Jens Bisky | Rezension |

Wahrheit, Lüge und andere Kleinigkeiten

Rezension zur Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden und zum Begleitheft „Fake. Das Magazin. Nichts als die Wahrheit?“ von der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum (Hg.)

Stiftung Deutsches Hygiene-Museum (Hg.):
Fake. Das Magazin. Nichts als die Wahrheit?
Deutschland
Dresden 2022: Verlag des Deutschen Hygiene-Museums
37 S., kostenlos
ISBN 978-3-86043-064

Im Frühling 1957 zeigte die BBC in ihrer montäglichen Nachrichtensendung Panorama, die regelmäßig 10 Millionen Zuschauer:innen erreichte, einen Bericht über die Spaghetti-Ernte im Tessin. Der zurückliegende Winter war mild gewesen, die gefürchteten März-Fröste blieben aus und auch der Rüsselkäfer ließ sich nicht blicken, sodass die jungen Frauen reichlich Pasta-Fäden in bester Qualität von den Bäumen pflücken und zum Trocknen in der Sonne auslegen konnten. Hohe Preise auf dem Weltmarkt schienen sicher, auch wenn das kleine Tessiner Anbaugebiet, wie der Sprecher klarstellte, mit den ausgedehnten Spaghetti-Plantagen der Po-Ebene nicht konkurrieren könne.

Das Foto zeigt den ersten Aprilscherz im TV: Am 1. April 1957 berichtet die BBC von Pasta-Fäden an Bäumen, die geerntet und an der Sonne getrocknet werden: Glaubwürdig erschienen diese Bilder in der BBC-Nachrichtensendung, weil sie mit dem seriösen Kommentar eines Nachrichtensprechers unterlegt waren. Hunderte von Zuschauer:innen riefen anschließend beim Fernsehsender an, um einen Spaghetti-Baum zu kaufen.
Pasta-Fäden an Bäumen, die von jungen Frauen im Tessin geerntet und dann an der Sonne getrocknet werden - Ausschnitt aus der BBC-Nachrichtensendung „Panorama“ vom 1. April 1957, © BBC, London

Im Anschluss an diesen kleinen Bericht aus den Schweizer Alpen verabschiedete sich der Moderator Richard Dimbledy, dem die Zuschauer:innen vertrauten, mit dem Satz: „Now we say goodnight, on this first day of April.“[1] Der Beitrag stieß auf großes Interesse und provozierte manchen Streit. Eine Frau sagte daheim, der Bericht sei unsinnig, für Pasta brauche es Wasser und Mehl, wogegen ihr Gatte darauf beharrte, Spaghetti wüchsen sehr wohl an Bäumen, so habe es Richard Dimbledy doch gerade erklärt. Also riefen die Eheleute beim Sender an in der Hoffnung, die Nachrichtenredaktion werde die Auseinandersetzung entscheiden. Weitere Anrufer:innen sollen auch gefragt haben, wo sie Spaghetti-Pflanzen erwerben könnten. Die Journalist:innen rieten ihnen, ein paar Spaghetti mit Tomatensoße in eine Dose zu tun und auf das Beste zu hoffen.

Es gibt gute Gründe zur Skepsis gegenüber solchen Erzählungen von gefoppten Zuschauern und Zuschauerinnen. Medien übertreiben ihre Wirkungen gern; wie viele den Aprilscherz sofort durchschauten und sich an der handwerklichen Perfektion des Filmberichts aus dem Tessin erfreuten, wissen wir nicht. Immerhin berichtete die Presse über den Streich, „BBC fools about with spaghetti“, hieß es im Daily Telegraph.

