Vincent Streichhahn | Essay |

Wechselnde Allianzen

Robert Michels im Spiegel seiner Korrespondenz mit den unterschiedlichen Flügeln der deutschen Frauenbewegung

Robert Michels’ Beschäftigung mit der sogenannten Frauenfrage und sein Einsatz für die Frauenbewegung wurden in Deutschland lange Zeit kaum registriert.[1] Im angelsächsischen Raum fanden zumindest Michels’ Grenzen der Geschlechtsmoral durch eine Neuauflage im Jahr 2000 kurzzeitig Beachtung, ohne jedoch zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit seinem Werk anzuregen.[2] Dieses Desinteresse, welches keineswegs auf eine mangelnde Bekanntheit des frühen soziologischen Klassikers zurückzuführen ist, hat gewiss mehrere Gründe. Erstens dürfte Michels’ späte Wende zum Apologeten Mussolinis eine nicht unerhebliche Rolle spielen, gibt sie doch Anlass zu Zweifeln an der moralischen und politischen Integrität des Autors und damit auch für Berührungsängste. Zweitens litt Michels’ publizistisches Engagement für die Frauenbewegung unter der einseitigen Konzentration auf seine Arbeiten zur Eliten- und Parteiensoziologie – was wiederum die Frage aufwirft, inwiefern die Kanonisierung von Autor:innen und ihre Erhebung in den Klassikerstand eine freie und unvoreingenommene Beschäftigung mit ihren Werken eher limitiert als fördert. Hinzu kommt, drittens, dass die Geschlechtergeschichte des Kaiserreichs lange Zeit ein Nischendasein in der Geschichtswissenschaft fristete, weshalb Randfiguren der Frauenbewegung oder „Grenzgänger“[3] wie Michels schlicht übersehen wurden. Viertens hat Michels jenseits seiner Publizistik, die auf diesem Gebiet vordergründig um sexualmoralische und selten um dezidiert politische Fragen kreiste, nur wenig über seine Intentionen und seine Positionierung in der Frauenbewegung mitgeteilt. Im Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Gründe liegt meines Erachtens die Ursache für die lange währende Nichtbeachtung von Michels als einem feministischen Klassiker.[4]

Die fehlende Selbstauskunft des Autors erschwert eine genauere Verortung von Michels in der Frauenbewegung des Kaiserreichs, um die es in diesem Beitrag gehen soll. Eine Auswertung seiner thematisch einschlägigen Publikationen aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, die 1911 in der Veröffentlichung der Grenzen der Geschlechtsmoral gipfelte, erweist sich dabei als wenig hilfreich. Denn mit Ausnahme der vaterländischen und konfessionell gebundenen Frauenvereine scheute sich Michels nicht, mit sämtlichen Flügeln der politisch überaus heterogenen deutschen Frauenbewegung zu kooperieren. Seine Artikel finden sich in der von Helene Lange als Vertreterin des gemäßigten Lagers der bürgerlichen Frauenbewegung herausgegebenen Zeitschrift Die Frau ebenso wie in den Blättern des radikalen Flügels der Bewegung, zu denen etwa Die Frauenbewegung unter der Leitung von Lily Braun und Minna Cauer gehörte. Außerdem schrieb Michels für die von der Sexualreformerin Helene Stöcker verantwortete Zeitschrift Mutterschutz, die ab 1908 unter dem Titel Die neue Generation erschien, und er publizierte in der von Clara Zetkin geleiteten proletarischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Als Grenzgänger bewegte sich Michels zwischen den verschiedenen Lagern, ohne sich einem von ihnen zu verschreiben. Doch auch der Grenzgänger, der die Vereinnahmung scheut und unkonventionell agiert, kann sich gegenüber den Kreisen, in denen er verkehrt, kaum vollkommen indifferent verhalten. Ein überaus glücklicher Fund, den ich Anfang 2021 im Michels Archiv der Luigi Einaudi Stiftung in Turin gemacht habe, erlaubt – in Kombination mit den von Michels in seiner Publizistik geäußerten Positionen und unter Berücksichtigung von Hinweisen aus der spärlichen Sekundärliteratur – eine differenziertere Verortung von Michels in der deutschen Frauenbewegung. Bei dem Fund handelt es sich um eine Reihe von Briefen aus der umfangreichen Korrespondenz des Wahlitalieners, die sich – auf unser Thema bezogen – wie ein Who is who der deutschen Frauenbewegung lesen.

Die meisten dieser Briefe datieren auf das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Sie stammen also aus jenem Zeitraum, der mit Michels’ Publizistik zur Frauenfrage korrespondiert und insofern als Phase seines bewegungsorientierten Feminismus’ beschrieben werden kann. Ein Makel liegt darin, dass ausschließlich die Antworten von Aktivistinnen der Frauenbewegung wie Getrud Bäumer, Minna Cauer, Helene Lange, Alice Salomon, Helene Stöcker und Clara Zetkin erhalten geblieben sind. Die von Michels verfassten Schreiben fehlen, sodass seine Stimme nur durch das gefilterte Echo seiner verschollenen Briefe hörbar wird. Dennoch eröffnet die erhalten gebliebene Korrespondenz einige interessante Einblicke in das Verhältnis von Michels zur deutschen Frauenbewegung, welches ich in meinem Beitrag anhand von drei Thesen veranschaulichen möchte.

