Matthias Leanza | Literaturessay |

Was heißt es, die Soziologie zu dekolonialisieren?

Literaturessay zu „Colonialism and Modern Social Theory“ von Gurminder K. Bhambra und John Holmwood

Gurminder K. Bhambra / John Holmwood :
Colonialism and Modern Social Theory
Großbritannien
Cambridge 2021: Polity
272 S., $ 26,95
ISBN 978-1-5095-4130-0

Die Soziologie entstand zu einer Zeit, als Nationen um Kolonialbesitz in Übersee konkurrierten und Großmächte ihre Einflusssphären mit Waffengewalt auszudehnen versuchten. 1842 gelangte nicht nur Auguste Comtes sechsbändiges Werk Cours de philosophie positive zum Abschluss, es war auch das Jahr, in dem der Erste Opiumkrieg endete. Während des Zweiten Opiumkriegs (1856–1860), in dem Großbritannien und Frankreich die erzwungene Öffnung der chinesischen Märkte zementierten, entwarf Herbert Spencer sein zehnbändiges System of Synthetic Philosophy, mit dessen Ausarbeitung er bis ins hohe Alter beschäftigt sein sollte. Der erste Text überhaupt, in dem Spencer seine evolutionistische Perspektive auf die Natur- und Gesellschaftsgeschichte systematisch darlegte, erschien 1857.[1] In diesem Jahr äußerte sich auch Karl Marx aus dem Londoner Exil zur britischen Herrschaft in Indien anlässlich der gerade tobenden Sepoy Mutiny. Die von Marx in seinen journalistischen Arbeiten entwickelten Überlegungen zum „orientalischen Despotismus“ flossen in seine ökonomiekritischen Texte ein und waren prägend für das Konzept einer „asiatischen Produktionsweise“.[2]

Als Émile Durkheim Mitte der 1880er Jahre seine Dissertation über gesellschaftliche Arbeitsteilung zu konzipieren begann und kurze Zeit später zur Vertiefung seiner Studien nach Deutschland ging,[3] handelten die aus nahezu allen Ländern Europas sowie dem Osmanischen Reich und den USA angereisten Diplomaten in Berlin die Details der Kongoakte aus. Zehn Jahre später wetterte Max Weber in seiner Freiburger Antrittsvorlesung gegen polnische Kleinbauern und Wanderarbeiter in den östlichen Provinzen Preußens. Dabei verband er die Forderung nach innerer „Kolonisation“, das heißt der Ansiedlung „deutscher Bauern auf geeigneten Böden“, mit der nach einer „deutschen Weltmachtpolitik“, ohne die man Deutschlands nationale Einigung bereits aus Kostengründen gar nicht erst hätte unternehmen sollen.[4] Während der soziologische Blick in den USA auf migrantische Communities in der urbanen Ökologie Chicagos gerichtet war, konsolidierte die Nation ihr Überseereich in der Karibik und dem Pazifik, das sie nach dem Krieg mit Spanien im Jahr 1898 etabliert hatte. Auch hier war kulturelle Differenz ein beherrschendes Motiv, denn die US-amerikanische Kolonialherrschaft wurde als Kulturmission gerechtfertigt: Erziehung und Bildung sowie politische und ökonomische Entwicklungsförderung sollten einheimische Eliten zur guten Regierung ihrer Gemeinwesen befähigen.[5]

Die Reihe der Beispiele ließe sich problemlos fortsetzen. Unklar ist dabei jedoch, was diese genau zu erklären helfen. Zunächst fällt auf, dass die vorstehende Zusammenstellung Beispiele unterschiedlicher Natur umfasst. Fälle, bei denen man von einer bloßen Koinzidenz zwischen Ereignissen der Fach- und Kolonialgeschichte ausgehen kann, stehen neben Texten, die sich ausdrücklich auf koloniale Kontexte beziehen und diese politisch und moralisch bewerten. Dazwischen liegen weniger eindeutige Fälle und Konstellationen, bei denen zwar ein Zusammenhang bestehen mag, dieser sich aber nicht unmittelbar erschließt und daher sorgfältig nachgezeichnet werden muss. So konnte Julian Go für die US-Herrschaft in den Philippinen und Puerto Rico aufzeigen, dass Sozialwissenschaftler verschiedene Funktionen in der Kolonialverwaltung ausübten und die lokalen Gesellschaften in den Überseegebieten erforschten.[6] Ihre Studien zu Fragen kolonialer Governance, kultureller Differenz und race relations erschienen unter anderem im 1895 an der Universität Chicago gegründeten American Journal of Sociology, beziehungsweise sie wurden in dieser Zeitschrift rezensiert. Auf diese Weise schrieb sich der koloniale Kontext von Beginn an nicht nur über Umwege, sondern im Rahmen persönlicher Erfahrungen und institutioneller Strukturen in die Fachgeschichte der Soziologie ein.

