Hans Peter Hahn | Rezension |

Zur Komplexität der Teekanne

Rezension zu „Leben mit wenigen Dingen. Der Umgang der Kel Ewey Tuareg mit ihren Requisiten“ von Gerd Spittler

Gerd Spittler:
Leben mit wenigen Dingen. Der Umgang der Kel Ewey Tuareg mit ihren Requisiten
Deutschland
Tübingen 2023: Mohr Siebeck
364 S., 69,00 EUR
ISBN 978-3-16-161844-4

Dem Autor gelingt es in diesem gleichermaßen opulenten wie sorgsam gestalteten Werk, vor den Augen der Leser:in ein Universum zu entfalten. Es ist das klassische Bild einer Ethnografie, die den ganzheitlichen Ansatz der Beschreibung einer Kultur verfolgt. Begleitet von den detaillierten Beschreibungen des Autors und visuell angereicht durch zahlreiche Fotos wird die Leser:in eingeladen, Raum und Zeit dieses Universums erkunden. Seinen geographischen Mittelpunkt hat es in der nigrischen Oase Timia, der damit verknüpfte temporale Horizont erstreckt sich von der Zeit um 1900 bis in die jüngste Vergangenheit. Zusammengehalten wird das Universum durch das Wissen und die Perspektivierung des Autors, der sich seit einem halben Jahrhundert intensiv mit den Bewohnern dieser Oase befasst hat und in vieler Hinsicht als ein Experte für deren Kultur und Gegenwart gelten kann.

Unübertroffen sind Präzision und Anschaulichkeit der Beschreibung der einzelnen Phänomene. Zugleich aber irritiert die vom Autor gewählte Perspektive. Paradoxerweise berichtet er regelhaft von bestimmten Objekten, Handlungen, Alltagsroutinen und Bewertungen „der Kel Ewey“, während die mitgegebenen Bilder stets konkrete Personen zeigen. Wie in einer klassischen ethnografischen Monografie wird der Leser:in eingangs durch Wort und Bild eine Gesamtschau der zentralen Siedlung dieser ethnischen Gruppe, der Oase Timia mit den sie umgebenden Bergen, den Gärten und den Häusern präsentiert. Die auf das erste Foto, vermutlich einer Luftaufnahme der Siedlung, folgenden Abbildungen können als Ausschnitte verstanden werden, die sich zum Gesamtbild wie Teile zu einem Ganzen verhalten.

Kontextverschiebungen oder gar Widersprüche zwischen Text und Bild rühren zum Teil auch daher, dass bereits publizierte Aufsätze („Lob des einfachen Mahles“; „Wohnen ohne Tisch und Stuhl“) in geringfügig veränderter Form als Buchkapitel aufgenommen wurden. Als Teil einer Monografie haben sie nun allerdings einen stärker allgemeinen Anspruch. Gewiss zeigen die Bilder das lobenswerte „einfache Mahl“; zweifellos ist sind Matten ein überall anzutreffendes Mobiliar, das sehr gut Stühle und Tische ersetzen kann.

Aber gilt das tatsächlich für die Bewohner der Oase insgesamt? Könnte es nicht sehr gut sein, dass Einzelne doch ganz andere geschmackliche Vorlieben haben? Ist nicht anzunehmen, dass in bestimmten Häusern deutlich mehr Stühle vorhanden sind als in vielen anderen Häusern? Der Verweis auf diese Problematik basiert nicht auf einer besseren Kenntnis der lokalen Verhältnisse in Timia vonseiten des Rezensenten, sondern geht von einer Reflexion über die epistemische Positionierung der vorliegenden Studie aus. Ethnografie als Genre des Schreibens stößt hier an ihre epistemischen Grenzen. So hat sich etwa Franz Boas kritisch gegenüber den Werken seiner Schülerin Ruth Benedikt positioniert und dabei auf die Variabilität innerhalb einer Kultur verwiesen. Vergleichbare Zweifel schleichen sich bei der Leser:in ein, wenn er oder sie an die Bandbreite unterschiedlicher Lebensweisen in der Oase Timia denkt.

