Daniel Bultmann | Essay |

„Wir müssen absolut sein“

Folter, Reinheit und Verrat unter dem Regime der Roten Khmer

Im Jahr 1997 erklärte die Hauptversammlung der Vereinten Nationen den 26. Juni zum Gedenktag. Seither wird jedes Jahr an diesem Datum der Internationale Tag zur Unterstützung der Folteropfer begangen. Der Tag soll nicht nur ein sichtbares Zeichen gegen Folter setzen, sondern auch an die UN-Antifolterkonvention erinnern, die am 26. Juni 1987 nach Ratifizierung durch 20 Mitgliedstaaten in Kraft trat. Mit der seither völkerrechtlich verbindlichen Antifolterkonvention reagierten die Vereinten Nationen auf den systematischen Einsatz von Folter in zahlreichen Staaten, der seit dem Zweiten Weltkrieg Hunderttausende Menschen das Leben kostete. Eines der brutalsten Regime war das der Roten Khmer in Kambodscha, deren rund vierjährige, von 1975 bis 1979 dauernde Gewaltherrschaft schätzungsweise 2 Millionen Todesopfer forderte. Trotz der Ausmaße des in Kambodscha begangenen Genozids und der politischen Säuberungen ist das seinerzeit herrschende Gewaltregime hierzulande bis heute eher selten Gegenstand historischer und sozialwissenschaftlicher Forschung. Wir nehmen den Gedenktag zum Anlass, um einen Text zu publizieren, der anhand zahlreicher Quellen und Dokumente die Ideologie und die Mechanismen des Folterregimes der Roten Khmer analysiert.


Die Redaktion

 

Für die Roten Khmer war effektive Folter keine Frage der korrekten Anwendung gezielter Techniken der Schmerz- oder Schamgenerierung.[1] Sie war vielmehr Ausweis der revolutionären Haltung auf Seiten des Folterers, der aufgrund seiner ideologischen Reinheit jeweils die richtigen Druckpunkte findet, die richtigen Techniken der Schmerzzufügung anwendet und vor allem die richtigen Fragen stellt. Ein guter Vernehmer in den sogenannten Umerziehungszentren der Kommunistischen Partei Kampucheas (KPK) war also kein ,Techniker‘; er war vielmehr in seiner revolutionären Haltung – so die Terminologie der Führungsriege – „absolut“ (doch kat). Zugleich war vollkommene Reinheit ein unerreichbares Ideal. Jeder Vernehmer der Roten Khmer – wie im Grunde auch jeder andere im Staate – musste beständig an seiner revolutionären Haltung arbeiten und versuchen dem kollektivistischen Ideal der Partei zu entsprechen. Ein Vernehmer von revolutionär unreiner Gesinnung, dem das nicht gelang, musste fürchten, selbst als einer jener Feinde des Volkes zu gelten, die sich aus Sicht der Parteiführung in den eigenen Reihen verbargen, um die Revolution zu zerstören. Das war gefährlich, denn während für unrein erachtete Parteikader lediglich als vom kapitalistisch-individualistischen Denken „verwirrt“ galten, weshalb sie zwar Fehler begingen, aber prinzipiell besserungsfähig blieben, sah man in den Feinden des Volkes unheilbar kranke Verräter, die im Auftrag internationaler Feinde – wahlweise aus Vietnam, den USA oder der Sowjetunion – gezielt auf die Zerstörung der Revolution hin arbeiteten. Die Feinde des Volkes bildeten gewissermaßen das normative Gegenstück zum reinen Revolutionär. Auch sie galten in ideologischer Hinsicht als absolut, allerdings in ihrer Hingabe an die Konterrevolution. Sie konnten mittels Folter zwar zur Selbsterkenntnis ihrer Schwächen geführt, aber nicht gebessert werden und waren daher dem Tode geweiht (D01399).[2]

Das Folterdispositiv der Roten Khmer speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Neben maoistischen Einflüssen finden sich auch traditionelle kambodschanische sowie animistische und buddhistische Topoi der Reinheit. Im Vordergrund stehen dabei vor allem Verfehlungen, die einem egoistischen Individualismus zugeschrieben werden, und das Motiv der Arbeit am Selbst. Im Folgenden möchte ich die Logik des Folterregimes der Roten Khmer rekonstruieren und zeigen, wie die Ideale der moralischen Reinheit und der revolutionären Selbstkontrolle dazu beitrugen, dass Verfehlungen in der Folter- und Vernehmungspraxis auf die zumeist noch jugendlichen und kaum trainierten Kader selbst zurückfielen und sie zu Opfern eines Terrors wurden, mit dessen Implementierung sie zuvor selbst beauftragt waren. In einem Satz zusammengefasst, lautete die Logik: Wer Fehler macht, ist schuldig, denn moralisch reine Kader machen keine Fehler.

Nachfolgend nehme ich zunächst eine knappe historisch-politische Kontextualisierung des Regimes der Roten Khmer vor. Auf der Basis von Dokumenten der ehemaligen Gefängnisleitung, Notizbüchern[3] von früheren Kadern und neunzehn ,Geständnissen‘ von vormaligen Folterern der Roten Khmer aus dem berüchtigten Zentralgefängnis S-21 in der Hauptstadt Phnom Penh skizziere ich sodann die drei idealtypischen Rollen, die das Folterregime denjenigen zuwies, die ihm dienten: den in seiner revolutionären Haltung untadeligen, mithin absoluten Vernehmer, den von egoistischen Motiven verwirrten, sich selbst prüfenden Folterer sowie den moralisch korrumpierten Feind, der sich als Kader in den eigenen Reihen verbirgt, um der Revolution zu schaden.[4] Die Geständnisse von Folterern, die zuvor selbst in S-21 gedient hatten, dann inhaftiert und anschließend von ihren ehemaligen Kameraden misshandelt und zu ,Geständnissen‘ gezwungen wurden, zeigen, dass die Übergänge zwischen dem Typus des verwirrten Folterers und des heimlichen Feindes fließend waren, weil nicht die Handlungen, sondern die Gesinnungen der Beschuldigten über ihre Einteilung in eine der beiden Gruppen entschieden.

Die ebenso grausame wie geschlossene Logik des Folterregimes kommt nicht zuletzt in den ,Geständnissen‘ ehemaliger Folterer zum Ausdruck, die – oftmals Wort für Wort – genau die Formulierungen wiederholten, die sie im Rahmen ihrer ideologischen Schulungen gelernt und in ihren Notizbüchern notiert hatten.

Die Partei verfolgt dabei mittels der Folter als „absoluter Machtdifferenz“ die Einschreibung einer vollkommenen Andersheit in die Äußerungen der Gefolterten,[5] die mit Verweis auf ihre moralischen Verfehlungen so zu Schuldigen ihrer eigenen Folter werden.[6] Folter begegnet hier nicht als zweckfreie Gewaltausübung, sondern erfüllt gewissermaßen eine sich selbst beglaubigende Funktion: Während Verfehlungen einer Person als Ausdruck ihrer moralischen Minderwertigkeit gewertet werden und damit als Rechtfertigung für ihre Folter dienen, gilt jedes Fehlverhalten seitens der Folterer als Beweis ihrer eigenen Unzulänglichkeit und begründet so den anschließenden Vollzug der Folter an diesen selbst. Auch wer die Anerkennung der eigenen Schuld verweigert, gesteht sie mit seinem verstockten Verhalten ein und ist somit ebenfalls selbst für sein Martyrium verantwortlich. Selbst minimale Formen von Widerstand, mit der die Gefolterten sich dem totalen Zugriff ihrer Peiniger zu entziehen suchen,[7] werden so aus Sicht der Partei zum Nachweis ihrer Unreinheit. Die ebenso grausame wie geschlossene Logik des Folterregimes kommt nicht zuletzt in den ,Geständnissen‘ ehemaliger Folterer zum Ausdruck, die – oftmals Wort für Wort – genau die Formulierungen wiederholten, die sie im Rahmen ihrer ideologischen Schulungen gelernt und in ihren Notizbüchern notiert hatten. Die Produktion der Geständnisse erfolgte also nach klaren Vorgaben und unter Verwendung mehr oder weniger standardisierter Begründungsmuster und Formulierungen, die den oberen Kadern und der Parteiführung genau das lieferte, was diese hören wollten.

Der Ort der Folter

Das Ziel der Roten Khmer war es, einen radikal egalitären und wirtschaftlich autarken Arbeiter- und Bauernstaat zu erschaffen. Er sollte vollkommen frei von kapitalistischer Ausbeutung, individualistischem Denken, religiöser Unterwerfung und jedweder Art von Privateigentum sein. Alle Menschen sollten einander völlig gleichgestellt sein und alle notwendigen Güter sollten kollektiv erzeugt und zentral verteilt werden. Hierzu wurden die Menschen gleich am ersten Tag der Machtübernahme von „Angkar“ (übersetzt: die Organisation) am 17. April 1975 aus den Ballungszentren auf das Land in die Dörfer des „Basisvolkes“ der Revolution vertrieben. Zum einen sollten die Stadtbewohner – das kapitalistisch verblendete „Neue Volk“ – durch die kollektivistische Arbeit in ländlichen Kooperativen vom kapitalistisch-individualistischen Denken ,befreit‘ werden: perfekte sozialistische Umwelten sollten perfekte Sozialisten erschaffen.[8] Zum anderen nutzte das Regime die Ströme der Vertriebenen, um Mitglieder des vorangegangenen Lon Nol-Regimes und andere ,Staatsfeinde‘ herauszufiltern und zu ermorden. Schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen kamen in den weniger als vier Jahren unter der Herrschaft der Roten Khmer ums Leben; sie verhungerten, starben an Krankheit und Erschöpfung oder wurden in einem der vielen Umerziehungslager und Sicherheitszentren ermordet.[9] Insbesondere Stadtbewohner und Mitglieder höherer Klassen wurden bereits bei minimalen Vergehen in Lager gebracht, dort oftmals gefoltert, im Anschluss ermordet und in Massengräbern verscharrt. Während die Roten Khmer zu Beginn ihrer Herrschaft zunächst die intellektuelle Elite des Landes und führende Mitglieder der alten Ordnung ermordeten, nahm das Regime mit dem Scheitern der Planwirtschaft und im Zuge der wachsenden Spannungen mit dem Erzfeind Vietnam immer häufiger auch die eigenen Kader ins Visier.

