Michael Wutzler | Rezension |

Zur heteronormativen Regierung des Allerpersönlichsten

Rezension zu „Die Praxis des Heiratens. Über die Anerkennung verbindlicher Liebesbekenntnisse“ von Fleur Weibel

Fleur Weibel:
Die Praxis des Heiratens. Über die Anerkennung verbindlicher Liebesbekenntnisse
Deutschland
Bielefeld 2024: Transcript
342 S., 49 EUR und open access
ISBN 978-3-8376-7152-0

Während eines Spaziergangs in einem kleinen Ort in Oberbayern fiel mir vor Kurzem an einem Privatgrundstück ein herzförmiges Schild auf. Neben einem Hochzeitsdatum im Jahr 2023 stand dort Folgendes: „Mia wünschen Eich vui Glück + Segen und a guad’s Eheleben! Doch seids in oam Jahr ned 3, kemma auf a Festl vorbei.“ Nun könnte man diese Beobachtung einfach als traditionellen bayerischen Konservatismus abtun. Denn Ehen und Eheschließungen sind in den letzten Jahren doch sichtbar vielfältiger geworden, auch unter Bayer:innen.[1] Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wurden im Zuge der Deinstitutionalisierung der Ehe schrittweise die traditionellen Bande von Ehe, Familie und Zweigeschlechtlichkeit zerschnitten und mit der Ehe verbundene patriarchale Strukturen zunehmend gelöst. Gleichwohl kann man inzwischen wieder von einer neuen Institutionalisierung sprechen, die beispielsweise mit der Ehe für alle nun auch gleichgeschlechtliche Paare rechtlich einschließt. Darüber hinaus hielt die derzeitige Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag fest, mit Verantwortungsgemeinschaften rechtliche Möglichkeiten neben der Ehe schaffen zu wollen. Die eingangs festgehaltene Beobachtung zeigt, dass Eheschließungen längst nicht einfach zu individuellen Privatangelegenheiten von Paaren geworden sind. Vielmehr sind die Entscheidung für eine Heirat sowie Eheschließungen normativ immer auch innerhalb eines sozialen Milieus verortet und mit gesellschaftlichen Orientierungsmustern verknüpft. Nicht zuletzt ist es der Staat, der die Ehe rechtlich legitimiert. Genau an dieser Schnittstelle setzt Fleur Weibels aktuelle Studie Die Praxis des Heiratens an.

Weibel verbindet in ihrem Buch die Analyse typischer emotionalisierter Praktiken des Heiratens mit der normativen Ordnung der Geschlechterverhältnisse, die der Eheschließung innewohnt (S. 26). Zu diesem Zweck werden Eheschließungen hetero- und homosexueller Paare in der Schweiz untersucht. Die Befunde sind jedoch weitestgehend auf Deutschland übertragbar, auch wenn es, etwa im Ehenamensrecht, Unterschiede gibt. Weibels zentrale Forschungsfrage lautet:

„In welcher gesellschaftlichen und individuellen Situation, mit welchen Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen formalisieren hetero- und homosexuelle Paare heute ihre Liebesbeziehung und was wird durch die konkrete Praxis des Heiratens für das Paar und für die Gesellschaft hergestellt?“ (S. 25)

Die Baseler Soziologin verfolgt damit zweierlei: Einerseits die Verwobenheit des „Allerpersönlichsten“, der emotionalen Bindung des Paares, mit dem „überpersönlichen“ normativen Kontext und andererseits deren jeweilige Konstruktion beziehungsweise Reproduktion aus dieser Verwobenheit heraus zu untersuchen und somit der Kontinuität der Beliebtheit des Heiratens auf den Grund zu gehen. Dafür setzt Weibel konzeptionell einen geschlechter- und gouvernementalitätstheoretischen Rahmen, der „mit einer kritischen Haltung gegenüber den herrschenden Normen und Machtverhältnissen verbunden“ (S. 33) ist. Letzteren verknüpft sie mit einer qualitativ empirischen Erhebung. Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt. Der Einleitung folgen in Kapitel 2 (S. 39–72) Ausführungen zur historischen Entwicklung der staatlichen Ehe in der Schweiz und in Kapitel 3 (S. 73–106) die Grundlagen zu Theorie und Methode der Studie. Die Kapitel 4 (S. 107–132) bis 8 (S. 249–284) umfassen die empirischen Rekonstruktionen unterschiedlicher Heiratspraktiken (Antrag, Feier, Namenswahl etc.), gefolgt vom abschließenden Fazit in Kapitel 9 (S. 285–308). Die Kapitel sind durch Vignetten ergänzt, die Einblicke in den Forschungsalltag (etwa den Besuch einer Hochzeitsmesse, die Begleitung der Paare) und einzelne Momente des Heiratens (zum Beispiel Heiratsvorbereitungen, die Trauung auf dem Zivilstandesamt) gewähren.

