papers, Addresses, 1887–1961, Amherst 1985, S. 197–198.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Feminismus Gender Kapitalismus / Postkapitalismus Macht Methoden / Forschung Rassismus / Diskriminierung Soziale Ungleichheit Sozialgeschichte

Claudius Härpfer

Dr. Claudius Härpfer ist Lehrstuhlmanager und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technik- und Organisationssoziologie (STO) der RWTH Aachen University. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Relationalen Soziologie und Netzwerkforschung, der Allgemeinen Soziologie und Soziologischen Theorie sowie der Wissenschafts- und Technikforschung.

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