Trotz aller Bemühungen, dem Abhilfe zu schaffen, wissen wir immer noch vergleichsweise wenig über die globalgeschichtlichen Entstehungszusammenhänge unserer Disziplin. Hinter der abstrakten Rede von der „modernen Gesellschaft“, in der sich die Soziologie seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet habe, verbirgt sich zumeist ein dezidiert westeuropäischer oder nordamerikanischer Bezugsrahmen. Fachgeschichtliche Abhandlungen, die systematisch den globalen Zusammenhängen soziologischer Wissensproduktion nachgehen und neben dem transatlantischen Raum auch Nord-Süd-Beziehungen berücksichtigen, sind weiterhin die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.[7] Die Herausforderungen, die es dabei zu meistern gilt, sind freilich enorm. Empirisch muss über die überschaubare Gruppe kanonisierter Texte hinausgegangen werden, um ein breiteres Feld soziologischer Praxis in den Blick zu nehmen. Dabei sind auch die Verbindungen zu angrenzenden Disziplinen wie der Ethnologie zentral miteinzubeziehen. Nicht minder gering wiegen konzeptionelle Probleme. So müssen überzeugende Kriterien gefunden werden, die es uns erlauben, gehaltvoll von einem kolonialen „Einfluss“, wenn nicht gar „Charakter“ eines bestimmten soziologischen Begriffs oder einer Methode zu sprechen.

Frühgeschichte der Soziologie und globale Moderne

Seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten nehmen die Bemühungen zu, diese Leerstelle zu füllen und die Soziologie zu „entkolonialisieren“, wie es mit einem programmatischen und in seiner Bedeutung schillernden Begriff heißt.[8] Die jüngste Buchpublikation von Gurminder K. Bhambra und John Holmwood reiht sich hier ein. Dabei begeben sich Bhambra und Holmwood nicht auf die Suche nach bislang vernachlässigten Autorinnen, Konzepten und Denkweisen jenseits des „westlichen Kanons“.[9] Auch bei W.E.B. Du Bois, dem sie ein eigenes Kapitel widmen, handelt es sich keineswegs um einen Unbekannten. Das Anliegen der Studie ist ein anderes. Anhand ausgewählter Autoren und Texte, die für die Soziologie prägend waren und sind, soll aufgezeigt werden, dass sich die Disziplin historisch genau jenem Kontext verdanke, den sie analytisch zu rekonstruieren versuche: der „modernen“ Gesellschaft.

So weit, so konventionell. Bhambra und Holmwood begreifen die Moderne allerdings nicht, wie dies häufig geschieht, als eine im neuzeitlichen Europa oder dem „Westen“ entstandene Formation, deren Normen und Institutionen sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts in anderen Weltregionen verbreiteten. Sie folgen, wie in der Einleitung ausgeführt, vielmehr einer inzwischen breiten und heterogenen Strömung post- und dekolonialer, aber auch global- und verflechtungshistorischer Studien, welche die moderne Gesellschaft als eine von Anfang an globale Figuration mit lokal variablen Ausprägungen begreifen (S. 4–15). Es sei daher kein Zufall, dass sich die Soziologie auf die eine oder andere Weise immer schon mit Themen kolonialer Expansion und Dominanz befasst habe. Das Fach ringe aber weiterhin um ein adäquates Verständnis ebenjener Prozesse, die es mit hervorgebracht haben.[10]