These I: Michels, der Vielschreiber oder Irgendwo muss das Geld ja herkommen

Vieles spricht dafür, dass Michels’ breite, flügelübergreifende Publikationstätigkeit maßgeblich durch seine zu dieser Zeit prekären materiellen Lebensumstände forciert wurde. Er selbst bekundete in einem Brief an den italienischen Finanzwissenschaftler Luigi Einaudi aus dem Jahr 1905, dass er „vom Schreiben leben“ müsse.[5] Eine akademische Karriere in Deutschland und die damit verbundene finanzielle Absicherung blieben ihm trotz der entschiedenen Fürsprache Max Webers aufgrund seiner sozialdemokratischen Parteizugehörigkeit versagt. Auch ein Ruf an die Universität Turin im Jahr 1907 bereitete den steten Geldsorgen kein Ende. Der großbürgerliche Lebensstil der Familie und die mit der Stelle verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen sorgten dafür, dass die finanzielle Situation angespannt blieb. Genett zufolge hatte Michels vor seiner Berufung nach Turin in weniger als zehn Jahren bereits mehr als „200 Aufsätze und Artikel veröffentlicht, von den ungezählten Buchrezensionen ganz zu schweigen.“[6] Die exakte Zahl dürfte vermutlich sogar noch höher liegen, da vor allem Michels’ Veröffentlichungen zur Frauenfrage seinerzeit noch nicht gänzlich bekannt waren und womöglich noch immer nicht sind. Der Arbeitseifer ging so weit, dass der Vielschreiber Michels durch chronische Überarbeitung und Nachtarbeit seine Gesundheit gefährdete, was seinen Freund Max Weber ernstlich besorgte.[7]

Am höchsten ist Michels’ publizistischer Output zur Frauenfrage in den Jahren 1902 und 1903. Hier korreliert eine hohe Anzahl an Artikeln mit einer Zeit großer materieller Sorgen und beruflicher Ungewissheit. Es ist die Zeit, in der Michels laut der vorliegenden Korrespondenz Kontakt mit verschiedenen führenden Aktivistinnen der Frauenbewegung aufnahm. In den meisten Fällen, das wird durch die Antwortbriefe von Helene Lange, Getrud Bäumer, Minna Cauer, Helene Stöcker und Clara Zetkin deutlich, resultierte Michels’ Kontaktaufnahme offenbar aus der Absicht, in den von den Aktivistinnen jeweils herausgegebenen Zeitschriften zu publizieren. Ab 1905 konzentrierten sich Michels’ Beiträge in den Periodika der Frauenbewegung jedoch mit wenigen Ausnahmen auf die Zeitschriften Stöckers, was mit einer thematischen Fokussierung einherging.

In den Jahren davor war Michels, der eine Zeit lang in Turin studiert und gelebt hatte, publizistisch vor allem aufgrund seiner Expertise über die italienische Frauenbewegung gefragt, die Gegenstand mehrerer Artikel war. Daneben entstanden in dieser Frühphase seines publizistischen Engagements in der Frauenbewegung drei dezidiert politische Beiträge: zum Frauenstimmrecht, zum Verhältnis von Sozialismus und Feminismus sowie zur Arbeit der proletarischen Frauenbewegung. Ein weiterer Strang seiner Publizistik, der als einziger die Anfangsjahre überdauerte, kreiste um das Feld der Sexualmoral.

Man täte Michels jedoch Unrecht, wenn man ihm unterstellte, dass er die um die Jahrhundertwende aufblühende deutsche Frauenbewegung und deren Zeitschriften lediglich für seine materiellen Interessen instrumentalisierte. Er vertrat geschlechteregalitäre Positionen aus Überzeugung und warb für diese in den Periodika der Frauenbewegung. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass Wirkungs- und Verdienstabsichten einander in diesen Jahren gut ergänzten.

These II: Michels als Grenzgänger oder Zwischen allen Stühlen

Michels’ Grenzgängertum rief innerhalb der Frauenbewegung durchaus Irritationen hervor, wie ich anhand der durch die Korrespondenz und anderes Quellenmaterial rekonstruierbaren Kontroversen und Anekdoten zeigen möchte.

Ende August 1902 muss Michels der radikalen bürgerlichen Frauenrechtlerin Minna Cauer angeboten haben, Artikel für die von ihr herausgegebene Zeitschrift Die Frauenbewegung zu schreiben. Als Referenzen schickte er einen Artikel aus Helene Langes bürgerlicher Zeitschrift Die Frau und einen aus Clara Zetkins sozialdemokratischer Arbeiterinnenzeitung Die Gleichheit mit. Von dieser Flexibilität war Cauer sichtlich irritiert. Sie habe die beiden Artikel interessiert gelesen, antwortete sie Michels, sei sich aber nicht sicher, „welche Richtung Sie vorzugsweise vertreten“. Zwar verlange sie natürlich nicht, daß Sie sich für eine Partei oder für eine Richtung festlegen“, doch schien ihr der Grenzgänger Michels ein eher unsicherer Kandidat zu sein, denn Cauer schreibt weiter: „‚Die Frau‘ sowohl wie ‚Die Gleichheit‘ sind Gegnerinnen unserer fortschrittlichen Richtung. ‚Die Frau‘ vertritt den konservativen, ja fast reaktionären Standpunkt der bürgerlichen Frauenbewegung. ‚Die Gleichheit‘ den nur sozialdemokratischen, d.h. sie erkennt grundsätzlich nichts weiter an, als sich selbst, huldigt aber dem Dogma der Unfehlbarkeit.“ Aufgrund dieser Umstände könne sie nicht beurteilen, ob Michels „den Ton“ ihrer Zeitschrift treffen werde. Sie bat ihn, einen Artikel zu schicken und dann werde man weiter verhandeln.[8]

