Manja Präkels | Essay |

Zwischen Leere und Tribüne

Straße als Schauplatz von unsichtbaren und sichtbaren Kämpfen

„Erinnerst Du Dich, wie leer die Stadt war, wie gespenstisch still, in den ersten Monaten der Pandemie? Ausgangssperren, eingeschränkte Kontakte?“

Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema kamen. Wahrscheinlich hatte ich von einer meiner Fahrten durchs Land berichtet. Querfeldein. Vom Unterwegssein im entleerten Raum. Wir saßen in einer dieser wuseligen Nebenstraßen der Neuköllner Sonnenallee, unweit ihrer gerade noch bezahlbaren Einzimmerwohnung, als die Berliner Freundin von einer Furcht erzählte, die den Straßendörfern Brandenburgs galt. „Ich habe dort noch nie einen Menschen gehen sehen. Pandemie hin oder her.“ Sie assoziiere Zombiefilme oder andere postapokalyptische Stoffe mit diesen langgezogenen Siedlungsflecken, die sie regelmäßig auf dem Weg nach Norden, Richtung Ostsee, durchquere. Und ich gab ihr Recht.

Was sie da beschrieb, ist kein neues Phänomen. Auch keines, das nur die Dörfer betrifft. Doch seit wann ist das so? Was hat ihn ausgelöst, wie vollzog sich dieser offensichtliche Verlust von Gemeinschaft und Struktur des öffentlichen Lebens im ländlichen Brandenburg?

Noch in den späten Achtzigerjahren der zerbröselnden DDR hatten Kirchenkeller und Dorfsäle eine ungemeine Sogwirkung auf Aussteiger, Blueser, Hippies, Metallheads, Popper, Grufties und Punks gehabt. Sie trampten durch das Land, erleuchteten mit den Scheinwerfern ihrer Mopeds die holprigen Alleen, fielen aus Zügen in Bahnhofsgaststätten ein. In den Gasthöfen und Konsumläden konnten sich die verunsicherten Einheimischen tags darauf über die neuesten Ungeheuerlichkeiten austauschen. Die Haltestellen und Marktplätze der kleinen Städte fungierten als Orte der Begegnung auf dem Weg zur Arbeit, in Mittagspausen, nach Feierabend. Die regelmäßigen Berührungen von Alltag und Subkultur schufen Korridore des Staunens, der Konfrontation, von Anziehung und Abwehr.

Manchmal knallte es auch. Heftig. Meist umweht von Alkoholfahnen. Die belebte Straße ist kein Garant für Frieden. Im Gegenteil. Sie ist Schauplatz von sichtbaren und unsichtbaren Kämpfen um Hoheit, um Präsenz. Um das, was Welt bedeutet. Darum, wie Welt sich in Körpern und Köpfen konstituiert.

Fußball lieben kann ich nicht. Warum?

Ich bin in der Nähe eines Sportplatzes aufgewachsen. Unser Haus stand an einer belebten Kreuzung einer märkischen Kleinstadt. Nach den Spielen der sogenannten Herrenmannschaft fielen Abschiede dort besonders schwer. Die Männer wollten weiter feiern. Meckern. Zusammensein. Wie viele Nächte lagen wir Kinder hinter heruntergelassenen Rollläden wach, weil „die Besoffenen“ direkt auf dem Fensterbrett unseres Zimmers saßen. Es klang fast, als hockten sie auf der Bettkante. Die morsche Holzjalousie verbarg uns vor ihnen, aber ihre Münder waren so nah, dass wir den Atem anhielten. Manchmal war es schwer, sich das Lachen zu verkneifen, weil ihr Lallen lustig war oder weil wir einen Nachbarn erkannten und Dinge erfuhren, die wir bestimmt nicht wissen sollten. Wir lernten, wie sorglos und hart Erwachsene urteilen. Und manchmal waren die Männer sehr böse, knurrten und bellten. Dann hörten wir, wie sich der Vater fluchend aus dem Bett quälte, hinauslief. Und die Besoffenen beschimpfte, bis sie schließlich lautstark zurückfluchend das Weite suchten. Meist aber saßen die Eltern bei lauten Fernsehgeräuschen im Wohnzimmer und ignorierten die Lage draußen. Froh, den Tag, die Woche voller Arbeit überstanden zu haben.

Die Geräuschkulisse rund um das benachbarte Spielfeld prägte mich nicht nur dieser Erfahrungen wegen. Liebesgebrüll und Hassgesänge gehörten zum Klang eines jeden Wochenendes, ebenso wie das Raunen der Menge, wenn ein Ball knapp am Tor vorbeiging, enthemmter Jubel, wenn die eigene Mannschaft traf. So lernten wir, die Stimmung nach dem Abpfiff zu antizipieren. Ein Dilemma: Sollte ich „Unseren“, also den Einheimischen, lieber Sieg oder Niederlage wünschen? In beiden Fällen wurde es schwer mit der Nachtruhe. Egal, wer am Ende gewann – wir würden unsere Köpfe unter Kissen verbergen und hoffen, dass die Vorräte an Bier und Schnaps und unbestimmter Wut bald zur Neige gehen würden. Was ich mir merkte, so oder so: Duck dich lieber weg bei lautem Jubel.

Später, die DDR war sang- und klanglos untergegangen, durchquerte ich dieselbe Gegend als Lokalreporterin. Die versierten Redakteurinnen ließen mir Anfängerin thematisch das, was sonst oft liegenblieb: Jugend, Kultur und Feste. Und ich war froh darüber. Froh, nicht stundenlang bei Gemeindevertretersitzungen zu hocken, Friedhofsgebührensatzungen durcharbeiten oder mit Rotkäppchen-Sekt an Stehtischen den Reden zur Eröffnung von Sparkassenfilialen oder Autohäusern zuhören zu müssen. Stattdessen schulte ich meinen Blick am Alltäglichen, Ritualisierten. In einem sich rasant verändernden Alltag.