Die Gewalt unter den Roten Khmer fand nicht in einem staatsfernen Raum statt,[10] sondern in einem engmaschigen, von der Sicherheitspolizei nach chinesischem Vorbild organisierten Lagersystem, das zum einen mit der Umerziehung durch Arbeit betraut war und zum anderen mit der Identifizierung und Exekution sogenannter konterrevolutionärer Kräfte. Während die Feinde der neuen Ordnung, also Mitglieder des zuvor gestürzten Staatsapparates, in regionalen Lagern zumeist innerhalb kurzer Zeit ermordet wurden, ging man in den Sicherheitszentren bereits ein Jahr nach der Machtübernahme in zunehmendem Maße auf die Suche nach den Feinden im Inneren, wobei man vor allem Kader aus den oberen Hierarchieebenen ins Visier nahm. Die Betroffenen wurden dann wochen- oder gar monatelang bis zur Geständigkeit gefoltert, einerseits um Informationen über mögliche weitere Verräter in den Arbeitskooperativen, in der Partei und im Militär zu erlangen und diese auszuschalten; andererseits um die von der Partei in Umlauf gebrachten Propagandameldungen von konterrevolutionären Bestrebungen, welche angeblich die Revolution und ihre Erfolge bedrohten, zu bestätigen. Insgesamt fast 200 Lager erstreckten sich über das ganze Land und reichten pyramidenförmig vom Subdistrikt und den Kooperativen über die Distrikte, Regionen und Zonen bis zum obersten Zentralgefängnis mit dem Codenamen S-21.[11]

Der damalige Leiter des S-21 war der frühere Mathematiklehrer Kaing Guek Eav, der seither besser unter seinem Revolutionsnamen Duch (der Kleine) bekannt ist. In den Jahren vor der Machtübernahme war Duch bereits der Leiter des M-13 gewesen, einem Gefängnis der Guerillabewegung in Kampong Tralach in der Provinz Kampong Chhnang. Hier rekrutierte Duch die ersten Sicherheitskader, die er dann auch später in S-21 einsetzte. Dabei handelte es sich überwiegend um Kindersoldaten, von denen die meisten – also auch die Vernehmer – zu Beginn ihrer Tätigkeit zwischen 12 und 14 Jahre alt waren, manche sogar noch jünger. Im Anschluss an die Machtübernahme nutzten die Roten Khmer zunächst ein ehemaliges Gefängnis des Lon Nol-Regimes im nahezu menschenleeren Phnom Penh, bevor sie die Gebäude des Tuol Svay Prey-Gymnasiums und der angrenzenden Tuol Sleng-Grundschule zweckentfremdeten. Neben Kadern aus M-13 rekrutierte S-21 sein Personal auch aus Angehörigen der Division 703. Die Soldaten dieser Division waren im Alter von 14 bis 16 Jahren in den Militärdienst aufgenommen worden – zunächst freiwillig, von 1973 an dann zunehmend unter Zwang.[12] Alle Kader in S-21 durchliefen vor ihrem Einsatz im Gefängnis ein Training in der Militärschule der 703. Division in Takhmao, einem Vorort von Phnom Penh. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr ehemalige Soldaten der 703. Division durch Duchs M-13-Altkader ersetzt. Fast alle kamen ursprünglich aus armen Bauernfamilien. Nur einige wenige waren wie Duch zuvor Lehrer gewesen und nahmen dementsprechend höhere Positionen im Sicherheitsapparat von S-21 ein.

Viele der Vernehmungskader begannen ihren Dienst zunächst als Wärter auf dem Gefängnisgelände. Zu diesem Zeitpunkt waren sie – so lässt sich den Geständnissen entnehmen – überwiegend zwischen 16 und 20 Jahre alt. Die Folterabteilung verfügte über mehrere Einsatzgruppen, die eine triadische Struktur aufwiesen, wie es in allen Organisationen der Roten Khmer üblich war. So gab es immer einen Hauptvernehmer, einen Stellvertreter und eine zusätzliche Person, die als „Wärter“ in den Dokumenten auftaucht. Oftmals war dieser „Wärter“ wohl derjenige, der letztlich für die Ausübung der Folter zuständig war.[13] In späteren Stadien ist in den Dokumenten von drei Gruppen die Rede: einer „heißen“, einer „kalten“ und einer „kauenden“ Gruppe. Während in der Endphase des Regimes – also im Jahr 1978 – fast alle Vernehmer als Mitglieder von „heißen“ Gruppen gelistet wurden, gab es zwischendurch auch eine als „sanfte“ Gruppe (slout) titulierte Abteilung, deren Mitglieder die Gefangenen offenbar nicht foltern, sondern nur befragen durften. Demgegenüber wurde die „heiße“ Gruppe zwischenzeitlich auch als „grausame“ Gruppe (kach) bezeichnet und offensichtlich mit Folter betraut. Die „sanfte“ Gruppe wiederum wurde zu einem späteren Zeitpunkt durch eine „kalte“ Gruppe (trocheak) ersetzt. Die Bezeichnungen „kalt“ und „heiß“ verweisen dabei auch auf das lokale buddhistische Konzept einer Reinigung des Selbst über das „sich selbst erhitzen“.[14]

Die dritte, als „kauende“ bezeichnete Gruppe ist komplizierter zu fassen. Sie kam offenbar in besonders schweren und wichtigen Fällen zum Einsatz. Bei seiner Aussage im Gerichtsprozess gegen den früheren Gefängnisleiter Duch stellte der vormalige Vernehmer Prak Khan die „kauende“ Gruppe als ein spezialisiertes Team dar, das nach der Folter zum Einsatz kam: „Häftlinge, die der kauenden Gruppe zugeteilt wurden, waren bereits gefoltert worden oder hatten schon Wunden und Verletzungen an ihren Körpern, wenn sie zu uns kamen. Oder sie waren bereits vernommen worden, aber die Geständnisse standen noch aus. Solche Insassen kamen dann in meine Gruppe” (E1/52.1, 22-23).[15] Der Umstand, dass diese Einheiten über den Zeitraum des Bestehens von S-21 so schwer zu identifizieren sind und mal als Vernehmungstechniken (E3/394) und mal als Personengruppen charakterisiert werden, kann zweierlei bedeuten: Entweder versuchen sich ehemalige Kader über die Einteilung in schwer beschreibbare Gruppen – die, wie in diesem Fall, dann auch erst nach der Folter zum Einsatz gekommen sein sollen – vor juristischen und/oder sozialen Konsequenzen zu schützen; oder es gab eine organisationale Evolution hin zu einem höheren Grad der Spezialisierung. Hierfür spricht, dass Duch Mitte September 1976 die schriftliche Erlaubnis gab, „heiße und kalte Techniken“ (vithian kar kdau noeng trocheak) an einem Häftling anzuwenden (D16962).[16]

Über einzelne Zeiträume hinweg gab es in S-21 auch weibliche Vernehmerinnen. Zumeist handelte es sich dabei um die Ehefrauen männlicher Vernehmer oder höherrangiger Kader. Sie kamen wohl in Reaktion auf sexuelle Übergriffe männlicher Vernehmer zum Einsatz. Dem Kader Prak Khan zufolge reichte es manchmal auch aus, die männlichen Vernehmer nach solchen Vorfällen daran „zu erinnern“, während der Befragung einer Frau die Tür offen zu lassen (E1/52.1, 30). Auch nach der Einrichtung einer rein weiblichen Vernehmungsgruppe im Jahr 1977 wurden weibliche Insassen weiterhin regelmäßig von Männern befragt und gefoltert. Die Parteiführung – um deren Sicht es im nächsten Kapitel geht – setzte offenbar voraus, dass sich ein guter, das heißt ideologisch reiner Kader zu beherrschen wusste und sich nichts und niemanden „privat“ aneignete.

Moralische Reinheit, Selbstkontrolle und Folter

Als kru khmer bezeichnet man in Kambodscha einen traditionellen Heiler, der zwar in der regionalen Kräuterheilkunde bewandert ist, seine Patienten jedoch primär über einen Prozess der moralischen und spirituellen Erziehung heilt, in dessen Rahmen sich erst die Wirkung der Kräuter entfaltet. Diese erzieherische Funktion spiegelt sich auch im Begriff „kru“ wieder, der sich aus dem Sanskrit-Wort „guru“ herleitet und mit „Lehrer“ übersetzt wird. Im Gegensatz dazu steht der Begriff „pet“, der sich aus dem Sanskrit-Wort „bedya“ ableitet und mit „medizinischer Wissenschaft“ übersetzt werden kann. In Kombination bezeichnet der kru pet heutzutage einen in westlicher Medizin ausgebildeten Arzt. Durch die Kombination mit der Bezeichnung „khmer“ für die ethnische Gruppe wird hiervon der traditionelle Heiler unterschieden. Der kru khmer heilt nicht nur über die Gabe von Kräutern, sondern über die Wiederherstellung einer kosmisch-moralischen Harmonie. Zu diesem Zweck geht er eine Lehrer-Schüler-Beziehung mit dem Kranken ein, in deren Verlauf er auch mit dessen Vorfahren und anderen affizierten Geistern in Kontakt tritt. Denn aus Sicht der traditionellen Medizin sind es letztlich die Geister, die den Patienten aufgrund moralischer Vergehen mit Schmerz und Krankheit strafen.[17] Krankheit – und darin liegt, neben der schlechten Ausstattung und Organisation der Gesundheitsversorgung ein weiterer Grund für die schlechte Behandlung von Kranken unter dem Regime der Roten Khmer – wurde verstanden als das Resultat eines moralischen Vergehens, das eine kosmische Verwerfung zur Folge hat. Sie ist ein moralischer Riss in der sozialen, weltlichen und kosmischen Ordnung.[18] Um den Riss zu kitten, müssen die Kranken in eine Lehrer-Schüler-Beziehung mit dem Heiler eintreten. Unter seiner Anleitung sowie im Dialog mit den Geistern müssen sie die kosmische, spirituelle, soziale, psychologische und physiologische Ordnung wieder in Harmonie bringen. Entscheidend dafür ist die Selbstläuterung im moralischen Diskurs, die Kräuter dienen dabei nur als Vehikel.