Man hätte gerne gewusst, wie Michels auf Cauers Vorbehalte reagierte und sich zu ihnen positionierte, doch leider ist sein Antwortbrief nicht überliefert. Im Einaudi Archiv sind insgesamt neun Briefe von Minna Cauer an Michels vorhanden, die alle aus der zweiten Hälfte des Jahres 1902 stammen. Wir wissen, dass sich nach dem ersten Austausch zwischen den beiden durchaus eine funktionierende, wenn auch kurze Arbeitsbeziehung entwickelte. Bereits Mitte November schreibt Cauer, dass sie Michels’ Artikel zum Frauenstimmrecht erhalten habe. Dabei handelt es sich nicht nur um einen der wenigen dezidiert politischen Artikel von Michels zur Frauenfrage, sondern der Beitrag diente zugleich als Replik auf einen Artikel, der kurz zuvor in der liberalen Halbmonatszeitschrift Das freie Wort erschienen war.[9] Ob die Initiative dazu von Michels ausging, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Dafür spricht jedoch der Umstand, dass er selbst wiederholt in der besagten liberalen Zeitschrift publizierte. Sicher ist, dass Michels mit seinem Stimmrechtsartikel in eine Kontroverse intervenierte, die von der zeitgenössischen Frauenbewegung und ihren zahlreichen Stimmrechtsverbänden mit großer Vehemenz geführt wurde.[10] In einem Brief an Michels’ Ehefrau Gisela Michels-Lindner schreibt Cauer am 20. Dezember 1902: „Wollen Sie, bitte, Ihrem Herrn Gemahl bestellen, daß ich sehr viel mündliche Anerkennungen über seinen Stimmrechtsartikel gehört habe, anders Denkende haben sich nicht geäußert.“[11] Im folgenden Jahr veröffentlichte Michels noch einen weiteren Artikel in Cauers Zeitschrift, der die „Entstehung der Frauenfrage als soziale Frage“ behandelte. Danach verliert sich die Zusammenarbeit.

Während es nach der anfänglichen Irritation zwischen Cauer und Michels keine nachweisbaren Streitigkeiten gab, gestaltete sich sein Verhältnis zu Helene Lange und Gertrud Bäumer deutlich ambivalenter. Trotz einer relativ umfassenden Publikationstätigkeit in der von Lange herausgegebenen Zeitschrift Die Frau kam es öfters zu inhaltlichen Reibungen. Als sich Michels über redaktionelle Änderungen bei Bäumer beschwerte, wies diese die Kritik in einem Brief vom 9. August 1903 nicht nur zurück, sondern wählte deutliche Worte, die erneut Michels’ Grenzgängertum illustrieren.

Neben stilistischen Fragen betrafen die vorgenommenen Änderungen Bäumer zufolge „Ausdrücke, die durch eine scharfe Parteifärbung sich dem Charakter unserer Zeitschrift nicht einfügten.“ Zwar sei die persönliche Parteistellung der Mitarbeiter für die Redaktion nicht problematisch, solange es sich bei den Texten um „sachlich belehrende“ Beiträge handle; „die Kehrseite dieser Stellung ist es aber, daß wir auch jede Vertretung von Parteistandpunkten, sei es auch nur in der Ausdrucksweise, streng vermeiden.“ Gemeint waren Formulierungen wie „Emanzipation der Proletarier“, „Unternehmer schlimmster Sorte“ oder die „Ganzsklaverei“ der Frau, welche „der Auffassung, die wir von der historischen Entwicklung der Frauenfrage immer vertreten haben“, durchaus widersprechen würden. Bäumer gab an, es zu bedauern, wenn solche Meinungsverschiedenheiten das Ende der Zusammenarbeit bedeuten würden, „aber wir können unseren Standpunkt strengster Objektivität in keinem Punkte aufgeben“.[12] Der Vorfall führte zwar nicht zum Ende der Zusammenarbeit, blieb aber auch nicht der letzte seiner Art.[13] Die Zeilen machen deutlich, dass Michels von Lange und Bäumer zu dieser Zeit primär als Sozialist wahrgenommen und als solcher toleriert wurde, solange er bestimmte Grenzen nicht überschritt.