Die problematische Vereinfachung wirkt sich bis hinunter auf die einzelnen Objekte aus. Kapitel 2 mit dem kurzen Titel „Requisiten“ verspricht, mit dem einfachen Mahl, dem Mörser, der Teekanne, der Matte, den Sandalen von Balarabe, dem Alasho-Tuch und Schmuck sieben alltägliche Dinge zu beschreiben. Tatsächlich ist es jedoch ein Vielfaches davon: zur Teekanne gehören diverse Löffel, Gläser, Siebe und nicht zuletzt die metallenen Holzkohlebehältnisse, auf denen der Tee gekocht wird. Kein Mörser tritt alleine auf, sondern in der Regel in einer Gruppe von Modellen unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Erhaltungszustands. Jeder Mörser hat einen oder mehrere zugehörige Stößel. Die Matte ist kaum je einfach eine Matte; anstelle dessen gibt es zahlreiche Formen mit je anderer Größe, Farbe und Material, die jeweils eine besondere Bedeutung und/oder einen besonderen Verwendungszweck haben.

Völlig zu Recht steht am Anfang des Buchtitels der Begriff ‚Leben‘. Gemeint ist damit die Gestaltung des Alltäglichen. Die Dinge werden aus der Perspektive des Umgangs mit ihnen dargestellt, was durchaus ein legitimer Zugriff ist und zudem wesentlich zur Anschaulichkeit der Beschreibungen beiträgt. Zugleich allerdings gehen damit widerstreitende Bewertungen und Aushandlungen über subjektive Präferenzen verloren. Plastikmatten haben tatsächlich, wie Spittler beschreibt, in vielen Fällen die aus lokalen Fasern hergestellte Matte verdrängt. Der Streit über die Vorteile von Ledersandalen gegenüber Plastiksandalen wird von jedem Einzelnen in Timia anders entschieden, in letzter Zeit sicherlich häufig auch zugunsten gebrauchter, aus Europa kommender Sportschuhe (S. 142). Wann immer die Beschreibungen ins Detail gehen, tritt die Komplexität der Dinge hervor. Sofort wird deutlich, dass hinter jedem der sieben Objekte, denen Spittler jeweils ein Unterkapitel widmet, ein ganzer Schwarm von Formvarianten steht. Zusätzlich informiert manche Beschreibung, welcher spezifische Distinktionswert einer bestimmten Formvariante zukommt. Details, die aus der genauen Beschreibung hervorgehen, widerlegen mithin die eingangs vom Autor selbst vorgeschlagene Kategorisierung. Es sind nicht einfach nur „Requisiten“ des Alltags; sondern oftmals besondere Formen, die den oder die Besitzer:in auszeichnen und gegenüber anderen in der Gruppe abgrenzen. So sind die Ledersandalen teurer, und werden als „schöner“ angesehen; aber sie gelten, wie Spittler berichtet, auch als weniger praktisch, weil sie sich schneller abnutzen.

Kapitel 3 stellt die Dinge in den Kontext, der am meisten ihrer alltäglichen Verwendung entspricht: nämlich in den räumlichen Zusammenhang einzelner Haushalte. Dieser Fokus stellt einerseits eine ethnografische Verdichtung dar, weil sich hier hochfrequenter Umgang, Besitz, Geschlecht, Einkommen und andere soziale Gruppierungen überschneiden. Andererseits verstärkt dieser Fokus die Vorstellung einer einheitlichen materiellen Kultur der Kel Ewey, was etwa insofern problematisch ist, als zwischen den Hirtenhaushalten und Haushalten im städtischen Milieu substanzielle Unterschiede bestehen. Noch deutlicher als hinsichtlich der fünf im Einzelnen dargelegten Haushaltsinventare (S. 147, 163, 165, 174, 183) unterscheiden sich die Lebensweisen und Einkommensstrategien zwischen Stadt und Land. Signifikant sind die Unterschiede bei den zum Wohnbereich zuzurechnenden Dingen: im städtischen Haushalt gibt es viel mehr und vor allem auch sehr viel teurere Dinge. Das sind u. a. Decken, Matter, Koffer, Leintücher und Matratzen (S. 184).