Als Beispiel einer erfolgreichen Lügengeschichte ist der BBC-Bericht in der Ausstellung Fake. Die ganze Wahrheit im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen. An diesem harmlosen Fall lässt sich gut zeigen, was es braucht, um die Unwahrheit wahrscheinlich und plausibel erscheinen zu lassen: eine vertrauenswürdige Institution, die Einhaltung der formalen Konventionen eines Nachrichtenbeitrags, gekonnte Anknüpfungen an Weltbild und Erwartungen des Publikums, das aus vielen Berichten bereits weiß, wie gefährdet Ernten und wie umkämpft die Märkte für landwirtschaftliche Erzeugnisse sind. Auch schmeichelte der Bericht untergründig dem Misstrauen gegenüber industrieller Landwirtschaft, der Wertschätzung von Handarbeit in überschaubaren Gemeinschaften.[2]

Das Beispiel passt bestens zum spielerischen Geist, mit dem die Ausstellung eines der großen Gegenwartsthemen be- und verhandelt. Sie thematisiert das Wechselspiel von Lüge und Wahrheit, versucht, neue Perspektiven einzuüben, einige Routinen zu unterlaufen, mit denen seit Jahren über Fake News, Verschwörungstheorien und postfaktische Politik gestritten wird. Dazu hat der Philosoph und Kurator Daniel Tyradellis ein Amt für die ganze Wahrheit bauen lassen; jede Besucherin, jeder Besucher erhält dort einen Ausweis für den interaktiven Parcours, die Gänge durch die verwinkelte Behörde mit ihren signalgelb leuchtenden Türen. „Die Wahrheit braucht Dich!“, lautet das Motto.

Ein Lügendetektor zum Selbstausprobieren. Das Bild zeigt eine lachende Person, die an den Detektor angeschlossen ist; zwei Personen stehen vor ihr, stellen scheinbar Fragen.
Am Lügendetektor: Blick in die Ausstellung, © Oliver Killig

Über Fake News und Verschwörungstheorien ist viel geredet und geschrieben worden, seit die Propagandalügen der Brexit-Befürworter Erfolg hatten, Donald Trump mit Demagogie 2016 die US-Präsidentschaftswahlen gewann und seinen Kritiker:innen die Verbreitung von Fake News vorwarf. Der Streit um den Klimawandel und derjenige um die Seuchenschutzmaßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie haben die Auseinandersetzung ebenso befeuert wie die jahrelangen antiliberalen Destabilisierungskampagnen aus Putins Russland. Publikationen zum Thema bieten meist eine Mischung aus zeitdiagnostischen, philosophischen, literatur- und mediengeschichtlichen Argumenten, häufig offerieren sie auch Ratschläge und Tipps, wie Verschwörungstheorien und Lügen zu durchschauen, Bekannte und Verwandte aufzuklären seien. Es tobe „eine Riesenschlacht um die Wahrheit“, schreibt der Philosoph Peter Trawny in seinem Buch Die Krise der Wahrheit:

„Fake News, alternative Fakten, Verschwörungstheorien, Lügenpresse, The Great Reset, Corona-Diktatur, postfaktisches Zeitalter – die Öffentlichkeit wird erschüttert von Schlagworten und Diskussionen um alles oder nichts. Die Situation ist unübersichtlich. Es droht ein allgemeiner Orientierungsverlust. Alles weist darauf hin, dass es einen gefährlichen Anschlag auf die Wahrheit gibt, eine Krise der Wahrheit.“[3]

„Die Wahrheit schafft sich ab“, behaupten Romy Jaster und David Lanius in ihrer Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News.[4]

In der Dresdner Ausstellung geht es kaum um „alles oder nichts“, meist um „alles und noch viel mehr“. Sie war für die Neubaueröffnung des Stapferhauses in Lenzburg, Schweiz konzipiert und wurde für die Präsentation im Dresdener Hygiene-Museum grundlegend überarbeitet. Weil sie auf Alarmismus verzichtet, von Lüge und Wahrheit in Politik, Natur, Kunst, Alltag, Geschichte, Werbung zugleich handelt, entgeht sie der Gefahr, ein vereinfachtes Bild von Wahrheit und Wissenschaft zu idolisieren. Sie gibt nicht Gewissheiten wie Goldtaler aus, sondern inszeniert Geschichten, deren Nutzanwendung dem Publikum überlassen bleibt.