Michels’ ambivalente Haltung, seine Position zwischen den Stühlen findet ihren treffendsten Ausdruck in einer Kontroverse, die sich anlässlich des Internationalen Frauenkongresses entzündete, der im Juni 1904 in Berlin stattfand. Michels war bei diesem Kongress nicht persönlich anwesend, zumindest finden sich dazu keine Hinweise im Protokoll oder in der Korrespondenz. Drei Monate später war er jedoch zu Gast bei der sozialdemokratischen Frauenkonferenz in Bremen, die kurz vor dem regulären Parteitag der SPD stattfand, an dem Michels als Delegierter teilnahm. Bei dieser Gelegenheit äußerste Michels, dass er sich über die Tätigkeit und Aufopferung der Frauenbewegung freue, jedoch eine Erklärung dafür vermisse, weshalb man sich an dem Kongress der bürgerlichen Frauen in Berlin nicht beteiligt habe. „Ich stehe durchaus auf dem Standpunkt, dass die proletarischen Frauen nicht mit den bürgerlichen Frauen gemeinsam kämpfen sollen, weil sich ihre Ziele nicht in allem decken. Aber dieser Standpunkt bedeutet doch nicht, daß man nicht bei einem speziellen Anlaß mit den bürgerlichen Frauen zusammen tagen darf. Seit wann scheut die Sozialdemokratie den Umgang mit Bürgerlichen, als seien diese pestkrank?“[14] Michels vertrat den Standpunkt, dass man den Berliner Kongress durch die Anwesenheit proletarischer Frauen durchaus hätte beeinflussen und vorherrschende Vorurteile über die Sozialdemokratinnen hätte widerlegen können. „Das Gewissen der bürgerlichen Frauen wäre durch unsre Anwesenheit geschärft worden.“[15] Vor allem aus agitatorischen Gründen hätte man teilnehmen sollen.

Diese Position evozierte auf der sozialdemokratischen Frauenkonferenz größere Widerstände. Die engagierte Frauenrechtlerin und Parteiaktivistin Louise Zietz, die 1908 als erste Frau in den SPD-Vorstand gewählt werden sollte, hielt Michels entgegen: „Wenn man uns auffordert, zumutet, auf dem Kongreß der Frauen zu erscheinen, die unsre politischen Todfeinde unterstützen, nicht um unsre grundsätzlichen Forderungen zu diskutieren, sondern um uns Reförmchen in homöopathischen Dosen zugestehen zu lassen, so betrachten wir das als eine Herabwürdigung.“[16] Eine Teilnahme an dem Kongress hätte dessen Verlauf nicht geändert, meinte auch Clara Zetkin. „Die Geschichte lehrt uns, daß die bürgerlichen Frauen Fleisch vom Fleisch und Bein vom Bein der Bourgeoisie sind. Sie können nicht aus ihrer Haut heraus, sie können nicht aus ihrer Klasse heraus.“[17]

Von bürgerlicher Seite wurde Michels’ Auftreten auf der sozialdemokratischen Frauenkonferenz von manchen durchaus positiv registriert. Für die bürgerliche Frauenrechtlerin Ika Freudenberg war Michels in Bremen nicht weniger als „unser Anwalt“. In der Folge lud sie ihn im Namen des von ihr geleiteten Vereins für Fraueninteressen zu einem Vortrag über die italienische Arbeiterinnenbewegung nach München ein. In ihrem Schreiben an Michels erklärte sie, der Verein müsse bei der Einladungspraxis einige Vorsicht walten lassen, da „uns das Auftreten sozialdemokratischer Redner von vielen Seiten verübelt und als Planlosigkeit gedeutet wird“. Ihr sei aber sehr daran gelegen, „die Gegensätze zwischen den Arbeiterinnen und uns hier in München wirklich zu überbrücken“. Sie wolle „nichts verderben und die conservativen Elemente unsers Vereins langsam an eine unbefangene Erfassung der Dinge gewöhnen“.[18] Es gab also von manchen bürgerlichen Aktivistinnen durchaus Versuche, in einen gemeinsamen Austausch mit den proletarischen Frauen zu kommen, wobei Intellektuellen wie Michels aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie sowie ihrem bürgerlichen Habitus eine Mittlerfunktion zugedacht wurde. Von Erfolg waren die entsprechenden Bemühungen indes nicht gekrönt. Eine Verständigung zwischen den rivalisierenden Flügeln der Frauenbewegung vermochte auch der Grenzgänger Michels nicht herbeizuführen.

Michels’ Engagement wurde von den führenden Vertreterinnen der Frauenbewegung jedoch wahrgenommen, was nicht zuletzt daran lag, dass er selbst in eigener Sache tätig war. So versäumte er es nicht, auch Helene Stöcker, die Herausgeberin der Zeitschrift Mutterschutz, auf seinen Bremer Auftritt hinzuweisen, was sie wohlwollend zur Kenntnis nahm, und sie zu bitten, die bürgerlichen Frauenblätter auf mögliche weitere Erwähnungen hin zu beobachten.[19] Alice Salomon wiederum nahm die Diskussion in Bremen zum Anlass für einen Artikel über „Sozialdemokratie und Frauenbewegung“, welcher im Novemberheft der Frau erschien.[20] Von Verständigungsbereitschaft und einer Annäherung zwischen den Flügeln konnte dabei allerdings auch hier keine Rede sein. Für Salomon haben die sozialistischen Frauen „auch auf ihrer letzten Tagung in Bremen wieder gezeigt, daß eine Welt, ein tiefer Abgrund sie von uns andern trennt“.[21] Zwar gestand Salomon zu, dass eine Teilnahme der sozialdemokratischen Frauen am Internationalen Frauenkongress in Berlin durchaus zur Beseitigung bestehender Vorurteile hätte beitragen können, doch meinte sie „mit allem Nachdruck die Unterstellung zurückweisen zu müssen“, hier zielte sie explizit auf Michels, „daß es den bürgerlichen Frauen an der nötigen Gewissenhaftigkeit fehlt, sodaß ihre Gewissen durch die Anwesenheit von Sozialistinnen geschärft werden müßten“.[22]

