Frank Eckardt | Rezension |

Von der notwendigen Fantasie für die Stadt(-planung)

Rezension zu „The Urban Planning Imagination. A Critical International Introduction“ von Nicholas A. Phelps

Nicholas A. Phelps:
The Urban Planning Imagination. A Critical International Introduction
Großbritannien/USA
Cambridge/Oxford/Boston 2021: Polity Press
248 S., 19,99 EUR
ISBN 9781509526253

Während eine Verständigung über die Rettung der Erde vor der Klimakatastrophe und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auf globaler Ebene nicht zu gelingen, ja gar unmöglich scheint, richtet sich die Hoffnung vieler Menschen auf ihre direkte Lebensumgebung, auf den begrenzten Horizont ihres eigenen Handlungsumfeldes. Lauter als je zuvor wird die Forderung, die Städte sollten aktiv werden und Verantwortung übernehmen, wenn Nationalstaaten und „Global Player“ scheinbar nicht in der Lage sind, die Rettung der Erde in Angriff zu nehmen. Die Überschätzung der Möglichkeiten, lokale Lösungen für die drängenden Zukunftsfragen zu finden, kennzeichnet eine ganze Armada intellektueller Perspektiven. Schon in den 1980er-Jahren sind vor allem im amerikanischen Raum Ansätze der Stadtplanung formuliert worden, die sich mal progressiv, zumeist aber reaktionär als „New Urbanism“ im Anschluss an den philosophischen Kommunitarismus – „think global, act local“ – herausbildeten und deren Grundidee schlichtweg lautete, dass man zwar die Welt nicht retten, es sich aber zumindest vor Ort der eigenen Auffassung entsprechend einrichten könne. Diese als Lokalismus gebrandmarkte Haltung hat hingegen in Deutschland nur wenig Anklang gefunden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Städtebau hierzulande keine Gated Communities hervorgebracht hat, und auch die grüne Gentrifizierung als progressive Spielart des Lokalismus hat sich bislang nur in wenigen Stadtteilen einzelner Großstädte durchsetzen können. Stattdessen herrschen in Deutschland Vorstellungen von Stadtplanung vor, die die Kontinuität der technogläubigen „Stadttechnik“ und der obrigkeitsbuckelnden „Baupoliceyordnung“ – beides Kinder des 19. Jahrhunderts – fortsetzen. Daran hat auch die Partizipationskultur nach den 1980er-Jahren nicht viel geändert, zumindest wenn es um die letztliche Entscheidungsbefugnis geht.

Das außerordentlich lesenswerte Buch von Nicholas A. Phelps über die Urban Planning Imagination hat den Vorteil, nicht aus der lokalistischen Perspektive vieler Autor:innen geschrieben zu sein, die die Stadt für sich als Ort ihrer politischen Träume und Vorstellungen über das gute Leben entdeckt haben und sich dabei in der Vorstellung verrennen, dass in der eigenen Stadt doch alles anders sein könne. Phelps‘ Verständnis von Stadtplanung hingegen ist geprägt von einer nüchternen Beobachtung der historisch gewachsenen Stadt auf der einen Seite und, auf der anderen Seite, dem Wissen darum, dass Städte auch immer Ausdruck von Vorstellungen über die Zukunft gewesen sind. Für Phelps, Professor für Stadtplanung an der Universität Melbourne, bleibt die Stadt deshalb nach wie vor der Ort, an dem „if temporary“ (S. 5) dennoch Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft gefunden werden können. Sein essenzielles Argument lautet, dass alle Probleme nur durch die Lernfähigkeit des Menschen angegangen werden können und sich aus diesem Grund die Geschichte der Stadt immer wieder durch die Nutzung derlei menschlicher Fähigkeiten entwickeln konnte. Eine solche Perspektive stellt sich für die Stadtplanung nur ein, wenn die Vielfalt der Planung in ihrem vollen Umfang erkannt und anerkannt wird. Dazu gehört vor allem die Frage, wer denn eigentlich plant. Im Gegensatz zu autoritären Top-Down-Ansätzen und den lokalistischen Haltungen zur Stadtplanung bietet Phelps hier eine komplexere Antwort an, die die Bürger:innen, sogenannte „Clubs (corporations, civic associations, environmental groups etc.)“ und staatliche Akteure als Hauptentscheidungsträger der Stadtplanung identifiziert. Die Zusammenfassung von Unternehmen und Zivilgesellschaft als „clubs“ erlaubt zwar die Betonung einer dritten Sphäre, die in binären Vorstellungen von Stadt und Stadtplanung (etwa top oder down) nicht vorkommen, sie erscheint aber dann doch an einigen Stellen der weiteren Argumentation nicht optimal. Phelps betont, dass zwischen den Akteur:innen erhebliche Macht- und Einflussmöglichkeiten bestehen und dieser Dreiklang in Wirklichkeit nur die Simplifizierung eines Patchworks darstelle, das die Stadt zugleich verbinde und fragmentiere.

