Andreas Reckwitz, Martin Bauer | Interview |

Wenn Schreiben Forschung wird

Andreas Reckwitz im Gespräch mit Martin Bauer

Was ist Ihr professionelles Selbstverständnis, Herr Reckwitz? Sind Sie Hochschullehrer oder eher sozialwissenschaftlicher Autor? Zumal jetzt in der privilegierten Position des Empfängers eines Leibniz-Preises.

Also, genereller gefragt, Autor oder Wissenschaftler? Ist das nicht Ihre Frage?

Ja. Genau.

Auf mich bezogen würde ich zwischen Autor und Wissenschaftler nicht strikt unterscheiden können. Da sehe ich keine Konkurrenz. Ich nehme gewissermaßen eher eine hybride Subjektpositionen ein, in der sich mehrere Anteile kombinieren. Wenn ich als Autor tätig bin, trete ich in der Regel ja auch als Wissenschaftler auf. Und umgekehrt gehört zu einem beträchtlichen Teil meines Alltags als Wissenschaftler mein Dasein als Autor. Ich finde es aber interessant, den Fokus einmal auf die Funktion des Autors zu legen, auf die Praxis des Schreibens. Das wollen wir ja in diesem Gespräch machen. Diese Perspektive einzunehmen, ist ungewöhnlich, zumal in der Soziologie.

Wieso ungewöhnlich?

Weil wir zwar alle Aufsätze oder Bücher schreiben, jedoch nicht gerade häufig darüber nachdenken, was wir da eigentlich machen. Nach meinem Eindruck gehört die Praxis des Schreibens in anderen Fächern selbstverständlicher zur Identität der jeweiligen Disziplin. Obwohl ich täglich viel Zeit damit verbringe, entweder für einen Text zu recherchieren oder direkt an ihm zu schreiben, beschäftigt sich die Soziologie relativ selten mit dieser Praxis. Demgegenüber wird beispielsweise in der Ethnologie intensiver über writing culture debattiert und in den Geschichtswissenschaften ist das Thema writing history Bestandteil des Curriculums. Offensichtlich existiert dort ein deutlich ausgeprägteres Bewusstsein dafür, dass man schreibt und es lohnenswert ist, sich mit dem Schreiben auseinanderzusetzen. Insofern ist es eigentlich höchste Zeit, genauer zu ermitteln, was es heißt ein Autor zu sein, ein Schreibender, dessen Tätigkeit zur wissenschaftlichen Praxis gehört.

Gilt der Befund, dass Schreiben wissenschaftliche Praxis ist, auch, wenn Sie für Tages- oder Wochenzeitungen schreiben?

Im Prinzip ja. Ich schreibe dort ja meistens als Soziologe. Selbst wenn ich einen Zeitungsartikel aufsetze, knüpfe ich doch an wissenschaftliche Kommunikation an. Da sehe ich keinen Widerspruch. Ich schreibe in der Rolle des Wissenschaftlers, selbst wenn ich die Darstellung kontextbedingt etwas vereinfache, meine Argumente kondensiere und die Sachverhalte nicht zu komplex präsentiere. Wer so schreibt, operiert auf der Linie wissenschaftlicher Autorschaft. Wieder würde ich sagen, dass es zu einer Kombination von Autor und Wissenschaftler kommt.

Hätten Sie eine Vermutung, warum die Soziologie meint, über das Schreiben von Wissenschaft nicht reflektieren zu müssen?

Obwohl die Soziologie ein ausgesprochen heterogenes Fach ist, hat sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine Richtung entwickelt, die sie im Kern zu einer empirischen Disziplin der Sozialforschung macht. Ein Großteil der Ausbildung von Soziologinnen und Soziologen besteht darin, quantitative empirische Methoden zu vermitteln, in kleinerem Teil auch qualitative Methoden. Prinzipiell scheint also: Forschung ist Datenerhebung und Datenauswertung – obwohl ja auch Aufsätze, die sich aus einem quantitativen Forschungsdesign ergeben, geschrieben werden müssen, sie ein Textformat erfordern. Indem die qualitative Sozialforschung in den letzten Jahren an Boden gewonnen hat, nehme ich wahr, dass das Nachdenken übers akademische Schreiben auch in der Soziologie etwas an Bedeutung gewinnt, gerade im Bereich der Ethnografie. Die soziologische Theoriebildung spielt in der Praxis der Ausbildung allerdings nur am Rande eine Rolle. Generell denke ich, dass im soziologischen Forschungsbetrieb über Fragen des Schreibens selten geredet wird, das bleibt eher im Bereich des Persönlichen.

Womit Sie sagen wollen?

Dass im Gegensatz zu den von mir für die Soziologie skizzierten Tendenzen etwa in den Geschichtswissenschaften unumstritten ist, dass man mit Texten, nämlich Quellen, arbeitet, die ausgewertet, studiert, interpretiert werden, damit am Ende wieder Texte verfasst werden können. Hier ist die gesamte Methodik um den Umgang mit Texten zentriert. Demgegenüber ist es die szientistische Tradition innerhalb der Soziologie, die – nach meiner Wahrnehmung – eine derartige Konzentration auf Texte eher hindert.

Und Ihr eigenes Interesse an der Soziologie? War es mitbestimmt von einer Vorstellung davon, Autor zu sein?

Das ist schwer zu sagen. Ich bin eher über Umwege zum Soziologen geworden – das gilt ja auch für nicht wenige Kollegen und Kolleginnen. Als ich die Schule abgeschlossen habe, stand nicht fest, wohin die Reise geht. Eigentlich habe ich mich selbst primär im Feld der Geisteswissenschaften platziert, was für einen Soziologen wahrscheinlich etwas untypisch ist.

Ja, es gibt zwei berühmte Soziologen, die aus der Rechtswissenschaft kommen...

Bei mir ist es so, dass ich von meinem ganzen Denken her aus den Geisteswissenschaften komme, aus dem Bereich derer, die sich mit Geschichte, Literatur und Philosophie befassen. Gerade die historische Dimension ist für mich immer ganz zentral gewesen. Allerdings hat mich dann bald die Soziologie besonders gereizt.

Ist das irgendeine besondere Soziologie gewesen?

Das war im Studium eine theoretische Soziologie wie bei Habermas und Luhmann und eine historische Soziologie wie bei Max Weber. Es war auch eine Kultursoziologie wie bei Bourdieu und eine eher gegenwartsdiagnostische Soziologie wie bei Gerhard Schulze. Mich hat die Soziologie als eine umfassende Version der sciences humaines angesprochen. Unter anderen Umständen hätten sich meine Interessen sicher auch anders orientieren können, etwa zugunsten der Geschichts- und Literaturwissenschaft oder noch stärker kulturwissenschaftlich.