Weibels qualitative Analyse basiert auf einem heterogenen Datensatz aus ethnografischen Beobachtungen der Hochzeitsfeiern, Einzelinterviews und weiterem Material (Einladungskarten, Hochzeitszeitungen und -fotos, Redemanuskripte und anderes). Dabei unterscheiden sich die erhobenen Daten für jedes der zehn heterosexuellen und vier homosexuellen Paare.[2] Die Einzelinterviews legen den Fokus auf die individuelle anstatt auf die paarbiografische Einordung der Eheschließung. Die Rekonstruktion der Aushandlungen des Paares wird mit den während der Hochzeitsfeier gemachten Beobachtungen auf eine außergewöhnliche Situation begrenzt. Das Sample besteht vor allem aus Erstheiratenden unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Konfession (christlich oder konfessionslos) sowie vereinzelten binationalen Ehen aus einem insgesamt bildungsbürgerlichen Milieu.

Kapitel 2 rekonstruiert mit der Ehe verbundene Geschlechternormen und Liebesideale sowie für die Schweiz den Wandel der rechtlichen Grundlagen der Ehe, die Weibel gegenwärtig als multifunktionale Institution versteht, in der wertorientierte, affektive und zweckrationale Bedürfnisse Basis der Entscheidung für eine Heirat bilden (S. 62). Dabei macht die Autorin mit der Lockerung rechtlicher Strukturen eine Verschiebung der Rechtfertigungspflichten und der Regierung – im Foucault‘schen Sinne[3] – der emotionalen Bindung auf die individuelle Ebene des Paares aus (S. 41). Im Zuge dieser Entwicklung, so Weibel, habe sich die Ehe von einer „heteropatriarchalen Institution zu einer flexibilisierenden Regierungsweise“ (S. 55) gewandelt und derart allen Krisentendenzen getrotzt. Das Kapitel ist reich an Quellen, aktuelle thematisch angrenzende Projekte aus dem deutschsprachigen Raum werden jedoch kaum eingebunden.[4]

Konzeptionell konfrontiert Weibel in Kapitel 3 die Alltagsvorstellung, dass die Heirat eine individuelle, von normativen Zwängen befreite Wahl eines Paares sei, insbesondere mit zwei Konzepten: der Ehe als Regierungsweise und der konstitutiven Verschränkung von Emotionalität mit gesellschaftlichen Normen.

  1. Gouvernementalitätstheoretisch[5] wird die staatliche Ehe als ein Instrument des Regierens intimer Beziehungen und als Form gesellschaftlicher Anerkennung par excellence gefasst (S. 79). Die Basis dessen sieht die Autorin im staatlichen Streben nach dauerhaft geordneten, arbeitsteiligen, heteronormativen Geschlechter- und Familienverhältnissen zur Entlastung des Sozialstaates (S. 293). In der Absolutheit wäre das zu diskutieren: So sind zumindest für Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende staatliche Stärkung frühkindlicher Tagesbetreuung und Bildung sowie die Förderung von Doppelverdiener:innenhaushalten zu verzeichnen.

    Weibel kennzeichnet drei grundlegende Bedingungen staatlicher Anerkennung von Paarbeziehungen (S. 79–83): a) zunächst die Sicht- und Erkennbarkeit des Paares über die öffentliche Inszenierung der Beziehung etwa während der Hochzeitsfeier; b) die Normen, die diese Sichtbarmachung der emotionalen Bindung ermöglichen, beispielsweise hinsichtlich Geschlecht oder Familialität, die sie als heteronormativ kennzeichnet; und c) die rechtlichen Zugangsbedingungen der Anerkennung als (Ehe-)Paar, konkret: das Eherecht. Nur wenn alle drei Bedingungen erfüllt sind, so Weibel, sei ein Paar als Liebespaar gesellschaftlich voll anerkannt. Zugespitzt diagnostiziert sie eine Abhängigkeit der Paare von staatlicher Anerkennung durch die Ehe (S. 82). Damit verliert die Autorin unterschiedliche Facetten und Hierarchien der gesellschaftlichen Anerkennung emotionaler Bindung aus dem Blick. Beispielsweise zeigt die Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts für nicht-eheliche Paare in Deutschland, dass deren Partnerschaft auch außerhalb der staatlichen Ehe eine gewisse Anerkennung erfährt.