Daraufhin wandte sich Michels in einem Brief an Salomon, um vermeintliche Missverständnisse auszuräumen, wie sie unter der Überschrift „Eingesandt“ in der Frau erklärte.[23] Demnach sei es Michels sogar „sympathisch aufgefallen [...], daß die bürgerlichen Frauen auf dem Kongreß [...] die Absage der Sozialistinnen, am Kongresse teilzunehmen, nicht [...] polemisch ausgenutzt“ haben. Seine Erklärung zum Schärfen des Gewissens der bürgerlichen Frauen überzeugte sie dennoch nicht.[24] Damit war die Geschichte für Michels jedoch noch nicht erledigt, denn offenbar versuchte er Salomon zu einer gemeinsamen Stellungnahme in Form eines weiteren „Eingesandt“ zu überreden.[25] Diese ließ sich jedoch nicht beirren. Die Episode ist insofern aufschlussreich, als sie zeigt, dass Michels einiges daran gelegen war, auch bei den bürgerlichen Frauen in einem guten Licht zu erscheinen.

Ob Zufall oder nicht – nach der Auseinandersetzung publizierte Michels, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nur noch in den Blättern von Helene Stöcker zu frauenpolitischen Themen. Dessen ungeachtet wurden die Kontakte auf der persönlichen Ebene weiterhin gepflegt. Alice Salomon besuchte das Ehepaar Michels-Lindner 1907 in Marburg. Auch mit Lange und Bäumer korrespondierte er weiterhin, mit Zetkin sogar freundschaftlich, aber der Austausch materialisierte sich kaum noch in Artikeln für die entsprechenden Zeitschriften. Nur mit Stöcker scheinen Michels inhaltliche Kontroversen erspart geblieben zu sein. Das führt mich zu meiner dritten und letzten These.

These III: Michels als verkannter Sexualwissenschaftler

Wie weiter oben bereits angedeutet, zeichnet sich allein Michels’ Publizistik zur Sexualmoral durch eine gewisse Kontinuität aus. Diese lässt sich am besten über den Kontakt mit Helene Stöcker und deren verschiedene Zeitschriftenprojekte nachvollziehen. Auch in diesem Fall war es offenbar Michels, der sich zwecks Veröffentlichungsmöglichkeiten 1902 zuerst an Stöcker wandte.[26] Über die Zeit boten sich dafür viele Möglichkeiten. Michels publizierte ebenso in Dokumente der Frau (Wien), an denen Stöcker beteiligt war, wie in dem Folgeprojekt Frauen-Rundschau (welches noch systematisch nach weiteren Artikeln durchforstet werden muss). Außerdem veröffentlichte er Artikel in den bereits erwähnten Vereinsperiodika von Stöckers Bund für Mutterschutz, den Zeitschriften Mutterschutz und (ab 1908) Die neue Generation. Es fällt auf, dass Michels weder in den Blättern der gemäßigten bürgerlichen noch in denen der proletarischen Frauenbewegung Texte zu Fragen der Sexualmoral publizierte. Mit einer relativ frühen Ausnahme – einem Artikel in dem von Karl Kautsky herausgegebenen sozialdemokratischen Theoriemagazin Neue Zeit[27] – blieb dieser Themenbereich weitgehend auf die unter Beteiligung Stöckers erscheinenden Zeitschriften beschränkt.

Eine interessante Anekdote bezieht sich auf das Thema der „Brautstandsmoral“, das Michels seit der Jahrhundertwende beschäftigte.[28] Die Brautstandsmoral sei „unter all den verschiedenen Bestandteilen unseres momentanen Moralbegriffes […] die allerzerbrechlichste, angefaulteste und anormalste“, urteilte Michels in einer Broschüre.[29] In der Forschung wurde das Erscheinungsjahr bislang auf 1906 datiert. Das ist das Jahr, welches Michels in einer Fußnote seiner Grenzen der Geschlechtsmoral selbst angibt. Wie ein inzwischen digitalisiertes Exemplar zeigt, war die betreffende Broschüre jedoch schon 1904 in der 5. Auflage erschienen. Aus einem Brief Helene Stöckers geht zudem hervor, dass der von Michels verfasste Text ursprünglich für die Frauen-Rundschau gedacht war, aber von Stöcker nach einer anfänglichen Zusage abgelehnt wurde, weil er ihr in Form und Ausdruck zu scharf für das „Frauenpublikum“ erschien und sie befürchtete, dass dadurch eher das Gegenteil von dem erreicht werde, was man beabsichtige. Diese Erfahrung, so ließ sie Michels wissen, habe sie selbst schon machen müssen. Daraufhin entschloss sich Michels im Mai 1903, den Text als Broschüre zu veröffentlichen. Es ist gut möglich, dass diese noch im Laufe desselben Jahres erschien, spätestens aber zu Beginn des Folgejahres. Denn schon im Frühjahr 1904 wurde die Broschüre von den Behörden wegen Verstoßes gegen die Sittlichkeit beschlagnahmt. Michels drohte sogar ein Verfahren, aber ob es wirklich dazu kam und wie sich der Vorfall weiter entwickelte, ließ sich bislang leider nicht ermitteln. Langfristig aus dem Verkehr gezogen wurde die Broschüre aber offensichtlich nicht, auch für eine Verurteilung gibt es keine Indizien.[30] Es ist daher anzunehmen, dass das Verfahren wohl eingestellt wurde.