Wie gehen Bhambra und Holmwood nun im Einzelnen vor? Und welche neuen Einsichten fördert ihre Studie zutage? Der bereits im Titel erscheinende Begriff der „Sozialtheorie“ wird zunächst breit definiert, um wichtige Positionen der neuzeitlichen politischen Theorie und Sozialphilosophie nicht vorschnell auszuschließen (S. 21–24). Auf die einleitende Problemexposition folgt ein erstes Kapitel, das der Spur des kolonialen Anderen bei Hobbes, Locke, den schottischen Aufklärungsphilosophen und Hegel nachgeht. In prägnanten Vignetten zeichnen Bhambra und Holmwood nach, wie eng die Argumentationen dieser erzkanonischen Denker bezüglich Souveränität und Privateigentum mit normativ aufgeladenen Vorstellungen von Entwicklung und Fortschritt verknüpft waren. Demnach repräsentierten die indigenen Gesellschaften Amerikas und Afrikas den – bei Hobbes eigentlich als Fiktion eingeführten – „Naturzustand“, von dem sich die „zivilisierten“, auf dem Weg progressiver Aufklärung befindlichen Gesellschaften Europas mit staatlichem Gewaltmonopol und dynamischer Marktwirtschaft erfolgreich emanzipiert hätten. Wie Bhambra und Holmwood darlegen, treten die normativen Implikate dieses Geschichtsbilds bei den verschiedenen Autoren unterschiedlich deutlich zutage. Insbesondere im Fall von Locke und Hegel wird einsichtig, wie ihre Theorien Argumente und Begründungsmuster lieferten, mit denen koloniale Landnahmen und der damit verbundene, aber nicht notwendig aus ihnen hervorgehende Handel mit versklavten Menschen zu rechtfertigen. Unerwähnt bleibt dabei, dass im späten 19. Jahrhundert die Bekämpfung des ostafrikanischen Sklavenhandels zur Rechtfertigung der europäischen Kolonialherrschaft in Afrika diente.[11] Auch wenn europäische Kaufleute noch einige Generationen zuvor mit Frauen, Männern und Kindern lukrativen Handel trieben – die Briten verboten den Sklavenhandel bereits 1807 und schufen die Sklaverei als solche 1833/34 in weiten, wenn auch nicht allen Teilen des Empires offiziell ab –, wurde diese Praxis nunmehr als Zeichen historischer Rückständigkeit gedeutet, was der Legitimation weiterer Landnahmen diente. Dieses Beispiel deutet bereits darauf hin, dass die Inhalte kolonialer Denkformen und Rechtfertigungsordnungen sich mit der Zeit verändern und bis zu einem gewissen Grad ersetzbar sind. Dies hätten die Autoren deutlicher herausstellen können.

Messen mit zweierlei Maß (Tocqueville, Marx)

Die folgenden beiden Kapitel erörtern die Theorien von Tocqueville und Marx und wie diese nur unzureichend verstanden, inwiefern Demokratie und Kapitalismus in ihrer historischen Genese mit imperialen Projekten und Ungleichheitsverhältnissen verknüpft waren. Demokratisch legitimiertes Regieren und kapitalistisches Wirtschaften scheinen nur schlecht mit kolonialer Fremdherrschaft und unfreier, auf Zwang beruhender Arbeit vereinbar zu sein. Insofern ist nachvollziehbar, dass Tocqueville und Marx diese Phänomene zunächst aus ihren Konzeptionen von Demokratie und Kapitalismus auszuklammern versuchten. Dennoch stießen sie als umfassend am globalen Zeitgeschehen interessierte und historisch versierte Beobachter immer wieder auf Realzusammenhänge, die sich ihren abstrakten, kategorialen Unterscheidungen nicht fügten. Wie Bhambra und Holmwood argumentieren, werde dies von beiden Autoren im Ansatz selbst reflektiert, allerdings versäumten sie in der Regel, die notwendigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Sie hätten den kolonialen Kontext als konstitutiv für die Moderne betrachten sollen, anstatt ihn als zwar bedauerliches, aber kontingentes Nebenprodukt ins zweite Glied zu rücken.

Besonders anschaulich wird dies im Kapitel zu Tocqueville. Es verwebt gekonnt eine dichte Rekonstruktion der Werkgenese mit Ausführungen zum biografischen Kontext, was sich beim vielgereisten Tocqueville geradezu anbietet. Nachdem die Dreizehn Kolonien an der nordamerikanischen Atlantikküste ihre Unabhängigkeit vom britischen „Mutterland“ errungen hatten, schufen sie ein dynamisches, nach Westen hin rasch expandierendes Landimperium, das die indigene Bevölkerung rücksichtslos und mit Gewalt verdrängte. Die aus der Kolonialzeit übernommene Institution der Sklaverei wurde bekanntlich erst 1865 nach dem Ende des Sezessionskriegs auf dem gesamten Bundesgebiet abgeschafft. Tocqueville hätte innerhalb seines kategorialen Bezugsrahmens daher zum Schluss gelangen müssen und, was noch wichtiger ist, können, dass die Demokratie in Amerika viele Züge einer „rassifizierten“ Aristokratie aufwies, in der allein „weiße“ Männer als privilegierte Kaste republikanische Mitbestimmung genossen und unfreie Arbeit sowie kolonialer Landraub ein konstitutiver Bestandteil waren (S. 54–71). Beide Regierungs- und gesellschaftlichen Ordnungsformen, Demokratie und Aristokratie, waren demnach ineinander verschachtelt und standen in einem Bedingungsverhältnis.