  2. Zudem verknüpft Weibel das Heiraten konzeptionell mit den affekttheoretischen Arbeiten Sara Ahmeds.[6] Da die Eheschließung mit der staatlichen Anerkennung in eins fällt, so argumentiert Weibel, gehe sie immer auch mit einem spezifischen Gefühlsregime einher (S. 86). Die Attraktivität des Heiratens erwachse dann daraus, dass die Ehe – in ihrer Gesamtheit wie in ihren Einzelpraktiken – als gesellschaftliches happy object eine glückversprechende Institution darstelle (S. 85). Die Regulierung der individuellen Freiheit sei deshalb möglich, weil die Ehe „statt als zwingende Norm […] nun als selbstgewählte, persönliche Glück versprechende Option“ (S. 76) erscheint. Die Verschränkung von staatlicher Anerkennung und Glücksverheißung verortet die Autorin dabei jenseits der Dichotomie von kollektivem Zwang und individueller Freiheit (S. 64) und schlussfolgert, dass das „Versprechen individuellen Glücks […] sich damit als effiziente Technologie der Macht“ (S. 305) erweise.

Die Kapitel 4 bis 8 sind ähnlich aufgebaut. Sie beginnen jeweils mit allgemeinen inhaltlichen Einordnungen der im Kapitel im Fokus stehenden Praktik des Heiratens, insbesondere in Bezug auf den konzeptionellen Rahmen, der in Kapitel 3 gesetzt wurde. Dem folgt an exemplarischem Material die Darstellung unterschiedlicher Muster und Charakteristika der Heiratspraktiken sowie der darin sichtbar werdenden heteronormativen Normen und Orientierungen. Schließlich werden die hetero- und homosexuellen Paare des Samples kontrastiert.

Auch Heiratsanträge werden (Kapitel 4) von Weibel als eigenständiges happy object gefasst. Emotional aufgeladen orientieren sich die Antragspraktiken der Paare – im Falle der Annahme wie Ablehnung dieser Praktik – an einem heterosexuell-romantischen Skript der heiratswilligen Frau und des bindungsunwilligen Mannes (S. 109). Dies gelte sowohl für die Paare, bei denen der Antrag klassisch vom Mann gestellt werden sollte, als auch für Paare, die davon abweichen oder ganz auf das „Antragstheater“ verzichten wollen, so Weibel (S.127). Die Anträge rekonstruiert sie als machtvolle Geste der Männer, da sie meist den Zeitpunkt des Antrags festlegen können und so ihre Partnerin beispielsweise warten lassen oder ohne Überzeugung der Partnerin die Initiative ergreifen können (S. 124). Für homosexuelle Paare sieht Weibel eine höhere Flexibilität, wobei die Übernahme dieser Praxis zeige, dass der Heiratsantrag als Möglichkeit, Emotionen sichtbar zu machen und zu bestätigen, weiter von Bedeutung bleibt.

Wann die Ehe für ein Paar überhaupt relevant wird, wenn sie nicht allgemein als selbstverständlich charakterisiert werden kann, steht im Zentrum des Kapitels 5. War sie immer schon Teil der Vorstellung eines guten Lebens oder ist sie dies erst in Bezug auf Partnerschaften oder den:die konkrete:n Partner:in geworden? Zunächst greift Weibel die in den Interviews sich wiederholt zeigende Äußerung „Warum nicht“ (S. 134) heraus und verdeutlicht, wie diese sowohl auf die Selbstverständlichkeit des Heiratens bezogen sein als auch einen paarbiografischen Prozess aufzeigen kann, der logischerweise zu der Entscheidung für eine Heirat führt; die Aussage kann aber auch die Suche nach Anerkennung von homosexuellen Paaren hervorheben. Im Kern des Kapitels rekonstruiert die Autorin drei Funktionen der Ehe (S. 136):

  1. Die Ehe diene insbesondere der rechtlichen Absicherung des Paares und der eigenen Kleinfamilie, über die rechtlichen Privilegien, wie beispielsweise einen gemeinsamen Ehenamen. In diesen Fällen sei das Allerpersönlichste nur mit überpersönlichen Rechten möglich.
  2. Die Ehe diene als rite de confirmation der Bestätigung der Paarbeziehung und dazu, sich zu den Gefühlen füreinander zu bekennen und diese zu zeigen.
  3. Schließlich ermögliche die Ehe, sich sozial anerkennen und feiern zu lassen. Insbesondere für homosexuelle Ehepaare weist Weibel darauf hin, dass die Anerkennung deren Glücks nicht selbstverständlich ist.