In ihren Trainings lernten die Vernehmungskader kaum bis gar nicht, welche Techniken der Schmerz- und Schamgenerierung sie genau anwenden sollten oder wie sie das Ziel der Produktion von Geständnissen ,effektiv‘ erreichen könnten.

Auch für die Führungsriege der Roten Khmer war es der moralische beziehungsweise der politisch-ideologische Diskurs, der über Erfolg oder Misserfolg der Vernehmungen entschied. Ähnlich wie die Kräuter des Heilers wurde dabei auch der physische Akt der Folter als „notwendige Ergänzung“ im Prozess der Selbstläuterung des Opfers angesehen, als ein Vehikel des transformierenden Diskurses. So erläuterte ein Vernehmer den Einsatz und das Verhältnis von zweierlei Maßnahmen wie folgt: „a) Eine politische Maßnahme, das heißt wir indoktrinieren und setzen sie zu jeder Zeit gezielt unter Druck. b) Die Anwendung von Folter ist eine ergänzende Maßnahme“ (D06936). In ihren Trainings lernten die Vernehmungskader kaum bis gar nicht, welche Techniken der Schmerz- und Schamgenerierung sie genau anwenden sollten oder wie sie das Ziel der Produktion von Geständnissen ,effektiv‘ erreichen könnten. Ihr Training bestand vielmehr zumeist aus dreitägigen Workshops, einem viertägigen Praktikum bei Ranghöheren sowie einer Reihe von Instruktionen, die sie begleitend zur Praxis erhielten. Die dreitägigen Workshops beinhalteten überwiegend Ermahnungen, dass es sich auch bei den Vernehmungen primär um Formen des „Politikmachens“ (tveu nyobay) und der moralischen Anleitung handele. Der vorstehend genannte Kader notierte sich dazu die folgenden Bemerkungen seines Vorgesetzten:

Wir [die Parteiführung, D. B.] haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kader der Meinung sind, Sicherheitsarbeit, insbesondere Befragung, sei lediglich eine technische Angelegenheit. Diese Sicht zeigt, dass die betreffenden Kameraden die Essenz unserer Sicherheitsarbeit noch nicht in ihrer Tiefe verstanden und erfahren haben. So betätigt sich etwa ein Mechaniker in technischer Arbeit; seine Zielsetzung ist technischer Natur. Allerdings kann solch eine technische Arbeit dann unterschiedlichen Klassen dienen. In unserer Sicherheitsarbeit geht es um Klassenkampf – das heißt unsere Arbeit zielt darauf ab, die Unterdrückerklassen zu zerschlagen und auszumerzen, um die Partei und unsere proletarische Klasse zu beschützen sowie das Demokratische Kampuchea und unsere Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu verteidigen.

Die Vernehmer sollten nicht einfach nur ,die richtigen Knöpfe drücken‘, sondern sie sollten das auch und vor allem auf der Basis der richtigen revolutionären Politik tun. Aus Sicht der Parteiführung zeichneten sich schlechte Befragungen dadurch aus, dass sie kein politisches Ziel hatten und keine politische Linie verfolgten; sie stellten nicht die Revolution und das Kollektiv an die erste Stelle, sondern das Individuum mit seinen Bedürfnissen und Gelüsten. So notierte der Kader in einer anderen Sitzung die folgenden Kritiken und Warnungen der Partei:

Unsere organisationale Disziplin ist weiterhin schwach. So verprügeln wir Feinde beispielsweise ohne ihre Antworten eingehend zu überprüfen und ohne sie mit den Antworten jener [ebenfalls inhaftierter Feinde, D. B.] abzugleichen, mit denen sie in Verbindung standen. Wir schlagen sie willkürlich, einfach wie es uns beliebt. Wir geben den Feinden Wein, wenn sie schläfrig sind. Das verlangsamt unsere Arbeit. Ein weiteres Beispiel betrifft Angkars Anweisung, die Feinde energisch zu befragen. Ihr habt sie dann zwar befragt, allerdings habt ihr dabei den Fokus auf das Foltern und nicht auf das Politikmachen [tveu nyobay] gelegt. Das ist falsch und weicht von den Direktiven der Partei ab, nach denen ihr euch zuallererst auf das Politikmachen konzentrieren sollt. Bei den Befragungen wart ihr zudem zu laut. Lasst sie ihre Antworten beenden, bevor ihr mit der nächsten Frage weitermacht. Manchmal lachen wir oder drücken Freude aus, wodurch es dem Feind sofort möglich wird, unsere Schwächen auszumachen. Unsere Vernehmer haben weiterhin den Inhalt der Antworten der Feinde nicht eingehend erfasst. Jene, die die Verantwortung über diese Abteilung haben, vermochten es nicht, die Befragungssituationen engmaschig zu kontrollieren. Das [alles] unterminiert unsere Selbstkontrolle [batt mchas ka]. (D06936)

Die Forderung nach Kontrolle [mchas] über andere, über sich selbst und – im Grunde damit gleichbedeutend – über die Anforderungen der revolutionären Politik taucht als Topos immer wieder in den Texten auf. ,Gute Praxis‘ – ob in der Folter oder in anderen Bereichen – galt als das Produkt erfolgreicher Selbstkontrolle seitens des revolutionären Subjekts, das den Verlockungen eines korrumpierenden Individualismus widersteht und stattdessen das Gute für das Kollektiv verwirklicht. So finden sich in den Notizen der Vernehmer immer wieder Sätze wie: „Sei engagiert in deinem praktischen Studium, um absolute Kontrolle über die Fragen zu erlangen“ (D06936). Sich und sein Handeln unter Kontrolle zu haben, hieß auch, keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Systems und seiner repressiven Politik zu haben und die Schuld der inhaftierten Feinde nicht infrage zu stellen. Die Aufgabe, die Häftlinge in den Vernehmungen einer Schuld zu überführen, die von vornherein feststand, verlangte von den Vernehmern, Zweifel an der Schuld ihrer Opfer als eigene moralische Schwäche zu deuten und zu ignorieren. So heißt es im Notizbuch des Kaders einige Seiten weiter: „Unsere Befragung stockt, weil wir Zweifel haben, dass es sich um Feinde handelt. Es mangelt uns an Kontrolle und es ist gut möglich, dass wir sie schon bald verlieren“ (D06936). Kontrollverlust war gleichbedeutend mit dem Verlust der richtigen revolutionären Gesinnung und Entschlossenheit. Zweifel zu hegen bedeutete, den ersten Schritt auf einer abschüssigen Straße zu tun, auf der man allmählich das Vertrauen in die Partei, in das Kollektiv und in die Revolution verlor und an deren Ende man in die konterrevolutionäre Einstellung des Individualismus abglitt. Umgekehrt galt ein ,gutes‘ Verhör, das die gewünschten Resultate lieferte, als das Resultat einer erfolgreichen politischen Erziehung und moralischen Läuterung. Bezeichnenderweise wird „tarunakam“, das Wort der Khmer für „Folter“, auch eingesetzt, wenn es um die Disziplinierung von Kindern geht. In beiden Fällen gilt: Kontrolle über den anderen erlangt man über die Kontrolle des eigenen moralischen Selbst.