Er habe sich für das Amt als Leitmotiv der Ausstellung entschieden, erklärt Daniel Tyradellis im kostenlosen Begleitmagazin, weil Ämter einerseits ein notwendiges Übel seien, unbeliebt, aber unverzichtbar, mit großer Beharrungskraft versehen und geringer Neigung für grundsätzliche Veränderungen. Gleiches ließe sich über die Wahrheit und ihre Verwandten, namentlich Original, Echtheit, Authentizität, Aufrichtigkeit, sagen. Ohne die Wahrheit und ihrem familienähnlichen Begleitpersonal fehlte dem Leben alle Orientierung. Weil die Wahrheit aber vom Status quo her definiert werde und als Selbstverständlichkeit im Alltag unproblematisch erscheine, zeige sich, wer die Wahrheit sage, „als individuelles Allgemeines“. So gesehen eröffne erst die Lüge einen Möglichkeitsraum für Abweichung und Individualität. Das klingt wie die individualistische Reformulierung des von Tyradellis zitierten Hannah-Arendt-Satzes: „Alleine die Fähigkeit zu lügen bestätigt, dass es so etwas wie Freiheit wirklich gibt“.[5] Strenge Kantianer mag es an dieser Stelle gruseln, gilt laut Kant die Pflicht zur Wahrhaftigkeit doch unbedingt und selbst dann, wenn ein Mordlustiger uns nach dem Freund fragt, der gerade in unser Haus geflüchtet ist. In seinem Aufsatz Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen argumentierte Kant 1797, „Wahrhaftigkeit in Aussagen, die man nicht umgehen kann“, sei eine „formale Pflicht des Menschen gegen jeden“, Unwahrhaftigkeit hingegen sei immer auch eine „Verletzung der Pflicht gegen sich selbst“.[6]

Nun ist die Ausstellung kein Kurs zur Philosophiegeschichte, auch kein Proseminar über Wahrheit. Dass sie zu selten unterschiedliche Positionen in ihrer Unvereinbarkeit gegeneinandersetzt, könnte man als Einwand formulieren, die interaktive Inszenierung entfaltet dennoch ihren ganz eigenen Sog. Nach Anmeldung und Ausweisausgabe begrüßt der oberste Beamte Hans Wahr, dargestellt von Martin Wuttke, das Publikum zu einer Videoprojektion. Er fragt, ob man heute schon gelogen habe, berichtet von Studien, denen zufolge ein Mensch täglich etwa 200 Mal lüge, zitiert andere Studienergebnisse und schickt die Besucher:innen hinein ins Amt für die ganze Wahrheit. An vielen der dortigen gelben Türen kleben Zettel, Raum 146 etwa, das Archiv echter außerirdischer Sprachen, ist „Geschlossen wegen Entführung des Personals durch Aliens!“; auch das Archiv für unverrückbare Wahrheiten ist unzugänglich, weil, wie der von Hand geschriebene Zettel verrät, das Personal keine Lust habe zu arbeiten.

