Peer Illner | Rezension |

Was in der politischen Theorie unsichtbar bleibt

Rezension zu „Präfiguration. Zur Politizität einer transformativen Praxis“ von Paul Sörensen

Paul Sörensen:
Präfiguration. Zur Politizität einer transformativen Praxis
Deutschland
Frankfurt am Main / New York 2023: Campus
345 S., 42 EUR
ISBN 9783593516943

Eine schwarze Katze mit zerzaustem Fell und gekrümmtem Rücken ziert das Cover von Paul Sörensens Buch Präfiguration. Entworfen hat sie der Künstler und Aktivist Ralph Chaplin für die 1905 gegründete Gewerkschaft Industrial Workers of the World. Die von Chaplin gezeichnete Katze, besser bekannt unter dem Namen Sab Cat, gilt als anarchistisches Symbol für direkte Aktion in der Produktionsstätte, genauer gesagt Sabotage. Um Arbeitskämpfe geht es dem Autor von Präfiguration jedoch nicht. Stattdessen interessiert sich Sörensen für die Platzproteste, die in den 2010er-Jahren von New York über Madrid bis Istanbul um sich griffen und eine neue Art der Mobilisierung darstellten. Auf gut dreihundert Seiten geht Sörensen der Frage nach, inwieweit diese Proteste, bei denen vor allem junge Menschen öffentliche Plätze besetzten, ohne konkrete Forderungen an Machthaber zu stellen, als politisch gelten können. Dem Autor geht es also um Ausdrucksformen des Politischen abseits der klassischen Schauplätze politischer Debatten und Kämpfe, dem Parlament und der Produktionsstätte.

Sörensens Buch ist in drei Teile und neun Kapitel mit jeweils zwei bis fünf Unterkapiteln unterteilt. Wie es die minutiöse Gliederung vermuten lässt, hat das Buch seinen Ursprung in der Habilitationsschrift des Autors. Entsprechend breit gefächert sind auch die hier aufgegriffenen Themen. Sörensen geht von den Reaktionen linker Theoretiker:innen und des politischen Mainstreams auf die Platzproteste aus, welche ihnen nach anfänglicher Ratlosigkeit jeglichen politischen Inhalt absprachen. Ist die missbilligende Haltung des damaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der Occupy seinerzeit „als nicht ernstzunehmende politische Aktion“ (S. 10) einstufte, wenig überraschend, so wiegt die Ablehnung schillernder linker Denker:innen wie Chantal Mouffe, Jodi Dean oder Nancy Fraser für Sörensen schwerer. Diese Haltung wertet der Autor als Indiz für einen toten Winkel innerhalb der politischen Theorie, welche durch ihren Fokus auf Staaten und Institutionen die „Infrapolitik“ (James Scott) der Platzproteste nicht in den Blick bekäme. Hiermit ist Sörensens argumentatives Anliegen umrissen: eine Erweiterung der politischen Theorie im Hinblick auf das Politikverständnis, welches sich in den Platzprotesten bahnbricht. Sörensen nennt es ,Präfiguration‘.

Was also ist Präfiguration? Für Sörensen ist sie ein „transformationspolitisches Instrument das [...] darauf zielt im Hier und Jetzt soziale Beziehungen, Praktiken und Institutionen, zu etablieren die einen Vorschein der jeweils angestrebten Gesellschaft darstellen sollen“ (S. 14). Gemeint sind politische Aktionen, die in ihren Organisationsweisen unmittelbar und ohne Umweg über vermittelnde Instanzen wie Wahlen, Parteien und Institutionen eine Blaupause für eine erwünschte Gesellschaftsform darstellen; ein „präsentistischer Utopismus“, wie Sörensen das an anderer Stelle nennt. Es geht also um experimentelle, nicht-repräsentative Politik, die als solche immer schon unter Verdacht steht, Kunst oder reiner Lifestyle zu sein, ein Vorwurf, den Sörensen entschieden zurückweist (S. 10). Die Liste präfigurativer Proteste ist lang: „Der Tahrir-Platz in Kairo, die Puerta del Sol in Madrid, der Zucotti Park in New York, der Syntagma Platz in Athen, der Rothschild Boulevard in Tel Aviv, die Place de la République in Paris oder auch der Gezi Park in Istanbul“ (S.9). Doch wer sich eine vergleichende Analyse der jeweiligen Protestaktionen erhofft oder sich fragt, wie Polizei und Regierungen auf die Platzproteste reagierten, wird enttäuscht. Sörensen hält sich so wenig mit der empirischen Realität der Proteste auf, dass die beschworenen Plätze drohen, zu reinen Chiffren zu verkommen.

