Fabian Anicker | Essay |

Wie und wozu sollte man soziologische Theorien miteinander vergleichen?

Viele Haus- und Seminararbeiten setzen sich zum Ziel, zwei oder mehrere soziologische Theorien miteinander zu vergleichen. Erklärt Luhmann die gesellschaftliche Differenzierung besser als Bourdieu? Widerlegen Foucaults Untersuchungen die Habermas’sche Kommunikationstheorie? Welche Theorie begreift das Phänomen der Digitalisierung am besten? Vergleichend angelegte Fragestellungen sind anspruchsvoll, die Studierenden müssen sie häufig nach der ersten Sprechstunde auf ein bescheideneres Ausmaß zurückstutzen. Andererseits sind dies mitunter die spannendsten Themen, denn sie erfordern nicht nur eine Nacherzählung von Theorien, sondern fördern Aspekte zutage, die in den Theorien nicht offensichtlich enthalten sind und über die man sich vorher nicht im Klaren war. Die folgenden Ausführungen geben eine Hilfestellung für theorienvergleichende Arbeiten.

Von Äpfeln und Birnen

Der Alltagsverstand und auch viele Soziolog:innen sind der Auffassung, dass man sinnvollerweise nur Ähnliches miteinander vergleichen kann – festgehalten in der bekannten Behauptung, man könne doch nicht „Äpfel mit Birnen“ vergleichen. Aber diese Annahme ist offensichtlich falsch. Fängt man erst einmal mit dem Vergleich an, fallen eine Fülle von Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Äpfeln und Birnen ins Auge. Man kann feststellen, dass es sich bei beiden um Kernobst handelt, dass beide auf Bäumen wachsen und für den menschlichen Verzehr geeignet sind, sich aber geschmacklich und der Form nach unterscheiden. Scheinbar kann man nur Äpfel mythenbildend von Köpfen herunterschießen, nur sie können offenbar Hochleistungen auf dem Gebiet der theoretischen Physik anregen oder Technologieunternehmen einen Namen geben – durch einen solchen Vergleich würden also nicht nur am Apfel, sondern auch an der Birne ganz neue (fehlende) Seiten entdeckt. Soziologische Theorien sind zwar nicht Äpfel und Birnen, aber aus dem Beispiel lässt sich einiges übertragen. Theorien müssen sich nicht besonders stark ähneln, um sinnvoll miteinander verglichen zu werden. Und es wäre wohl auch nicht besonders spannend, immer nur „Äpfel mit Äpfeln“ zu vergleichen und als einziges Ergebnis die Einsicht zu gewinnen: Sie sind ähnlich.

Allerdings bringt es auch nichts, unterschiedliche Theorien einfach neben- beziehungsweise hintereinander darzustellen (als würde man den Apfel einfach neben die Birne legen). Der Vergleich passiert nicht von selbst, sondern erfordert die Wahl einer Vergleichshinsicht. Die Vergleichshinsicht gibt an, mit Bezug auf welchen Aspekt die betreffenden Theorien verglichen werden. Bei unserem Beispiel von Apfel und Birne waren dies etwa ihre biologische Klassifizierung und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. Wenn man andere Interessen hätte, könnte man eine andere Vergleichshinsicht wählen – also etwa die Frage stellen, welche der Früchte gesünder ist oder welche bei regelmäßigem Genuss eher zur Erosion des Zahnschmelzes führt. Je nach gewählter Vergleichshinsicht würde man etwas anderes über die Vergleichsgegenstände lernen. Wie alle Vergleiche involvieren auch Theorienvergleiche deshalb immer mindestens drei Elemente: Sie bestehen nie nur aus Theorie A und Theorie B, sondern immer auch aus der Vergleichshinsicht (wegen ihrer Rolle als vermittelndes Drittes manchmal auch Tertium comparationis genannt). Eine zentrale methodische Herausforderung jedes Theorienvergleichs ist, zu klären, in Bezug worauf man die Theorien eigentlich miteinander vergleichen will oder soll; anders gesagt: auf welches Dritte sie sich beziehen lassen. Dies hängt von der wissenschaftlichen Zielsetzung ab, die man verfolgt.

