Amrei Bahr | Rezension |

Zwischen Humboldt und Neoliberalismus

Rezension zu „Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität“ von Peter-André Alt

Peter-André Alt:
Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität
Deutschland
München 2021: C. H. Beck
297 S., 26 Euro
ISBN 978-3-406-77690-8

Wettbewerb, Quantifizierung und Evaluation sind im Zuge der neoliberalen Umgestaltung des deutschen Universitätssystems längst zu dessen Grundprinzipien geworden. Um die eigene Existenz zu sichern, sind Universitäten und ihre Mitglieder beständig gezwungen, sich diesen Prinzipien zu unterwerfen: Die Einwerbung von Dritt- und anderen Fördermitteln wird in Zeiten schrumpfender Grundfinanzierung mehr und mehr zur Grundvoraussetzung für die Aufrechterhaltung des Universitätsbetriebs. Die Rolle der Studierenden besteht vor allem darin, relevante Kennziffern wie etwa die Anzahl der Absolvent*innen möglichst hoch ausfallen zu lassen. Werden diese und andere Zielvorgaben nicht erreicht, steht die Wiederbesetzung von Professuren, mitunter sogar die Existenz ganzer Institute auf dem Spiel. Die Akquise von Mitteln und die Massenabfertigung von Studierenden sowie die umfängliche Beobachtung, Dokumentation und Bewertung dieser Prozesse drohen im deutschen Hochschulsystem zum Selbstzweck zu verkommen, während qualitativ hochwertige und disziplinär vielfältige Forschung und Lehre als eigentliche Kernaufgaben der Universität zunehmend aus dem Blick geraten. Von den negativen Effekten dieser Entwicklung sind nicht allein die Universitäten und ihre Mitglieder betroffen: Angesichts ihrer zentralen Rolle nicht nur im Bildungssystem, sondern auch im gesellschaftlichen Gesamtgefüge geht das Wohl und Wehe der Universität alle an.

Wer diesen Fehlentwicklungen Einhalt gebieten will, darf es nicht bei kritischen Diagnosen belassen. Ebenso wenig empfiehlt es sich, allzu flüchtig an nur einzelnen Stellschrauben des Systems zu drehen – kleinere, punktuelle und oberflächliche Reformen drohen das aktuelle System lediglich zu verschlimmbessern. Es ist daher zu begrüßen, dass Peter-André Alt, seit 2018 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, in seinem gerade erschienenen Buch Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität ein ebenso grundlegendes wie konstruktives Anliegen verfolgt, nämlich ein gründliches Nachdenken über die „Mission der Universität im 21. Jahrhundert“ (S. 7).

Alts Darstellung der Reformen offenbart ein wiederkehrendes Muster: Sie führen die Universität zwar jeweils aus einer bestehenden Krise heraus, allerdings nur, um sie direkt im Anschluss in eine neue zu stürzen.