Auf Basis dieser drei Funktionen könne die Ehe damit als Übergangs-, Bestätigungs- und Einsetzungsritual verstanden werden (S. 160), schlussfolgert die Baseler Soziologin. Ein Aspekt taucht in diesem Kapitel jedoch kaum auf, der in anderen Kapiteln durchaus aufgegriffen wird: Die Eheschließung kann – unter anderem für traditionell orientierte Paare, die ohne eine vorherige längere Phase einer nichtehelichen Paarbeziehung heiraten – auch als Beginn eines Prozesses verstanden werden, als Schritt, mit dem die Entwicklung als Paar, aber beispielsweise auch die Beziehungen zu den Herkunftsfamilien, vorangebracht werden soll.[7]

Kapitel 6 zeichnet die „Theatralisierung von Liebe und Geschlecht“ (S. 167) entlang chronologischer Programmpunkte des Hochzeitstages von der Vorbereitung, dem ersten Aufeinandertreffen des Paares, der Trauungszeremonie, des Festes und der anschließenden Party nach. Anhand unterschiedlicher Aspekte, etwa der Kleidung, bestimmter Verhaltensweisen wie der Brautübergabe, anhand der Hochzeitsgesellschaft und spezifischen Objekten, wie beispielsweise der Stehhilfe für hohe Absätze, werden Orientierungen an und Abgrenzungen von Geschlechternormen rekonstruiert. Weibel veranschaulicht, wie an den Hochzeitstagen Geschlechterstereotype reproduziert werden, aber dadurch, dass homosexuelle Paare Stereotype durchbrechen, auch Geschlechtergleichheit möglich wird (ebd.). Die Autorin verdeutlicht zudem, wie Hochzeitsfeiern als Distinktionsmöglichkeit wirken. Durch den Fokus auf das Stereotyp „Weiße Hochzeit und schönster Tag“ verschwimmen im Kapitel 6 die einzelnen Fälle leider, womit die Eigenstrukturen der Paare nur schwer nachzuvollziehen sind. Gleichzeitig finden alternative Formen von Trauungszeremonie und Hochzeitsfeierlichkeiten kaum Platz.

Das Trauversprechen wird in Kapitel 7 aufgegriffen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie das Ideal der lebenslangen Ehedauer angesichts hoher Scheidungsraten von den Paaren interpretiert wird. Ist die Ehe nur glücklich, wenn sie dauerhaft ist? Oder ist sie nur dauerhaft, wenn sie glücklich ist und die Partner:innen gemeinsam aneinander arbeiten und wachsen, aber auch die eigenen Bedürfnisse und beide Charaktere im Wandel kompatibel bleiben? (S. 226) Aus diesem Spannungsverhältnis rekonstruiert Weibel drei Typen von Trauversprechen: 1. das Versprechen ewiger Treue, 2. den Wunsch nach und die Bereitschaft zur ewigen Treue sowie 3. die Hervorhebung der bisherigen gemeinsamen Erfahrung als Basis einer gelingenden Ehe (S. 245).

Die Entscheidungen zur Wahl des Ehenamens werden im Kapitel 8 rekonstruiert. Im Gegensatz zu Deutschland, ist in der Schweiz die rechtliche Norm, dass die jeweiligen Familiennamen beibehalten werden, mit der Möglichkeit einen gemeinsamen Ehenamen zu wählen. Doppelnamen mit Bindestrich sind – anders als in Deutschland – nicht möglich.[8] Empirisch wird auch für die Schweiz deutlich, dass eher von Frauen erwartet wird, den Familiennamen zu wechseln, und Männer stärker an ihrem Familiennamen als Zeichen der eigenen Identität festhalten. So werden insbesondere Frauen vor eine „zwiespältige[n] Entscheidung zwischen Identität und Zusammengehörigkeit“ (S. 281) gestellt. Einige der Paare äußern den Wunsch, einen Doppelnamen annehmen zu können, aber auch diese Option wird in Deutschland nur begrenzt als Mittel der Geschlechtergleichheit wirksam.[9]