Der Kontakt zwischen Michels und Stöcker blieb über die Jahre bestehen. Michels publizierte nicht nur bis mindestens 1912 in den Blättern des Bundes für Mutterschutz, sondern war auch wiederholt als Redner für den Verein aktiv, was bei Max Weber wenig Begeisterung hervorrief.[31] Das Verhältnis zwischen Michels und Stöcker war von wechselseitiger Anerkennung und Wertschätzung geprägt. Verschiedene gegenseitige Einladungen und Besuche werden durch die Korrespondenz bestätigt.

Es verwundert daher wenig, dass auch die Editionsgeschichte von Michels’ Grenzen der Geschlechtsmoral, welche sich erst durch die Korrespondenz rekonstruieren ließ,[32] in einem Zusammenhang mit Stöcker steht. Die Idee zu dem Werk hat Michels demnach spätestens ab dem Frühjahr 1909 mit sich herumgetragen, wie aus einem Brief von Helene Stöcker an Michels vom 22. Juni desselben Jahres deutlich wird.[33] Offenbar hatte Michels sie zuvor nach möglichen Verleger:innen gefragt.[34] Obwohl der Kontakt zwischen Stöcker und Michels weiter bestanden haben dürfte, bricht die überlieferte Korrespondenz im Jahr 1909 ab. Erst für 1923 ist wieder ein Brief nachweisbar, der belegt, dass Michels Stöcker für ein Referat in sein Staatswissenschaftliches Seminar einlud.[35] 1930 folgt noch eine Einladung an Michels von Stöcker zum 25-jährigen Bestehen des Bundes für Mutterschutz nach Berlin.[36]

Michels’ Publikations- und Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Sexualmoral lässt sich während dieser Zeit nur schwer nachvollziehen. Wir wissen, dass eine englische Edition von Michels’ Grenzen der Geschlechtsmoral 1914 in einer von dem bekannten Sexualwissenschaftler und Sozialreformer Havelock Ellis[37] herausgegebenen Fachreihe erschien.[38] Aus einem Brief an die Sozialdemokratin Henriette Fürth vom Februar 1914 geht außerdem hervor, dass Michels darüber hinaus ein Soziologisches Handwörterbuch plante, in das auch Beiträge zur Sexualmoral aufgenommen werden sollten.[39] Dieses Projekt wurde jedoch nie realisiert.

Der Erste Weltkrieg scheint eine Zäsur für Michels’ Arbeiten zur Sexualmoral in Deutschland gewesen zu sein. Erst sehr spät, nämlich in den 1920er-Jahren, griff er das Thema wieder auf. 1928 erschien die Monografie Sittlichkeit in Ziffern. Kritik der Moralstatistik, der im Vorjahr ein längerer Artikel im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik vorausgegangen war.[40] Das deutet darauf hin, dass Michels’ politisches Engagement in der Frauenbewegung sich nach einem emphatischen Beginn rasch abkühlte und nur auf dem Gebiet der Sexualmoral eine gewisse Stetigkeit entwickelte. Auf dem Feld der im Entstehen begriffenen Sexualwissenschaft, die sich während dieser Zeit als neue akademische Disziplin etablierte, blieb der Grenzgänger Michels indes eine Randerscheinung. In den frühen deutschen Handbüchern der Sexualwissenschaft spielt er keine Rolle.

Resümierende Standortbestimmung

Um 1900 engagierte sich Michels nicht nur für die Sozialdemokratische Partei, sondern auch verstärkt für die deutsche Frauenbewegung. Dieses Engagement war primär publizistischer Natur und beschränkte sich nicht auf einen speziellen Flügel der Frauenbewegung. Gefragt war Michels dabei vor allem aufgrund seiner Kenntnisse der italienischen Verhältnisse. Zeitlich konzentrierten sich Michels’ bewegungspolitische Aktivitäten vor allem auf die Jahre von 1902 bis 1904. In diesem Zeitraum publizierte Michels in einer Vielzahl von Periodika der verschiedenen Flügel der deutschen Frauenbewegung. In den folgenden Jahren beschränkte sich die Publikationstätigkeit von Michels auf die Zeitschriften von Helene Stöcker und – damit einhergehend – auf sexualmoralische Themen. Ihren Höhepunkt fand diese Phase 1911 in Michels’ Essaysammlung Die Grenzen der Geschlechtsmoral. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges gab es zumindest mit Blick auf Michels’ wissenschaftliches Wirken in Deutschland einen gewissen Bruch. Erst Ende der 1920er-Jahre zeugen eine Monografie und ein längerer Zeitschriftenartikel davon, dass Michels die thematischen Fäden wieder aufnahm und damit auch ein deutsches soziologisches Fachpublikum adressierte.