Aber ein Blick in Ihre Arbeiten reicht doch, um sofort zu bemerken, dass Sie sich so oder so in diesem Spektrum bewegen.

Ja, die unterschiedlichen Gebiete überlappen sich in meiner Forschung. Durch Disziplingrenzen lasse ich mir eigentlich nicht vorgeben, worüber ich arbeiten möchte, das funktioniert nicht. Was mich an die Soziologie bindet, was ich gut an ihr finde, ist auch, dass sie einem ziemliche Narrenfreiheit lässt – jedenfalls wenn man erst einmal die Ausbildung hinter sich hat.

Wirklich?

Ja, man kann stärker theoretisch oder am Material, stärker historisch oder ausgesprochen politisch-aktuell arbeiten. Das gilt auch für das Schreiben: Als soziologischer Autor habe ich die Lizenz, mir eine Vielzahl von Themen zu suchen, das kennt fast keine Grenzen. Außerdem stehen aufgrund der Heterogenität des Faches unterschiedliche Darstellungsweisen zur Verfügung. Solche Möglichkeiten kann man nutzen. Deshalb erlaubt mir gerade die Soziologie, zu experimentieren im Schreiben. Sie ist, was diese Spielräume angeht, nach meinem Eindruck auch deutlich offener als etwa eine klassische Disziplin wie die Geschichtswissenschaft. Dort dominieren eingespielte, gut definierte Standards, die zu respektieren sind, will man sich nicht aus der Innung herausschreiben. Die Soziologie ist toleranter. Ich habe mich in der Soziologie immer auch als Grenzgänger wahrgenommen, doch lässt einem das Fach nach meiner Erfahrung auch für eine solche Rolle mehr Raum als es in anderen Disziplinen der Fall ist.

Von Ihrem Studium war bereits die Rede. Spielte das Schreiben-Wollen für den Studierenden, derSie waren, eine Rolle?

Die Frage habe ich mir bei der Vorbereitung unseres Gesprächs auch gestellt. Woher kommt das Schreiben bei mir eigentlich? Wie sähe so eine – nennen wir sie – „Schreibbiografie“ eigentlich aus?

So gefragt müssten wir wahrscheinlich noch deutlich weiter zurückgehen in der Lebenszeit, oder?

Richtig. Vielleicht klingt es etwas naiv, aber mich hat das Schreiben bereits als Grundschüler ziemlich beschäftigt. Schon damals habe ich ziemlich viel geschrieben, es gab einen Antrieb in diese Richtung.

Wie? Abhandlungen? Aufsätze?

Das war verschieden. Ich habe ganze Seiten aus dem Lesebuch abgeschrieben, doch mit großer Lust auch Aufsätze verfasst, Sachen, die man in dieser Phase so schreibt. Viele Nachmittage habe ich damit verbracht. Ich spürte eine Art Schreiben-Wollen, das mir selbst im Rückblick bemerkenswert und merkwürdig vorkommt – es gab in meiner Familie kein Vorbild dafür. Es muss bei mir eine Faszination für die Praxis der Verschriftlichung gegeben haben. Also gar nicht nur das Lesen – das wäre vielleicht nachvollziehbarer –, sondern auch das Schreiben.

Wie stellen wir uns diese Phase in Ihrer Schreibbiografie konkret vor?

Da muss ich anekdotisch werden: Im Haushalt meiner Großeltern gab es eine alte, mechanische Schreibmaschine. Auf der habe ich bereits als Grundschüler, der gerade schreiben und das Alphabet erlernt, mit dem Schreiben begonnen. Gewöhnlich habe ich auf dieser Schreibmaschine irgendwelche Texte abgetippt. Das zu tun, hat mir einfach Spaß gemacht. Dadurch bekam das für mich eine Normalität.

Und wie ging es weiter?

Aufsätze habe ich dann auch auf dem Gymnasium gerne geschrieben. Häufig waren das recht lange Texte. Ich hatte einen Deutschlehrer, der wichtig für mein Schreiben wurde, weil er Wert auf Stil legte, der sorgfältig korrigiert hat. Ausdruck spielte eine Rolle, für die ich durch diesen Lehrer sensibilisiert wurde. Den Beginn des Studiums mit den Hausarbeiten habe ich so nicht als besonderen Bruch empfunden, in der Komposition längerer Texte hatte ich ja schon Übung. Die nächste Stufe in der Schreibbiografie, die vielleicht wichtig war, kam während meines Studiums in Cambridge. Ich hatte mit Anthony Giddens und John Thompson zwei Betreuer innerhalb des dort ja bestehenden tutorial system. Jede Woche traf man sich und besprach, was inhaltlich anstand. Das Lesepensum war stattlich. Eine ganze Reihe von Büchern hatte man gefälligst bis zur nächsten Woche zu lesen und regelmäßig Essays abzuliefern. Ich fand die Anforderung zu Beginn einigermaßen hart, habe dadurch aber schnell gelernt, diszipliniert auf Termin zu schreiben. Während man sich an einer deutschen Universität gewöhnlich Zeit lassen konnte mit der Fertigstellung einer Hausarbeit, war in Cambridge völlig klar, nächsten Donnerstag liegt dein Essay vor! Also musste der geschrieben und fertig gemacht werden. Auch das viele Lesen unter Termindruck gehörte zu den Herausforderungen. Ich musste mir beibringen, große Mengen an Literatur durchzusehen, um für das nächste Treffen mit meinem Tutor präpariert zu sein.

Also ist Ihre Zeit in Cambridge eine ganz eigene Schule des Lesens und Schreibens gewesen?

Unbedingt, das Schreiben ist ja immer learning by doing. Man schaut sich immer wieder aufs Neue an, wie formuliere ich einen Satz, welcher Ton ist nötig, was bringe ich zum Ausdruck. So lernt man das Schreiben auf der Mikroebene, dort, wo sich die Stilfragen im engeren Sinne stellen. Doch ist Schreiben für mich vor allen Dingen ein Komponieren größerer Texte, das heißt, hier geht es um eine Art Makroebene der Schreibpraxis. Das zu können, denke ich, ist genauso wichtig, fast noch wichtiger, zumal wenn es um längere Texte, nicht zuletzt eben Bücher geht. Wie baue ich meine Darstellung auf, wie komponiere ich das Ganze? Für welche Reihenfolge entscheide ich mich? Wie will ich in meiner Argumentation vorgehen?