Wer sich fragt, wie es mit der deutschen Universität weitergehen sollte, tut gut daran, einen Rückblick auf bereits beschrittene Wege zu werfen, um aus früheren Irrungen zu lernen und sie künftig zu vermeiden. Insofern leuchtet es ein, dass Alt im ersten Teil seines Buches zunächst die historische Entwicklung der deutschen Universität seit den 1960er-Jahren nachzeichnet, die durch vielfältige Reformen geprägt ist. Ausgehend vom Ausbau der Universitäten als Reaktion auf die stetig wachsende Anzahl an Studierenden lässt der Autor die aus dem Ringen um flachere Hierarchien hervorgegangene Gremienuniversität ebenso Revue passieren wie die Umgestaltung der Academia zum Massenbetrieb und die Strategien zum Umgang mit den universitätspolitischen Herausforderungen nach der Wende. Alts Darstellung der Reformen offenbart ein wiederkehrendes Muster: Sie führen die Universität zwar jeweils aus einer bestehenden Krise heraus, allerdings nur, um sie direkt im Anschluss in eine neue zu stürzen. Die Entwicklung kulminiert schließlich in der heutzutage allgegenwärtigen neoliberalen Neuausrichtung, die „im Kern […] überzeugend“, ja sogar „lebensrettend für die deutsche Universität“ (S. 49) gewesen sei. Was dem Autor zufolge als notwendiges Übel zur Rettung der Universitäten daherkam, bleibt – daran lässt er keinen Zweifel – in vielerlei Hinsicht dennoch ein Übel, auch wenn die Kritik daran im Rahmen der (durchgehend auf Ausgewogenheit bedachten) Argumentation moderater ausfällt, als es manche*r Leser*in für angemessen halten könnte. Alt schildert eindrücklich, wie an die Stelle von Autonomie und Freiheit der Universität das Konzept der „Organisationsautonomie“ tritt, die „die Freiheit der Institution durch das Erreichen bestimmter Ziele beschränkt“ (S. 53). Universitäten können nunmehr zwar selbst entscheiden, wie sie die ihnen auferlegten Zielvorgaben erreichen, und dabei in gewissem Rahmen auch eigene Priorisierungen vornehmen, aber die Vorgaben als solche entziehen sich ihrer Einflussnahme. Es wäre zu diskutieren, ob sich hier überhaupt noch von universitärer Autonomie oder Freiheit im eigentlichen Sinne sprechen lässt. Unbestreitbar dürfte allerdings Alts Feststellung sein, dass der neoliberale Ansatz eine „weitreichende Umdeutung traditioneller Universitätswerte“ (S. 56) impliziert.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Alt der Analyse des Status quo der deutschen Universität und besinnt sich dabei nichtsdestotrotz auf die traditionellen Werte der Universität, die die normative Folie seiner nachfolgenden Überlegungen bilden. Unmittelbar überzeugen kann in diesem Zusammenhang der Hinweis darauf, dass eine dem Humboldtschen Ideal verpflichtete Idee der Universität sich nicht mit dem vorschnellen Argument zurückweisen lässt, die Realität könne ihr nicht vollumfänglich gerecht werden – das liegt schließlich offenkundig in der Natur des Ideals begründet. Eine solche Idee verbindet Alt daher mit dem moderateren und damit auch realistischeren Anspruch, lediglich als „Näherungskonzept“ (S. 77) für die Weiterentwicklung der Universität zu dienen. Zu diesem Zweck unterzieht er die Spezifika der Institution Universität einer genauen, stets auch normativ orientierten Betrachtung. Zunächst weist er die Vielfalt der Fächer und ihr Zusammenspiel überzeugend als Alleinstellungsmerkmal der Universität aus und plädiert für einen Dialog der Disziplinen, der deren Grenzen und Eigenlogiken würdigt und respektiert. Das Paradox universitärer Führung, die sich ihrer Macht zwar gewahr, mit deren Einsatz jedoch zurückhaltend sein muss, kommt ebenso zur Sprache wie produktive und destruktive Formen des Streits verschiedener Statusgruppen im Rahmen akademischer Selbstverwaltung sowie über das viel diskutierte Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Darüber hinaus bestimmt Alt kollegialen Austausch, die Unterstützung und Würdigung von Lehraktivitäten im Rahmen wissenschaftlicher Karrierewege und ein sinnvolles Zusammenspiel von Präsenz- und Digitalformaten plausibel als Merkmale guter universitärer Lehre. Die unabdingbare Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Administration der Universität verortet der Autor im Spannungsfeld von erkenntnisoffenen Bottom-Up-Prozessen in der Wissenschaft und auf Systematisierung bedachten Top-Down-Ansätzen in der Verwaltung.

Im dritten Teil schließlich thematisiert der Autor die Gestaltungspotenziale, die sich aus seiner Neubestimmung der Mission deutscher Universitäten speisen. Als zentrale Herausforderung der raschen Expansion des Universitätswesens macht er den Umgang mit der Inflation der Anforderungen aus, denen die heutige Universität genügen soll. Der Versuch, daraus entstehende Zielkonflikte zu lösen, resultiere in „Einebnungsprozesse[n]“ (S. 164), die eine Nivellierung einzelner Universitätsprofile nach sich zögen, so Alt. Seiner Auffassung nach ließe sich der dadurch erzeugten Gleichförmigkeit der Universitäten beikommen, indem gezielt individuelle Merkmale sachgerecht gestärkt werden. Wie eine solche Stärkung aussehen kann, buchstabiert der Autor am Beispiel der Fachhochschulen aus, die trotz einiger Parallelen ihre Profile gerade in Abgrenzung zu den Universitäten schärfen. Ähnlich sollten auch Universitäten untereinander agieren, um aus dem allgemeinen Einheitsbrei herauszustechen.