Dementsprechend sollten all jene, die ihren ,Verrat‘ zu gestehen hatten, trotz ihres feststehenden Schicksals auch noch dankbar für die moralische Erziehung des Regimes und die damit einhergehende Möglichkeit zu Einsicht und Läuterung sein. So beendete etwa der 1976 in Ungnade gefallene und inhaftierte vormalige Informationsminister Hu Nim sein Geständnis mit einem Dank „für all die Erziehung“, die es ihm erst „möglich gemacht [habe], das ganze Ausmaß seiner kriminellen Akte zu erkennen“.[19] Suy Chheng Huot, ein Elektriker, erklärte in seinem unter Folter abgelegten Geständnis, er habe zwar die Revolution nicht betrogen, sei aber dennoch „schuldig“ und die Revolution „glorreich“: „Ich bitte die Organisation, mich zu töten, weil ich der Revolution nicht gefolgt bin.“[20] Die Geständnisse der Opfer und ihre öffentlich bekundete ,Einsicht‘ in ihre vermeintlichen Verfehlungen dienten allein dem Zweck, das Regime und seine Ideologie zu stützen und die Ermordung der scheinbar zweifelsfrei überführten Feinde der Revolution zu legitimieren. Am Schicksal der Opfer änderten die erzwungenen Schuldbekenntnisse nichts, außer dass sie unter Umständen die Folter verkürzten und ihren Tod beschleunigten, galten sie als Feinde der Revolution doch per definitionem für unheilbar moralisch korrumpiert. Und das nicht etwa, weil sie anders gehandelt hatten als andere, sondern weil sie aus einer vermeintlich anderen Intention heraus gehandelt hatten. Nur aufgrund ihrer Handlungen – so etwa Khieu Samphan – waren die Feinde der Revolution nicht von faulen Kadern zu unterscheiden:

Wir sehen den Feind bereits agieren, aber wir sagen trotzdem, es mache [uns] nichts aus. Das kommt davon, dass unsere Anweisungen noch nicht heiß [streng] genug sind. Wenn wir [zum Beispiel] sehen, wie der Feind Palmzuckerwasser trinkt und dann in die Trinkflasche kotet, so sagen wir, dass er faul ist, und nicht, dass er ein Feind ist. In Wirklichkeit ist er jedoch ein Feind.[21]

Die Parteitheorie über Reinheit und Folter erklärt auch scheinbare Widersprüche sowie zahlreiche Ambivalenzen in den Dokumenten, die Warnungen und Verhaltensaufforderungen aus Sitzungen enthalten, in denen Kader der Roten Khmer Selbstkritik übten und sich gegenseitig Vorhaltungen wegen ihres fehlenden revolutionären Elans im Arbeitsalltag machten. Da es dabei nicht um die richtige Technik, sondern um die Haltung ging, konnte alles zum Gegenstand der Kritik gemacht werden. So changierte die Kritik zwischen Aussagen, die Folterungen seien zu lang und zugleich zu kurz (D00395), lediglich ergänzend zum Politikmachen, aber immerzu auch notwendig und unvermeidbar (D06936), zu laut (J00854), zu leise (D13837) sowie zu gewalttätig und zu zögerlich (E3/73). Entscheidend für erfolgreiche Befragung war nicht die jeweilige technische Anwendung, sondern die Absolutheit des jeweiligen Vernehmers, also seine bedingungslose Hingabe an das Kollektiv und – damit gleichbedeutend – an die Partei. Verfehlungen waren Indikatoren für fehlende Absolutheit, was zu hastiger, langsamer oder schlechter Arbeit führte. Daher der Aufruf des Parteikaders im Training:

Ob wir nun Propaganda betreiben oder foltern, ob wir ihnen Fragen stellen oder sie wegen etwas beschuldigen – immer ist es notwendig, einen starken Standpunkt des nicht Halbherzigen oder Zögerlichen zu haben. Wir müssen absolut sein. Nur so kann unsere Arbeit gute Effekte zeitigen. (D06936)

,Gute‘ Arbeit war an Absolutheit als revolutionäre Standfestigkeit geknüpft, schlechte Arbeit an mangelnde Absolutheit. Wer nicht absolut war, wurde individualistisch in seinem Denken und Handeln – also faul, nachlässig bei der Befragung oder ineffektiv bei anderen Tätigkeiten, wie etwa beim Anbau von Reis, den die Vernehmungskader nebenbei ebenfalls zu erledigen hatten. Die Gefängnisleitung versuchte, die Absolutheit ihrer Kader zu erfassen. So finden sich in den Unterlagen mehrere Listen, in denen die moralische Zuverlässigkeit und revolutionäre Gesinnung der Kader bewertet wurden. In einer wurde der Charakter von zehn Vernehmern einer Arbeitsgruppe tabellarisch evaluiert (D15833). Die Kader wurden in den Kategorien Moralität, Politik, Disziplin, mentale Stärke, Arbeitsleistung, revolutionäre Opferbereitschaft, Kameradschaft und Gesundheit (sok peap) von gut über mittelmäßig bis schwach eingestuft. Zuletzt erhielten sie dann einen Gesamtstatus, ebenfalls von gut bis schwach, allerdings schnitt keiner insgesamt als schwach ab (was sicherlich ein gefährliches Urteil gewesen wäre).

Während der Selbstkritikstunden und der Trainings fertigten die Vernehmungskader Mitschriften zahlreicher „individualistischer Schwächen“ ihrer Kameraden an. Sie beschrieben, wie ihre Kameraden bei ihrer Folterarbeit „verwirrte Reden ohne Selbstbeherrschung“ hielten oder sich in „unerlaubten und hasserfüllten Prügelstrafen“ ergingen (D16994); wie sie sorglos und unachtsam Insassen bewachten oder ein besonderes Interesse an „moralischen Angelegenheiten“ während der Befragungen zeigten – was bedeutete, dass sie die Häftlinge nach ihrem Sexualleben befragten (D06936); außerdem schilderten sie, wie Kameraden bei der Arbeit einschliefen (D07392) oder an die eigene Familie dachten und nicht an die Revolution (E3/73). Immer wieder findet sich dabei eine Trias aus sexuellem Interesse, materieller Gier und Lust an persönlicher Machtausübung. Anlässlich einer Selbstkritiksitzung notierte der Kader Chan über einen seiner Kameraden, dass dessen freies Denken und seine individualistische Schwäche ihn zu Machtausübungen während der Befragungen verleitet hätten: „Individuelle Befragungen. Überwiegend schwach und taub. Kein Verständnis. Frei im Denken, denkt manchmal, manchmal nicht. à Behindert die Arbeit. Wenn blockiert, übt er Macht aus“ (E3/833, 33).

Allerdings zeigen die im Rahmen der Selbstkritikstunden angefertigten Notizen auch, dass jeder Kader zu einem gewissen Grad als unrein betrachtet wurde. Es gab also ein Kontinuum hin zum Feind, auf dem sich alle bewegten, aber auf dem man nicht zu weit vorrücken und sich nicht zu weit von den anderen entfernen durfte. Die wechselseitige Beobachtung und Kritik war das zentrale Element des Terrors unter den Kadern selbst, da niemand sich des Urteils seiner Kameraden sicher sein konnte und sich prinzipiell jedes beliebige Verhalten als ,Beweis‘ für moralische Unreinheit deuten ließ. Konstante Selbstkritik und politische Indoktrination sollten der moralischen Reinigung auf dem Weg zum Ideal reiner Absolutheit dienen. Der Logik des Regimes zufolge waren die Kader immerzu auf dem Weg zum Ideal, liefen dabei aber beständig Gefahr, vom rechten Weg abzukommen und zu einem inneren Feind der Revolution zu werden. Ein Blick in die Geständnisse jener, die aus Sicht der Partei auf ihrem Weg zum Ideal gestrauchelt und abgerutscht waren, verdeutlicht abermals, dass der Unterschied zwischen nachlässigen Kadern und entschlossenen Feinden aus Sicht der Partei keiner der Praxis, sondern der inneren Einstellung war: Feinde im Inneren waren faul, sie begingen Fehler, misshandelten Insassen oder prügelten sie zu Tode. Im Unterschied zu unzuverlässigen Kadern taten sie dies aber nicht aus Schwäche, sondern mit der Absicht, die Revolution zu zerstören. Somit waren auch sie in gewisser Weise absolut, allerdings in ihrer moralischen Verkommenheit und ihrer Ergebenheit an den Feind. Auch bei ihnen bestand die Wurzel der Verblendung – in Anlehnung an lokale buddhistische Lehren – im Individualismus.

Die Feinde im Inneren: Die Geständnisse ehemaliger Vernehmer

In einem Dokument über „Einige Fehler der Vernehmungskader“ finden sich folgende Hinweise zum Umgang mit den inneren Feinden:

Das falsche Bewusstsein ist das Produkt des Individualismus. Individualismus ist unter keinen Umständen und in keinster Weise gut. Individualismus steht im Widerspruch zum Kollektiv; wenn wir nicht aufpassen, wird er sich kontinuierlich ausbreiten, sich Schritt für Schritt vervielfachen, von klein zu groß, und in Konflikt mit dem Kollektivismus treten. Auch wenn die Lage derzeit noch nicht ernst ist: sobald erst einmal ein Schaden für das Kollektiv entstanden ist, wird dem Kollektiv nicht mehr vertraut, und dann wird alles verloren sein. (D15400)

Buddhistische Tugenden wie Selbstbeherrschung, Verzicht, Enthaltsamkeit und Anti-Individualismus wurden von der Partei zu Idealen der Revolution erklärt, die über Prozesse der moralischen Reinigung mittels kollektivistischer Praktiken, politischer Umerziehung und beständiger Selbstkritik sowohl im Bewusstsein des Kollektivs als auch in den Psychen der Menschen verankert oder – wie es in Parteisprache hieß – „aufgebaut“ (kasang) werden sollten. Dementsprechend war auch die Theorie der moralisch-politischen Verunreinigung von regionalen buddhistischen Lehren geprägt.[22] So betonte die Partei immer wieder die drei individualistischen Hauptursachen moralischer Schwäche: Gier (zum Beispiel wenn Kader sich Essen oder andere ,Luxusgüter‘ „privat“ aneigneten), sexuelle Lust (etwa wenn Vernehmer Insassen zu intimen Details ihres früheren Sexuallebens befragten, sie sexuell nötigten oder vergewaltigten) sowie einen Willen zur Macht (zum Beispiel wenn sie die Zufügung psychischer Demütigungen oder physischer Strafen genossen). In einer Notiz darüber, wie man „sich selbst und die Kader der Bewegung baut [kasang]“, heißt es diesbezüglich:

Man sollte Sorge tragen, die drei Arten des Individualismus zu eliminieren:

a. Individualismus der Faulheit: faul im Denken, faul in der Reflexion, zu faul ins Detail zu gehen, um die wahre Natur eines Problems vollkommen zu begreifen, [dies] führt dazu, faul zu sein beim Laufen, Schreiben, Zuhören, Anweisungen geben, Erziehen. Die schlimmste Faulheit von allen ist, immerzu nur ans Schlafen zu denken.