Wie ist Michels also in der deutschen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg zu verorten? In den wenigen dezidiert politischen Beiträgen zur Frauenfrage wird deutlich, dass Michels vor allem in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende einen relativ ausgeprägten Klassenstandpunkt vertrat. Unter dieser Perspektive beobachtete und beschrieb er auch das Wirken der Frauenbewegung. Interessant ist in dieser Hinsicht seine Sicht auf die italienische Frauenbewegung, die wiederholt durch eingestreute vergleichende Bemerkungen deutlich wird. Als bekennender Sozialist stand Michels in diesen frühen Jahren im Lager der proletarischen Frauenbewegung, ohne jedoch einen dogmatischen Standpunkt zu vertreten. Vielmehr schienen ihm gerade der gemeinsame Austausch und etwaige begrenzte Kooperationen mit bürgerlichen Aktivistinnen erstrebenswert. Das kollidierte mit dem von Clara Zetkin seit Mitte der 1890er-Jahre ausgerufenen Kurs der „reinlichen Scheidung“. Während Michels mit seinem Klassenstandpunkt namentlich bei Helene Lange und Gertrud Bäumer von der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung aneckte und Widerspruch hervorrief, stieß er in der proletarischen Frauenbewegung eher aufgrund seiner strategischen Überzeugungen auf Kritik. Darüber hinaus zeigten sich beide Flügel wenig offen für Michels’ reformerische Absichten auf dem Gebiet der Sexualmoral, sodass Michels in keiner der beiden Bewegungen nennenswerten Einfluss entwickeln konnte.

Deutlich sichtbar wurden die bestehenden Differenzen in der Kontroverse um die Internationale Frauenkonferenz 1904 in Berlin, in deren Verlauf Michels sowohl von Seiten der bürgerlichen als auch der proletarischen Frauen kritisiert wurde. Möglicherweise war es die Erfahrung der fehlenden Dialogbereitschaft, die – neben einem gesteigerten wissenschaftlichen Interesse – dazu führte, dass Michels sich in den folgenden Jahren stärker auf das Feld der Sexualmoral verlegte und in den Zeitschriften Helene Stöckers publizierte, die in der deutschen Frauenbewegung ebenfalls nicht unumstritten war. Abschließend lässt sich festhalten, dass Michels’ Beschäftigung mit frauenpolitischen und sexualmoralischen Themen, die 1911 in der Veröffentlichung der Grenzen der Geschlechtsmoral gipfelte, keinen randständigen, sondern einen zentralen Teil seines Œuvres darstellt, der mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm bislang zuteilwurde.