Das Tertium comparationis: herangetragen oder herausgearbeitet

Theorienvergleiche dienen also unterschiedlichen Zielen und nehmen in Abhängigkeit davon unterschiedliche Formen an, die wiederum unterschiedliche methodische Vorgehen mit sich bringen.[1] Man unterscheidet zunächst zwischen theorietestenden und hermeneutischen Theorienvergleichen.

Einen theorietestenden Vergleich wählt, wer

  • Theorien selektiv mit Bezug auf eine vorgegebene Frage oder auf ein bestimmtes empirisches Phänomen auswerten möchte.
  • Theorien in einer Erklärungskonkurrenz gegeneinander antreten lassen (und eine Siegerin küren) möchte.

Für einen hermeneutischen Theorievergleich entscheidet sich, wer

  • Theorien in ein sinnhaftes Verhältnis setzen möchte.
  • Theorien im Rahmen übergeordneter theoretischer Annahmen integrieren möchte.

Die ersten beiden Ziele setzen eine Vergleichshinsicht voraus, die gegenüber den Theorien weitgehend extern ist. Das heißt, es ist bereits klar, welches Tertium comparationis für den Vergleich interessiert. Man vergleicht die Theorien hinsichtlich eines empirischen Phänomens oder man untersucht, ob sie ein bestimmtes, klar definiertes Problem lösen können, und prüft ihre Interpretations- und Erklärungsleistung. Beim hermeneutischen Theorievergleich ist noch offen, mit Bezug worauf die Theorien verglichen werden sollen. Man ist sich im Unklaren darüber, in welchem Verhältnis zwei oder mehr Theorien zueinander stehen und versucht, diese Beziehung herauszuarbeiten. In dem Fall ist die Vergleichshinsicht intern, also aus der Interpretation der Theorien selbst (deshalb hermeneutisch), zu gewinnen. Beide Typen stelle ich im Folgenden kurz vor.

Theorietestende Vergleiche

Theorietestende Vergleiche setzen voraus, dass man bereits weiß, auf welche Aspekte, Probleme und Fragestellungen es einem ankommt und was demzufolge an den Theorien interessant ist. Die Vergleichshinsicht steht bereits fest. Wer eine Kulturgeschichte des Kernobstes schreiben will, braucht Äpfel und Birnen nicht mehr auf ihre Form oder ihren relativen Vitamingehalt hin zu vergleichen, sondern kann sich allein auf das Problem ihrer Kulturbedeutung konzentrieren. Man interessiert sich dann für Äpfel und Birnen nur unter diesem einen Aspekt. Solche Vergleiche mit externer beziehungsweise fixierter Vergleichshinsicht sind vor allem bei zwei Zielen sinnvoll. Erstens wenn man Theorien selektiv mit Bezug auf eine Frage auswerten will, die man sich stellt. Man will zum Beispiel eine Arbeit über „Solidarität“ schreiben und fragt, was eigentlich Simmel, Durkheim, Weber, Parsons & Co. zu dem Thema zu sagen haben: Haben sich die Autoren überhaupt mit Solidarbeziehungen beschäftigt? Taucht der Begriff der „Solidarität“ explizit auf oder lassen sich ähnliche Begriffe finden? Wie verwenden die Autoren diese und setzen sie zur Erklärung anderer Phänomene ein? Ist bei einem der Autoren nichts zu holen, klappt man das Buch zu und liest ein anderes – denn die Theorie ist in diesem Fall für das eigene Vergleichsinteresse irrelevant.

Eine verwandte Möglichkeit besteht darin, von einem empirischen Phänomen auszugehen und die Frage zu stellen, wie dieses Phänomen mit verschiedenen Theorien erklärt werden könnte. In diesem Fall ist das Vergleichsergebnis ein Panorama verschiedener Erklärungen desselben Phänomens, die nebeneinanderstehen.[2] Man lernt dadurch möglicherweise viel über einen Gegenstand, weil die Theorien unterschiedliche Aspekte hervorheben, aber man erfährt dadurch nicht, wie die Theorien zueinander stehen, oder welche die beste Interpretation liefert.