b. Individualismus darin, sich selbst immerzu als gut anzusehen, als vollkommen gerecht: das heißt, was immer man denkt, ist völlig korrekt, was immer man tut, ist immerzu gut.

c. Individualismus in Macht, Autorität: nicht mit der Realität auseinandersetzen, mit der Bewegung, mit der Masse des Volkes. (E3/73)

Wie eng die Grenzen zwischen Verrat und Faulheit beieinander lagen, macht der folgende Eintrag deutlich, in dem der Ursprung der Faulheit unter den Vernehmungskadern ganz konkret in deren Individualismus verortet wurde:

Faulheit: faul im Denken, faul im Kommentieren und Helfen anderer in ihrem Denken [im Rahmen von Selbstkritikstunden, D. B.], faul beim Warten, individuelle Wut beim Schlagen ohne Nachdenken. Mängel wie diese finden sich bei jenen mit schwachen Wahrnehmungen (Kader, denen es an Absolutheit fehlt oder die aus verräterischen Netzwerken kommen). (D15400)

Hier wurden beide, die Kader, denen es – in der Formulierung der Partei – „an Absolutheit fehlt“, und die Kader, „die aus verräterischen Netzwerken“ kommen, ununterscheidbar: beides waren Kader mit „schwachen Wahrnehmungen“, denen es am Selben mangelte, nämlich an revolutionärer Reinheit. Die einen hingen noch an Gewohnheiten der alten Gesellschaftsordnung und hegten etwa Gefühle für ihre Familie oder sie bemängelten das Fehlen von Vergnügen und Komfort. Die anderen waren ebenfalls durch individualistisches Denken verunreinigt, dabei allerdings so sehr verblendet, dass sie zu „Khmer mit vietnamesischem Verstand“ wurden – also zu Agenten, die für die imperialistischen „Youn“ (ein despektierlicher Begriff für Vietnamesen) arbeiteten. Letztere waren aus Sicht der Roten Khmer unheilbar korrupt und gehörten – in der Sprache der Partei – „zerschlagen“ (D01399). Diese Grauzone durchzog die gesamte Politik des Regimes und prägte folglich auch die Praktiken und Lebenswelten der Kader in S-21. Die Geständnisse der inhaftierten Vernehmer mussten ein eindeutiges Narrativ ergeben, das die Ursachen für die moralische Verworfenheit bereits früh in der Biografie der Gefolterten verortete, so dass ihr gesamtes Leben und Handeln als eine Vorgeschichte ihres zerstörerischen Tuns erschien, die notwendig auf den Punkt des Verrats zulief.[23]

Verrat war mutwillig und strategisch eingesetzte Schwäche.

Verrat war mutwillig und strategisch eingesetzte Schwäche.[24] Während jeder gewöhnliche Vernehmer Schwächen hatte, die zu unabsichtlichem Fehlverhalten führten, so ließen die Feinde im Inneren ihren Schwächen mit Absicht freien Lauf, um – so die Sicht der Partei – die Ziele der Revolution zu untergraben. Einen Insassen zu Tode zu prügeln galt demnach als besonders schweres Vergehen, weil es den Prozess der Geständnisproduktion unterbrach und damit die zum Kampf gegen die Konterrevolution erforderliche Wissensgenerierung einschränkte. Insassen höheren Ranges mussten zudem gestehen, dass sie alle anderen in ihrer Gruppe zum Verrat angeleitet beziehungsweise „erzogen“ (abrum) hatten, um so die Befragungen zu sabotieren und Geständnisse gezielt wertlos zu machen (D07387). Und wie beim früheren Informationsminister Hu Nim, so finden sich auch in den ,Geständnissen‘ in Ungnade gefallener und zu Feinden erklärter Vernehmer Sequenzen, in denen sie sich öffentlich für ihren ,Verrat‘ entschuldigten (D07400). So bat Net Din, dass man ihm doch vergeben möge, damit er seine „Schwächen korrigieren“ könne, da er ja „nicht die Absicht“ gehabt habe, „die Revolution zu kritisieren oder sich ihr zu widersetzen“, sondern die Revolution allzeit nur „hell-leuchtend sehen“ wolle (D07398). Als bereits Inhaftierter und inmitten eines Geständnisses, dessen Ziel es war, genau diese böse Intention offenzulegen, blieb diese Bitte ungehört.

Viele Themen, Tropen und oftmals gar ganze Formulierungen finden sich in Geständnissen verschiedener Kader, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach nie begegnet sind, wie auch in verschiedenen Versionen des gleichen Geständnisses einer Person. Darüber stößt man oftmals auf wörtliche Wiederholungen von Passagen aus den Trainingsnotizen. Was in den Trainings als vermeidbare Schwäche angeführt wurde, gerann in den Geständnissen allerdings zum Indikator absichtsvollen Verrats. So findet sich in nahezu jedem Geständnis die Anschuldigung, der Kader habe „ohne klare politische Linie gefoltert“ und stattdessen „geschlagen, wie es ihm beliebte“, um den Häftling „zu verwirren und falsche Angaben machen zu lassen“ (ausgenommen D07393, D07398). In expliziter Anwendung der Lehre des Primates reiner Politik bedeutete, „den Feind [während der Befragung, D. B.] politisch nicht korrekt zu führen (doek muk), dass der Feind uns nicht richtig antwortet“ (D07392). Als Motiv wurde auch hier die bereits erwähnte Absolutheit der Feinde im Inneren angeführt, die sich in ihrer moralischen Verworfenheit angeblich der Wiederherstellung des Kapitalismus und der Errichtung imperialistischer Herrschaft verschrieben hatten. So gestand beispielsweise Ngil Kang, er sei von seinen Mitverrätern wiederholt daran erinnert worden, dass er bei seiner Arbeit für die Konterrevolution „absolut bleiben“ solle (D13837).

Die Ausbreitung konterrevolutionären Denkens wurde als virale Kontamination dargestellt, die sich über viele Jahre durch verborgene Netzwerke vollzog.[25] Die Kader hatten zu gestehen, dass sie bereits in ihrer Jugend oder frühen Jahren in der Bewegung von feindlichen Agenten angeworben und indoktriniert worden waren. So findet sich eine Notiz am Ende von Neou Chanthas Geständnis, in der sein Vernehmer notierte, dass Chantha bereits seit seiner Zeit als Mönch, damals noch als kleines Kind, ein Verräter gewesen sei (D07403). Das Narrativ des Verrats wurde in den Geständnissen durchgehend ähnlich gestaltet. Es ist nahezu immer von einem feindlichen Agenten die Rede, der den Beschuldigten mit Ausführungen über den vermeintlich schleppenden Verlauf der Revolution und den schlechten Zustand der Partei zur Konterrevolution anstiftet. Die angebliche Kritik am Regime, die dabei zum Vortrag kam, wurde dabei überraschend klar und unverblümt formuliert. So wurde Ngil Kang beispielsweise von einem Kollegen namens Chay mit dieser Rede zum Verräter gemacht:

Wir müssen dabei zusehen, wie unsere Nation leidet und verhungert; viele unserer Leute sterben. Was für eine Revolution lässt seine Leute und sein Militär so hart ohne Essen arbeiten? Sag es mir, wo kommt unsere Kraft her, wenn wir es so machen? Sag es mir, ist es gut oder schlecht? Ich sage, es ist schlecht. Kang, du bist auch schon ganz dünn. Soek ist auch dünn. Jeden Tag arbeiten wir so – warum sind wir dann noch nicht reich? (D13837)

Später sagte dann ein weiterer Kader zu Kang, dass „wir nur Kinder sehen, die uns anführen, keine Erwachsenen. Ich schäme mich so“ (D13837). Ein weiteres Motiv, das in vielen Geständnissen wiederkehrt, ist das der individuellen Lust und Gier der Kader, die von den Feinden ausgenutzt worden sei. So wurde Ouch Orn gesagt, er würde schon bald „Reichtum und schöne Frauen haben. In der Zukunft kommt Vietnam und hilft uns, wir werden gewinnen“ (D07402).

Aus Sicht der Partei begannen die Karrieren konterrevolutionärer Kader nicht erst in S-21. Dementsprechend finden sich in den Dokumenten immer wieder Formulierungen, in denen die Angeklagten gestanden, Sympathien für die Vorzüge der alten Gesellschaft gehegt oder konkrete anti-revolutionäre Aktivitäten in den Jahren des vorangegangenen Bürgerkriegs von 1970 bis 1975 durchgeführt zu haben. Daneben finden sich auch Erklärungen für strategische und wirtschaftliche Probleme der Revolution, die von der Partei nicht als Resultat mangelhafter Planung, sondern als Ergebnis gezielter Manipulationen ausgegeben wurden.[26] So gaben die ehemaligen Vernehmer unter der Folter nicht nur zu Protokoll, dass sie US-Bombern dabei geholfen hätten, Ziele zu treffen (D07403), sie gaben auch an, anti-revolutionäre Flugblätter verteilt (D07392), Materialien, Maschinen und Ernten vernichtet (D07398), Felder mit Urin statt Wasser bewässert (D13837), reihenweise Hühner getötet (D07402) und sogar Kinder vergiftet zu haben (J00854).