Auf ähnliche Weise wurde, so Bhambra und Holmwood, die historische Genese des Kapitalismus von der europäischen Expansion nach Übersee geprägt und befördert. Marx, der anders als im Text behauptet nicht 1881, sondern 1883 starb (S. 84), erkannte durchaus die weltverändernde Kraft des Kolonialismus. Dennoch wollte er die kapitalistische Produktionsweise von Strukturen direkter Ausbeutung in Form von Versklavung und Zwangsarbeit unterschieden wissen. Für Marx beruhte der Kapitalismus bekanntlich auf der Norm formal freier Arbeit, wobei der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse den faktischen Handlungsspielräumen der Arbeitsmarktsubjekte enge Grenzen setze. Auch wenn er die Rolle von Enteignungen, Zwang und Gewalt für die sogenannte ursprüngliche Akkumulation im Herzen der alten Feudalgesellschaften erkannt habe, so Bhambra und Holmwood, sei die globale Arbeitsteilung im Kontext der europäischen Expansion für seine Theorie von nachgeordneter Bedeutung gewesen (S. 100 ff.). Das Proletariat rekrutierte sich bei Marx immer schon aus der Masse der Staatsbürger in den sich industrialisierenden Kolonialmetropolen. Es besaß zwar keine Produktionsmittel, hatte aber im Unterschied zu den Kolonialsubjekten in Übersee, die wichtige Rohstoffe für den internationalen Handel produzierten, mehr zu verlieren als nur seine Ketten, eine Differenz, die mit der Etablierung wohlfahrtsstaatlicher Strukturen in Europa umso deutlicher hervortrat.

Im Gegensatz zu Schumpeter, der den Imperialismus als einen mit moderner Marktwirtschaft letztlich unvereinbaren „Atavismus“ begriff, aber auch anders als die ökonomischen Imperialismustheorien eines Hobson oder Hilferding, welche die politische Expansion nach Übersee im Kontext eines bereits existierenden kapitalistischen Systems betrachteten,[12] betonen Bhambra und Holmwood die Ko-Konstitution von Kapitalismus und Kolonialismus (S. 101). Diese Kritik wird nicht äußerlich an Marx herangetragen; sie speist sich vielmehr aus dessen Theorie selbst, die bekanntlich angetreten war, die Formen gesellschaftlicher Synthesis zu rekonstruieren. Dazu gehörten nach Bhambra und Holmwood aber auch Kategorien und vor allem Praktiken kolonialer Ausbeutung und Unterwerfung, ohne die sich der Kapitalismus nicht hätte entwickeln können. Das Argument bleibt jedoch in weiten Strecken abstrakt. Ähnlich wie schon bei Tocqueville bezüglich der Stabilisierung der US-amerikanischen Demokratie durch Siedlungskolonialismus und Sklaverei sucht man genaue Ausführungen dazu, wie die Gleichursprünglichkeit von Kapitalismus und Kolonialismus zu denken sei, leider vergebens.

Durchwachsene Dekolonisierungsversuche (Weber, Durkheim, Du Bois)

Die Qualität der verbleibenden drei Kapitel des Buches ist durchwachsen. Nach bekanntem Muster argumentieren Bhambra und Holmwood zunächst, dass bei Weber zahlreiche Bezüge zum kolonialen Kontext bestünden, diese aber zumeist verdeckt oder nur rudimentär entwickelt blieben. Das gelte nicht nur für die Rolle des Puritanismus bei der Genese des modernen, betriebsmäßigen Kapitalismus, dessen enge Verbindung zum Siedlungskolonialismus in den USA von Weber übergangen werde, sondern auch bezüglich des staatlichen Gewaltmonopols und der politischen Form der Nation, die beide ebenfalls mit imperialen Projekten verknüpft gewesen seien. Die Konstruktion von Idealtypen, wie sie Weber den Sozialwissenschaften empfahl, tue das ihrige, um den kolonialen Kontext systematisch auszublenden. Nach Bhambra und Holmwood erlaube diese Methodik, an einem eurozentrischen Verständnis von Moderne festzuhalten, indem sie von Verflechtungen zwischen konventionell als getrennt voneinander betrachteten Weltregionen abstrahiert (S. 130–139). Noch die neoweberianische Theorie multipler Modernen, die zwar den europäischen Entwicklungspfad provinzialisiert habe, indem sie ihn nur noch als einen von mehreren Möglichkeiten begreift, könne zu den Interdependenzen zwischen den typologisch unterschiedenen Modernen in Europa, Nordamerika, Asien etc. wenig aussagen (S. 137).