Zusammenfassend hält Weibel fest, dass eher von einer Bedeutungsverschiebung denn von einem Bedeutungsrückgang der Ehe die Rede sein sollte, denn die „Ehe für alle definier[e] letztlich nichts anderes als einen einzigen Maßstab, an dem alle Lebensformen gemessen werden“ (S. 302); sie stelle somit ein privilegiertes Angebot für das persönliche Begehren nach Anerkennung dar. Ahmed zitierend unterstreicht Weibel das Argument, dass die staatliche Ehe für alle Paare als beste Option glückversprechender gesellschaftlicher Anerkennung zu bewerten sei (S. 304). Auch über die „besondere Abweichung“ der homosexuellen Paare werde anhand des Heiratens die Selbstverständlichkeit und Wirkung der heterosexuellen Paarnorm deutlich (S. 294). Das „kollektive Versprechen individuellen Glücks erweist sich damit als effiziente Technologie der Macht, die nicht nur dazu beiträgt, homosexuelle Lebensstile passförmig zu integrieren, sondern dabei zugleich“ (S. 305) das heteronormative Ideal des Glücks reproduziere und sich gegenüber feministischer Kritik immunisiere. Schließlich gibt Weibel einen Ausblick auf alternative rechtliche Möglichkeiten für nichtverheiratete Paare neben der Ehe, wie sie auch in Deutschland diskutiert werden (S. 308). Jedoch ist zumindest die deutsche Diskussion stark davon geprägt, diese rechtlichen Alternativen für Verantwortungsgemeinschaften keinesfalls als Alternativen zur Ehe verstehen zu wollen.

Die Stärken der Studie liegen insbesondere in der Differenzierung des Heiratens in die unterschiedlichen Praktiken, deren einzelne empirische Aufarbeitung über das vielfältige und anschauliche Datenmaterial sowie die kontrastive Untersuchung sowohl hetero- als auch homosexueller Paare. Zudem verdeutlicht Weibel anschaulich, wie die Emotionalität beim Heiraten normativ geprägt und eng mit Geschlechternormen verwoben ist. Die Eheschließung kann also auch heute nicht nur als individualisiert verstanden werden, sondern verdeutlicht vielmehr, dass das Allerpersönlichste gesellschaftlich durchdrungen ist und bleibt.

In ihren Schlussfolgerungen geht die Autorin über die Grenzen ihrer qualitativen Studie hinaus. Ihre Auffassung, dass die staatliche Ehe weiterhin ein privilegiertes Instrument der Regierung emotionaler Bindungen bleibt (S. 287), begründet sie damit, dass es keine gleichwertigen Alternativen der Anerkennung von Paarbeziehungen und somit auch keine positive Freiheit in der Entscheidung für eine Eheschließung gebe (S. 289). Insgesamt wäre es wünschenswert gewesen, die empirische Analyse stärker von den konzeptionellen Annahmen zu lösen, das Material unabhängig zur Sprache kommen und damit Raum für mehr induktive Theoriebildung zu lassen. So kommen Teile der Analyse wenig überraschend als Bestätigung der konzeptionellen Grundlagen der Studie daher, gleichwohl das darüberhinausgehende Potenzial des spannenden Materials immer wieder deutlich wird. Entwicklungen, Interpretationen und Interaktionen der Paare werden derart jedoch größtenteils der Annahme der staatlichen Regulierung und der heteronormativen Prägung von Paaren untergeordnet, was schließlich auch bei Weibel in der inzwischen bekannten Forderung mündet,[10] die staatliche Ehe abzuschaffen (S. 308).

Allein durch eine Abschaffung der staatlichen Ehe ist jedoch weder die Regulierung von Emotionalität und intimen Bindungen, noch die (normative) Differenzierung unterschiedlicher Beziehungsformen aufgehoben. So greift auch die Aussage zu weit, dass das Glück in Paarbeziehungen sich generell an staatlicher Anerkennung messe. Dies erklärt weder die hohe Anzahl (lange) unverheirateter Paare noch diejenigen Paare, die rein aus funktionalen Gründen heiraten, beispielsweise um Steuern zu sparen. Empirisch hätte es für die Diskussion solcher Annahmen eine Untersuchung gebraucht, die einerseits über heiratswillige Paare hinausgeht und auch nicht-eheliche Paare sowie weitere Beziehungsformen in deren Bewertung des Heiratens einschließt. Andererseits basiert das Regieren von emotionalen Bindungen und Familialität auf weitaus mehr – staatliche wie auch nicht-staatliche – Quellen als der rechtlichen Institution Ehe.[11] So gehen auch Foucaults gouvernementalitätstheoretische Annahmen über Rechtsformen und staatliche Regulierungen hinaus. Das wird im Buch jedoch kaum aufgegriffen. Ungeachtet dessen zeigt Weibel anschaulich, wie die staatliche Ehe dazu beiträgt, heteronormative Strukturen zu reproduzieren. Gleichwohl hätte die Autorin im Fazit noch stärker zeigen können, wie alternative Praktiken des Heiratens, die nicht dem Ideal der „Hochzeit in Weiß“ entsprechen, oder die angeführten Praktiken homosexueller Paare Normen und Institutionen verändern können.

