Bettina Reimann | Rezension |

Wohnen an den Rändern der Stadt

Rezension zu „Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik“ von Christiane Reinecke

Abbildung Buchcover Die Ungleichheit der Städte von Christiane Reinecke

Christiane Reinecke:
Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik
Deutschland
Göttingen 2021: Vandenhoeck & Ruprecht
386 S., 54,99 EUR
ISBN 978-3-525-31730-3

Armut und Ausgrenzung, (sozial-)räumliche Polarisierung, Segregation und Gentrifizierung sind seit Jahrzehnten Themen, mit denen sich die europäische und US-amerikanische Stadtforschung beschäftigt. Dabei diskutiert und analysiert sie insbesondere den Einfluss der Deindustrialisierung auf die soziale Ungleichheit in und zwischen Städten sowie die (schwindende) Integrationskraft der europäischen Stadt als Gesellschaftsform, in der sich die Individuen frei entfalten können. Bereits der Titel des vorliegenden Buches Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik deutet an, dass die Historikerin Christiane Reinecke den Bogen weiter spannt: Barackenlager, Notunterkünfte für Obdachlose, periphere Großsiedlungen und sogenannte Ausländerviertel in Deutschland und Frankreich dienen der Autorin als Fallbeispiele. Sie sind „Arenen der Produktion von Wissen über Differenz und Gesellschaft“ (S. 11) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei „die Anders- oder Abseitigkeit dieser Orte immer auch hergestellt“ (S. 14) ist – so die Autorin mit Bezugnahme unter anderem auf Michel Foucault, dem zufolge sich Gesellschaften stets aufs Neue ihre eigenen Gegenräume schaffen (S. 45).

Reineckes Fokus liegt somit auf Akteuren und Akteursgruppen, die Orte auf Basis verschiedener Ordnungskategorien – Klasse, Rasse, Ethnie und Gender – deuten und problematisieren. Mittels Diskursanalyse untersucht sie, wie Stadtplaner*innen und sozialwissenschaftliche Forscher*innen „urbane Problemzonen zu Experimentierfeldern für ihre Projekte der Beobachtung, der Disziplinierung oder Aktivierung machten“ (S. 13). Methodologisch stellt die Studie „die aktive, interpretative Arbeit [der Zeitgenoss*innen] in den Mittelpunkt“ (S. 19). Dafür sichtet Reinecke neben Medienberichten eine Vielzahl an sozialwissenschaftlichen Analysen, Pamphleten von urbanen Aktivist*innen sowie Grundsatzpapieren und Planungen von kommunalen Akteuren.

Unterwegs in Baracken, Notunterkünften, Plattenbauten

Reinecke bezeichnet ihre Studie als eine „neue Erzählung sozialer Ungleichheit“ (S. 12). Zu Beginn der Analyse widmet sie sich randstädtischen Barackenlagern (Frankreich) und kommunalen Notunterkünften für Obdachlose (Deutschland), die in den späten 1950er- und 1960er- bis in die 1970er-Jahre für Familien errichtet wurden, „die in der französischen und deutschen Wohnungspolitik als ‚asozial‘, ‚sozial schwach‘ oder ‚nicht angepasst‘ eingestuft wurden“ (S. 43). Dabei geht es ihr weniger um eine Beschreibung der Wohnverhältnisse; sie will vielmehr belegen, „dass die Modernisierung des Wohnens und die Schaffung besserer Wohnverhältnisse in den 1950er und 1960er Jahren eigene Differenzierungen, Ein- und Ausschlüsse mit sich brachte“ (ebd.).

Die zugrunde gelegten Ordnungsmechanismen veränderten sich von einer an biologisch-sozialen Merkmalen orientierten Separierung und der Erziehung zum modernen Wohnen (in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren) hin zur geradezu forcierten sozialen Durchmischung und Selbstaktivierung der Bewohnerschaft, die mit dem Ende der 1960er-Jahre einsetzten. Dafür war, so die Argumentation der Autorin, die enge Verzahnung sozialwissenschaftlicher (Auftrags-)Forschung, städtischer Wohnpolitik und sozialer Arbeit maßgeblich verantwortlich. Pädagogische Maßnahmen, Kommunikation und Partizipation gewannen für die Lösung sozialer Wohnprobleme an Relevanz.

An den Prozessen der Abwertung als urbane Problemzonen haben laut Reinecke sowohl massenmediale und sozialwissenschaftliche Berichte wie auch aktivistische Interventionen einen erheblichen Anteil.