Obgleich sich Kapitel 4 laut Titel primär mit den „Bedürfnissen“ befasst, ist es doch besonders aufschlussreich im Hinblick auf die sich in den vergangenen 50 Jahren wandelnden Einbettungen in globale Verhältnisse und die damit veränderten Konsummöglichkeiten (S. 206). Plastik tritt neben Holz und Kalebassen, Emaille und INOX-Stahlgefäße ersetzen Töpfe und Schalen aus Keramik. Frauen tragen bunt bedruckte Baumwollstoffe genauso oft wie die mit Indigo gefärbten und im Hausaland handgewebten Stoffe. T-Shirts, Jeans und Sakkos als Überjacken sind mehrfach auf den Bildern zu sehen. Die materielle Kultur der Kel Ewey als abgrenzbare Einheit verliert damit ihre Konturen und verschwimmt mit einer globalen Konsumkultur. Der Autor konstatiert das, führt jedoch – abgesehen von dem religiösen Diskurs (S. 233) – keine vergleichenden Stellungnahmen der betroffenen Haushaltsangehörigen zu dieser Veränderung an. Die Religion wird von den befragten Personen über den Begriff des Segens (albaraka) eingeführt: der sorgsame Umgang mit alten, über Generationen hinweg vererbten Objekten, deren Achtung und Nutzung an Festtagen als Segensreich aufgefasst wird. Spittler weist allerdings darauf hin, dass im Fall einer alten Teekanne unterschiedliche Beurteilungen nebeneinander stehen: Während der Mann (und Hauptnutzer) der Teekanne den Wert des Segensbehafteten zuschreibt, sieht seine Frau das anders und nutzt die gleiche alte Teekanne wenig später als Fressnapf für ihre Ziegen (S. 234).

Die vom Autor gewählte, strikt aufs Subjekt fokussierte Vorgehensweise stellt seinen eigenen Anspruch, die Requisiten der Kel Ewey Touareg in allgemeiner Form darzustellen, in Frage. Die Reibung zwischen dem Text und den Bildern ist insbesondere in den Kapiteln 2 und 3 offensichtlich: oftmals behaupten der Text und die Bildunterschriften eine Objektivität, die den Bildern so nicht zu entnehmen ist.

Die zu Beginn des Buches mehrfach anzutreffenden Aussagen über die materielle Kultur dieser Gruppe werden durch die Bilder in Kapitel 4, wenn nicht widerlegt, so doch zumindest infrage gestellt. So wahrhaftig, authentisch und detailreich die Darstellungen des Autors im Hinblick auf seine fast 50jährige Forschungserfahrung sind, so problematisch erweist sich der Versuch, über die Beschreibung von einzelnen Dingen hinausgehend zu Aussagen über die materielle Kultur einer Gruppe zu kommen. Dies schmälert nicht den Wert der Studie, es zeigt aber, wie schwierig es in einer Epoche globaler Verflechtung geworden ist, Aussagen über eine ethnische Gruppe eine objektive Gültigkeit zukommen zu lassen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Konsum Wissenschaft

Hans Peter Hahn

Hans Peter Hahn, Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, vertritt die thematischen Schwerpunkte materielle Kultur, Museen, Konsum, Migration und Mobilität, sowie Globalisierung. Sein regionaler Schwerpunkt ist Westafrika (Burkina Faso, Ghana, Togo). Aktuelle Forschungen beziehen sich auf das Konzept des »Value-in-Things«, Fragen der Digitalisierung von Sammlungen als Prozess der Transformation, sowie auf die Logiken des Sammelns. Im akademischen Jahr 2022/23 war er als Gastwissenschaftler an der University of Ghana in Accra (Legon) und arbeitet mit seinem ghanaischen Partner zum Thema »Was ist Restitution?«. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zu materieller Kultur. Er untersucht dabei aus verschiedenen Blickwinkeln die Frage, wie das Materielle kulturelles Handeln bedingt, ermöglicht oder einschränkt. Er ist zurzeit Programmverantwortlicher einer deutsch-französischen Doktorandenschule mit dem Titel „Den Anderen repräsentieren: Museen, Universitäten, Ethnologie“ (2023-2027).

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