Ein weiterer Vergleichstypus mit externer Vergleichshinsicht kommt dann ins Spiel, wenn man Theorien kritisieren oder in Konkurrenz zueinander setzen will. Auch dabei wird die Vergleichshinsicht vorab festgelegt und konstant gehalten. Aber wenn man bei einer der Theorien nicht fündig wird, benutzt man diesen Umstand dazu, die Theorie zu kritisieren und im Vergleich zu anderen Theorien schlecht dastehen zu lassen. Mit Bezug auf unser hypothetisches Beispiel könnte man dann vielleicht sagen: Äpfel sind kulturgeschichtlich bedeutender als Birnen und deshalb wichtiger. Allerdings wäre zu begründen, warum es beim Vergleich eben genau um diese Vergleichshinsicht – die kulturgeschichtliche Relevanz – gehen sollte. Mit Bezug auf wissenschaftliche Theorien werden solche Begründungen häufig der Erkenntnistheorie, der Wissenschaftstheorie oder der Methodologie entnommen; also wiederum Theorien, die versuchen zu sagen, worauf es in der Wissenschaft eigentlich ankommt und was Theorien leisten müssen, um als ‚richtige‘ Theorien zu gelten.

Ein Beispiel dafür ist der maßgeblich von Karl R. Popper entwickelte Falsifikationismus. Ihm zufolge müssen alle wissenschaftlichen Theorien in der Lage sein, Hypothesen über ihren Gegenstand aufzustellen beziehungsweise theoretisch abzuleiten, die sich als empirisch falsch herausstellen können. Nur in diesem Fall, so die Annahme, kann man ‚von der Welt lernen‘ und seine theoretischen Annahmen über sie korrigieren. Deshalb ist es für Falsifikationist:innen gerechtfertigt, alle wissenschaftlichen Theorien an der Frage zu messen, ob sich aus ihnen Hypothesen ableiten lassen und ob diese Hypothesen falsifiziert oder (vorläufig) bestätigt werden können. So lassen sich Theorien in empirische Erklärungskonkurrenz setzen und danach befragen, ob und wie gut die Theorien jeweils zu den Daten passen. Während es bei phänomenbezogenen Theorievergleichen darum geht, mehr über das Phänomen zu lernen, will man mit einem falsifikationstischen Vergleich herausfinden, welche Theorie für einen konkreten Datenkorpus die beste ist, das heißt die momentan größte Erklärungskraft besitzt.[3]

Hermeneutische Theorienvergleiche

Hermeneutische Theorienvergleiche tragen das Tertium comparationis nicht ‚von außen‘ an eine Theorie heran, sondern versuchen, die Vergleichshinsicht aus den Theorien selbst zu gewinnen. Es geht ihnen um das richtige Verstehen der verglichenen Theorien und darum, Theorien an einem Maßstab zu messen, der ihnen ‚von sich aus‘ angemessen ist. Die Grundidee des hermeneutischen Theorienvergleichs ist es, das Verhältnis, in dem Theorien zueinander stehen, über das Verhältnis ihrer Bezugsprobleme (Fragen) zu bestimmen. Dafür muss man die Theorien zunächst unabhängig voneinander interpretieren. So stellt man sicher, dass Theorien nur über solche Probleme miteinander verglichen werden, für deren Lösung sie sich tatsächlich eignen.[4]

Die methodische Kernfrage lautet: Welches Problem oder welche Probleme lassen sich mithilfe der Theorie (optimal) lösen? Dabei beginnt man mit einem „Vorgriff auf Vollkommenheit“ (Gadamer), einer Art Vertrauensvorschuss der Theorie gegenüber, um Theorien nicht vorschnell zu verwerfen. Überlegungen, die unverständlich oder unplausibel scheinen, sind zunächst kein Grund, die Theorie zu kritisieren, sondern sein eigenes Vorverständnis zu befragen. Denn möglicherweise hat man zu enge Vorstellungen darüber, was die Theorie leisten soll. Dadurch lassen sich Bezugsprobleme finden, die wirklich zu den Theorien passen. In diesem Prozess ist es hilfreich, zu versuchen, das Bezugsproblem als explizite Frage zu formulieren. Welches Problem will die Theorie lösen? Die Frage reformuliert nicht einfach die Zielbeschreibung des Textes, sondern hängt auch vom eigenen Erkenntnisinteresse und vom angestrebten Abstraktionsgrad ab. Die von Max Weber in den Soziologischen Grundbegriffen aufgestellte Handlungstypologie – die Unterscheidung zwischen zweck- und wertrationalem sowie affektuellem und traditionalem Handeln[5] – kann mit zunehmendem Abstraktionsgrad beispielsweise erstens als Antwort auf die Frage verstanden werden, unter welchen Gesichtspunkten menschliches Handeln rational ist; zweitens als Antwort auf die Frage, wie das wissenschaftliche Verstehen von Handlungssinn möglich ist; und drittens als Antwort auf die Frage, in welcher Sprache die Soziologie ihren Gegenstandsbereich beschreiben sollte. Keine der Problemformulierungen ist objektiv besser als die anderen, sie führen lediglich in unterschiedliche Richtungen. Die Bezugsprobleme von Theorien sind abstrakter als die Theorien selbst, sodass sie sich für Vergleiche eignen.