Auf solche Fragen lassen sich die Antworten nur im Schreiben finden...

Wie gesagt, learning by doing ist unabdingbar. Es ist ein kontinuierlicher Lernprozess ‚Wie will ich schreiben?‘, in dem ich spätestens seit der Arbeit an meiner Dissertation stecke. Mit jedem Buch, das ich geschrieben habe, setzt er sich fort. Diese Art zu lernen, zieht mich zum Buchformat hin, erklärt dessen Attraktion. Ich brauche so eine größere Rahmung, in der ich mich dann für ein paar Jahre bewegen kann. Sie gibt mir eine Art intellektuelles Zuhause, wo ich mich eine Zeitlang ansiedle, solange eben, bis das Buch fertig ist. Wichtig für meine ganze Arbeitsweise ist dieser größere Rahmen.

Kommt in ihm auch das Experimentelle ins Spiel?

In jedem Fall. Gerade in der Art, wie ich die Bücher aufbaue, hat sich über die Jahre manches verändert und es ändert sich immer weiter. Ich habe unterschiedliche Zugänge ausprobiert, musste merken, „so geht es ganz gut" oder „so geht es nicht so gut", um mir schließlich sagen und gestatten zu können, „jetzt machst du es auch mal anders". Für solche Entwicklungen gibt es keine Rezepte, keine Lehre, der man sich anvertrauen könnte. Vielmehr habe ich von Buch zu Buch gelernt, wie ich Sachen machen und anders machen kann...

Und so auch die Vorgaben überwunden, die mit akademischen Qualifizierungsarbeiten einhergehen?

Sicherlich, wobei ich sagen würde, dass selbst bei den Qualifizierungsarbeiten die Formatvorgaben in der Soziologie ziemlich offen sind. Gut, man muss sich auf den Stand der Forschung beziehen, die einschlägigen Autoren zitieren, ihre Positionen referieren. Aber wie ich meine Darstellung anlege, also die Kompositionsentscheidungen treffe, da sind die Spielräume genau genommen recht groß. Und bei der Arbeit an den späteren Büchern habe ich weiter experimentiert. Zum Beispiel war Das hybride Subjekt sehr strikt und systematisch komponiert, nach dem Schema „Drei mal Drei mal Drei“, also fast nach geometrischem Muster. Demgegenüber kommt das spätere Buch über Kreativität patchworkartig daher. Fallanalysen werden von theoretischen Überlegungen abgelöst, sodass die Perspektiven innerhalb des Buches wechseln. Von strenger Systematik keine Rede mehr.

Da es um Lernprozesse geht: Können wir noch mal auf Ihren Deutschlehrer zurückkommen? Welche Bedeutung hatte er für Ihr Schreiben?

Wir bewegen uns jetzt in den 1980-Jahren, das heißt in einer Zeit bundesrepublikanischer Liberalisierung. In ihr verkörperte er eine sehr produktive Mischung aus Strenge und Offenheit. Also sehr diskussionsfreudig, sehr ‚auf Augenhöhe‘ und zugleich: bestimmte Regeln sollten eingehalten werden. Und mit dieser Verbindung bekamen wir beigebracht, dass man sich mit gewissen Dingen seinen Stil verdirbt, dass man sie besser vermeidet. Ich hatte zum Beispiel die Neigung, sehr viele Nebensätze zu bilden und kleine Anmerkungen in Klammern zu setzen, was zu Interventionen seinerseits führte. Derartige Eigenheiten sollte ich mir abgewöhnen.

Damals werden Sie alles mit der Hand auf Papier geschrieben haben?

Natürlich, das waren die 80er. Ich bin ja kein digital native. Noch als ich anfing zu studieren, war die Schreibmaschine das Werkzeug, mit dem gearbeitet wurde. Erst im Laufe des Studiums habe ich auf den Computer umgestellt. Allerdings habe ich noch meine ganze Dissertation zunächst per Hand geschrieben und danach in den Computer übertragen. Diese Übertragung wurde aber zu einer Überarbeitung, die von der Rohfassung ausging, wie ich sie auf dem Papier hatte. Ich musste mir diesen Zwischenschritt richtig abgewöhnen. Von Beginn an ganz auf dem Computer entstanden, ist erst Das hybride Subjekt.

Hat Handschriftliches heute noch irgendeine Bedeutung für Ihre Arbeit?

Eher wenig. Seit zwanzig Jahren schreibe ich so gut wie ausschließlich am Computer. Gibt es überhaupt noch Leute, die das anders machen? Keine Ahnung. Vielleicht in der Belletristik? Auch Exzerpte, die ich früher immer handschriftlich angelegt habe, schreibe ich jetzt am Computer. Und die vielen Notizen, aus den Jahren meiner Handschriftlichkeit, habe ich inzwischen eingescannt, damit ich sie über EndNote verfügbar habe. Was ich allenfalls noch handschriftlich festhalte, sind knappe Konzeptnotizen. Manchmal hilft es mir, Sachen zu visualisieren und in eine grafische Form zu bringen. Solche Notate werden nicht selten auch zu Vorlagen für Buchkapitel.

À propos Bücher. Ihre Texte strahlen große konzeptuelle Souveränität aus. Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, dieser Autor weiß genau, was er schreiben will. Stimmt der Eindruck?

Im Großen und Ganzen stimmt das wohl. Ich setze mich erst an den Schreibtisch, wenn ich mir einigermaßen sicher und darüber im Klaren bin, was ich schreiben möchte. Mich einfach hinsetzen und losschreiben, das kann ich nicht. Die Arbeit an den Büchern hat eine lange Vorbereitungszeit zur Voraussetzung. In dieser Phase erarbeite ich mir die Literatur, lege Exzerpte an, entwickle Konzepte, die immer präziser werden. Sehr früh kommen erste Gliederungsentwürfe hinzu, die naturgemäß häufig umgeworfen und wieder neu angefertigt werden. Aber für meine Art zu schreiben, ist es zentral, so eine Gliederung zu haben.

Die steht am Anfang?