Im weiteren Verlauf wendet sich Reinecke zwei randstädtischen Großsiedlungen zu, dem Märkischen Viertel in Westberlin und Sarcelles in der Peripherie von Paris, die beide Mitte der 1950er-Jahre entstanden. Sie zeichnet nach, wie diese ursprünglich für breite Bevölkerungsschichten gedachten modernen Wohnformen zu „Arenen urbaner Marginalisierung“ (S. 40) gemacht wurden. An den Prozessen der Abwertung als urbane Problemzonen haben laut Reinecke sowohl massenmediale und sozialwissenschaftliche Berichte wie auch aktivistische Interventionen einen erheblichen Anteil. Zwei neue, sozial wirksame und kontrastierende Images bildeten sich in den Diskursen heraus: das historisch gewachsene Arbeiterquartier, dem gute Nachbarschaft qua Klassenzugehörigkeit immanent ist, und das aus dem Boden gestampfte „anonyme Neubauquartier“ (S. 150), in dem (zu) viele miteinander unverbundene Menschen wohnen. Beide Stereotype, so die These Reineckes, boten Soziolog*innen ein neues, vielfach genutztes Interventions- und Experimentierfeld – wenn auch in sehr unterschiedlicher Hinsicht.

Interventionen von Sozialwissenschaftler*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen

Anhand der sogenannten Gettos und Ausländervierteln der 1980er- und 1990er-Jahre zeigt Reinecke den Wandel von stark auf Klasse basierenden hin zu ethnisierten und race-basierten Grenzziehungen. Im Zentrum stehen dabei der wohnungs- und stadtentwicklungspolitische Umgang mit ethnischer Diversität sowie das spezifische Integrationsverständnis jener Jahrzehnte. Denn da man den „prozentuale[n] Anteil ausländischer Bewohner an der städtischen Wohnbevölkerung zu einem zentralen Marker für den Status urbaner Räume als Problemviertel“ (S. 259) erklärte, war ein Set von Maßnahmen städtischer Integrationspolitiken, etwa Zuzugssperren und Quotierungen, vonnöten, um „Durchmischung“ und „Verteilung“ (S. 281) insbesondere in westdeutschen innerstädtischen Sanierungsgebieten zu erreichen.

Am Beispiel der bei Lyon gelegenen und wiederholt von sozialen Unruhen geprägten Großsiedlung Les Minguettes rekonstruiert Reinecke, wie sich sozialwissenschaftliche Deutungsmuster veränderten und von einer „question social“ in eine „question raciale“ umschlugen oder, anders ausgedrückt: Sie beschreibt den „Schwenk von einer Klassen- zu einer Ghettoerzählung“ (S. 302). Neben Frankreich stand auch Deutschland damals unter dem „Einfluss eines stark soziologisierten Stadtdiskurses“ (S. 319) und verfolgte eine „Verräumlichung der Sozialpolitik“ (S. 317) „in Form von raumbasierten, zeitlich begrenzten Projekten in ausgewählten Problemquartieren“ (S. 319).

Die von der Autorin eingenommene „postkoloniale Perspektive“ richtet den Fokus „auf den jeweiligen Umgang mit ethnisierten oder rassifizierten Differenzen“ (S. 17). Für Frankreich arbeitet sie heraus, dass koloniale Verwaltungspraktiken und Kategorien die städtischen Wohn- und Sozialpolitiken prägten. Vor allem aber basiert ihre Analyse auf den bestehenden Gemeinsamkeiten der beiden westlichen Wohlstandsgesellschaften: die wirtschaftlich vergleichbaren Boom-Erfahrungen, die starke Zuwanderung von Migrant*innen insbesondere in die größeren Städte und die massiven Investitionen in den Wohnungsneubau. Reineckes Argument für den Vergleich der beiden Länder ist ihre Beobachtung, „dass französische und deutsche Akteure den Wandel und die innere Differenzierung beider Gesellschaften auf ähnliche Weise, unter Rückgriff auf die gleichen Semantiken und Narrative zu beschreiben begannen – und sie auf diese Weise ähnlicher machten“ (S. 18).

Reinecke interessieren weniger ökonomische und politische Verflechtungen und Hintergründe als der Einfluss von Sozialwissenschaftler*innen, kommunalpolitischen Akteuren und urbanen Aktivist*innen auf die Deutung städtischer Ungleichheit. Auf Grundlage ihrer Analyse kann sie zeigen, dass der von ihr beobachtete Wandel – von räumlicher Separierung und Disziplinierung zu Durchmischung und Aktivierung – ein Ergebnis der enger werdenden Verknüpfung zwischen (kommunal-)politischer Auftragsforschung, urbanen Initiativen und der Soziologie seit den 1960er-Jahren war (vgl. S. 26 f.). Geradezu spannend liest sich, wie Stadtplanung und sozialwissenschaftliche Forschung in und an urbanen Problemzonen experimentierten. Im Ergebnis brachten sie jeweils neue Politiken und Praktiken für den Umgang mit den als problematisch gedeuteten Wohn- und Lebensverhältnissen hervor. Die damit zusammenhängenden Fragen und Herausforderungen sind bis heute Gegenstand kontrovers geführter Diskussionen. Dies macht das vorliegende Buch so aktuell wie interessant.