Geöffnet ist die Fachabteilung für Lügenerziehung und angewandte Pinocchioforschung, in der auf dem Boden ausgelegte Fragen beantwortet werden müssen, um auf dem Spielfeld weiter vorrücken zu können. Für Kantianer, die immer wahrhaftig sind, ist das Spiel rasch zu Ende. In der Abteilung für strategische Forschung lässt sich erfahren, dass mexikanische Zahnkärpflinge „in der Liebe“ lügen. Fühlt ein Zahnkärpfling beim Werben um ein Fischweibchen sich von einem Konkurrenten beobachtet, tut er so, als würde er sich für ein anderes Weibchen interessieren. Der Konkurrent wird auf diese Weise abgelenkt, die Bahn zum Weibchen der ersten Wahl ist wieder frei. Zu gern würde man an dieser Stelle fragen, ob diese Beschreibung des Verhaltens sich nicht etwas weniger anthropomorphisierend formulieren ließe, ob wir in solchen Fällen nicht eher sehen, was wir zu wissen glauben. Aber schon steht man im Raum der Prüfstelle für Fälschung und ihr Gegenteil, wo angesichts eines gefälschten Gauguins über Originale und den Kunstmarkt nachgedacht werden kann. In der Zentralen Lügenanlaufstelle sind Besucher:innen aufgefordert, Lügengeschichten verschiedenster Art zu bewerten. Dazu müssen Pakete an einen Tisch gebracht, Codes gescannt, Fragen an Bildschirmen beantwortet werden. Der inszenatorische Aufwand erbringt kaum Einsichten, sondern viel Bewegung, wenig Ertrag.

Interessant wird die Ausstellung, wenn sie sich der Lügenerkennung zuwendet, den Versuchen, mittels Zwang oder Beobachtungen Lügner:innen zu überführen. Folterinstrumente wie eine Daumenschraube sind ebenso zu sehen wie eine Flasche Wahrheitsserum, Drogen, die dank narkotisierender Wirkung das Bewusstsein trüben, die Selbstkontrolle mindern und damit, so die Hoffnung von Polizei und Geheimdiensten, das Lügen wenigstens erschweren. Der immer wieder zu hörende Hinweis, dass Lügen für das Gehirn anstrengender sei, als die Wahrheit zu sagen, fehlt auch hier nicht. In China wurde Angeklagten bereits um 1000 vor Christus gemahlener Reis verabreicht. Der Prozedur lag eine einfache Vermutung zugrunde: Wer Angst davor habe, überführt zu werden, dem werde der Speichelfluss stocken, sodass er den Reis nicht ausspucken könne; er sei damit der Lüge überführt.

Auf großen Tafeln sind körperliche Anzeichen für Unwahrhaftigkeit aufgeführt und bildlich dargestellt: Schwitzen, schweres Schlucken, das Vorstülpen der Lippen oder der bekannte Blick nach rechts oben. Wer die eigenen Lügenfähigkeiten überprüfen will, kann dies bei einem Kartenspiel tun oder sich an einen Lügendetektor anschließen lassen. Ausgestellt ist auch ein mobiler Lügendetektor, den der DDR-Geheimdienst im Dezember 1989 für knapp 30.000 Mark kaufte.

Lügendetektor „Diplomat 1“ aus dem Jahr 1989
Für knapp 30 000 Mark erwarb der Geheimdienst der DDR im Dezember 1989 den Lügendetektor „Diplomat 1“ der US-amerikanischen Firma Lafayette Instrument Co. Er war für den mobilen Gebrauch entworfen., © Wolfgang Raeke / "Krimi-Scheune Treplin"

Ihrem Ziel, die konkreten Bedingungen der Wahrheitsproduktion zu veranschaulichen und zu analysieren, kommt die Ausstellung nahe, wenn sie fragt, ob Modelle, Metaphern, Karten, Zeitleisten lügen oder die Wahrheit wiedergeben. Über das DNA-Modell von James D. Watson, Francis Crick und Rosalind Franklin aus dem Jahr 1953 sagt Lorraine Daston, die emeritierte Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, es handele sich um eine Analogie, das Modell setze Akzente, es sei keine Widerspiegelung, sondern hebe das für die Absicht – nämlich die Struktur des Erbgutes zu zeigen – Wesentliche hervor. Die in Zürich lehrende Historikerin Gesine Krüger kommentiert eine Landkarte, Keith Johnstones Ethnological and Philological Map of Africa aus dem Jahr 1884. Verzeichnet sind darauf Sprachgruppen, Umrisse des Kontinents, Fluss- und Seelandschaften. Diese Karte präsentiere, so Krüger, die Wahrheit entsprechend dem damaligen Kenntnisstand, weil sie eben nicht alles zeige. Auf einer Karte, auf der alles zu sehen sei, würden wir nichts mehr sehen. Und wie steht es mit der „unsichtbaren Hand“, derjenigen Metapher, die Adam Smith mit Der Wohlstand der Nationen von 1776 bekannt gemacht hat? Niemand, erklärt der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, werde die „unsichtbare Hand“ nachweisen können. Aber die „konsequente Selbsttäuschung der Marktteilnehmer über die Effekte ihrer Tätigkeit“, der Glaube im Verfolgen egoistischer Interessen das Gemeinwohl zu befördern, habe gleichwohl eminente Folgen. Die Metapher wirke, nicht zuletzt in den Versuchen von Ökonomen, „die Wirklichkeit so einzurichten, dass sie irgendwann vielleicht nach der ,unsichtbaren Hand‘ funktioniert“.