Schon von Beginn an fällt ein Wort auf, das in der Phelps‘schen Argumentation eine zentrale Rolle einnimmt, ohne dass der Autor dem Begriff eine geisteswissenschaftliche Einordnung folgen lässt, einem Begriff, der in deutschen Diskursen über Stadtplanung schmerzhaft vermisst wird: Weisheit. Für Phelps ist die Beschäftigung mit der Geschichte einer Stadt und ihrer Stadtplanung in unterschiedlichen historischen wie kulturellen Kontexten der Versuch, aus den gelungenen und fehlgeschlagenen Vorstellungen davon, wie eine Stadt für die Zukunft geplant werden müsse, kein spezielles Wissen von Expert:innen, sondern eine menschliche Kompetenz, die im Laufe der Geschichte als allgemeine Fähigkeit zur Planung entstanden ist, die immer wieder vergessen und wiederentdeckt wurde. Das Planen der Stadt lässt sich nur dann als Lösung zukünftig anstehender Aufgaben und Herausforderungen reaktivieren, wenn es in ein grundlegendes Verständnis vom Verhältnis des Menschen zu sich selbst und zur ihn umgebenden Natur eingebettet ist. Lernfähigkeit, Reflexivität, Experimente und Erfahrungen fließen in den Akt des Planens ein und stellen somit eine Quelle von Weisheit dar, auf die die verschiedenen Akteur:innen der Stadtplanung zurückgreifen können. In der Praxis wird dies mal mehr oder mal weniger getan, weswegen es auch keine lineare Entwicklung der Stadtplanung gibt. Oftmals gekoppelt an das Narrativ der Moderne und des Fortschritts hat die Stadtplanung sich öfter von der vorhandenen Weisheit entfernt und sich als eine automatische, kontinuierliche Verbesserung der vorhandenen Lebensumstände verstanden, die sich mit Vorstellungen über die Zukunft nicht mehr auseinanderzusetzen braucht. Wie Phelps insbesondere im sechsten Kapitel verdeutlicht, muss dieses Selbstbild der modernen Stadtplanung, das nach wie vor als „rational planning“ bezeichnet wird – so als sei man nur dem besten Argument verpflichtet –, korrigiert und als Produkt der jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Institutionen dekonstruiert werden. Wer plant, ist ebenso normativ tätig und die aktive Beschäftigung mit den normativen Vorstellungen der Gesellschaft darf dabei nicht außen vor bleiben. So ist das Planen von guten Städten immer auch fester Bestandteilt politischer und öffentlicher Debatten. Dabei kann die Stadtplanung als eine genuin fehlerhafte Arena des Handelns verstanden werden, oder wie Phelps es ausdrückt: „As one of the most critized and insecure disciplines, planning can hardly escape a sense of its own fallibility.“ (S. 9).

