Sebastian Kohl | Rezension |

Zauberformel Wettbewerb und Innovation

Rezension zu „Le pouvoir de la destruction créatrice. Innovation, croissance et avenir du capitalisme“ von Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bunel

Philippe Aghion / Céline Antonin / Simon Bunel:
Le pouvoir de la destruction créatrice. Innovation, croissance et avenir du capitalisme
Frankreich
Paris 2020: Odile Jacob
435 S. , 24,90 EUR
ISBN 978-2-7381-4946-6

Zusammen mit seinen jungen Kolleg*innen Céline Antonin (Collège de France) und Simon Bunel (Banque de France) legt der französische Ökonom Philippe Aghion mit dem in seiner Muttersprache verfassten Werk „Le pouvoir de la destruction créatrice“, zu Deutsch etwa „Die Macht der schöpferischen Zerstörung“, eine relativ populärwissenschaftlich gehaltene Überblicksdarstellung zum Thema Innovation und Wettbewerb vor. Das Buch fasst viele seiner bisherigen Arbeiten der letzten Jahre zusammen und basiert auf seinen am Collège de France gehaltenen Lehrveranstaltungen. Die Arbeit am Buch ist weitgehend vor der Corona-Pandemie abgeschlossen worden.[1] Vergleichbar mit den Werken anderer französischer Ökonomen der letzten Jahre etwa zu den Themen Ungleichheit, Wettbewerb oder Steueroasen widmet sich der Band ausführlich einem weiteren, wenn nicht gar dem ökonomischen Großthema: dem Wirtschaftswachstum. In diesem Feld herrschte lange Zeit die neoklassische Auffassung des Solowschen Wachstumsmodells vor, das in einem einfachen mathematischen Modell Wirtschaftswachstum als Kapitalakkumulation erklärt, wobei technologischer Fortschritt rein exogen bleibt. Dieses weit verbreitete Modell, ohne das auch heutzutage kaum ein Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre auskommt, ist nie rein akademisch geblieben, hat es doch auch historisch etwa den Washington Consensus und die internationale Entwicklungspolitik geprägt.

Aghion et al. möchten mit ihrem Werk das ökonomische Nachdenken über Wachstum weg von diesem klassischen Modell hin zu einem eigenen stark schumpetersch geprägten, institutionenökonomischen Erklärungsansatz verschieben. Das neoklassische Wachstumsmodell scheitert den Autor*innen zufolge insbesondere daran zu erklären, (1) warum gerade Europa – und nicht etwa China – ab 1820 einen ökonomischen Take-off erlebte, (2) warum heute mehr Wettbewerb (und daher geringere Profitmargen) zu mehr Innovationen führt und (3) warum Länder wie Argentinien ihren einmal eingeschlagenen Wachstumspfad der Kapitalakkumulation wieder verlassen können. (4) Auch Phasen säkularer Stagnation und (5) die zunehmende ökonomische Ungleichheit vermag das Modell nicht zu erklären. Aghion et al. orientieren die 15 Kapitel ihres Buches relativ grob entlang dieser fünf Desiderata der Wachstumstheorie, zu denen die Autor*innen – der Buchtitel lässt es vermuten – einen Beitrag auf den Schultern Schumpeters leisten möchten. Kurz zusammengefasst sollen drei von Schumpeter inspirierte Elemente – namentlich: Innovation durch akkumuliertes Wissen, institutionelle Eigentumsrechte und die Zerstörung von Monopolrenten durch mehr Wettbewerb – die fünf offenen Fragen besser verstehen helfen. Neben diesem explanatorischen Ziel aber muss man das Buch insbesondere auch als ein wirtschaftspolitisches lesen, in dem innovationszentrierte Politik das Rezept für eine progressiv verstandene Wachstumspolitik sein soll.