Etwas ratlos zurückgelassen hat mich das Kapitel zu Durkheim, das auch das längste ist. Es beinhaltet kluge Einzelbeobachtungen zu Entwicklung und innerem Aufbau seiner Soziologie, der Bezug zum Thema der vorliegenden Studie bleibt aber vage. Bhambra und Holmwood scheinen darauf abzuzielen, dass sich Durkheims Verständnis von Religion als einer Quelle zur Stiftung gesellschaftlicher Kohäsion nutzen lässt, um in aktuelle Debatten über Multikulturalismus und Islam zu intervenieren (S. 143 f., 173–176). Dies mag zutreffen und soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Auch ist positiv hervorzuheben, dass sie Durkheims Studie zum australischen Totemismus nicht reflexhaft als kulturchauvinistisch abtun, sondern in ihr den durchaus ernstzunehmenden Versuch erkennen, universell menschliche Formen des Zusammenlebens zur Abwechslung einmal nicht von Europa aus zu denken (S. 171, 175–176). Zugleich wird Kolonialismus überhaupt, geschweige denn in seiner historisch zeitgenössischen Ausprägung, kaum erwähnt, obwohl es sich um einen zentralen Kontext des Durkheim’schen Werkes handeln soll. An den wenigen Stellen, wo Bhambra und Holmwood überhaupt einen solchen Bezug herstellen (können), ist der Befund rein negativ: Durkheim habe es versäumt, auf die koloniale Dimension des französischen Staates einzugehen (S. 143, 164, 169, 175). Man wird nur schlecht sagen können, dass sich Bhambra und Holmwood nicht erkennbar bemüht hätten, mehr als diese magere Ernte einzufahren. Vielmehr treten hier die Grenzen einer vom Thema des Kolonialismus ausgehenden Rekonstruktion der soziologischen Fachgeschichte zutage. Am Ende war das deutsch-französische Verhältnis für Durkheim und sein Denken deutlich relevanter als Frankreichs Siedlungskolonialismus in Algerien.

Geradezu spiegelbildlich zum Durkheim-Kapitel verhält sich Bhambras und Holmwoods Diskussion von W.E.B. Du Bois. Bei ihm sind die thematischen Bezüge so greifbar, dass man sie scheinbar kaum eigens herausarbeiten muss. Das Kapitel zeigt jedoch überzeugend auf, dass auch bei Du Bois eine Entwicklung zu beobachten war: Ausgehend von der Situation afroamerikanischer Nachbarschaften in Philadelphia habe er erst Stück für Stück die koloniale und damit globale Dimension der color line analytisch zu durchdrungen begonnen (S. 178, 207). In den verschiedenen Manifestationen von Rassismus erkannte Du Bois das schwierige Erbe einer globalen Ungleichheitsordnung, die demokratischer Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen nicht nur in den USA diametral entgegenstand. Bhambra und Holmwood versäumen es in diesem Kontext aber, auf Du Bois’ Beziehungen zu Vertretern der Native Americans, den originären Kolonialsubjekten Nordamerikas, einzugehen, auch wenn sich dies zum Beispiel bei der Diskussion des First Universal Races Congress von 1911 in London angeboten hätte.[13] Ohnehin bleibt in diesem Kapitel der US-amerikanische Siedlungskolonialismus gegenüber Sklaverei und Jim Crow zumeist im Hintergrund. Somit verpassen die Autoren eine Chance, einen wichtigen und häufig vernachlässigten Aspekt der color line zu berücksichtigen.