Weit davon entfernt, einfaches Versäumnis zu sein, hat die Empirieferne in „Präfiguration“ jedoch Prinzip. Die leitende Fragestellung des Buches formuliert Sörensen nämlich so: „[I]n einem welcherart theoretisch strukturierten, begriffspolitisch machtvoll gestalteten Diskurs- und Analyseraum lässt sich die Frage nach der Politizität präfigurativer Praktiken […] beantworten?“ (S. 16) Der Hauptverdienst des Buches ist dementsprechend eine Umstrukturierung des Diskursraumes, durch den das politische Moment präfigurativer Praktiken klarer zu Tage tritt. Dabei zeichnet Sörensen die Ideengeschichte der Präfiguration von ihren christlich-theologischen Ursprüngen über ihre Verwendung im Kontext der Neuen Linken bis hin zu den zeitgenössischen Interpretationen Wendy Browns oder Rhiannon Firths detailliert nach. Grundsätzlich wird Präfiguration als eine Verschiebung des Seh- und Sagbaren gefasst, als ein Sichtbarmachen dessen, was vorher unsichtbar war, oder, wie Sörensen mit Jacques Rancière schreibt, das Hörbarmachen einer Rede, die zuvor „nur als Lärm gehört wurde“ (S. 92). Der Kernantagonismus, der Sörensen beschäftigt, ist der zwischen politischen Theorien, wie denen von Jürgen Habermas, Hannah Arendt oder Chantal Mouffe, die jeweils festmachen wollen, an welchen Orten Politik geschieht, und den ephemeren Phänomenen der Präfiguration, die jedes solches Feststellen unterwandern. Habermas’ Fokus auf Diskurs und Kommunikation, Arendts Theorie der Öffentlichkeit und Mouffes Überlegungen zu Partei und Staat werden hier die „weltzugewandten Exoduspraktiken“ von Hardt und Negris Multitude oder Gilles Deleuzes Bartleby gegenübergestellt, bei denen die Abkehr von etablierten politischen Institutionen nicht als Eskapismus, sondern als aktive Widerstandspraktik gedacht wird.

Ein zweiter und aus meiner Sicht mehr versprechender Aspekt von Sörensens Präfigurationstheorie betrifft die Frage, welche konkreten Aktivitäten und Praktiken wann als politisch gelten können. In dem Zusammenhang betrachtet Sörensen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezüglich der Proteste im Rahmen des G20-Gipfels 2017. Im Hamburger Stadtpark wurde anlässlich des Gipfels ein Protestcamp errichtet, das zehn Tage lang neben Infoveranstaltungen und Workshops, gemeinschaftliches Wohnen, Schlafen und Essen organisierte. Während das Bundesverfassungsgericht das Camp als legitime Versammlungsform ansah, wurden die kollektiven Schlaf- und Verpflegungseinrichtungen nicht als Teil der politischen Meinungsäußerung befunden. Damit zog das Gericht eine klare Trennlinie zwischen den „politischen“ Aktivitäten der Diskussion, der Demonstration und des verbalen Protests und den vermeintlich „unpolitischen“ Tätigkeiten des Essens, Schlafens und Wohnens. Sörensen zeigt zu Recht auf, dass das konventionelle Politikverständnis des Bundesverfassungsgerichts den spezifisch politischen Charakter des Protestcamps nicht in den Blick bekommt. Die Frage nach dem politischen Moment gemeinsamen Essens, Schlafens und Wohnens behandelt Sörensen in der Folge anhand der Metaphern der Geburt und der Zeugung, die er von Hannah Arendt beziehungsweise Martin Buber aufgreift (dem Bundesverfassungsgericht wird ein Arendt‘sches Politikverständnis attestiert). Es bleibt jedoch unklar, wie diese Metaphern zu einem besseren Verständnis des Urteils des Bundesverfassungsgerichts beitragen und darüber hinaus den Blick für die politische Dimension von scheinbar unpolitischen Tätigkeiten schärfen. In der Hinsicht wäre ein Blick auf die lange Tradition von Bewegungen und Organisationen, die sozial reproduktive Tätigkeiten als essenziell politische Angelegenheit verstehen – vom marxistischen Feminismus über die Black Panthers und das Combahee River Collective –, vermutlich ertragreicher gewesen.

