Claudia Zerle-Elsäßer | Rezension |

We Are Family

Rezension zu „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft“ von Christine Wimbauer

Abbildung Buchcover Co-Parenting und die Zukunft der Liebe von Christine Wimbauer

Christine Wimbauer:
Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft
Deutschland
Bielefeld 2021: transcript
298 S., 29,00 EUR
ISBN 978-3-8376-5503-2

Christine Wimbauer macht die Relevanz ihres Buchthemas Co-Parenting und die Zukunft der Liebe schon im ersten Absatz des Vorworts deutlich. Schließlich sei Liebe, so schreibt sie, „ein immerwährendes Thema“ (S. 9). Dass die Autorin den Fokus ihrer Ausführungen auf eine Familienform legt, bei der sich die Eltern explizit gegen eine Liebesbeziehung entschieden haben, ist der grundsätzliche Spannungsbogen, der sich im Folgenden sehr gelungen durch das gesamte Buch zieht. Als Professorin für die Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin greift Wimbauer für ihre Ausführungen auf einen breiten Fundus an jahrelanger empirischer (Paar-)Forschung zurück. Ihre Analysen verknüpft sie gekonnt mit (theoretischen) Erklärungsansätzen für den Wandel von Familie insgesamt. Hierbei wirft insbesondere Wimbauers Steckenpferd, die Anerkennungstheorie (nach Honneth), neue spannende Fragen auf: Ist Liebe eine Form der Anerkennung? In welcher Weise werden die Bedürfnisse der Einzelnen in Familien anerkannt und was passiert mit der Anerkennung, wenn Liebe vergeht oder gar nie Teil der Abmachung war? Ihren eigenen Zugriff beschreibt sie als „sinnrekonstruktiv-verstehender, geschlechter-, ungleichheits- und heteronormativitätskritischer Ansatz“ (S. 66).

Geschichte der Familie

Das erste Kapitel „Liebe, Familie und Co-Elternschaft“ führt aus, dass sich die romantische Liebe als Grundlage der Familiengründung erst im 18./19. Jahrhundert ausbildete, weshalb sie historisch gesehen eher als ‚neue Mode‘ zu verstehen ist. Bis dahin basierten die in der Regel arrangierten Ehen auf ökonomischen und strategischen Überlegungen. Ihre mit dem historischen Abriss begründete Kritik an der wissenschaftlichen Vernachlässigung komplexer Familienformen kanalisiert Wimbauer in der Fragestellung nach Elternschaftskonzepten jenseits romantischer Liebesbeziehungen.

In Kapitel 2 führt die Autorin einige zentrale Begriffe wie „Hetero- und Paarnormativität“ ein und versucht die Frage zu beantworten, warum wir als Gesellschaft überhaupt (noch) derart an der (romantischen) Zweierbeziehung festhalten. Wimbauers Erklärung: Dem Modell der Zweierbeziehung schreiben die meisten Personen eine größere Verbindlichkeit, mehr Verantwortungsübernahme sowie eine emotional stützende Funktion zu.

Mit Rückgriff auf die feministische Kritik attestiert die Autorin den „Heilsversprechen“ (S. 16) der romantischen Liebe allerdings, dass sie weitestgehend uneinlösbar und unhaltbar seien. Eine romantische Liebesbeziehung sei nahezu unvereinbar mit einer egalitären Partnerschaft, denn Liebe verdecke „Machtdifferenzen, Ungleichheiten und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern“ (S. 45). Sogar wenn eine Liebesbeziehung scheitert, so das Fazit des zweiten Kapitels, deuten die beteiligten Personen dies in der Regel als individuelles Versagen ohne das Konzept der „Paarnormativität“ grundsätzlich infrage zu stellen. Für den weiteren Verlauf des Buches wie auch für die Entwicklung familialer Verhältnisse kündigt Wimbauer ein anderes Familienkonzept an.

Zunächst geht es aber um „Liebe und Elternschaft in der modernen Kleinfamilie – und deren Wandel“ (Kapitel 3). Dafür definiert Wimbauer die ‚Normalfamilie‘ als „dyadisch, also paarnormativ, und als zwei- wie gegengeschlechtlich, also als heterosexuell und heteronormativ“ (S. 60). Im Anschluss zeichnet sie die Veränderung nach, die die romantische Liebe zur „grundlegenden Fundierung der Elternbeziehung und der Familie“ (S. 61) machte.

Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in der bürgerlichen Familie brachte, neben der Gattenliebe, auch normative Vorstellungen von Mutter- und – etwas weniger restriktiv – Vaterliebe hervor. Die recht starren Bilder von der ‚richtigen‘ Kleinfamilie sorgten einerseits für ein groß angelegtes „Glücksversprechen der Familie“ (S. 65 ff.) und andererseits für zahlreiche Verwerfungen – etwa die ökonomische Abhängigkeit der Mutter, ungleiche Ressourcenausstattungen oder auch die emotionale Abhängigkeit jedes Familienmitglieds von den anderen –, die dieses Versprechen in vielen Fällen brachen und immer noch brechen. Mittlerweile differenziert sich die vermeintliche Einheit Familie zunehmend aus, zum Beispiel bei der Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zwischen den Partner*innen, in den Wegen der Familiengründung, bezüglich diverser Formen von Elternschaft sowie durch jenseits der Heteronorm existierende Konzepte von Familie.

Familiengeschichte(n)

Ab Kapitel 4, „Co-Parenting: Alternative zur ‚Normal-Familie‘ oder alternative Normalfamilie?“, kommt Wimbauer dann zum eigentlichen Thema, der Co-Elternschaft beziehungsweise dem Co-Parenting. Bei dem Modell gründen „zwei oder mehr Menschen, (egal welchen Geschlechts) bewusst zusammen eine Familie […] (im Sinne von gemeinsam Kinder haben) und [übernehmen] gemeinsam Elternverantwortung […], ohne dass sich die (beziehungsweise alle) Eltern wechselseitig lieben“ (S. 88). In die Definition sind alle möglichen diversen Formen, Muster und Konstellationen eingeschlossen und zu nahezu allen gibt es, so Wimbauers berechtigte Kritik, viel zu wenig empirische Studien und Forschung. Wie im vierten Kapitel besonders deutlich wird, argumentiert Wimbauer wiederum auf der Basis zahlreicher eigener Studien, aber auch fremder Quellen und Beispielen. Ihre nun folgenden Ausführungen arbeiten die Besonderheiten der speziellen Familienform des Co-Parenting heraus.

„Co-Parenting oder Co-Elternschaft meint hier, wenn zwei oder mehr Menschen, (egal welchen Geschlechts) bewusst zusammen eine Familie gründen (im Sinne von gemeinsam Kinder haben) und gemeinsam Elternverantwortung übernehmen, ohne dass sich die (beziehungsweise alle) Eltern wechselseitig lieben.“ (S. 88)

Zu Beginn des fünften Kapitels stellt sie die berechtigte Frage, was Menschen überhaupt dazu bringt, eine Co-Eltern-Familie zu gründen, also gemeinsame Kinder zu bekommen, ohne ein Liebespaar zu sein. Anschließend systematisiert sie die im Feld erforschten Beweggründe in vier Hauptargumente (neben einem starken, anders nicht erfüllbaren Kinderwunsch): aktive Elternschaft, geteilte Verantwortung, geschlechtergerechte Arbeitsteilung, Freundschaft der Co-Elternteile.

Über allem steht, so Wimbauers Fazit, eine starke Orientierung am Kind und an dessen Wohl. Neben spezifischen Befürchtungen, die mit der jeweiligen Konstellation verbunden sind, beschreibt sie die große Angst des „Scheiterns der Familiengründung an sozialen Erwartungen und Normen“ (S. 110). Damit kann sie zeigen, wie wirkmächtig die Vorstellung von der romantischen heterosexuellen Paarfamilie letztlich auch in alternativen Konstellationen ist. Die Angst, gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu genügen, beweist außerdem, dass das Thema Familie nach wie vor normativ stark umkämpft ist und dass Konstellationen, die nicht den gängigen Erwartungen entsprechen, mit Irritation, Anfeindung und Ausgrenzung konfrontiert sind (siehe Kapitel 7).

Unter der Überschrift „Versprechen und Emanzipationspotentiale des unromantischen Co-Parenting“ (Kapitel 6) schöpft Wimbauer dann einmal mehr aus den Vollen ihres empirischen Materials. Diesmal geht es ihr um die Hoffnungen, die mit Familiengründung und Familienleben ohne Liebe verbunden sind. Ein solches Familienmodell könnte Kinderwünsche erfüllen, die andernfalls nicht realisierbar wären, das Kindeswohl könne als gemeinsame oberste Priorität gelten und die Beziehungen könnten viel dauerhafter sein, da sie nicht verknüpft seien mit einer Liebesbeziehung, die unter Umständen irgendwann zu Ende gehe. Stattdessen verbinde die Eltern der gemeinsame Wunsch, für ein Kind da zu sein, was oftmals weniger finanzielle und emotionale Abhängigkeiten impliziere. Mehr Eltern wären außerdem meistens in der Lage, eine größere Zahl an Ressourcen (Zeit, Geld, Aufmerksamkeit etc.) bereitzustellen, und Kinder, die in Co-Elternschaft aufwachsen, würden von Beginn an mehr Pluralität kennenlernen.