Es wäre gut gewesen, wenn die Ausstellung an dieser Stelle weiter gefragt und die Versuche der Obrigkeit, Lügner zu überführen, wie die Verfahren der Wissenschaft, Erkenntnisse zu generieren und zu vermitteln, genauer dargestellt hätte. Die Statistiken zum Vertrauen, das Medien und bestimmten Berufsgruppen entgegengebracht wird, oder die Weltkarte, auf der sich die Verbreitung eines Tweets von Donald Trump nachverfolgen lässt, wirken entbehrlich. Es fehlt dazu die Analyse der Geschichten, mit denen Trump und andere an einer rationalen Überprüfung nicht mehr zugängliche Gefühle appellieren. Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess hat in ihrem Buch Halbwahrheiten[7] gezeigt, dass nicht faktische Korrektheit und Überprüfbarkeit für die Wirkmächtigkeit von Verschwörungstheorien entscheidend sind, sondern deren narrativ erzeugte Evidenz. Letztere kann selbst logische Widersprüche überdecken. In der Ausstellung nimmt eine Zeittafel zu Medienrevolutionen viel Raum ein; ihr ist zu entnehmen, dass Phänomene wie Fake News in Kriegszeiten und mit der Durchsetzung neuer Medien zum Problem werden. Hier liegt der Knüppel beim Hund und zum Greifen nahe: Man kann, wie spätestens seit Nietzsche bekannt ist, über „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ reden, aber sinnvoll nicht unter Absehung von Machtfragen. Im Raum der Kommission für Glaubwürdigkeit ist einer Debatte zu folgen, die auf einer 2018 durchgeführten Befragung beruht. Schauspieler:innen sprechen als Lehrer, Wissenschaftler, Pfarrer, Managerin, Politikerin, Ärztin usw. über die Folgen von Lüge und Wahrheit, mithin über Vertrauen. Man hört ein Nebeneinander verschiedener Positionen – wer, wann, wo in welcher Lautstärke sprechen darf, bleibt ein Randthema. Gesellschaft erscheint hier als Stimmengewirr, Macht und Herrschaft werden kaum konkret thematisiert.

Dass Notlügen das Zusammenleben ebenso erleichtern wie Höflichkeitsfloskeln, hat sich herumgesprochen. Dass die Ausstellung zu wenig nach den sozialen Praktiken der Wahrheitsfindung fragt, ist ihre große Schwäche. Das Leitmotiv des Amtes hätte das nahegelegt, sind Behörden und Verwaltungen – mögen sie abstoßend, notwendig oder ambivalent erscheinen – doch dazu da, Entscheidungen zu treffen. Anders als wir Sterblichen können sich solche Organisationen nicht dazu entscheiden, nicht zu entscheiden. Wie also kommt es zu verbindlichen Entscheidungen, was gilt dort als wahr und was ist Lüge? Wie wird dafür gesorgt, dass Erkenntnisse korrigiert, präzisiert, verabschiedet und eventuell wieder revidiert werden?