Die Kunst eines hermeneutischen Theorienvergleichs besteht darin, Probleme zu finden, die so abstrakt wie nötig sind, um die Theorien vergleichen zu können, aber so konkret wie möglich, um aus diesem Vergleich viel zu lernen. Oft findet man kein hinreichend konkretes geteiltes Bezugsproblem. In diesem Fall muss man zunächst die Bezugsprobleme der einzelnen Theorien angeben und in einem nächsten Schritt versuchen, die Beziehung der Probleme zu klären. Setzt das eine Problem die Lösung des anderen voraus? Gibt es eine Theorie, die erklären könnte, wie die beiden Probleme zusammenhängen? Wer so fragt, geht zu einem komplexen Vergleich über. Dabei behält man die partikularen theorieeigenen Bezugsprobleme bei, findet aber theoretische Annahmen, die in den jeweiligen Problemstellungen vorausgesetzt werden. Der Vergleich läuft dann nicht über ein geteiltes Problem, sondern unterschiedliche Probleme werden theoretisch vermittelt. Dafür mag ein Schaubild hilfreich sein:[6]

Abbildung 1: Der Unterschied zwischen einem einfachen und einem komplexen Theorievergleich
Abbildung 1: Der Unterschied zwischen einem einfachen und einem komplexen Theorievergleich, © eigene Darstellung

Einfache Vergleiche weisen die bereits beschriebene triadische Struktur auf: Theorie A (Ta) und Theorie B (Tb) werden über ein geteiltes Bezugsproblem (P) in Beziehung gesetzt. Bei komplexen Vergleichen bezieht man Theorien (Schema rechts: T1a und T1b) nicht direkt auf dasselbe Problem, sondern vermittelt sie indirekt miteinander, indem man eine weitere Theorie oder eine theoretische Annahme (T0) nutzt, um den Zusammenhang zwischen den beiden Bezugsproblemen (Schema rechts: P1a und P1b) zu klären. T0 reagiert wiederum auf eine typischerweise abstraktere Problemstellung (P0).[7] Die Stufung von Problemen ermöglicht also, komplexere Verhältnisse zwischen (Teil-)Theorien zu bestimmen.

Im Folgenden stelle ich ein Beispiel für einen komplexen hermeneutischen Vergleich vor, in dem zwei Theorien problembezogen interpretiert und aufeinander bezogen werden: Ulrich Becks Individualisierungsthese und Karl Marx' Klassentheorie. Ulrich Becks bekannte Individualisierungsthese[8] lässt sich als Antwort auf die Frage verstehen: Warum gibt es trotz gleichbleibenden Relationen sozialer Ungleichheit kaum gesellschaftliche Kontroversen über Klassen- und Schichtunterschiede? Becks Antwort (die Individualisierungsthese) lautet, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen zwar absolut verbessert, aber relational nicht verändert hätten („Fahrstuhleffekt“). Mit Bildungsexpansion, Mobilitätsprozessen und Arbeitsmarktkonkurrenzen seien gesellschaftliche Prozesse wirksam, die traditionale Gruppenbindungen auflösten, eine rationale Selbststeuerung des Einzelnen erforderten und dadurch Individualisierung erzeugten. Für Ulrich Beck waren die von ihm identifizierten Prozesse Anlass für seinen Abschied von der Klassen- und Schichtsoziologie.