Im Anschluss thematisiert Wimbauer „Herausforderungen und strukturelle Erschwernisse“ (Kapitel 7), etwa fehlende Vorbilder, an denen sich seltene Familienformen orientieren können, Ungleichheiten und Hierarchien, die sich auch jenseits von Liebe herausbilden, sowie Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlender Rechtssicherheit. Die eher allgemein gehaltenen Bemerkungen bereiten die Analyse einer Vier-Eltern-Konstellation aus einem lesbischen und einem schwulen Paar vor, bei der die Autorin die ungleiche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit herausschält: Während eine hauptsächlich für die Care-Tätigkeiten zuständige Co-Mutter wegen Überlastung ihre Erwerbstätigkeit zum Wohle der Kinder reduziert, aber mit ihrer Entscheidung hadert, registrieren die anderen Beteiligten, vor allem die Väter, keinerlei Problematik, Ungerechtigkeit oder gar Geschlechterspezifik. Sie verbuchen die Stundenreduktion als persönliche Entscheidung beziehungsweise Präferenz.

Besser – oder nur anders?

Das Fallbeispiel leitet über zur zentralen Frage des Buches (Kapitel 8): Kann eine Co-Elternschaft all jene negativen Folgen und Begleiterscheinungen vermeiden, die Familiengründungen auf Basis einer romantischen Liebe oftmals mit sich bringen? Zu nennen wären hier in erster Linie die ungleiche Aufteilung von Familien- und Sorgearbeit, verbunden mit ungleichen Machtgefügen und Belastungen. Zur Beantwortung untersucht Wimbauer drei Szenarien: Dystopie, Emanzipation und Utopie. Sie kommt zu dem Schluss, dass auch Personen in ungewöhnlichen Familienformen wie dem Co-Parenting Eltern an familialen Glücksvorstellungen festhalten. Die Veränderung der familialen Lebensform geht also nicht zwangsläufig einher mit der dystopischen Auflösung von Familie.

Der Autorin zufolge stecken im Co-Parenting durchaus Emanzipationspotenziale, insbesondere weil man sowohl die Erziehungsverantwortung als auch die ökonomische Absicherung der Familie häufig auf mehrere Schultern verteilen kann. Umfassende – oder auch nur annähernde – Geschlechtergerechtigkeit ist, das wird deutlich, jedoch auch ohne Liebe ein Zustand, der hart und immer wieder neu erarbeitet werden muss.

Als Utopie schließlich kann das Co-Parenting nicht so recht dienen. Auch wenn Ungleichheiten teilweise aufgehoben sind, tauchen (umso mehr) neue Disbalancen auf, woraus Wimbauer nun konkrete Forderungen und gesellschaftspolitischen Handlungsbedarf ableitet. Die Abwertung alternativer Familienformen mit all ihren diskriminierenden Implikationen in Öffentlichkeit und Recht gelte es abzubauen. Das Wohl des Kindes sowie faktische Sorgeverantwortung müsse stärker in den Mittelpunkt gerückt, gefördert und unterstützt werden.

Das Buch von Christine Wimbauer ist in jedem Fall lesenswert. Man findet darin keine facts and figures, sondern – neben vielen empirischen Beispielen und Zitaten aus jahrelanger qualitativer Forschungsarbeit zu Familien – vor allem kluge Fragen, spannende Denkstöße und aktuelle familiensoziologische Erkenntnisse. Bei all dem geht es der Autorin um weit mehr als ‚nur‘ um Co-Parenting: Es geht um Familie, es geht um Paare und es geht um die Zukunft der Liebe – ihre Ankündigung in Titel und Vorwort löst die Autorin damit gewinnbringend ein.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Bildung / Erziehung Familie / Jugend / Alter Feminismus

Abbildung Profilbild Claudia Zerle-Elsäßer

Claudia Zerle-Elsäßer

Dr. Claudia Zerle-Elsäßer ist Leiterin der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebensführung von Familien“ am Deutschen Jugendinstitut e.V. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Vaterschaft, familiale Lebensführung, Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Familie.

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