In der jüngsten Ausgabe des Leviathan argumentiert Frieder Vogelmann „für ein realistisches Verständnis wissenschaftlicher Praktiken“.[8] Die Corona-Pandemie habe allen die Abhängigkeit zeitgenössischer Gesellschaften von wissenschaftlichen Erkenntnissen vor Augen geführt, aber welche dieser Erkenntnisse wie zu berücksichtigen seien, ist Gegenstand heftigen, nicht enden wollenden Streits. Viele reagieren darauf mit einer simplifizierenden Verherrlichung der Wissenschaft. Der Slogan „Zu Fakten gibt es keine Alternative“ demonstriert dieses Verfahren, das, so Vogelmanns Kritik, eine idealistische Erkenntnistheorie und ein unrealistisches Bild von „der Wissenschaft“ voraussetzt. Die Verteidigung der Wissenschaft tendiere dazu, „Wissenschaft als einheitliche und politisch neutrale empirische Forschungspraxis zu glorifizieren und gegen Kritik zu immunisieren“[9]. Zu den Problemen, die entstehen, wenn „wahrheitsproduzierende Praktiken jenseits politischer, ökonomischer und sozialer Einflüsse“ als einheitliche Wissenschaft verherrlicht werden, gehört, dass Wahrheit und Wissen ein souveräner epistemischer Standpunkt zugesprochen wird.[10] Vogelmann schlägt stattdessen vor, „Wahrheit als Kraft zu verstehen, die aus sozialen Praktiken emergiert“.[11] Was aus diesem Deutungsvorschlag für eine „politische Epistemologie“ folgt, wird zu diskutieren sein, wenn im August sein Buch Die Wirksamkeit des Wissens erscheint. In Bezug auf Fake News und die vielen Themen der Dresdener Ausstellung, lässt sich aus Vogelmanns Überlegungen schon jetzt schlussfolgern, dass es gescheiter wäre, die Schrecklust angesichts der Lügner, Manipulateure und Demagogen zurückzustellen und über die Praktiken des Wissens, des Erkennens und die politische Bearbeitung von Erkenntnissen zu reden, also auch über Institutionen, Macht, Interessen und Konflikte zu sprechen. Eine Falschnachricht zu durchschauen, die produktiven Kräfte des Lügens zu kennen, setzt noch lange nicht in den Besitz der Wahrheit.

  1. The Swiss Spaghetti Harvest, in: The Hoax Museum Blog, zuletzt aufgerufen am 14. Juli 2022.
  2. „Now the harvest is marked by a traditional meal. Toasts to the new crop are drunk in these boccalinos, then the waiters enter bearing the ceremonial dish. This is, of course, spaghetti – picked early in the day, dried in the sun, and so brought fresh from garden to table at the very peak of condition. For those who love this dish, there is nothing like real home-grown spaghetti.“ (Ebd.)
  3. Peter Trawny, Krise der Wahrheit, Frankfurt am Main 2021, S. 9.
  4. Romy Jaster / David Lanius, Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen, Stuttgart 2019.
  5. Daniel Tyradellis, Von Amts-Wegen, in: Fake. Die ganze Wahrheit, Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden. Bis 5. März 2023, Begleitpublikation: Fake. Das Magazin. Nichts als die Wahrheit, hrsg. von der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden 2022, S. 8–12, hier: S. 8–9. Siehe: Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München 2013, S. 74.
  6. Immanuel Kant, Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, in: ders., Gesammelte Werke, Akademie-Ausgabe, Bd. 8, S. 423–430, hier: S. 426.
  7. Nicola Gess, Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit, Berlin 2021.
  8. Frieder Vogelmann, Weder verleugnen noch verherrlichen. Für ein realistisches Verständnis wissenschaftlicher Praktiken, in: Leviathan. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 50 (2022), 2, S. 297–320.
  9. Ebd., S. 302.
  10. Ebd., S. 305.
  11. Ebd., S. 310.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer, Stephanie Kappacher.

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Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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