In ihren Geständnissen mussten die abgesetzten Vernehmer sich selbst als machtgierig darstellen, was sich mal in der angeblichen Hoffnung auf eine „hohe Position“ (D07403) oder ein „hohes Gehalt“ (D07393) von der CIA äußerte, und mal in Form von Prügelexzessen aus „persönlicher Wut“ (D07392). Zudem beschrieben sie sich wahlweise als faul oder gierig, etwa indem sie behaupteten, Krankheiten vorgetäuscht oder Essen gestohlen zu haben. So heißt es im Geständnis von Vong Sam At, er habe anderen Kadern gegenüber gesagt, dass kollektives Leben kleinere Rationen für alle bedeuten würde: „Irgendwann werdet ihr keine angemessene Kleidung zum Tragen mehr haben und wir werden alle versammelt, um das kollektive Leben mit der Rationierung von Reis zu erfahren – ein [kleines] Kännchen[27] am Morgen und eins am Abend. Kollektives ist nicht so leicht wie privates Leben“ (J00854). Manchmal kam die vermeintliche Gier auch mehr zwischen den Zeilen zum Ausdruck. So gibt es in Ngil Kangs Geständnis eine längere Sequenz, die beschreibt, wie er und ein Kamerad sich zum Pflücken von Kokosnüssen verabredeten (D13837). Darin behauptet Kang, er sei zunächst sehr skeptisch gewesen, ob er den Kameraden wirklich treffen sollte, denn schließlich war das Pflücken von Kokosnüssen ein Akt „privater“ Aneignung kollektiver Güter und er habe nicht gewusst, ob der Kamerad ebenfalls ein Verräter war, dem er vertrauen konnte. Letztlich aber habe er ihn (natürlich) getroffen, auch wenn er in dem Treffen bis zuletzt eine Falle vermutet habe. Als er es schließlich aus Angst vor Angkar abgelehnt habe, eine Palme hochzuklettern, habe sein Kamerad die Initiative ergriffen, sei die Palme hochgeklettert und habe – aus Sicht der Partei sicher völlig maßlos und verschwenderisch – vier Kokosnüsse für die beiden gepflückt, die sie dann abseits ihrer Kooperative genossen hätten. Andere wiederum gestanden die ihnen zur Last gelegte Gier, indem sie angaben, sich über den Mangel an Essen beklagt zu haben oder – mit einer häufig gebrauchten Wendung – erklärten, sie hätten behauptet, man würde fett werden, wenn man sich dem Feind anschließt.

Neben dem Streben nach Macht und der Gier nach privatem Eigentum findet sich in verschiedenen Versionen die sexuelle Lust als drittes Motiv für verräterisches Verhalten, sei es als Begierde nach der Aneignung von Frauen oder nach „privater“ (also nicht von Angkar zugewiesener) Liebe. Manche gaben an, den Gesang einer Insassin genossen zu haben (D07403). Andere erklärten – in Reiteration der Lehren aus den Notizbüchern – sich während ihrer Befragungen von Insassen in unangemessener Weise auf deren Beziehungen mit Geliebten oder Prostituierten (D13837) konzentriert zu haben. Wieder andere behaupteten, sie hätten weibliche und männliche Kader zu nicht von der Partei genehmigten Affären ermuntert (D07404), weiblichen Häftlingen gesagt, es sei in Ordnung, „sexy zu sein“, oder andere Vernehmer dazu ermutigt, die Insassen zu „berühren“ (D07403) sowie Frauen entkleidet und deren „Vulva“ bei der Folter „durchstochen“ (J00854).

In den Geständnissen aller Vernehmer finden sich schließlich auch Angaben über angeblich von ihnen begangene wirtschaftliche Manipulationen. Allerdings lag der Fokus dabei auf ihrer Arbeit als Wärter und Vernehmer. So findet sich in den Protokollen immer wieder der Vorwurf, den Insassen Gegenstände gegeben zu haben, damit diese sich das Leben nehmen und sich so – zum Schaden der Partei – der Folter und weiteren Befragungen entziehen konnten. Vor allem Ngil Kang gab umfangreich zu Protokoll, Insassen zum Selbstmord gedrängt zu haben. Ebenso gestand er seine Unachtsamkeit beim Bewachen der Häftlinge, denen er sogar die Freiheit gelassen habe, ihre Zellen zu verlassen, um sich irgendwo auf dem Gelände Essen zu besorgen (D13837). Außerdem gaben Vernehmer an, geständige Insassen mit sinnloser Gewalt traktiert und so den Gewinn wertvoller Informationen verhindert zu haben: „Der Feind gab mir wahrheitsgetreue Antworten zu seinen Aktivitäten, aber ich tat so, also würde ich ihn nicht verstehen. Verpasste ihm Elektroschocks mit einem Kabel, was ihn durcheinander brachte“ (D07387).

Der häufigste Vorwurf lautete jedoch auf Manipulation der Beweisaufnahme, etwa indem man Häftlinge zu Tode prügelte, sie schlug, ohne etwas zu fragen, die Feinde das „leichte Leben“ in der alten Gesellschaft preisen ließ oder aber Dokumente und Protokolle achtlos anfertigte (D07394, D07400, D07395, D07387, D07402, D07390). Einer gestand, er habe nicht nur einen Insassen bei lebendigem Leibe verbrannt, sondern auch den Plan gehegt, den Gefängnisleiter Duch und dessen Stellvertreter Hor zu erschießen (D07397). Andere gestanden, einzelne Insassen nicht gefoltert zu haben, um ihre eigene Beteiligung an deren Aktivitäten zu verbergen (D07404), oder Dokumente durcheinandergebracht, verloren oder Papier verschwendet zu haben. Manche gaben an, sie hätten „Unruhe“ unter den Kadern produziert (D07387), Namen aus Geständnissen entfernt (D07404), Namen von Unschuldigen eingefügt (J00854) oder einfach „dafür gesorgt“, dass Insassen verwirrende Geschichten erzählen (D07394). Und schließlich finden sich Einträge, in denen die Beschuldigten behaupten, sie hätten in ihren Einheiten für „Streit“ gesorgt, indem sie sich über andere beschwerten, weil diese zu oft zur Toilette gegangen oder zu spät gekommen waren (D07394, D07397, D07400), oder erklärten, dass sie faul gewesen wären, ständig ans Schlafen gedacht hätten oder „frei“ herumgelaufen wären, um sich „zu entspannen“; und das nicht aus Schwäche, sondern mit dem explizit formulierten Ansinnen „die Revolution zu zerstören“ (D07399 , D07397).

Nach der Logik des Folterregimes der Roten Khmer agierte kein Verräter jemals allein. Jeder war Teil eines imaginierten Netzwerkes (khsae) – eines Stranges, der zum Ursprung der Kontamination führte. Das Wort im Khmer für dialektischen Materialismus, „padichasamubbada“, bedeutet übersetzt „abhängiger Ursprung“ und ist zugleich ein zentraler Begriff des kambodschanischen Buddhismus.[28] Dementsprechend schrieb ein Vernehmer in seinem Notizbuch bezüglich der Parteilehre zur Ausbreitung der Feinde auf: „Alles ist miteinander verbunden“ (E3/833, 27). Kein Feind arbeitete für sich. Wie alle anderen Insassen mussten daher auch ehemalige Vernehmer, sobald sie zu Feinden der Revolution erklärt und inhaftiert worden waren, ihren „abhängigen Ursprung“ offenlegen – und die Namen ihrer vermeintlichen Mitverschwörer preisgeben. In den ausgewerteten Dokumenten bewegt sich die Anzahl zwischen 23 und 103 Namen. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Geständnisse miteinander verknüpft sind. Es finden sich oft gleiche Geschichten aus der Perspektive unterschiedlicher beteiligter ,Verräter‘, die sich dann zu einem mehr oder weniger kohärenten Gruppennarrativ zusammenfügen lassen. Es finden sich Geständnisse von Vernehmern, die andere Vernehmer vernommen hatten, da sie verdächtigt wurden, bei der Vernehmung der Vernehmer nicht richtig vernommen zu haben (so etwa Ky Chorn, D07387, der Han verhört hatte, D07400).

Dabei zeigen sich auch die unterschiedlichen Schwerpunkte bei den Vernehmungen. Während manche Geständnisse sehr detailliert wirtschaftliche Manipulationsakte darlegen, sind andere wesentlich nuancierter mit Blick auf die Beziehung zwischen dem Geständigen und seinen Netzwerken im Gefängnis selbst. Es kommt auch vor, dass sich ein Geständnis fast ausschließlich mit Netzwerken außerhalb der Institution des Gefängnisses befasst (D07395). Manche beinhalten detaillierte Auseinandersetzungen damit, wie hochrangige Kader ihre Untergebenen instruierten. Das führt dazu, dass sich dann auch sehr knappe Geständnisse derjenigen wiederfinden, die wohl lediglich als Befehlsempfänger eingestuft worden waren (D07390). Bei anderen wiederum liegt der Hauptfokus auf der Herkunftsfamilie (D07393, D07396). Scheinbar stellvertretend für mehrere andere aus demselben angeblichen Netzwerk, die in der zu Protokoll gegebenen Geschichte ebenfalls vorkommen, werden auch detailreiche Fluchtversuche dargelegt, die dann zu Verhaftungen führten (D07391). Die Fluchtnarrative enthalten sogar Anweisungen, wie man einer künftigen Vernehmung durch die Kameraden entgehen könne, da es unmöglich sei, Informationen unter Folter zurückzuhalten. Yann Khy ließ seinen Vernehmer wissen, dass es eigentlich sein Plan gewesen sei, sich zu erschießen, da er immerzu gewusst habe, was ihn erwarten würde (D07388); denn, so erklärte es dann Ngil Kang seinem Kameraden Muth im Geständnis, der leichtsinnig zu glauben schien, der Folter standhalten zu können: „Wenn du nicht sprichst, schlägt die Angkar solange, bis du es tust“ (D13837).