Ähnlich wie bei anderen Publikationen französischer Ökonomen – als prominentester Vertreter ist hier sicher Thomas Piketty zu nennen – stehen empirische Analysen und keine neuen theoretischen Modellierungen im Vordergrund. Das Buch führt gut ein in die komplexe Welt der Messung von Wettbewerb und Innovation (als Schlagworte seien hier Lerner-Index, Patente, Marktmacht, Firmenein- und -austritte, Mikrodaten über Erfinder*innen etc. aufgerufen), die durch das ganze Buch hindurch in der ein oder anderen Weise mit einer fast unüberschaubaren Anzahl interessierender Faktoren wie etwa Ungleichheit, grüner Energie oder dem Finanzsystem – oft nicht kausal – assoziiert werden. Die Autor*innen laden im Grunde dazu ein, viele der bestehenden Debatten über Klimawandel, Staatstätigkeit, Ungleichheit oder den Chinaschock um die Frage zu erweitern, inwiefern Innovationen darin als Ursache oder Wirkung zum Tragen kommen. Entlang einer Fülle an Fakten aus verschiedenster eigener und aktueller Forschung anderer Wissenschaftler*innen zeichnen Aghion et al. das folgende Bild:

Ab dem 19. Jahrhundert sei der kapitalistische Take-off im Westen insbesondere einer Innovationstätigkeit zu verdanken, die durch politischen Wettbewerb, Demokratie, Risiko- und langfristiges Kapital sowie absichernde Institutionen befördert wurde. Immer wenn es etablierten Unternehmen gelang, die politische Ordnung zu korrumpieren, sie mehr Lobbying betrieben als Innovation oder zu marktmächtig wurden, so die Autor*innen, blieb der Take-off aus oder kamen Länder gar wieder vom Wachstumspfad ab (Kapitel 2, 3, 4, 7). Vor diesem Hintergrund könne schnelleres Wachstum in sich entwickelnden Ländern als technologischer Aufholprozess verstanden werden, der historisch betrachtet in bisher keinem Land ohne Industrialisierung ausgekommen sei (Kapitel 8). Der zuletzt in westlichen Ländern beobachtete Rückgang an Wachstum mag insbesondere, so mutmaßen Aghion et al., einer sinkenden Innovationsproduktivität (etwa den Innovationen pro Wissenschaftler*in), Fehlern bei veralteten BIP-Messungen oder auch dominanten „Superstar“-Firmen geschuldet sein, die innovative erfolgversprechende Start-ups einfach aufkaufen (Kapitel 6).

Zur Förderung von Innovationen sei dem Autor*innentrio zufolge ein vom Staat unterstütztes System aus Grundlagenforschung in Kombination mit angewandter Forschung essenziell. Ebenso bedürfe es einer Förderung der Innovator*innen von staatlicher Seite, was in einem demokratisch aufgebauten Bildungssystem am ehesten gelänge (Kapitel 10). Wie US-Studien nahelegten, sei es bei Immigrant*innen im Anschluss an eine gewisse Aufenthaltsdauer am wahrscheinlichsten, dass sie zu Innovator*innen werden (Kapitel 13). Gerade an diesen Befunden werde deutlich, welche Bedeutung staatlichen Maßnahmen zur Förderung von Innovation zukäme und wie stark die wachsende Ungleichheit den generellen Wachstumsmotor verlangsamen könne (Kapitel 5).

Neben diesen schöpferischen Aspekten des Wettbewerbs wirke Letzterer aber auch disruptiv (Kapitel 11, 13). Die Autor*innen führen insbesondere die negativen Effekte von mehr Wettbewerb und Innovationen auf Arbeitsplätze an, die in der kurzen Frist einiger Jahre und insbesondere bei technologiefernen Unternehmen auftreten und so zu anomischen Verhältnissen beitragen können. Durch den China-Schock etwa hätten in den betroffenen Industriezonen der USA sowohl Arbeitslosigkeit als auch Unzufriedenheit und Populismus zugenommen. Aghion et al. weisen einerseits darauf hin, dass es langfristig durch intensivierten Wettbewerb dennoch zu mehr Innovationsschüben und folglich besseren Lebensbedingungen kommen könne, dass andererseits aber auch ein absichernder „flexicurity“-Staat[2] gerade in solchen Situationen die kurzfristigen Folgen der schöpferischen Zerstörung auffangen müsse. Zudem obläge dem Staat ebenfalls die Aufgabe, durch die richtigen fiskalischen Anreize die negativen Externalitäten eines intensivierten Wettbewerbs wie etwa hohen CO2-Ausstoß zu verhindern und nicht alle, sondern nachhaltige grüne Innovationen zu fördern (Kapitel 9).