Aber wer seine Theorie mit der Klassentheorie von Karl Marx vergleicht, kann sehen, dass beide Theorien eine übergeordnete Frage teilen. Die Frage lautet: Wie beeinflussen ökonomische Bedingungen das Bewusstsein der Menschen? Marx antwortet, dass das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen (Basis) entscheidend für das gesellschaftliche Bewusstsein (Überbau) sei, und sagt für die Moderne voraus, dass durch die qua ruinöser Konkurrenz erwartbare kollektive Verarmung ein Klassenbewusstsein entstehen müsse. Beck hingegen entwickelt zwar keine allgemeine Theorie über den Zusammenhang von Ökonomie und (Klassen-)Bewusstsein, aber auch er sieht die Ursachen für die Individualisierung moderner Identitäten vor allem im Arbeitsmarkt begründet. Auch Beck konzipiert die Ökonomie also als ursächlich und das Bewusstsein der Individuen als abhängig. Marx und Beck teilen eine abstrakte Problemstellung und geben sogar dieselbe Antwort: Beide Ansätze suchen nach strukturellen Determinanten für Identitätsstrukturen und gehen davon aus, dass das Bewusstsein der Menschen stark von ihrer Stellung im ökonomischen Prozess abhängt. Durch den Vergleich könnte man die Individualisierungstheorie, ganz entgegen ihrer Selbstbeschreibung, als eine Fortsetzung der Klassentheorie einordnen.[9] Sie geht zwar von anderen ökonomischen Tendenzen und anderen gesellschaftlichen Entwicklungen aus, nicht aber von einem anderen Erklärungsmuster.

Wir können den Vergleich noch etwas präziser anlegen, indem wir zwei Problemstufen innerhalb der Marx’schen Theorie unterscheiden:

  • P0: Wie ist das allgemeine Verhältnis von Ökonomie (Sein) und kulturellem und sozialem Selbstverständnis (Bewusstsein)?
  • P1: Wie entwickelt sich das Bewusstsein im industriellen Kapitalismus?

Die Antwort auf die erste Frage lautet (stark vereinfacht), das ökonomische Sein bestimmt das Bewusstsein, weshalb man Identitätsstrukturen aus dem Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ableiten kann. Zur zweiten Frage: Ruinöse Konkurrenz und der tendenzielle Fall der Profitrate führen unweigerlich zur kollektiven Pauperisierung der Arbeiter, die dadurch ein Klassenbewusstsein ausbilden. Nehmen wir die Beck’sche Individualisierungsthese hinzu, fällt die Antwort auf die erste Frage weitgehend gleich aus, während die Antwort auf die zweite Frage divergiert: Statt von ruinöser Konkurrenz geht Beck von einer wohlfahrtsstaatlichen Zähmung des Kapitalismus aus, wodurch zwar die Relationen sozialer Ungleichheit gleichbleiben, aber gemeinsame Erfahrungen, die zur Entstehung eines Kollektivbewusstseins führen könnten, verunmöglicht werden (deshalb kommt es zur kollektiven Individualisierung statt zum Klassenkampf).

Abbildung 2: Komplexer Vergleich zwischen Individualisierungsthese und Klassentheorie
Abbildung 2: Komplexer Vergleich zwischen Individualisierungsthese und Klassentheorie, © eigene Darstellung

Durch komplexe Vergleiche lassen sich also die Verhältnisse von Theorien und Theorieelementen genauer angeben. Unsere Grafik behauptet: Becks Individualisierungsthese setzt die Marx’sche Annahme einer Ableitbarkeit von Strukturen kollektiver Identität aus den ökonomischen Bedingungen voraus, diagnostiziert aber eine andere empirische Tendenz (Individualisierung statt Ausbildung eines revolutionären Klassenbewusstseins). Die Darstellung ist natürlich sehr schematisch und müsste an den Texten von Beck und Marx geprüft und weiter verfeinert werden, aber sie zeigt beispielhaft, wie man Theorien durch Vergleich in ein Verhältnis zueinander setzen kann.[10] Das stark vereinfachte Beispiel macht deutlich, dass man bei der Interpretation erstens nicht an die Meinung des/der Autor:in über die Theorie gebunden ist und dass es zweitens sehr darauf ankommt, wie abstrakt das Bezugsproblem formuliert ist. Die Marx’sche Theorie hätte zu dem Problem, das wir zunächst in der Interpretation von Beck gewonnen hatten (Warum gibt es trotz gleichbleibenden Relationen sozialer Ungleichheit kaum gesellschaftliche Kontroversen über Klassen- und Schichtunterschiede?), nichts zu sagen gehabt. Das Problem ist zu speziell auf die Individualisierungsthese zugeschnitten. Hätten wir stattdessen das Problem formuliert: Wie ist soziale Ordnung möglich?, hätten wir zwar beide Theorien auf das Problem beziehen können, aber aus dem Vergleich nur wenig gelernt. Weil es für die richtige Wahl des Problems keine festen Regeln gibt, ist das Vergleichen eine Kunst – aber doch eine, die mit methodischen Techniken erlernt und verbessert werden kann.