Schluss

Die Vernehmer in S-21 waren sich der Gefahr, auf der anderen Seite des Befragungsprozesses landen zu können, jederzeit vollkommen bewusst. Für sie kommt es in der Folter zu einer engen wechselseitigen Verschränkung von Gewaltwissen und der Imagination ihres eigenen möglichen Leids.[29] Auch wenn sich manche Dynamiken teilweise ihrer Kontrolle entzogen (wie die etwaige gefährliche Kritik anderer Kader in den Selbstkritikstunden), mussten sie bei ihrer Arbeit dennoch stets darauf bedacht sein, ihrerseits keine größeren Fehler zu begehen, um nicht selbst erleiden zu müssen, was sie anderen antaten. Diese Aufgabe zu bewältigen, war alles andere als leicht. Vor allem bei den Folterungen fehlte den überwiegend jungen und unerfahrenen Kadern schlicht das Wissen um die Grenzen des Zumutbaren. Viele Vernehmer wussten nicht, wie weit sie gehen konnten, ohne dass ein Häftling an seinen Wunden starb, insbesondere wenn er diese Wunden bereits während der Haft oder in vorangegangenen Befragungen erlitten hatte. Möglicherweise beeinflusste die Angst davor, einen Häftling zu töten, bevor die nötigen Informationen erlangt waren, auch die Wahl der Folterinstrumente. In einem Interview mit dem Autor schloss ein noch lebender früherer Vernehmer im Interview mit dem Autor aus, dass manche der Foltertechniken, die heute im Tuol Sleng Genocide Museum auf Bildern zweier ehemaliger Insassen (Vann Nath und Bou Meng) zu sehen sind, seinerzeit zum Einsatz gekommen waren:

Prinzipiell war es uns verboten, sie [die Häftlinge, D. B.] zu töten. In manchen Fällen schlugen die Vernehmer die Insassen allerdings und folterten sie mit Elektroschocks, bis sie starben. Sie wurden dann selbst inhaftiert. Ich musste daher jedes Mal vorsichtig sein, denn einer nach dem anderen verschwand. Alle beobachteten sich gegenseitig. Wir konnten jeden Moment getötet werden. […] Mein Name kam auch einmal in einem Geständnis vor, aber sie haben mich trotzdem nicht sofort verhaftet; sie behielten meine Arbeit im Auge und merkten dann letztlich, dass ich wirklich nichts falschgemacht hatte. Mir war das klar und andere wurden einer nach dem anderen verhaftet. Jede Nacht konnte ich nicht schlafen, weil meine Kollegen verschwanden und durch jüngere Kader ersetzt wurden. Ich lebte in Angst bis zu dem Tag, an dem die Vietnamesen in Phnom Penh einrückten. […] Wir mussten dafür sorgen, dass unsere Methoden nicht das Leben der Insassen gefährdeten. Wir benutzen Nadeln, um sie unter ihre Fingernägel zu stecken; dies verursachte keinen Tod. Einen Plastiksack zu benutzen, um sie zu ersticken oder sie zu zwingen, Urin zu trinken und Kot zu essen, führte auch nicht zum Tod, aber es war erniedrigend und schwer zu ertragen. Manche Insassen wollten solche Erniedrigungen nicht, also gestanden sie schnell – aber man konnte nicht einfach gestehen, um der Folter zu entgehen. Sie sagten uns, dass wir die Häftlinge schlagen sollten – das mussten wir tun –, aber immer so, dass sie nicht starben. Im Ausstellungsraum [des heutigen Museums, D. B.] gibt es Bilder [von Vann Nath und Bou Meng, D. B.], die den Gebrauch von Stöcken zeigen oder wie Häftlinge von Seilen herunterhängen oder ertränkt werden. In Wirklichkeit haben wir so etwas nie gemacht. Niemand hat es gewagt, solche Methoden einzusetzen. Sie [die Künstler, D. B.] haben diese Bilder frei erfunden. Allerdings stimmt es, dass giftige Tausendfüßler und Skorpione auf ihren Körper platziert wurden. (Interview mit einem S-21 Vernehmer 2019a)

Vorausgesetzt, dass der Vernehmer nicht gelogen hat, kann es durchaus sein, dass die als „gefährlich“ geschilderten Techniken dennoch zum Einsatz kamen. Zum einen waren die Kader häufig voneinander isoliert und durften nichts über die Arbeit der anderen wissen, wollten oftmals auch gar nichts davon wissen, um keine Probleme zu bekommen, weshalb die Aussagen des interviewten Kaders unter Vorbehalt gestellt werden müssen und keineswegs als repräsentativ anzusehen sind. Zum anderen weiß man zumindest in einem dokumentierten Fall von expliziten Anweisungen der Gefängnisleitung, die belegen, dass der Tod eines Häftlings aufgrund des Einsatzes „heißer Methoden ausnahmsweise nicht gegen Angkars Regeln“ war (E3/76). Die Existenz der Regel wurde auch von einem zweiten noch lebenden ehemaligen Vernehmer bestätigt: „Wenn wir sie zu Tode geprügelt hätten, wären wir selbst wegen der Vernichtung von Beweisen und dem Verstecken feindlicher Netzwerke angeklagt worden“ (Interview mit einem S-21 Vernehmer 2019b). Die Regel kannte folglich auch Ausnahmen, die dann allerdings wohl explizit kommuniziert werden mussten.

Unter dem Regime der Roten Khmer war es jederzeit möglich, dass Folterer binnen kürzester Zeit selbst zu Gefolterten wurden.

Unter dem Regime der Roten Khmer war es jederzeit möglich, dass Folterer binnen kürzester Zeit selbst zu Gefolterten wurden. Das lückenlose System der Überwachung und Kontrolle sorgte für permanentes Misstrauen unter den Kadern und trug damit zu einer Situation bei, in der jeder damit rechnen musste, für eigene Vergehen ebenso zur Rechenschaft gezogen zu werden wie für die Vergehen anderer. Unter diesen Bedingungen war der Tod eines Häftlings unter der Folter mehr als nur ein ,Versehen‘, dass man vertuschen konnte. Ebenso wenig war der Vorgesetzte ein „Komplize“, der den Folternden aus der Verantwortung für sein Tun entließ.[30] Um auf der Seite der Folterer bleiben zu können, mussten die Kader der Roten Khmer ihrem Umfeld und insbesondere ihren Vorgesetzten immer wieder aufs Neue ihre ideologische Reinheit und moralische Lauterkeit im Prozess der Folter demonstrieren. Geriet ein Folterer doch in die Mühlen des Systems und wurde seinerseits ein Opfer, dann musste sein Geständnis rückwirkend beweisen, dass der Betroffene in dieser „Zone der Ununterscheidbarkeit“[31] immer schon entschieden gewesen war und sich dem Feind gegenüber bedingungslos loyal verhalten hatte. Ebenso wie der Akt der Folter dienen auch Geständnisse dazu, Grenzen zu ziehen.[32] Sie müssen die Ununterscheidbarkeit aufheben, mehr noch: beheben. Interessanterweise enthalten die Geständnisse mancherorts auch Berichte der Geständigen von kurzen Momenten, in denen die Möglichkeit – und teils sogar ihr Wille – aufblitzte, der Revolution und Angkar wieder treu zu werden. Obwohl die Verräter fast immer als absolut in ihrem jahrzehntelangen Verrat dargestellt wurden, finden sich doch gelegentlich kleinere Sequenzen, in denen sie erklärten, dass sie mit sich haderten, ob sie nicht doch „wieder an Angkar Bericht erstatten sollten“ und nicht an die Agenten des Feindes. Eine klare Unterscheidung innerhalb der Ununterscheidbarkeit zwischen Freund und Feind ließ sich anscheinend auch in den von der Partei mittels ihres Foltersystems erzwungenen Geständnissen mit ihren konstruierten Narrativen nicht immer konsequent aufrechterhalten. Mitunter kehrte das Ausgeschlossene für kurze Momente wieder zurück. Am Schicksal der Opfer änderte das jedoch nichts. Dieses war von dem Moment an besiegelt, in dem sie einmal auf die andere Seite der Grenze geraten waren.

 

Anhang

Sterling Library, Yale und Documentation Center of Cambodia (DC-Cam)
D00067. Confession of Hu Nim alias Phoas, Minister of Information, Press and Culture: on the history of C.I.A.
D00395. Examine old work in interrogation.
D01399. Instructions of the CPK Central Committee Regarding Political Policy toward those Who in Confusion Joined the CIA or became Agents of the Yuon, or Joined the KGB to Oppose the Revolution and Democratic Kampuchea.
D06936. The statistics of Santebal S-21 described about the Santebal's works, in order to strengthen standpoint of soldiers who worked in interrogation section. Unknown translator, translation partly corrected by author.
D07387. The record of Ky Chorn, soldier of interrogating section, cool group, the office S-21.
D07388. Yann Khy, soldier of interrogating section, the office S-21.
D07389. The record of Sou Latt, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07390. The record of Sokh Ra, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07391. The record of Uy Ngorn Ly, soldier of interrogator group.
D07392. The record of Chhun Sithan, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07393. The record of Chea Mai, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07394. The record of Chea Kakk, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07395. The record of Chorn Chhay, soldier of interrogating unit, the office S-21.
D07396. The record of Chao Kut aka Chann Sarat, cadre of interrogating unit in the office S-21.
D07397. The record of Nop Nuon, soldier of interrogating group in the office S-21.
D07398. The record of Net Din, interrogator in the office S-21.
D07399. The record of Leng Vang, chief of office S-21 squad.
D07400. The record of Lay Meng Hong aka Han, former professor of Santebal in office S-21.
D07402. The record of Ouch Orn, soldier of interrogating section.
D07403. The record of Neou Chantha aka Tha, soldier of hot group interrogating.
D07404. The record of Peng Leng, working at the office S-21.
D13837. Case of Ngoel Kung, soldier of interrogation section of office S-21.
D15400. Some mistakes of interrogative cadres.
D15833. Table of examination on the standpoint of cadres and soldiers of office S-21: 10 members from interrogation group 4.
D16962. Measure in the Interrogation of Brother IX call Men San call Ya.
D16994. The purpose of torture.
J00854. Traitorous activities of Vong Som At alias Vong Eoun, who was interrogated in Department S-21; see also D07386, and the partial translation by Sophearith Chuong in „Searching for the Truth“, Documentation Center of Cambodia, Issue 12, 2000, p. 6-9.

Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia
E1/52.1. Transcript of Trial Proceedings - Kaing Guek Eav “Duch”, July 21, 2009.
E3/73. The Pon-Tuy Notebook, EN00184484.
E3/76. Letter to Comrade Pon.
E3/394. Written Record of Interview of Witness (Mam Nai), July 18, 2007.
E3/833. The Chan notebook, EN00184579.

Interviews des Autors
Interview mit einem S-21 Vernehmer. 2019a. 30. März, Kandal Provinz, Kambodscha.
Interview mit einem S-21 Vernehmer. 2019b. 31. März, Kandal Provinz, Kambodscha.

  1. Der Text ist aus Arbeiten und Diskussionen im Rahmen des vergleichenden DFG-Forschungsprojekts „Folter und Körperwissen“ an der Universität Siegen hervorgegangen. Vgl. Katharina Inhetveen / Max Breger / Daniel Bultmann / Christina Schütz, Folter und Körperwissen: Notizen aus der laufenden Forschung, in: SWoPS – Siegener Working Papers zur Politischen Soziologie 1 (2020). Ich danke den Projektmitgliedern Katharina Inhetveen, Max Breger und Christina Schütz vielmals für ihre hilfreichen Kommentare und Anregungen.
  2. Kosal Path / Angeliki Kanavou, Converts, not Ideologues? The Khmer Rouge Practice of Thought Reform in Cambodia, 1975–1978, in: Journal of Political Ideologies 20 (2015), S. 304–332. Die in Klammern genannte Nummer bezieht sich auf das Katalogsystem der Sterling Library (Yale University) sowie des Documentation Center of Cambodia (DC-Cam). Alle Übersetzungen aus dem Englischen und Khmer stammen von mir, D. B.
  3. Die Notizbücher enthalten Mitschriften aus politischen Schulungen, sowie Trainings- und Selbstkritikstunden.
  4. Dem Tuol Sleng Genocide Museum and Archive (TSGM) liegt eine Liste mit den Namen von insgesamt 23 Vernehmern vor, die selbst zu Opfern des Folterregimes der Roten Khmer wurden. Nach einer persönlichen Auskunft von Craig Etcheson, einem der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet, dürfte die Gesamtzahl allerdings noch um einiges höher liegen.
  5. Siehe dazu u. a. Jean Améry, An den Grenzen des Geistes, in: ders., Werke Bd. 2, Stuttgart 2002, S. 23–54; Jan Philipp Reemtsma, „Wir sind alles für dich“. An Stelle einer Einleitung: Skizze eines Forschungsprogramms, in: Folter. Zur Analyse eines Herrschaftsmittels, Hamburg 1991, S. 7–23, hier S. 13.
  6. Daher rührt auch die liminale Struktur des Folterprozesses, in dem das Eigene zum Fremden beziehungsweise – in den hier vorgestellten Fällen – der Khmer zum Vietnamesen wird. Vgl. Daniel Bultmann, S-21 as a Liminal Power Regime: Violently Othering. Khmer Bodies into Vietnamese Minds, in: Genocide Studies and Prevention. An International Journal 14 (2020), 3, S. 11–26.
  7. Frithjof Nungesser, Folterbarkeit. Eine soziologische Analyse menschlicher Verletzungsoffenheit, in: Zeitschrift für Soziologie 48 (2019), 5, S. 378–400, hier S. 392 f.
  8. Vgl. Daniel Bultmann, Kambodscha unter den Roten Khmer: Die Erschaffung des perfekten Sozialisten, Paderborn 2017; Ben Kiernan, The Pol Pot Regime: Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–1979, 3. Aufl., New Haven 2018.
  9. Siehe dazu Ewa Tabeau / They Kheam, Demographic Expert Report: The Khmer Rouge Victims in Cambodia, April 1975 – January 1979: A Critical Assessement of Major Estimates, Phnom Penh 2009.
  10. Vgl. Jörg Baberowski, Räume der Gewalt, Frankfurt am Main 2015, S. 104.
  11. Das S in S-21 steht für santebal; zusammengesetzt aus santisok für Sicherheit und norkorbal für Polizei.
  12. Vannak Huy, The Khmer Rouge Division 703: From Victory to Self-Destruction, Phnom Penh 2003.
  13. David P. Chandler, Voices from S-21. Terror and History in Pol Pot's Secret Prison, Berkeley, CA 1999.
  14. Vgl. Ian Charles Harris, Buddhism in a Dark Age: Cambodian Monks under Pol Pot, Chiang Mai 2013.
  15. Die Nummer dieses und weiterer im Anhang aufgeführter Dokumente bezieht sich auf das Katalogisierungssystem des Rote Khmer-Tribunals, die Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC). Alle Übersetzungen aus dem Englischen und Khmer stammen von mir, D. B.
  16. Sieben Monate später, im April 1977, notierte der Kader Chan in seinem Notizbuch dann allerdings, dass insgesamt vier Gruppen (krom) eingeführt worden seien: „heiß, kalt, Dokumentation und die Gruppe kar“ (wahrscheinlich kurz für karpia, d. h. Verteidigung) (E3/833). Auffällig ist, dass in diesem Zusammenhang keine „kauende“ Gruppe erwähnt wird. Es wäre also auch durchaus möglich, dass es sich um ein spezialisiertes Team der „heißen“ Sektion handelte. In den für diesen Artikel analysierten Geständnissen findet sich nur die Referenz auf eine „heiße“ Gruppe (krom) (D07389). Allerdings handelt es sich hier ausnahmslos um Geständnisse nach April 1977.
  17. Siehe dazu Chouléan Ang, Les Êtres surnaturels dans la religion populaire khmère, Paris 1986; Sokhieng Au, Mixed Medicines. Health and Culture in French Colonial Cambodia, Chicago, IL / London 2011, S. 22 f.
  18. Jan Ovesen / Ing-Britt Trankell, Cambodians and their Doctors: A Medical Anthropology of Colonial and Postcolonial Cambodia, Copenhagen 2010, S. 8.
  19. Ben Kiernan / Chanthou Boua, The Bureaucracy of Death: Documents from Inside Pol Pot’s Torture Machine, in: New Statesman, 2 May 1980, S. 650–676.
  20. Zit. nach Chandler, Voices from S-21, S. 79.
  21. Zitiert nach Meng-Try Ea, Defining the Enemies of Angkar, in: Searching for the Truth 32 (2002), S. 23–27, hier S. 23 (meine Übersetzung, D. B.).
  22. Vgl. dazu die Abhandlungen zum Ursprung des Bösen im Trai Phum Phra Ruang bei Frank E. Reynolds / Mani B. Reynolds, Three Worlds According to King Ruang. A Thai Buddhist Cosmology, Berkeley, CA 1983, S. 61–66.
  23. Vgl. Bultmann, S-21 as a Liminal Power Regime.
  24. Dass Schwäche erst dann zu etwas moralisch Verwerflichem wird, wenn sie mit Absicht herbeigeführt wird, ist gleichfalls ein typisch buddhistischer Topos. So betont Buddha in seiner Lehre, dass man zwar nicht töten dürfe, dass das nicht intendierte Zertreten einer Ameise allerdings ohne Konsequenz für das eigene Karma bleiben würde. Diese Sequenz aus Buddhas Lehre wird – trotz des zentralen Gebots der Gewaltfreiheit – gerne zur Legitimation von Gewalt als nicht intendiertem Akt der Selbstverteidigung herangezogen. Siehe Daniel Bultmann, Inside Cambodian Insurgency. A Sociological Perspective on Civil Wars and Conflict, Burlington, MA / Farnham, UK 2015, S. 46.
  25. Zum Diskurs der Vergiftung und Kontamination siehe auch Timothy Williams / Rhiannon Neilsen, “They Will Rot the Society, Rot the Party, and Rot the Army”: Toxification as an Ideology and Motivation for Perpetrating Violence in the Khmer Rouge Genocide?, in: Terrorism and Political Violence 31 (2019), 3, S. 494–515.
  26. Daniel Bultmann, Irrigating a Socialist Utopia. Disciplinary Space and Population Control under the Khmer Rouge, 1975–1979, in: Transcience 3 (2012), S. 40–52.
  27. Hierbei handelt es sich um eine Dose von Nestlés gesüßter Kondensmilch, die als Maßeinheit benutzt wurde und knapp 200 Gramm fasste.
  28. Harris, Cambodian Buddhism, S. 185.
  29. Nungesser, Folterbarkeit, S. 393.
  30. Vgl. Sofsky, Traktat über die Gewalt, S. 88–90; Nungesser, Folterbarkeit, S. 392.
  31. Giorgio Agamben, Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben, übers. von Hubert Thüring, Frankfurt am Main 2002.
  32. Reemtsma, „Wir sind alles für dich“, S. 14.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Gewalt Macht Militär Rassismus / Diskriminierung

Daniel Bultmann

Dr. Daniel Bultmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht unter anderem zu Fragen der Politischen Soziologie, der Wissens- und Körpersoziologie, der Sozialstrukturanalyse sowie der Konflikt- und Gewaltforschung. Den regionalen Schwerpunkt seiner Arbeiten bildet Südostasien.

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