Insgesamt ist das Buch äußerst lesenswert. Die Struktur ist klar, das empirische Material überaus interessant sowie hilfreich eingebaut und erläutert, die Vignetten lockern die Kapitelstruktur immer wieder auf. Die Studie gibt nicht nur Einblicke in unterschiedliche Heiratspraktiken, sondern schließt mit dem Vergleich hetero- und homosexueller Eheschließungen respektive Verpartnerungen auch eine Forschungslücke. Indem darüber hinaus normative Implikationen der Institution Ehe diskutiert werden, geht Weibel über gängige Konzeptualisierungen hinaus. Zugleich zeichnet sie zentrale gesellschaftliche Strukturen nach, mit denen die kontinuierliche Beliebtheit des Heiratens fundiert erklärt werden kann. Das Buch ist deshalb eine Bereicherung der ehesoziologischen Forschung und sei allen an der Ehesoziologie Interessierten ans Herz gelegt.

  1. Siehe hierzu die Presseerklärung des Bayerischen Landesamtes für Statistik vom 7. Juli 2021 unter https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2021/pm185/index.html.
  2. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung gab es die Ehe für alle in der Schweiz noch nicht, so dass für die homosexuellen Paare die Verpartnerung vergleichend herangezogen wurde. Dies ungeachtet der bestehenden rechtlichen Unterschiede als gleichwertig zu analysieren, basiert auf der kategorialen Entscheidung Weibels, die jeweilige rechtliche Anerkennung durch den Staat in den Blick zu nehmen und Unterschiede auch „jenseits der Differenzkategorie Sexualität“ (S. 89) aufzeigen zu wollen.
  3. Vgl. etwa Michel Foucault, Die Gouvernementalität, in: Ulrich Bröckling et al. (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main 2000, S. 241–264.
  4. Denkbar wäre etwa ein Bezug zu den Projekten „doing family und doing reproduction in vielfältigen Familien“ an der HU Berlin oder „Der Ernst der Ehe“ (Uni Siegen); an Letzterem war ich selbst beteiligt.
  5. Siehe Fußnote 3.
  6. Siehe etwa Sara Ahmed, The Promise of Happiness, Durham/London 2010.
  7. Michael Wutzler / Jacqueline Klesse, Welche Passage, welche Bestätigung? Paarbiografische Transformationsprozesse im Spannungsfeld von Eigenständigkeit und familialer Bindung, in: Sven Thiersch (Hg.), Qualitative Längsschnittforschung – Bestimmungen, Forschungspraxis und Reflexionen, Opladen 2020, S. 221–248.
  8. Am 12.04.2024 wurde im deutschen Bundestag beschlossen, dass Ehepaare zukünftig beide einen Doppelnamen tragen können und nicht nur eine:r der Partner:innen.
  9. Michael Wutzler, „Für mich war das schon immer klar, dass wir eigentlich den Namen von meinem Mann annehmen“ – Inwiefern verhandeln heterosexuelle Paare die Bestimmung ihres Ehenamens?, in: Forum Qualitative Sozialforschung 21 (2020), 3, Art. 10.
  10. Siehe beispielsweise Clare Chambers, Against marriage. An egalitarian defense of the marriage-free state, Oxford 2017.
  11. Andere Beispiel sind das Sorgerecht, der Kinderschutz oder (romantische) Liebesideale. Zu Letzterem siehe beispielsweise Andrea Newerla, Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken sollten, München 2023.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Affekte / Emotionen Diversity Familie / Jugend / Alter Gender Gesellschaft Normen / Regeln / Konventionen Recht Sozialer Wandel

Michael Wutzler

Dr. Michael Wutzler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Empirische Sozialforschung der Universität Siegen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen insbesondere die Paar-, Familien- und Kindheitssoziologie sowie die Methoden qualitativer Sozialforschung.

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