Ja, bevor ich überhaupt mit dem Schreiben beginne, habe ich ein Konzept, eines für das Ganze, aber auch schon für einzelne Kapitel. Ich muss exakt notiert haben, wie ich vorgehe. Allerdings sind die Dinge noch nicht im Einzelnen ausformuliert, sodass mir die Gliederung dennoch genug Freiheit und Offenheit für den eigentlichen Prozess des Schreibens lässt. Darum mache ich, trotz penibler Vorbereitung, beim Schreiben die üblichen Erfahrungen: Man dachte, eine Sache gründlich begriffen zu haben, merkt jedoch erst während der Anstrengung des Formulierens, wie verwickelt das Ganze ist. So kommt es zur allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben, die gelegentlich natürlich auf Komplikationen stößt. Eine treffende Formulierung zu finden, ist ja immer auch Sache des Moments. Sie stellt sich ein oder nicht. Insofern sind Formulierungen genau genommen Ereignisse, über die man nur bedingt verfügt. Doch würde ich sagen, dass die Grundargumentation in einem Buch oder einem Aufsatz zu siebzig bis achtzig Prozent steht, bevor ich mich an die Formulierungsarbeit mache. Die übrigen zwanzig oder dreißig Prozent machen dann den Reiz bei der Verfertigung des Textes aus.

Was mich langweilt und womit ich mich mittlerweile äußerst ungern beschäftige, ist die Replikation von etwas, das ich bereits woanders ausformuliert habe und nun ein zweites Mal darstellen soll. Dazu kann ich mich nur noch mit größter Mühe motivieren, weil die entsprechenden Sachverhalte für mich doch klar sind und jetzt in komprimierter Gestalt noch einmal beschrieben werden sollen. Das erregt meinen Unwillen, weil die Offenheit fehlt und damit der Reiz zum Schreiben. Ideal finde ich, etwas zum ersten Mal formulieren zu können.

Diese Offenheit kann aber auch angstbesetzt sein?

Ganz ehrlich gesagt, diese Angst kenne ich nicht.

Im Ernst?

Nein, es ist für mich keine Angst, eher die herausfordernde Empfindung „Ich will jetzt versuchen, das so gut wie möglich auf den Punkt zu bringen". Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut. So ist das eben. Idealerweise ist das Schreiben bei mir ein konzentrierter, allerdings müheloser Prozess, so wie das Csíkszentmihályi als „Flow“ umschrieben hat. Ich habe das Gefühl, im Schreiben bin ich ganz bei mir, das ist das Zentrum dessen, was mich ausmacht. Mein Ausgangspunkt ist also ein positiver Antrieb, nicht ein negativer, irgendetwas womöglich nicht zu wollen oder weg zu wollen oder es sogar lieber zu vermeiden. Gelegentlich fehlt mir der Antrieb, in bestimmten Situationen ist er vielleicht auch nicht besonders ausgeprägt, aber nie ein negativer. Das kann ich für meine Schreibpraxis tatsächlich ausschließen.

Gibt es einen Indikator, der beim Schreiben so etwas wie Gelingen signalisiert?

Da muss ich unterscheiden zwischen der Mikroebene des Textes, das heißt der Ebene, wo es um die Beurteilung einer Seite oder eines Kapitels geht, und der Makroebene, die ein ganzes Buch betrifft. Für die Mikroebene fällt mir die Antwort ziemlich leicht. Es verhält sich nämlich so, dass ich normalerweise nachmittags schreibe, ein Pensum von drei, wenn es gut läuft, vier Seiten schaffe und schließlich spüre, jetzt ist Schluss, die Qualität leidet. Dann höre ich auf. Idealerweise schreibe ich am Stück, sitze mehrere Tage hintereinander am Schreibtisch, an denen ich ununterbrochen und ungestört schreiben kann. Gewöhnlich beginnt die Arbeit aber damit, die Resultate des Vortags durchzulesen. Ob es etwas taugt, merke ich sofort. Und manchmal ist es so, dass ich allenfalls noch Kleinigkeiten verändere, manchmal scheint mir vieles eher unbefriedigend, was dazu führt, dass ich jeden zweiten Satz antasten und umstellen muss. In größeren Abständen schaue ich mir das Kapitel an, das mich gerade beschäftigt. Dabei fallen mir wieder neue Sachen auf, die ich verändere, korrigiere, auch stilistisch. Bei diesen Überarbeitungen merke ich, ob der Text steht. In Wahrheit lautet meine Frage in dieser Phase des Schreibens auch nicht, wie gut oder schlecht ein Text, Passus oder Absatz ist. Eher ist es so, dass ich sehe, da muss noch etwas gemacht werden und dann mache ich es halt. Ist nach meinem Eindruck nichts zu tun, bleibt der Text so wie er ist.

Und wie verhält es sich, wenn bereits eine Reihe von Kapiteln vorliegt?

Auf der Makroebene ist es für mich sehr, sehr viel schwieriger einzuschätzen, ob das Ganze, also das Buch insgesamt, gelungen ist. Da kann ich mich nicht auf irgendein Gespür verlassen. Was ich einigermaßen zuverlässig beurteilen kann, ist die Frage, ob eine Argumentation überzeugt, ob sie die Leserschaft erreicht, ob sie gut ankommt. Dafür nutze ich auch meine Vorträge. Die setze ich, wenn es geht, durchaus auch als Testballons ein. Stoße ich auf Unverständnis? Löse ich Neugierde und Nachfragen aus? An den Reaktionen wird für mich ablesbar, ob ein Argument funktioniert, ob eine These nachvollziehbar ist. Wobei mir selbstverständlich bewusst ist, dass ein Vortrag kein Buch ist.

Gibt es noch andere Resonanzen, die auf Ihr Schreiben zurückwirken?

Ja, durchaus, gerade wenn es um die Einschätzung eines Buchmanuskripts geht, bin ich schon sehr – wie ich bekennen muss – vom Lektorat abhängig. Bei Suhrkamp ist Eva Gilmer meine erste Leserin mit einem sehr genauen Auge. Weil die Lektorin glücklicherweise nur das Endergebnis eines langen Produktionsprozesses in Händen hält, kann sie fast mit einem Blick erfassen, wo es Redundanzen gibt, wo sich Dinge unnötigerweise wiederholen, was also zu straffen ist, welche Akzente im Text noch gesetzt werden sollten, ob etwas zu ergänzen oder umzustellen ist. Von ihren Kommentaren und Vorschlägen, dem aufmerksamen und gründlichen Redigat haben die Bücher und ich als Autor stets profitiert. Dieses Feedback ist unverzichtbar für mich. Darauf bin ich mittlerweile richtig angewiesen.

Was brauchen Sie sonst noch zum Schreiben? Ruhe, Stille, Abschottung vom Rest der Welt?