Dass viele Promovierende sich auf diversen Qualifikationsfeldern regelrecht überschlagen, ist schlicht Ausdruck des Kampfes um die eigene berufliche Existenz und Zukunft.

Unter dem Stichwort der Promotionskultur stellt Alt sodann die Vorteile strukturierter Promotionsprogramme heraus und fordert zu Recht, dass die Politik deren nachhaltige Finanzierung sicherstellt. Die Empfehlung des Autors, Promovierende sollten neben der Dissertation nicht allzu viele Publikations- und Vortragschancen ergreifen, verkennt allerdings die Motive, die einem solchen Vorgehen zugrunde liegen: Gerade in der Qualifizierungsphase sind junge Wissenschaftler*innen aufgrund der desolaten Stellensituation im Universitätsbetrieb gezwungen, auf möglichst vielen akademischen Hochzeiten zu tanzen. Dass viele Promovierende sich auf diversen Qualifikationsfeldern regelrecht überschlagen, ist schlicht Ausdruck des Kampfes um die eigene berufliche Existenz und Zukunft. Das gilt im Besonderen für diejenigen, die nicht über die persönlichen Voraussetzungen verfügen, die im deutschen Wissenschaftssystem üblichen Befristungen, Teilzeitstellen und Phasen der Arbeitslosigkeit abzufedern.

Um der gegenwärtig vorherrschenden unübersichtlichen Uneinheitlichkeit wissenschaftlicher Karrierewege innerhalb des deutschen Hochschulsystems Abhilfe zu schaffen, plädiert Alt für deren Vereinheitlichung: Promotion in Graduiertenschulen auf festen Stellen mit vier Jahren Laufzeit, Sicherung eines universitären Mittelbaus, Berufung auf eine Juniorprofessur mit Tenure-Track als Regelfall. Das Bündel der im dritten Teil des Buches genannten Maßnahmen in den Bereichen Lehre, Promotion und Berufung fasst er als geeignetes Mittel auf, der deutschen Universität ein klares Profil zu verleihen und sie damit im internationalen Vergleich besser aufzustellen. In diesem Kontext spielt für den Autor Vielfalt eine Schlüsselrolle. Es sei nicht allein Teilhabegerechtigkeit, die Vielfalt erforderlich mache – Vielfalt stelle überdies auch eine Voraussetzung wissenschaftlicher Produktivität dar: „Diversität ist im Universitätsbetrieb keine Hypothek, sondern eine reiche Quelle intellektueller Kreativität.“ (S. 231) Es ist zu hoffen, dass diese beiden schlagenden Argumente zukünftig zu einer deutlich stärker auf Diversität bedachten Besetzungs- und Berufungspolitik führen werden. Abschließend verortet der Autor die Universität im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Autonomie und Organisation. Obgleich er diese beiden Modi als miteinander unvereinbar beschreibt, zeigt er sich abschließend zuversichtlich, dass die deutsche Universität den Spagat zwischen beiden Modi meistern und so die eigene Stellung sichern könne.

Wer wissenschaftspolitisch interessiert ist, wird Alts Buch mit großem Gewinn lesen. Es bietet aufschlussreiche wie diskussionswürdige Analysen und Empfehlungen zu vielen drängenden Fragen, denen sich die Universität stellen muss, will sie ihre herausragende Position im deutschen Bildungssystem wahren. Wichtige Fragen jedoch bleiben weiterhin offen. So wird beispielsweise nicht klar, wie eine Vielfalt der Fächer erhalten werden soll, wenn gleichzeitig Drittmittel-Performance, Kapazitäts- und Auslastungsfragen für das Fortbestehen von Arbeitsbereichen und Instituten entscheidend bleiben. Legt der von Alt immer wieder betonte Unterschied disziplinärer Eigenlogiken nicht nahe, pauschale Kennzahlen grundlegend zu überdenken? Es sollte doch gerade nicht darum gehen, „in die Krise geratenen Disziplinen […] wieder die Möglichkeit zum Aufschließen und Aufholen“ (S. 254) zu bieten, denn die Rahmung als Krise verdankt sich ja überhaupt erst der Blindheit gegenüber disziplinären Eigenheiten, die sich in Leistungsindizes des immer gleichen Typs niederschlägt.