Begrenzte Erkenntnisse

Bhambra und Holmwood verweisen mit ihrer Studie auf die Bedeutung des von Europa ausgehenden Kolonialismus für die Entstehung und epistemische Ausrichtung der Soziologie. Methodisch verknüpfen sie dabei rekonstruktive Verfahren mit immanenter Kritik (S. 23 f.). Das heißt, sie versuchen aufzuzeigen, wie innerhalb der in ihrem Aufbau nachvollzogenen Theoriegebäude die zwar grundsätzlich registrierten, aber nicht adäquat reflektierten Phänomene kolonialer Expansion und Herrschaft konsequent zu integrieren wären, um so auch heutige Debatten um Identität und Differenz neu kontextualisieren zu können. Damit loten sie auf willkommene Weise die im soziologischen Kanon angelegten Ressourcen aus, um die epistemischen, das heißt konzeptionellen und thematischen Grenzen ebendieses Kanons zu erweitern. Die „Entkolonialisierung“ der Soziologie, wie sie Bhambra und Holmwood anstreben (S. 21–24, 207–215), besteht dann weniger darin, den Kreis relevanter Sprecherinnen zu vergrößern und bisher unberücksichtigt gebliebene Theorien und Denkstile zu erproben. Die Stoßrichtung ihrer Intervention ist eine andere: Der historische Hintergrund, vor dem zentrale Positionen der Soziologie entstanden sind, soll mit den Mitteln ebendieser Theorien weitergehend erhellt werden. Kolonialismus stellt für Bhambra und Holmwood mehr als nur einen weiteren Gegenstand dar, dessen Untersuchung man einer Speziellen Soziologie überantworten könne. Er bilde vielmehr den zentralen Entstehungskontext der Disziplin, die immer auch ein Stück weit Selbstaufklärung betreibe, wenn sie sich mit ihm beschäftige.

Das ist ein elegantes Argument und dort, wo es aufgeht, mit Gewinn nachzuvollziehen und auf weitere Autoren auszudehnen. Dass sich nicht alle der besprochenen Theorien dieser Deutung gleichermaßen fügen, wie allen voran das Durkheim-Kapitel zeigt, verweist aber auch auf Grenzen eines solchen Ansatzes. Nicht alles ist horizontal über nationale oder regionale Einteilungen hinweg „verflochten“, obgleich deutlich mehr Phänomene eine globale und damit häufig auch koloniale Dimension aufweisen dürften, als konventionell angenommen. Innereuropäische Konstellationen und Konflikte, die sich nicht ohne weiteres auf den Kolonialismus zurückführen lassen, werden daher auch in Zukunft einen zentralen Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Fachgeschichte der Soziologie darstellen.

Nicht minder bedeutsam scheint mir ein weiterer Einwand zu sein. Er betrifft weniger die inhaltliche These als den methodologischen Zuschnitt der Studie. Mittels immanenter Kritik kann man zwar bestehende Theorien zu verbessern helfen, indem man sie auf interne Konstruktionsfehler und empirische Unzulänglichkeiten hin abklopft, um sie so weiterzuentwickeln. Das setzt aber eine bestimmte Deutung der historischen Wirklichkeit voraus, auf welche die rekonstruierten Theorien bezogen werden. Hier kamen mir beim Lesen aber gelegentlich Zweifel auf. So enthält die Studie verschiedene Aussagen, die im Gewand einfacher Tatsachenbehauptungen daherkommen, hinter denen sich jedoch vielschichtige Prozesse, wenn nicht historiografische Kontroversen verbergen, die man hätte ausführlicher diskutieren müssen. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang etwa der Umstand, dass Bhambra und Holmwood den sich hartnäckig haltenden Mythos reproduzieren, nach dem die europäischen Mächte den afrikanischen Kontinent auf der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 unter sich aufgeteilt hätten (S. 145, 180).

Zwar sollte mit Aufnahme des Prinzips effektiver Besitzergreifung an den Küsten, wie in Kapitel VI der General-Akte ausgeführt, die neben der Verpflichtung zur Unterdrückung des Sklavenhandels vor allem den Freihandel im erweiterten Kongobecken regelte, ein formaler Rahmen zur Kolonisierung des Kontinents abgesteckt werden. Die genauen Ansprüche und Grenzverläufe hingen aber von den Verhältnissen vor Ort ab, die gerade zu Beginn stark von den Aktivitäten privater Kaufleute und Firmen bestimmt waren, und wurden im Regelfall bilateral geregelt.[14] Das ist kein nebensächliches Detail, sondern entscheidend für die Frage, wie zentralstaatlich gesteuert und top-down organisiert koloniale Expansion in den Dekaden um 1900 zu denken ist. Ähnliche Einwände lassen sich vorbringen gegen Bhambras und Holmwoods wiederholte Andeutung, der zufolge der Übersee-Imperialismus in den Ersten Weltkrieg kulminierte (S. 12, 18, 113). Deutschlands Flottenrüstung stand zweifellos in engem Zusammenhang mit den Kolonialaktivitäten des Kaiserreichs.[15] Auch war die Entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien ein Abkommen zur Beilegung von Interessenkonflikten im kolonialen Afrika. Dennoch ist der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zentral mit der Balkanpolitik der großen Landreiche auf dem Kontinent verknüpft.[16] Der Berliner Kongress war hier am Ende vielleicht folgenreicher als die Berliner Afrika-Konferenz.