Nein, nicht zwangsläufig. Früher habe ich fast ausschließlich in der Bibliothek gearbeitet und geschrieben. Meine Dissertation zum Beispiel ist vollständig in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entstanden. Auch in anderen Städten hatten Lesesäle und Bibliotheken eine große Anziehungskraft auf mich. Dort habe ich gerne gesessen und an meinen Texten gearbeitet. Die Anwesenheit anderer Leute hat mich nie gestört, eher die Konzentration noch gefördert, weil ich sie ausblenden musste. Zu sehen, dass auch die anderen arbeiten, fand ich eher animierend. Heute sind es praktische, im Grunde logistische Gründe, die dafür sorgen, dass ich zuhause arbeite. Und natürlich brauche ich da Ruhe, aber gewiss keine Abschottung.

Ist der Einfluss von Örtlichkeiten vielleicht auch deshalb unbedeutend, weil Sie ihre Schreibpraxis derart detailliert vorbereiten?

Das kann gut sein. Doch ist die Ausgangssituation nicht so zu verstehen, dass ich ein Buch komplett vorbereitet habe und gewissermaßen in einem Zug durchschreibe. Um anzufangen mit der Arbeit, muss es diese Gliederung geben und einen Entwurf, was in den einzelnen Kapiteln stehen soll. Bei der Abfassung meiner bisherigen Bücher bin ich anschließend aber kapitelweise vorgegangen. Also habe ich nach der ersten Durchsicht der absolvierten Lektüren und der Grobgliederung jedes einzelne Kapitel durch genauere Recherchen vorbereitet, um in einem weiteren Schritt noch einmal genauere Fahrpläne für die jeweiligen Kapitel zu erstellen. Sobald ich diese Vorarbeiten abgeschlossen habe, kann ich das betreffende Kapitel zügig abfassen. Danach nehme ich mir das nächste Kapitel vor, bei dem sich das eingespielte Verfahren wiederholt. Ich würde nicht sagen, dass sich das Buch ab diesem Punkt wie von selbst und sozusagen alleine schreibt. Allerdings kann ich mich auf eine gewisse Arbeitsteilung zwischen den Kapiteln und ihrer Abfolge verlassen. Sie stützen einander, auch und gerade, wenn ich in ihnen Unterschiedliches behandle. In dem letzten Buch etwa über die Gesellschaft der Singularitäten behandeln die Kapitel ganz unterschiedliche Gegenstände, mal geht es um Ökonomie, mal um Digitalisierung, mal um Lebensstil, womit jeweils vollkommen andere Fachliteraturen aufgerufen sind. Und die habe ich mir – nach einer ersten, tatsächlich sehr umgreifenden Phase von Lektüren, in der ich mir einen Überblick über alles verschafft habe – nicht en bloque erschlossen, sondern jeweils Kapitel für Kapitel. Deshalb habe ich die entsprechenden Texte auch einigermaßen parat in meiner Erinnerung, verfüge über ein Arbeitsgedächtnis, das sich auf meine Exzerpte und die verschiedenen Fassungen der Konzepte stützt, die ich in der Vorbereitung zu Papier gebracht habe. Also stehen mir die dreißig, vierzig Seiten, die zu schreiben sind, im Wesentlichen vor Augen. In ebendiesem Zustand fange ich mit der Schreibarbeit an.

Eine Störung ist unter solchen Bedingungen vielleicht ärgerlich, doch gefährdet sie den Fortgang nicht?

Exakt, ich bin ja drin. Das Geländer, so könnte man sagen, ist aufgebaut und gibt den Halt. Andernfalls hätte ich gar nicht erst angefangen. Meiner Sache muss ich, wie gesagt, einigermaßen sicher sein.

Ist daraus zu schließen, dass Ihre Schreibpraxis eigentlich krisenfest ist? Geraten Sie beim Schreiben nicht mehr in Grundsatzfragen, die das jeweilige Vorhaben infrage stellen?

Da müsste ich nachdenken, aber der Umstand, dass ich überlegen muss, ist wahrscheinlich doch ein Zeichen dafür, dass solche Erfahrungen nicht typisch für mich sind. Natürlich kommt es vor, dass etwas konzeptuell nicht aufgeht, dass Überarbeitung fällig ist, dass ich einzelne Aspekte der Darstellung verändern muss. Doch gehören diese Eingriffe zu den Routinen meines Schreibens. Ist ein Buchmanuskript fertig, steige ich so oder so wieder in den Anfang ein und schreibe ihn häufig völlig neu – einfach, weil sich bei der Arbeit an dem Buch meine Überlegungen geklärt und verändert haben. Zum Beispiel sind mir während der Abfassung des letzten Buches ein paar theoretische Probleme klarer geworden, sodass ich das Theoriekapitel in Gesellschaft der Singularitäten am Ende noch einmal entscheidend überarbeitet habe. Im Fazit würde ich sagen, dass sich im Prozess des Schreibens relativ häufig Revisionen aufdrängen, aber in grundsätzliche Krisen gerate ich nicht.

Insofern schreiben Sie ohne Momente schmerzhafterer Diskontinuität?

Ja. Mich orientiert das vorab konstruierte Geländer. Ungeplantes passiert deshalb eher auf der Mikroebene. Da muss ich entscheiden, ob ich einen neuen Begriff präge, wie ich ihn einführe oder ob eine Metapher, die mir in den Kopf kommt, wirklich passt.

Variiert diese Art von Kreativität während des Schreibens. Haben Sie so etwas wie unterschiedliche Tagesformen?

Ja, natürlich gibt es bessere und schlechtere Tage.

Und haben Sie eine Ahnung, warum der eine Tag gut und der andere schlecht ist? Was beeinflusst Ihre Schreibpraxis?

Langeweile beeinflusst die Arbeit negativ. Wenn ich das Gefühl habe, ist doch alles schon gesagt, und ich muss mich dennoch hinsetzen, um es ein weiteres Mal aufzuschreiben, dann werde ich, wie schon gestanden, unkreativ. Positiv stimmen mich demgegenüber Situationen, wo es um Neues geht, wo ich einen bis dato ungesehenen Punkt erklären, ein Argument vorbringen will, das so bisher noch nicht formuliert wurde. Was mich wahrscheinlich am meisten antreibt, ist – wie soll ich sagen? – ja so ein Pioniergeist.

Wenn Schreiben zu innovativer Forschung wird, oder?

Genau. Ja.

Wann schreiben Sie?

Die beste Zeit ist, wie erwähnt, der Nachmittag. Am Vormittag brauche ich ein paar Stunden, um allmählich in Form zu kommen. Vormittags werden Routinearbeiten erledigt, E-Mails beantwortet, Gutachten geschrieben, Telefonate geführt. Anders als bei vielen Leuten, die ein Tief nach dem Mittagessen haben, beginnt dann meine stärkste Phase. In den sich anschließenden Stunden bis zum frühen Abend arbeite ich am besten.