Am nächsten kommt Sörensen den besetzten Plätzen, wenn er die Debatten innerhalb der Neuen Linken über die Aufstände von 1968 nachzeichnet (S. 57–73). Sowohl André Gorz in der New Left Review als auch Carl Boggs in Radical America kritisierten die Aufstände der 68er-Bewegung als eskapistisch, da sie jede Vermittlung durch Parteien oder Institutionen ablehnte. Auch wenn der Spontaneismus durchaus präfigurative Elemente enthalte, warfen Gorz und Boggs ihm vor, er würde diese in seiner Verweigerung realpolitischer Organisation sofort wieder zunichtemachen. Die Kraft der Präfiguration schrieben die Kritiker ausschließlich politischen Parteien zu, da diese durch eine kohärente Struktur und Vision als einzige Kraft den Übergang zum Sozialismus angehen könnten.

Was sich hier als vielversprechendes Spannungsfeld zwischen Spontaneismus und Organisation oder zwischen Negation und Präfiguration auftut, lässt Sörensen in der Folge jedoch mitsamt dem Erbe der Neuen Linken hinter sich. Das ist überraschend, hat doch Joshua Clover in seinem viel beachteten Buch Riot. Strike. Riot. The New Era of Uprisings[1] auf die enge Verknüpfung zwischen Platzprotesten und Aufständen in der Protestsequenz der 2010er-Jahre hingewiesen. Hinter dem Place de la République steht schließlich Clichy-sous-Bois, hinter dem Trafalgar Square, Tottenham und hinter dem Zucotti Park, Ferguson. Für Clover sind die schwarzen Rassenunruhen das lumpenproletarische Äquivalent zu den weißen Platzprotesten der Mittelschicht (S. 180). Obwohl sie nicht Seite an Seite protestieren, teilen weiße Studentenschaft und schwarze Surplus-Bevölkerung[2] in den 2010er-Jahren nämlich das gleiche Schicksal: den sozialen Abstieg, ausgelöst durch Austeritätspolitik auf beiden Seiten des Atlantiks. Materialistisch betrachtet wird klar, warum beide Protestgruppen die Institutionen der repräsentativen Demokratie ablehnen – schließlich löst sich ihr Wohlstandsversprechen zwischen studentischer Schuldenkrise und schwarzer Masseninhaftierung zusehends in Luft auf. Während der eine Pol des Protests auf öffentlichen Plätzen eine utopische Gesellschaftsform präfiguriert, entlädt sich die Wut des anderen in der Blockade von Highways, dem Stürzen von Statuen und der Sabotage von Infrastruktur. Sörensen durchdenkt nur den bürgerlichen Teil dieses Phänomens, während die Negation in seinem Buch durchweg wenig Beachtung findet. Bei aller Distanzierung von der Bewegungsforschung (S. 13) hätte eine stärkere empirische Auseinandersetzung mit der Protestsequenz der 2010er-Jahre dem Buch gutgetan. Dadurch wäre nicht zuletzt die systemische Verknüpfung diverser klassenspezifischer Protestformen besser in den Blick gekommen. In deren Abwesenheit lässt sich fragen, welche politischen Aktionen Sörensens Fokus auf bürgerliche Protestcamps wiederum selber unabsichtlich invisibilisiert.

Die Platzproteste sind für Sörensen also vor allem theoretische Schauplätze, auf denen sichtbar wird, was in der politischen Theorie unsichtbar bleibt. Wer sich für Geschichte und Theorie der Präfiguration begeistert, findet hier einen reichen Fundus sorgfältig zusammengetragenen Materials. Wer sich jedoch für die Platzproteste als eine der „Hauptformen kollektiver Aktion“ (Charles Tilly) des frühen 21. Jahrhunderts interessiert, ist praxisnäher besser aufgehoben.

  1. Joshua Clover, Riot. Strike. Riot. The New Era of Uprisings, London / New York 2016.
  2. Clover spricht von “racialized surplus populations” und erneuert damit einen Begriff aus Marx’ Wirtschaftstheorie (S. 180).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Peer Illner

Peer Illner ist Historiker und Kulturwissenschaftler. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Reproduktion von Rasse, Klasse und Geschlecht im amerikanischen Wohlfahrtsstaat. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Disasters and Social Reproduction. Crisis Response between the State and Community”, London 2021 und als Herausgeber: „Unworking”, Berlin 2021.

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