Gegen Ende des Buches zeichnet sich somit immer stärker auch der normative Entwurf einer schumpetersch angeleiteten Industriepolitik eines sowohl Research & Development als auch Bildung und Wettbewerb befördernden Staates ab, der durch kontinuierliche Wartung und Pflege des Wachstumsmotors Innovation die zentralen Probleme unserer Zeit – namentlich etwa Klimawandel, Globalisierung und soziale Ungleichheit – meistern soll. Die im hier besprochenen Buch unterbreiteten Vorschläge sind sicherlich in zahlreichen politischen Lagern anschluss- und gerade wegen ihrer parteipolitisch eher neutralen Fokussierung auf Innovationen auch mehrheitsfähig. Aus normativer Sicht ließe sich allerdings anführen, dass die Autor*innen stark konsequentialistisch argumentieren. Somit finden zwar disruptive Folgen einer auf Wettbewerb fokussierten Wirtschaftsweise Beachtung, mögliche generelle Vorbehalte in der Bevölkerung gegen einen ständig an neuem Wettbewerb ausgerichteten Lebensstil und -wandel spielen für Aghion et al. in ihrem deutlich spürbaren Innovationsenthusiasmus jedoch keine Rolle, was gerade in Zeiten des zunehmenden Klimawandels und in Anbetracht steter Proteste nicht nur der Fridays-for-Future-Bewegung die Augen vor der Realität verschließt. Darüber hinaus ist es auch im letzten Jahrzehnt in etablierten Wohlfahrtsstaaten nicht gelungen, einen ökonomisch motivierten Populismus mit sozialpolitischen Kompensationen und Zusatzwachstum zu verhindern.

Was den explanatorischen Teil des Buches angeht, stützt er sich in weiten Teilen auf die Zusammenfassung jüngerer Forschungsliteratur und repräsentiert mit leicht US-französischem Fokus den State of the Art. Der Band mutet in Teilen wie ein ökonomisches Lehrbuch zum Thema an, unter anderem weil in optisch hervorgehobenen Kästen Konzepte und einfache Modelle erläutert werden. (Wirtschafts-)soziologische Leser*innen lernen hier also nicht immer Neues. Darüber hinaus lassen insbesondere die einzelnen Fallbeschreibungen etwa vom zurückfallenden Argentinien, dem in technologischer Hinsicht aufholenden Südkorea oder dem im Dienstleistungssektor wachsenden Ghana, die das Buch anekdotisch durchziehen, im Hinblick auf Detailtiefe zu wünschen übrig. An diesen Stellen fällt das sonst eher an einen Forschungsbericht erinnernde Buch etwas ab und lässt zudem Verweise auf einschlägige Literatur aus nicht-ökonomischen Nachbardisziplinen vermissen. Anders als andere sozialwissenschaftliche Bücher, die sich in Krisendiagnosen und Pessimismus überbieten, kommt dieser Band mit einer gesunden Portion Optimismus und konstruktiven Politikvorschlägen daher. Offen bleibt, ob die von Aghion und seinen Kolleg*innen erdachte Utopie einer progressiven Wissensökonomie es in dem derzeitigen französischen Krisendiskurs tatsächlich vermag, die von Gelbwesten bis zu den derzeit ungefähr 40 Prozent möglichen Le Pen-Wähler*innen reichenden Wettbewerbsverlierer*innen zu überzeugen.

  1. Eine englische Übersetzung erscheint in diesen Tagen bei Harvard University Press: Philippe Aghion / Céline Antonin / Simon Bunel, The Power of Creative Destruction, Economic Upheaval and the Wealth of Nations, Cambridge, MA 2021.
  2. Dieses Oxymoron bezeichnet die unter anderem in Dänemark oder den Niederlanden entwickelte Idee, Arbeitsmärkte bei gleichzeitiger staatlicher Absicherung zu liberalisieren.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Arbeit / Industrie Digitalisierung Politik Wirtschaft

Sebastian Kohl

Sebastian Kohl ist Senior Researcher am Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung und derzeit Kennedy Fellow am Center for European Studies, Harvard. Seine Forschungsinteressen umfassen die politische Ökonomie sowie historische Stadt- und Wirtschaftssoziologie von Wohnungs-, Hypotheken- und Versicherungsmärkten.

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