Ohnehin fällt auf, dass Landimperien keine für die Analyse tragende Rolle bei Bhambra und Holmwood spielen, vielleicht mit Ausnahme der Westexpansion der USA, die aber bekanntlich aus der Herausbildung eines Überseereich hervorgegangen sind. Diese Auslassung erklärt sich zu einem guten Teil aus einer konzeptionellen Weichenstellung gleich zu Beginn der Studie (S. 6 ff.). Bhambra und Holmwood konzedieren zwar im Rekurs auf Shmuel Eisenstadt,[17] dass Imperien eine alte und in nahezu allen Weltregionen vorkommende Form der Organisation politischer Gemeinwesen darstellen. Strikt davon zu unterscheiden seien aber die europäischen Kolonialreiche. Erstere bezeichnen Bhambra und Holmwood als „empires of domination“, Letztere als „empires of conquest and extraction“ (S. 8).

Man wird anzweifeln dürfen, ob eine derart einfache und schablonenhafte Unterscheidung der Vielfalt der fraglichen Phänomene auch nur annäherungsweise gerecht wird. Denn sie übergeht Kontinuitätsmomente zwischen (außereuropäischen) Land- und (europäischen) Überseereichen – erstere konnten ebenso extraktiv und „kolonial“ sein wie letztere – und verdeckt tendenziell die beträchtlichen Unterschiede, die zwischen überseeischen Kolonien bestehen konnten.[18] Um diese Formenvielfalt eingehender zu untersuchen und zu einem feinkörnigeren Verständnis unserer globalen Moderne(n) zu gelangen, müsste man allerdings von einer Theoriearbeit im Modus immanenter Kritik auf eine historische Soziologie von Imperien und kolonialer Herrschaft umstellen.