Und abends? Lesen Sie nach der Schreibarbeit, um den kommenden Tag vorzubereiten.

Eigentlich versuche ich eher abzuschalten und ganz andere Dinge zu tun, was in Zeiten, in denen ich ein Buchmanuskript abschließe, natürlich unmöglich ist. Ohne Unterbrechung durchzuarbeiten, wirkt sich bei mir über kurz oder lang negativ aus. Atempausen sind nötig.

Um schreiben zu können, sind aber nicht nur Pausen nötig. Im Zweifelsfall braucht man auch eine Vorstellung von der Leserschaft, für die geschrieben wird?

Die Frage ist für mich schon deshalb nicht leicht zu beantworten, weil sich der Kreis meiner Leserinnen und Leser mit jeder Buchpublikation verändert hat. Inzwischen erreichen meine Sachen ja nicht nur das sozial- oder auch geisteswissenschaftliche Publikum im engeren Sinne, sondern einen recht großen Leserkreis außerhalb der Wissenschaft. Selbstverständlich hängt es letztlich von der Textsorte ab, von wem man gelesen wird. Also gibt es den Fall, wo ich etwa einen Zeitungsartikel schreibe und mit Blick auf die zu erwartenden Leserinnen und Leser formuliere. Im Grunde lasse ich mich in meinem Schreiben von solchen Überlegungen aber nicht leiten. Bei der Arbeit an einem Buch habe ich keinen speziellen Leser vor mir. Außerdem ist es so, dass die zuletzt veröffentlichten Bücher wiederum Hybridwesen waren. Einerseits schließen sie an wissenschaftliche Kommunikation an, mit den entsprechenden, keineswegs ausschließlich soziologischen Referenzen, andererseits hat mir die Idee gefallen, auch Leserschaften jenseits des Faches anzusprechen und zu gewinnen. Also behagt mir die Opposition wissenschaftliches Fachbuch versus populäres Sachbuch nicht. Ich möchte Fachbücher schreiben, die auch Nichtfachleute – vielleicht mit etwas Mühe – lesen können. Aber Kompromisse in der Darstellung mache ich da eigentlich nicht. Zugegeben, die letzte in der Edition Suhrkamp erschienene Sammlung von Essays habe ich von vorneherein ein bisschen populärer angelegt. Bei Das Ende der Illusion war mir bewusst, wo und wie das Bändchen herauskommen wird. Das hatte ich im Hinterkopf. Aber mich bei einer nächsten Monografie mit der Absicht hinzusetzen, ein zugängliches Sachbuch für eine große Zielgruppe zu verfassen, kann ich mir nicht vorstellen. So arbeite, forsche, schreibe ich einfach nicht.

Sie sagen, imaginierte Leserschaften gibt es für Ihre Arbeit am Schreibtisch nicht. Aber vielleicht doch Modelle, die für Sie als Autor wichtig waren? Hat es Vorbilder in Sachen Stil gegeben?

Da muss ich zurückfragen. Was meint „Stil“ in diesem Zusammenhang? Sollte man nicht unterscheiden zwischen dem, was ich den Mikrostil nennen würde, also Phänomenen, die mit der Art und Weise des Formulierens, kurz gesagt: mit dem Ausdruck zu tun haben, und einem Makrostil, bei dem es um die Komposition eines Textganzen geht, also etwa darum, wie ein Buch insgesamt aufgebaut ist. Offen gesagt, interessiert mich die Frage nach dem Makrostil mehr als diejenige nach individuellen Ausdrucksvarianten. Und wenn ich nachdenke, ob auf dieser Ebene Vorbilder existieren, kommen mir sofort unterschiedliche Theoriestile in den Sinn. So würde ich, durchaus mit nationaler Zuordnung, einen deutschen Theoriestil identifizieren, wie er sich bei Autoren wie Luhmann und Habermas findet. Geradezu paradigmatisch. Durch diesen Stil bin ich zweifelsohne sozialisiert worden in der Soziologie der 1990er-Jahre. Der steht mir bis heute nahe, also diese Art, ausgesprochen systematisch vorzugehen, feinkörnige Differenzierungen begrifflicher Natur mit einem Sinn für klassifikatorische Ordnung zu verbinden. Die darin noch virulente Tradition deutschen Philosophierens hat mich immer angezogen, wohl auch geprägt.

In diesen 1990er-Jahren bin ich aber auch noch mit einem zweiten Stil in Berührung gekommen, dem französischen Stil. Es hat eine Weile gedauert – da werden biografische Faktoren von Bedeutung gewesen sein, Dinge, die mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun hatten –, ehe ich für diesen Stil empfänglich war. Nachdem ich ihn aber nachvollziehen konnte, gewissermaßen begriffen hatte, war seine Anziehungskraft groß. Und wieder muss ich bekennen, dass mich weniger die Formulierungskünste einzelner Autoren aus Frankreich beschäftigt haben als vielmehr der Aufbau ihrer Texte, ihre Vorgehensweise, dieser spezielle Modus von doing theory.

Was meinen Sie damit?

Urteile über die Franzosen klingen in Deutschland ja häufig etwas abschätzig. Dabei ist gar nicht so selbstverständlich, was denn eigentlich die Unterschiede sind, was so anders daherkommt? Nehmen wir Autoren wie Foucault oder Barthes. Theorie ist für beide primär ein Werkzeug. Sie bringen gewisse Begriffe zum Einsatz, operieren eine Zeitlang mit ihnen, legen sie irgendwann wieder beiseite, um im Anschluss ein verändertes Begriffsrepertoire ins Spiel zu bringen. Nach meinem Eindruck ist der Umgang mit Begriffen und Theoriebildung dort also viel experimenteller. Von deutscher Seite wird moniert, Foucaults Vorgehen sei unbefriedigend, man vermisst den systematischen Zugriff, beklagt einen Mangel an normativem Ernst. Doch ist das überhaupt nicht der Punkt, hat man einmal begriffen, dass im Grunde tools entwickelt und ausprobiert werden. Man arbeitet wie in einem Labor, wo Experimente angestellt und ständig weiterentwickelt werden. Eingefahrene Wege zu vermeiden, ist der Ehrgeiz. Mich hat diese experimentelle Haltung beeindruckt, die viele Dinge erschließt und andere ausschließt, selbstverständlich. So verfahren Experimente eben. Außerdem fesselt mich am französischen Stil die größere Nähe zum Material. Nein, nicht unbedingt zur Empirie, aber doch zum Material. Es kommt bei Habermas nicht vor, auch bei Luhmann nicht, abgesehen von seinen Arbeiten zur geschichtlichen Evolution ausgewählter Semantiken. Denken Sie etwa an sein Buch über Liebe als Passion. Doch ist die Flughöhe bei beiden in der Regel beträchtlich. Demgegenüber sind Barthes wie Foucault in ihrem Umgang mit historischem oder zeitgenössischem Material entschieden konkreter. Und dank dieser Konkretion, dank der Dichte und Anschaulichkeit ihrer Zugangsweisen, werden die Dinge ganz anders sichtbar. Natürlich muss man sich darauf zunächst einlassen, doch finde ich es lohnenswert. Mich haben, anders gesagt, beide Stile affiziert, beide Weisen, mit Begriffen und Theorien umzugehen. Diese Denkweisen schlagen sich in meiner Schreibweise nieder.