Die große Chance der Stadtplanung besteht darin, die Gemeinsamkeit des Ortes als eine Möglichkeit zur Integration und Inklusion der Gesellschaft zu begreifen. Im zweiten Kapitel zeigt Phelps anhand seines Drei-Sphären-Models auf, wie ein solcher „planning’s spirit“ umgesetzt werden kann und welche Zwecke mit der Stadtplanung verfolgt werden können. Dazu gehört die Anerkennung der makrogesellschaftlichen Entwicklungen eines weltweit vernetzten Kapitalismus, der seinen eigenen „vast, globalized bureaucratic urban planning apparatus“ (S. 26) installiert hat. Die Skalierung von Planung in einer durch unzählige global flows strukturierten Welt wird dabei von Phelps zu Recht als die herausragende Thematik für stadtplanerisches Handeln in den Vordergrund gerückt. Nur sogenannte „bounded places“ wie etwa Nachbarschaften unterliegen zumindest temporär nicht der dominanten Globalisierung und ermöglichen es daher, Vorstellungen (imagination) zu entwickeln, die etwa Bürger:innen oder engagierte Architekt:innen auch dazu nutzen können, alternative Diskurse, Praktiken und Entwürfe von der Stadt und der darin lebenden Gesellschaft einzubringen.

Gerechtigkeit und Gleichheit sind die Grundideen dieser alternativen Vorstellung von der Stadt, die Phelps im dritten Kapitel des Buches aufgreift und vertiefend diskutiert. Dabei thematisiert er die Problematik der „Commons“ (Planung für das Allgemeingut) und veranschaulicht, wie eine normativ als gut erachtete Idee sich durch die Loslösung aus konkreten Kontexten der jeweiligen Stadt als problematisch erweisen kann. Hierbei ist die generelle Einsicht naheliegend, dass Stadtplanung sich immer auch mit den durch sie hervorgerufenen unerwünschten Nebenwirkungen beschäftigen muss. Sie sollte nicht der Illusion erliegen, einen perfekten Plan zu verfolgen, sondern vielmehr einen demokratisch ausgehandelten Prozess anstreben, der sich nicht in einer legalistischen Partizipation erschöpfen darf. Die Co-Produktion der Stadt durch ihre Bürger:innen, auch deren Widerstände müssen in einen solchen Aushandlungsprozess eingebunden werden. Dies intellektuell aufzugreifen und in das eigene Verständnis von Stadtplanung einzubeziehen steht der Disziplin allerdings noch bevor. Zu oft wird sie von „Clubthinking“ gelenkt, das entweder unternehmerisch und technoverliebt die „smart city“ befördert oder Stadtplanung wird durch die mystische Behauptung von der Kreativität angesehener Architektur- und Urbanistik-Expert:innen bestimmt. Stattdessen wäre es notwendig, dass sich Stadtplaner:innen als „change maker“ verstehen würden – und dass Politik wie Gesellschaft ihnen diese Rolle ebenso zugestehen.

Wer dies befürwortet, wird sich mit der vorherrschenden Theorie der Stadtplanung, die sich als Ergebnis einer Prädominanz europäischer Vorstellungen von der guten Stadt darstellt, auseinandersetzen und insbesondere die Städte des Globalen Südens für die Irritation der eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten von Instrumenten, Ideen, Vorstellungen und Objekten der Stadtplanung nutzen müssen. Nicholas A. Phelps hat mit seinem Buch hierfür wichtige Argumente geliefert und eine erfrischend-befreiende Sichtweise auf Stadtplanung vorgestellt, die die wichtigsten Denkfallen des Lokalismus vermeidet. Stattdessen führt er Beispiele an, die nicht als eine weitere Ansammlung von Best-Practice-Modellen repräsentiert werden, sondern die Diskussion über die Ambivalenz von Stadtplanung ermöglicht. Phelps realisiert mit diesem Buch daher sein eigenes Argument, dass die Lösungen für die Stadt der Zukunft nicht top-down gefunden werden können, sondern als Ergebnis eines menschlichen Lernprozesses in der vorhandenen Institutionslandschaft. Dies aufzuzeigen, ist das große Verdienst dieses Buches.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Kultur Ökologie / Nachhaltigkeit Politik Stadt / Raum Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

Frank Eckardt

Frank Eckardt ist Politikwissenschaftler und Professor für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar.

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