  1. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist Timm Genett, Robert Michels. Pionier der sozialen Bewegungsforschung, in: ders. (Hg.), Soziale Bewegungen zwischen Dynamik und Erstarrung, Berlin 2008, S. 11–69; ders., Der Fremde im Kriege. Zur politischen Theorie und Biographie von Robert Michels 1876–1936, Berlin 2008.
  2. Vgl. Terry R. Kandal, From Egalitarian Sexual Ethics to Gender Politics. An Evaluation of Michels’ Contribution, in: Robert Michels, Sexual Ethics. A Study of Borderland Questions. With a New Introduction by Terry R. Kandal, London / New Brunswick 2002, S. xi–lxv.
  3. Vincent Streichhahn, Der Grenzgänger. Robert Michels zwischen Frauenbewegung, Sozialdemokratie und Soziologie, in: Soziopolis, 5. Oktober 2021.
  4. Vincent Streichhahn / Hans Geske, Ein feministischer Klassiker. Einleitung zu Robert Michels’ Grenzen der Geschlechtsmoral, in: dies. (Hg.): Die Grenzen der Geschlechtsmoral und weitere Schriften. Robert Michels zu Sexualmoral, Geschlechterverhältnissen und Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, Berlin 2021, S. 3–22.
  5. Robert Michels an Luigi Einaudi, Brief vom 14. Dezember 1905, ARMFE: „Debbo vivere scrivendo“, zitiert nach Genett, Der Fremde im Kriege, S. 388.
  6. Ebd.
  7. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 12. Mai 1909, in: Max Weber, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 6: Briefe 1909–1910, hrsg. von Mario Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1994, S.124–126.
  8. Minna Cauer an Robert Michels, Brief vom 3. September 1902, ARMFE.
  9. Vgl. Das Freie Wort. Frankfurter Halbmonatsschrift für Fortschritt auf allen Gebieten des geistigen Lebens 2 (1902), 5. November.
  10. Kerstin Wolff, Noch einmal von vorn und neu erzählt. Die Geschichte des Kampfes um das Frauenwahlrecht in Deutschland, in: Hedwig Richter / dies. (Hg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Bonn 2019, S. 35–56.
  11. Minna Cauer an Gisela Michels-Lindner, Brief vom 20. Dezember 1902, ARMFE.
  12. Getrud Bäumer an Robert Michels, Brief vom 9. August 1903, AMFRE.
  13. Siehe dazu Getrud Bäumer an Robert Michels, Brief vom 29. Januar 1904, AMFRE.
  14. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Bremen vom 18. bis 24. September 1904, Berlin 1904, S. 342 f.
  15. Ebd., S. 343.
  16. Ebd., S. 344.
  17. Ebd., S. 348.
  18. Ika Freudenberg an Robert Michels, Brief vom 14. November 1904, AMFRE.
  19. Helene Stöcker an Robert Michels, Briefe vom 6. und 24. Oktober 1904, AMFRE.
  20. Alice Salomon, Sozialdemokratie und Frauenbewegung, in: Die Frau 12 (1904), Heft 2, S. 72–77.
  21. Ebd., S. 73.
  22. Ebd., S. 75.
  23. Alice Salomon, Eingesandt, in: Die Frau 12 (1905), Heft 4, S. 247.
  24. „Mit seinen Worten über das Schärfen des Gewissens der bürgerlichen Frauen habe er ausdrücken wollen, dass die bürgerlichen Frauen, bei Anwesenheit der Sozialistinnen eine Reihe von Handlungen auf dem Kongreß, die nach seiner Ansicht als ,unsoziale‘ Handlungen zu werten seien, voraussichtlich unterlassen haben würden (gemeint sind die bekannten Besuche, hohen Eintrittspreise, u.a.).“ Ebd.
  25. Alice Salomon an Robert Michels, Briefe vom 2., 6. und 9. Dezember 1904, AMFRE
  26. Helene Stöcker an Robert Michels, Briefe vom 20. November und 3. Dezember 1902, AMFRE.
  27. Robert Michels, Beitrag zum Problem der Moral, in: Die neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie 1 (1903), Heft 15, S. 470–475.
  28. Die Fundamentalkritik der bürgerlichen Sexualmoral, die Michels anhand der Brautstandmoral mit viel Scharfsinn vollzieht, könnte durchaus, wie Genett vermutet, einen biografischen Hintergrund gehabt haben: Italia, die erste Tochter des frisch vermählten Ehepaares Michels, kam nur drei Monate nach der Hochzeit zur Welt, was in bürgerlichen Kreisen einen Skandal bedeutete. Italia wurde im August 1900 in einem kleinen norditalienischen Ort geboren, starb aber bereits vier Monate später. Vgl. Genett, Der Fremde im Kriege, S. 165.
  29. Robert Michels, Brautstandsmoral. Eine kritische Betrachtung, Leipzig 1904, S. 3.
  30. Helene Stöcker an Robert Michels, Briefe vom 13. März und 12. Juni 1903 sowie vom 17. Februar und 19. Mai 1904, AMFRE.
  31. Nach anfänglicher Unterstützung des Vereins durch Max Weber und dessen Ehefrau Marianne distanzierte sich das Ehepaar recht schnell vom Bund für Mutterschutz, als dieser offensiver für eine grundlegende Reform der Sexualmoral eintrat. Nachdem Michels seinen 1906 in der Vereinszeitschrift Mutterschutz erschienenen Artikel „Erotische Streifzüge“ (Robert Michels, Erotische Streifzüge. Deutsche und italienische Liebesformen. Aus dem Pariser Liebesleben, in: Mutterschutz 2 (1906), Heft 9, S. 362–374) an Max Weber geschickt hatte, antwortete ihm dieser entrüstet: „Die spezifische Mutterschutz-Bande ist ein ganz confuses Gesindel, – ich trat nach dem Geschwätz der Stöcker, Borgius wieder aus. Grober Hedonismus u. e[ine] Ethik, die nur dem Mann zu Gute käme, als Ziel der Frau – das ist einfach Quark. Was thun Sie bei diesen wild gewordenen Spießern?“ Max Weber an Robert Michels, Brief vom 11. Januar1907, in: Max Weber, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 5: Briefe 1906–1908, hrsg. von Mario Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1990, S. 211.
  32. Streichhahn/Geske, Ein feministischer Klassiker.
  33. Helene Stöcker an Robert Michels, Brief vom 22. Juni 1909, AMFRE.
  34. Am 3. Februar 1910 antwortet ihm die Verlegerin Gabriela von Lieber, der Michels in der Zwischenzeit ein entsprechendes Publikationsangebot inklusive Projektskizze unterbreitet haben muss. Lieber erklärt sich bereit, das Buch im Frauen-Verlag zu veröffentlichen. Im Jahr darauf erscheinen die Grenzen der Geschlechtsmoral in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Im selben Jahr folgt eine weitere Auflage von abermals 1.000 Exemplaren, die Anfang 1915 nahezu ausverkauft ist, wie Michels in einem auf den 22. Februar 1915 datierten Brief erfährt: „Wäre jetzt nicht der Krieg dazwischen gekommen, so würde ich ohne weiteres das 3. Tausend in Angriff nehmen“, schreibt Lieber. Von einem „nicht sofort rentablen Unternehmen“ müsse sie jedoch aufgrund der aktuellen Verhältnisse absehen. Zwar ermuntert sie Michels, selbst eine Neuauflage als „Volksausgabe“ zu einem günstigen Ladenpreis anzugehen, doch dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Gabriele von Lieber an Robert Michels, Briefe vom 3. und 22. Februar 1915, AMFRE.
  35. Helene Stöcker an Robert Michels, Brief vom 7. Mai 1923, AMFRE.
  36. Helene Stöcker an Robert Michels, Brief vom 17. März 1930, AMFRE.
  37. Ellis Havelock an Robert Michels, Brief vom 3. November 1913, AMFRE.
  38. Robert Michels, Sexual Ethics. A Study of Borderland Questions, New York 1914.
  39. Henriette Fürth an Robert Michels, Brief vom 28. Februar 1914, AMFRE.
  40. Robert Michels, Altes und Neues zum Problem der Moralstatistik (Kritik der Geschlechtsmoralstatistik), in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 57 (1927), Heft 2, S. 417–469 und S. 701–745.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Vincent Streichhahn

Vincent Streichhahn ist Politikwissenschaftler und Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er promoviert an der MLU Halle-Wittenberg zur „Theorie und Praxis der ‚Frauenfrage' in der Sozialdemokratie des Deutschen Kaiserreichs". Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören marxistische und feministische Theorie sowie die Geschichte der deutschen Arbeiter:innen- und Frauenbewegung.

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