Eine weitere offene Frage betrifft die zahlreichen Wissenschaftler*innen ohne Professur, die die mit Abstand größte Gruppe des wissenschaftlichen Personals ausmachen. Sie kommen in Alts Überlegungen in erster Linie als wissenschaftlicher „Nachwuchs“ vor, der angemessener Qualifikation und Förderung bedarf. Es sind allerdings diese Wissenschaftler*innen, die in deutschen Universitäten einen beachtlichen Teil der Forschung und Lehre stemmen. Auch innerhalb der neoliberalen Logik der Kennzahlen tragen sie eine erhebliche Last: Sie sind maßgeblich für die Einwerbung von Drittmitteln und die Betreuung von Studierenden verantwortlich. Der Realität des deutschen Universitätsbetriebs wird eine Reduzierung auf die Rolle der Qualifikand*innen, die auch im problematischen Terminus „Nachwuchs“ zum Ausdruck kommt, nicht gerecht. Wie kann eine angemessene Würdigung dieser Wissenschaftler*innen aussehen, die an die Stelle einer nicht mehr zeitgemäßen Fokussierung auf die Professur als Nabel der Wissenschaft tritt und sich auch in adäquaten Beschäftigungsverhältnissen widerspiegelt? Statt prekärer Arbeitsbedingungen, die überwiegend durch Kurzzeit-Kettenbefristungen und ein erzwungenes Ausscheiden nach den im Wissenschaftszeitvertragsgesetz festgeschriebenen 12 Jahren Höchstbefristungsdauer gekennzeichnet sind, braucht es verlässliche Perspektiven. Die von Alt vorgeschlagenen vier Jahre Mindestvertragslaufzeit bieten für die Karrierephase der Promotion einen guten Anhaltspunkt. Dienlicher als eine Entfristungsquote von 30 %, wie der Autor sie ebenfalls vorschlägt, wäre es hingegen, für Wissenschaftler*innen, die durch die Promotion bereits qualifiziert sind, die Entfristung als Regelfall universitärer Beschäftigung zu gewährleisten – und dabei statt der bisherigen Fokussierung auf die Professur auch wieder verstärkt andere Stellentypen einzurichten.

Wenn alle alles machen müssen, machen sie nichts richtig gut und können sich auch mit nichts profilieren. Das gilt für Universitäten genauso wie für ihre Mitglieder.

Alts Ausführungen halten eine zentrale Einsicht bereit: Um zukunftsfähig zu sein, muss die deutsche Universität Mut zur Vielfalt beweisen. Dazu zählt sowohl die Vielfalt individueller Universitätsprofile als auch die Vielfalt ihrer Beschäftigten. Das setzt aber voraus, dass überbordende Anforderungskataloge auf der institutionellen wie individuellen Ebene durch mehr Flexibilität ersetzt werden. Wenn alle alles machen müssen, machen sie nichts richtig gut und können sich auch mit nichts profilieren. Das gilt für Universitäten genauso wie für ihre Mitglieder. Diese Einsicht sollte nicht nur im Selbstverständnis der Universitäten Berücksichtigung finden, sondern auch der Anforderungsinflation ein Ende machen, mit der ihre Mitglieder derzeit zu kämpfen haben und die strukturelle Ungerechtigkeit verschärft, statt Vielfalt zu schaffen. Denn: Eine Universität ist nichts ohne ihre Mitglieder. Nur, wenn sie durch faire Bedingungen die Gelegenheit zur Entfaltung individueller Stärken unter individuellen Voraussetzungen erhalten, gewinnt auch die Universität ein starkes Profil.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Bildung / Erziehung Politik Universität Wissenschaft

Amrei Bahr

Amrei Bahr ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Philosophie der Artefakte, die Ethik des Kopierens und die Ethik der Abfallentsorgung. Sie engagiert sich für gute Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, u. a. im Rahmen der von ihr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon initiierten Twitter-Aktionen #95vsWissZeitVG und #IchBinHanna.

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