  1. Für eine Übersicht über unterschiedliche Vergleichstypen und ihre Ziele siehe Fabian Anicker, Theorienvergleich als methodologischer Standard der soziologischen Theorie, in: Zeitschrift für Soziologie 46 (2017), 2, S. 71–88.
  2. Vgl. z.B. Thorsten Bonacker / Rainer Greshoff / Uwe Schimank (Hg.), Sozialtheorien im Vergleich. Der Nordirlandkonflikt als Anwendungsfall, Wiesbaden 2008.
  3. Vgl. für eine Durchführung Karl-Dieter Opp / Reinhard Wippler (Hg.), Empirischer Theorienvergleich. Erklärungen sozialen Verhaltens in Problemsituationen, Opladen 1990; zur Theorie von Falsifikationskonkurrenzen siehe Michael Schmid, Rationales Handeln und soziale Prozesse. Beiträge zur soziologischen Theoriebildung, Wiesbaden 2004.
  4. Vgl. Wolfgang Ludwig Schneider, Die Komplementarität von Sprechakttheorie und systemtheoretischer Kommunikationstheorie. Ein hermeneutischer Beitrag zur Methodologie von Theorievergleichen, in: Zeitschrift für Soziologie 25 (1996), 4, S. 263–277.
  5. Max Weber, Soziologische Grundbegriffe, in: ders., Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie [1922], Tübingen 2009, S. 1–23.
  6. Eigenes Schaubild, abgedruckt in Anicker, Theorienvergleich als methodologischer Standard der soziologischen Theorie, S. 76.
  7. Die Pfeilrichtungen im Schaubild laufen immer von der Theorie zu ihrem Bezugsproblem und damit von konkret zu abstrakt. Dies soll ausdrücken, dass beim hermeneutischen Theorievergleich Fragestellungen aus der Interpretation von Theorien gewonnen werden, nicht aber umgekehrt. Das ist etwas kontraintuitiv: Normalerweise gehen die Fragen den Antworten voran. Nicht so bei einem hermeneutischen Theorienvergleich: Hier muss die richtige Problemstellung erst noch in einem abduktiven Abstraktionsprozess gefunden werden.
  8. Ulrich Beck, Jenseits von Klasse und Stand? Soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten, in: Reinhard Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 35–74.
  9. Wenn die Interpretation zutrifft, zeigt der Theorievergleich also, dass Beck wesentlich stärker auf Marx'sche Theoriegrundlagen aufbaut, als er in seinem Text behauptet. Für eine ausführlichere Entwicklung dieser These vgl. André Kieserling, Das Individuum und die Soziologie. Zur Geschichte eines soziologischen Reflexionsthemas, in: Peter A. Berger / Ronald Hitzler (Hg.), Individualisierungen. Ein Vierteljahrhundert „jenseits von Stand und Klasse“? Wiesbaden 2010, S. 311–324. Aus methodischer Sicht ist daran bemerkenswert, dass die Abstraktion von Problemstellungen es ermöglicht, Texte unabhängig von den erklärten Absichten ihrer Autor:innen zu interpretieren. Überspitzt formuliert kann man so Becks Thesen besser verstehen als er selbst.
  10. Für ausführlichere Beispiele von hermeneutischen Theorienvergleichen siehe etwa Fabian Anicker, Theoriekonstruktion durch Theorienvergleich – eine soziologische Theorietechnik, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 72 (2020), 4, S. 567–596; Wolfgang Ludwig Schneider, Erklärung, Kausalitat und Theorieverständnis bei Esser und Luhmann im Vergleich, in: Rainer Greshoff / Uwe Schimank (Hg.), Integrative Sozialtheorie? Esser – Luhmann – Weber, Wiesbaden 2006, S. 445–488.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

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Fabian Anicker

Dr. Fabian Anicker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur der Zeitschrift für Theoretische Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Münster. Seine Forschungsinteressen umfassen allgemeine Fragen der soziologischen Theorie, Deliberative Demokratie und Digitalisierung.

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