Hätten Sie ein Beispiel?

Also wie der Anteil des französischen oder deutschen Stils bei mir jeweils ausfällt, lässt sich kaum bestimmen; wahrscheinlich wäre es auch nicht sonderlich interessant. Doch würde ich schon sagen, dass ein Buch wie Das hybride Subjekt, so postrukturalistisch es sich auf der Theorieebene präsentiert, in seiner ganzen Vorgehensweise sehr deutsch ist – auch wenn das jetzt paradox klingt. Umgekehrt habe ich mir in dem Buch über Kreativität erlaubt, weniger deutsch vorzugehen, bricolage zu betreiben, das heißt mit unterschiedlichen Materialien zu basteln, sie in variierenden Konstellationen zum Sprechen zu bringen. In dieser Studie experimentiere ich mit ein paar schlanken tools, die ich mir vorher zurechtgelegt und danach zum Einsatz gebracht habe. Dass ich dieses Buch so schreiben und komponieren konnte, nachdem ich zuvor viel Arbeitszeit in Das hybride Subjekt investiert hatte, ist sicherlich kein Zufall. Da folgt ein Schritt dem anderen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch etwas erfragen, was wahrscheinlich gar nicht direkt mit dem Prozess des Schreibens zu tun hat. Wie kommen Sie eigentlich zu Ihren Themen?

Die Themen stellen sich nicht durch oder im Schreiben ein. Das passiert vorher, wobei ich nicht exakt angeben kann, jedenfalls nicht, was die Gegenstände meiner letzten Bücher betrifft, wie und wann ich mich auf ein Thema festgelegt habe. Ab einem bestimmten Zeitpunkt steht aus welchen Gründen auch immer fest, dass ich mich auf ein ausgewähltes Thema konzentrieren möchte – das können offene Fragen sein, die sich aus dem vorgehenden Buch ergeben, das können aber auch Impulse sein durch andere Lektüre oder durch aktuelle politische Entwicklungen oder auch inspiriert von dem, was man Zeitgeist nennen kann. Es geht mir nicht darum, so etwas wie Werkkontinuität herzustellen, das heißt, ich fange tatsächlich immer wieder neu an. Und wenn sich so ein neues Thema konkretisiert, beginne ich gleich damit, Notizen zu machen. Früher hatte ich so eine Ideenkartei aus kleinen Zetteln mit kurzen Aufzeichnungen, die festgehalten haben, was mir zu unterschiedlichen Fragen auf- und eingefallen war. Sobald mir etwas in den Kopf schoss, habe ich es notiert. Auch heute ist es so, dass mich ein Thema, hat es einmal etwas Kontur gewonnen, geradezu verfolgt. Es wäre wohl eine Übertreibung, zu behaupten, dass es meinen Alltag prägt, doch ein einmal gewähltes Thema tendiert dazu, mir fast überall zu begegnen, bei der Zeitungslektüre genauso wie im Kino, wenn ich einen Film sehe, oder wenn ich ins Theater oder in die Oper gehe. Und wann immer mir etwas aufgeht, eine Beobachtung entsteht, ein Gedanke kommt, schreibe ich auf, was mich beschäftigt hat. Diese Aufzeichnungen und Notate bleiben eine ganze Zeit lang ungeordnet liegen. Mittlerweile mache ich das meist nicht mehr handschriftlich, sondern trage es laufend in ein nicht weiter strukturiertes Word-Dokument ein. Da hänge ich jede Idee einfach an die nächste, wodurch ein ziemlich langes, umfangreiches Dokument entsteht. Irgendwann kommt der Tag, an dem ich diese Datei öffne, sie durchlese und im Idealfall den Eindruck gewinne, dass sich in den verzeichneten Ideen ein Muster abzeichnet. Manchmal versuche ich das Ganze dann gleich zu einem ersten Aufsatz zusammenzubringen. So bin ich tatsächlich verfahren bei dem, was mich im Augenblick beschäftigt, beim Thema der Verlusterfahrungen in der Moderne. Wenn ich eine solche erste Synthese versuche, erschließen sich nicht nur Zusammenhänge, auch Baustellen werden erkennbar, sodass ich mir neue Literatur beschaffe, mich nach weiterem Material umsehen kann. Und natürlich fallen mir bei der Lektüre und der Sichtung dieser Materialien wieder neue Sachen ein, die aufgeschrieben und dem Dokument hinzugefügt werden. Deshalb ist meine Art zu arbeiten und die Themen zu entwickeln wohl richtig beschrieben, wenn ich sage, dass es sich um ein kumulatives Verfahren handelt.

Was dieses kumulative Verfahren hervorbringt, sind Bücher. Ihre Schreibpraxis ist deutlich buchzentriert, oder?

Mittlerweile ist es so, ja. Am Anfang war es anders, da musste ich zum Zweck der beruflichen Qualifizierung auch recht viele Aufsätze schreiben. Zum Beispiel Texte, die zu praxissoziologischen Fragen Stellung genommen haben, für die sich das Aufsatzformat gut eignete. Nachdem ich einen Ruf erhalten und die erste Professur hatte, merkte ich allerdings, dass es mir persönlich guttut, weiterhin Buchprojekten nachzugehen, obwohl das nach der Habilitation ja nicht mehr zwingend ist. Das gibt meiner Arbeit über mehrere Jahre hinweg eine Struktur, ein Ziel. Außerdem ergibt sich meine Konzentration auf die Arbeit an Büchern daraus, dass mich breiter gefasste Problemstellungen mehr interessieren. Und die lassen sich eben nicht in Aufsätzen, sondern nur in Büchern darstellen. Deshalb kann ich die Skepsis gegenüber dem Medium Buch auch nicht so recht nachvollziehen. Mir kommt es ein bisschen absurd vor, zu fragen, ob Bücher überhaupt noch zeitgemäß sind. Bei einer Vielzahl von Themen ist es doch schlicht so, dass deren Analyse mehr als fünfzehn oder zwanzig Seiten braucht.