Streitbarkeit der Studie

Nicht ganz überzeugend hingegen ist Reineckes Plädoyer, Ungleichheit stärker in einen räumlichen Zusammenhang zu stellen – denn Forschung und Politik setzen diesen Anspruch bereits seit etlichen Jahren um. Auch berücksichtigt sie nicht, dass die bundesrepublikanische Stadtentwicklungspolitik mittlerweile versucht, die Quartiere in erster Linie sozial zu stabilisieren, anstatt sie möglichst stark zu durchmischen.

Der Fokus auf das Image der Wohnsiedlungen sowie auf die Deutungen und Zuschreibungen, die damit zusammenhängen, führt dazu, dass soziale Realitäten primär als Ergebnis von (negativen) Zuschreibungen und kaum als Folge von zum Beispiel Städtebau, Architektur, Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik erscheinen. Die soziale Wirklichkeit in den Siedlungen betrachtet die Studie ohnehin eher indirekt, nämlich wenn und weil „die öffentliche Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit immer wieder Realitätseffekte zeitigte“ (S. 13). Dadurch gerät die Realität der Wohnsiedlungen gegenüber ihrer Problematisierung und Skandalisierung zwangsläufig ins Hintertreffen.

Das politische Versprechen besserer Wohnverhältnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die dafür notwendige „modernistische Neuordnung der Städte“ (S. 16) fußten maßgeblich darauf, dass Stadtplaner*innen und andere kommunale Praktiker*innen an die prinzipielle Gestaltbarkeit von Gesellschaft glaubten.

Gleichwohl ist es Reineckes Verdienst, „soziale Differenzkonstruktionen“ sowie deren Effekte auf Wohnpolitiken und urbane Realitäten in Deutschland und Frankreich herauszuarbeiten. Für ein besseres Verständnis der Historie und Prämissen von sozialer Wohnungspolitik ebenso wie für einen Einblick in gegenwärtige Debatten um den Gegenstand ist das Buch in vielfacher Weise erhellend. Das politische Versprechen besserer Wohnverhältnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die dafür notwendige „modernistische Neuordnung der Städte“ (S. 16) fußten maßgeblich darauf, dass Stadtplaner*innen und andere kommunale Praktiker*innen an die prinzipielle Gestaltbarkeit von Gesellschaft glaubten. Letztlich, dies zeigt Reinecke eindrücklich, schufen der soziale Wohnungsbau und die damit zusammenhängende Umstrukturierung urbaner Räume „neue Formen der Segregation, Privilegierung und Benachteiligung“ (S. 16).

Die kritische Auseinandersetzung mit der historischen und vor allem der stadtsoziologischen Forschung sowie mit dem konkreten Wirken von kommunalen Praktiker*innen wird Zu- und Widerspruch erfahren. Unabhängig davon möchte ich das knapp 400 Seiten umfassende Werk einem breiten Publikum ans Herz legen; gerade (Stadt-)Soziolog*innen und Historiker*innen dürfte Reineckes „urbane Ungleichheitserzählung“ (Klappentext der Publikation) zum Nachdenken anregen. Denn die Art und Weise, wie die Autorin historisch und national vergleichend städtische Räume, urbanes Wohnen und soziale Wohnungspolitik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Frankreich betrachtet, ist ungemein kenntnisreich und gut geschrieben. Sie eröffnet damit einen neuen oder zumindest anderen Blick auf die Ein- und Ausschlussmechanismen, die soziale Ungleichheiten begründen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Kolonialismus / Postkolonialismus Sozialgeschichte Stadt / Raum

Abbildung Profilbild Bettina Reimann

Bettina Reimann

Bettina Reimann studierte Soziologie, Politologie und Stadtplanung an der Universität Bremen, der Freien Universität Berlin und der Columbia University, New York City, USA, und promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2001 ist sie Projektleiterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Teams „Stadt und Gesellschaft“ am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Integration/kommunale Integrationspolitik, Bürger*innenbeteiligung/Governance, Evaluation und Begleitforschung.

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