  1. Herbert Spencer, Progress. Its Law and Causes, in: The Westminster Review 67 (1857), S. 445–485. Spencer war zeitlebens ein Kritiker der britischen Kolonialpolitik und befasste sich bereits in seinem Erstlingswerk: Social Statics: Or, the Conditions Essential to Happiness Specified, and the First of them Developed (London 1851, S. 357–371) mit diesem Thema. Er lehnte koloniale Fremdherrschaft, die auf Imperienbildung abzielte, als grausam und destruktiv ab. Eingriffe in die Selbstregulation von Individuen und Gemeinwesen seien grundsätzlich schädlich. Davon nahm er aber freie Siedlergemeinschaften aus, sofern sie einen Modus Vivendi mit einheimischen Gesellschaften fänden und diese nicht zu dominieren versuchten. Zugleich war Spencers evolutionistisches Geschichtsbild aber verknüpft mit Vorstellungen kultureller und rassischer Überlegenheit europäischer Gesellschaften. Vgl. nur Spencer, Progress, S. 452.
  2. Vgl. Lawrence Krader, „Asiatische Produktionsweise“, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 1, hrsg. von Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1994, S. 628–638.
  3. Durkheim verteidigte seine Dissertation an der Sorbonne im März 1893, hatte mit den relevanten Vorarbeiten aber bereits zehn Jahre zuvor begonnen. Zu Studien- und Forschungszwecken hielt er sich von Januar bis August 1886 in Leipzig, Berlin und Marburg auf. Vgl. Marcel Mauss, Introduction to the First Edition, in: Émile Durkheim, Socialism, hrsg. und eingel. von Alvin W. Gouldner, übers. von Charlotte Sattler, New York 1962, S. 32–36, hier S. 32; Marcel Fournier, Émile Durkheim. A Biography, übers. von David Macey, Cambridge 2013, S. 57, 70–86, 152–156.
  4. Max Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Akademische Antrittsrede, in: Max Weber-Gesamtausgabe, Bd. I/4,2, hrsg. von Wolfgang J. Mommsen, in Zusammenarbeit mit Rita Aldenhoff, Tübingen 1993, S. 535–574, hier S. 556, 571.
  5. Zu dieser Form des „tutelary colonialism“ vgl. Julian Go, American Empire and the Politics of Meaning. Elite Political Cultures in the Philippines and Puerto Rico during U.S. Colonialism, Durham, NC 2007.
  6. Julian Go, Sociology’s Imperial Unconscious. The Emergence of American Sociology in the Context of Empire, in George Steinmetz (Hg.), Sociology & Empire. The Imperial Entanglements of a Discipline, Durham, NC 2013, S. 83–105.
  7. Vgl. aber Raewyn Connell, Southern Theory. The Social Sciences and the Global Dynamics of Knowledge, London 2007; Steinmetz (Hg.), Sociology & Empire.
  8. Siehe etwa Encarnación Gutiérrez Rodríguez / Manuela Boatcă / Sérgio Costa (Hg.), Decolonizing European Sociology: Transdisciplinary Approaches, Farnham 2012; Ali Meghji, Decolonizing Sociology. An Introduction, Cambridge 2021.
  9. Dazu immer noch lesenswert sind Raewyn Connell, Why Is Classical Theory Classical?, in: American Journal of Sociology 102 (1997), 6, S. 1511–1557; Randall Collins, A Sociological Guilt Trip. Comment on Connell, in: American Journal of Sociology 102 (1997), 6, S. 1558–1564. Siehe auch Syed Farid Alatas / Vineeta Sinha, Sociological Theory Beyond the Canon, London 2017.
  10. Das Argument findet sich bereits in Bhambras vorherigen Büchern Rethinking Modernity: Postcolonialism and the Sociological Imagination, Basingstoke 2007 sowie Connected Sociologies, London 2014.
  11. Jonas Fossli Gjersø, The Scramble for East Africa. British Motives Reconsidered, 1884–95, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 43 (2015), 5, S. 831–860; Klaus J. Bade, Antisklavereibewegung in Deutschland und Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika 1888–1890. Bismarck und Friedrich Fabri, in: Geschichte und Gesellschaft 3 (1977), 1, S. 31–58.
  12. Für gängige Erklärungsansätze vgl. Wolfgang J. Mommsen, Imperialismustheorien. Ein Überblick über die neueren Imperialismusinterpretationen, Göttingen 1987.
  13. Vgl. Kyle T. Mays, Transnational Progressivism. African Americans, Native Americans, and the Universal Races Congress of 1911, in: Studies in American Indian Literatures 25 (2013), 2, S. 243–261.
  14. Simon Katzenellenbogen, It Didn’t Happen at Berlin. Politics, Economics and Ignorance in the Setting of Africa’s Colonial Boundaries, in: Paul Nugent / A. I. Asiwaju (Hg.), African Boundaries. Barriers, Conduits, and Opportunities, London 1996, S. 21–34.
  15. Woodruff D. Smith, The German Colonial Empire, Chapel Hill, NC 1978, S. 169–174.
  16. Christopher Clark, The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, London 2012.
  17. Shmuel N. Eisenstadt, The Political Systems of Empires. The Rise and Fall of the Historical Bureaucratic Societies, London 1963.
  18. Zu Letzterem vgl. etwa George Steinmetz, The Devil’s Handwriting: Precoloniality and the German Colonial State in Qingdao, Samoa, and Southwest Africa, Chicago, IL 2007. Für Überblicksdarstellungen, die (außereuropäische) Land- und (europäische) Überseeimperien innerhalb eines konzeptionellen Rahmens diskutieren, siehe Jane Burbank / Frederick Cooper, Empires in World History: Power and the Politics of Difference, Princeton, NJ 2010; Krishan Kumar, Empires. A Political and Historical Sociology, Cambridge 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Globalisierung / Weltgesellschaft Kolonialismus / Postkolonialismus Moderne / Postmoderne

Autorenfoto von Matthias Leanza

Matthias Leanza

Dr. Matthias Leanza ist Oberassistent am Departement Gesellschaftswissenschaften der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der historischen und globalen Soziologie, der Imperien- und Kolonialismusforschung sowie der Soziologie von Prävention und Zukunft.

Alle Artikel

Empfehlungen

George Steinmetz

An Oblique Encounter with Sociology

Frantz Fanon’s „Les damnés de la terre“

Artikel lesen

Claudius Härpfer

Vom Reformer zum Revolutionär

Rezension zu „Du Bois. A Critical Introduction“ von Reiland Rabaka

Artikel lesen

Franziska Cooiman

Kolonialismus, Kapital und Ressentiment

Rezension zu „Kapital und Ressentiment“ von Joseph Vogl

Artikel lesen