Aber prämiert eine Soziologie, die sich in szientifischer Tradition als empirische Wissenschaft begreift, nicht die Textgattung des Aufsatzes?

Glücklicherweise ist der Alltag des Faches doch vielschichtig. So gibt es in der Soziologie diejenigen, die Aufsätze veröffentlichen, und andere, die sich aufs Bücherschreiben verlegen. Und nach meiner Erfahrung stoßen Bücher nach wie vor – vielleicht in letzter Zeit sogar wieder zunehmend – auf beträchtliches Interesse, sowohl innerhalb als auch außerhalb akademischer Zirkel. Natürlich freut es mich, wenn meine Bücher derart vieler Leserinnen und Leser finden, offenbar auch außerhalb der universitären Welt. Wäre es tatsächlich so, dass Bücher nicht mehr gelesen würden, müssten wir uns ernsthaft Gedanken machen.

Unlängst haben Sie in einem Beitrag für das Buch Warum Lesen zwischen zwei Arten des Lesens unterschieden, zwischen hyper und deep reading. Während deep reading die Art von Lektüre bezeichnet, die ein anspruchsvolles Sachbuch verlangt, ist das hyper reading eine Praxis hoch selektiver Aufnahme und beschleunigter Verarbeitung digitalisierter Informationen. Sie vermuten, dass es sich beim deep reading mittlerweile um eine eher residuale Lektüreform handelt, die nach Ihrer Einschätzung allerdings gewisse Chancen auf Wiederbelebung hat.

Ja, das ist richtig. Wobei es natürlich wenig Sinn hat, sich Illusionen zu machen. Schon immer war die Zahl der Personen in einer Gesellschaft, die ganze Bücher lesen, begrenzt. Als ich jünger war, habe ich sehr gehofft, dass aus dem kleinen Kreis der Kenner ein großer Kreis der Kenner wird, mit Bert Brecht gesprochen. Mittlerweile bin ich da skeptischer. Wahrscheinlich ist der Prozentsatz der intensiv Lesenden in den zurückliegenden Jahrzehnten weder kleiner noch größer geworden – trotz der optimistischen Erwartungen, die etwa mit der Bildungsexpansion verbunden waren. Ich denke aber mit Blick auf die Gegenwart, dass die Zukunft des Buches keineswegs durch die Digitalisierung bedroht wird. Eher umgekehrt. Natürlich umgibt uns eine Kultur der bytes und pieces, von news feeds und digitalem infotainement. Wir alle sind Tag für Tag, übrigens beileibe nicht nur in der Wissenschaft, mit solchen kürzeren Formaten konfrontiert und nehmen sie via hyper reading zur Kenntnis, etwa auf Soziopolis. Aus genau diesem Grund entsteht aber jedenfalls in einem bestimmten Kreis offenbar auch das große Bedürfnis, nicht nur die Bäume zu sehen, sondern den Wald, der Wunsch nach Einsicht in die größeren Linien. Der Sachbuchmarkt floriert. Wissen und Einsicht ist eben mehr als Informationsschnipsel. Was könnte dieses Bedürfnis besser befriedigen als die Textgattung der Bücher? Sie kommen, anders als es Aufsätze oder Artikel können, dem Verlangen nach Synthese und Zusammenhang entgegen. Deshalb glaube ich nicht, dass deep reading gefährdet, womöglich sogar dem Untergang geweiht ist.

Allerletzte Frage, weil wir beim Bücherlesen gelandet sind. Welche Rolle spielt die sogenannte schöne Literatur in Ihrer Schreibpraxis?

Welche Rolle genau, das ist schwer zu sagen. Ich bin ein passionierter Leser von Belletristik, übrigens auch ein eifriger Theater- und Kinogänger. Es gibt also diese Nähe zur Belletristik und die entsprechenden Lektüren. Sie finden allerdings teilweise in so etwas wie einem geschützten Reservat statt: Manchmal möchte ich einfach ohne Verwertungsinteresse lesen, ohne den ständigen Seitenblick auf Nutzen und Brauchbarkeit für die wissenschaftliche Arbeit. Andererseits interessiert mich die Belletristik auch in ihrem Verhältnis zur Soziologie. Haben wir es nicht mit zwei Weisen der Welterschließung zu tun? Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die doch gar nicht schreiben könnten, ohne zu recherchieren, Fakten zu ermitteln, Schlussfolgerungen zu ziehen, die sich, anders gesagt, um eine Darstellung von Wirklichkeit bemühen. Literatur ist doch nicht simple Fiktion. Und umgekehrt gehört zur Soziologie eine poetologische Dimension, Wissen wird ja nicht einfach repräsentiert, sondern via Darstellung in besonderer Weise erzeugt, geformt und akzentuiert, man folgt auch in der Beobachtung des Sozialen narrativen Mustern. Von daher ist eigentlich mit Händen zu greifen, dass es zwischen literarischen und soziologischen Texten Familienähnlichkeiten gibt, die letztlich darauf verweisen, dass jeweils Welt erschlossen wird – wenn auch in unterschiedlichen Genres. In meinem wöchentlichen Theoriekolloquium an der Humboldt-Universität, in der Neuerscheinungen aus der Gesellschafts- und Kulturtheorie besprochen werden, diskutieren wir übrigens in jedem Semester zumindest einen Roman, letztens Allegro Pastell von Leif Randt und GRM. Brainfuck von Sibylle Berg. Und das funktioniert sehr gut. Was ich an der Belletristik aufschlussreich finde, sind ihre Versuche, gegenwärtige oder vergangene Gesellschaft zu erfassen, womit sie gewissermaßen soziologische Literatur wird. Interessant sind aber auch die Verfahren, mit denen erzählt, berichtet, analysiert, das heißt gesellschaftliche Wirklichkeit aufgeschlossen werden kann. Insofern lese ich Belletristik häufig auch im Lichte der Grundsatzfrage, die mich beim Scheiben ständig beschäftigt: Wie wird das gemacht? Wie wird es aufgebaut? Welches Narrativ wird hier fabriziert? Letztlich weben wir in der Soziologie ja auch immer an solchen Narrativen, die sich auf die moderne Gesellschaft beziehen.

Kategorien: Universität

Andreas Reckwitz

Professor Dr. Andreas Reckwitz ist ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Martin Bauer

Martin Bauer, M.A., ist Philosoph, Literatur- und Religionswissenschaftler. Er arbeitet als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Portals Soziopolis am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift für Ideengeschichte.

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