Anfangs schien es, als verwandle sich die Straße in eine Bühne. Alle kauften Autos, die oft nur wenige Wochen fuhren, verbrauchten zu viel Benzin und manche Fahrt endete an einem der Alleebäume, die plötzlich im Weg standen. Als wären die Straßen zwischen den Orten geschrumpft, zu schmal geworden. Fliegende Händler fielen mit geliehenen Autos ein. Sie betrogen mit ihren Zeitschriftenabos, den Versicherungspolicen, Lexika und Staubsaugern, wen sie nur konnten. Anfangs willkommen, bald durchschaut und für immer verdächtigt, riss die Welle der Vertreterinnen wieder ab. Straße als Laufsteg: Menschen beäugten gegenseitig die neuen Kleider und Frisuren, bis die waghalsigen Modelle seltener wurden und sich neue Einheitsschnitte durchsetzten. Andere landeten gleich ganz auf der Straße: Haus privatisiert (Achtung, Vorfahrt: Eigentum vor Entschädigung), Arbeitsplatz verloren oder gleich beides weg. Und dann die jungen Leute, die Kinder, die Verliebten! Kindergärten, Klubs und Kinos geschlossen. Nur Abriss. Nur noch dicht.

In den 1990er-Jahren lokal zu berichten, bedeutete auch, die Besetzung öffentlicher Orte, von Einrichtungen, Straßen und Plätzen durch Horden meist männlicher rechtsextremer Jugendlicher gänsehautnah miterleben zu müssen. Die „Glatzen“, wie wir sie nannten, nahmen sich den Raum, füllten die Leere, waren überall, immer in der Überzahl und niemals unbewaffnet. Wer es sich leisten konnte, schaffte sich blickdichte Schallschutzrollos an. Sorglos lief bald keiner mehr die nächtlichen Gassen entlang. Die Antwort fürchtend, sprach niemand mehr ein Wort in ihre Richtung. Und auch die legendären Dorfdiskotheken wurden beliebte Ziele für Überfälle, Gewaltorgien, Vernichtungsfeldzüge. Menschen starben, wurden verletzt und traumatisiert. Versicherungen zahlten nicht. Gasthöfe schlossen für immer.

Die Straße war ein Angstort. Geworden? Die Jäger, noch jung und unerfahren, unterschieden nicht. Ihre Niedertracht wurde bald Legende. Hassgesänge aus tragbaren Stereorekordern, T-Shirts mit den neuen Helden, Tätowierungen auf Handrücken, Hälsen – dieselben Symbole an allen Wänden. Das waren die Zeichen. So wurde markiert. Hier sind wir. Nicht ihr.

Transitzonen wachsen still

Heimat ist ein Raum aus Zeit. Der unlängst verstorbene Dokumentarfilmer Thomas Heise hat Geschichte „als Haufen“ betrachtet.[1] Auch die Geschichte der weit sich hinziehenden Orte zwischen Berlin und der Oder-Neiße-Grenze. Der „Friedensgrenze“, wie sie in meiner Kindheit genannt wurde. Über Jahrzehnte hinweg beobachtete ich auf vielen Ausflügen, immer am Grenzfluss entlang, die sich verschärfenden Gegensätze hüben und drüben: Auf polnischer Seite führten Dorfbewohnerinnen ihre Gespräche quer über die Straße, aus Fenstern, an Tore gelehnt. Regelmäßig sah man Passanten, meist grüßend, redend, Bezug aufeinander nehmend. Am anderen – deutschen – Ufer warnte es allzu oft leer und verrammelt: Bleib, wo du bist! Korrespondieren die Wahlergebnisse mit dem Zustand der Straßen? Je leerer und unlebendiger der Ort, desto blauer – oder brauner? Der Augenschein legt es nahe. Und was war zuerst da: die Zombies oder die Leere?

Ich verlasse Berlin in nördlicher Richtung, vorbei an Kleingartenanlagen, über denen neben schwarz-rot-goldenen die Reichskriegsflaggen wehen. Frühling in der Prignitz. Ich fahre durch leere Landschaften. In unregelmäßigen Abständen ist die Straße von Häusern gerahmt. Straßendörfer, Angerdörfer, Straßenangerdörfer. Immer drängen sich die nur scheinbar unbewohnten Häuser dicht aneinander, meist mit Sicherheitsabstand zur Straße. Niemand kann in die frisch verputzten Eigenheime hineinsehen. Kein Mensch unterwegs. Nur wir, die Durchquerer, in unserem PKW. Der alte Dorfkrug ist lang verkauft und der Öffentlichkeit entzogen. Ein Getränkemarkt hat Sperrholz vor den Fenstern, der wird sicher geschlossen bleiben. Der Schulbus hält, spuckt zwei Halbwüchsige aus. Sie schubsen sich, rangeln. Der kleinere trägt ein T-Shirt der Böhsen Onkelz. Das sind die Zeichen.

Brandenburg ist vielen nur als Durchfahrtsland bekannt. Zur Ostsee. Nach Polen. Niemand weiß genau, wo Brandenburg aufhört und Mecklenburg beginnt. Ist auch nicht so wichtig. Oder? Im bei Touristen beliebten Ausflugsörtchen Rheinsberg mit seinem Schloss und dem Tucholsky-Museum, dem See und den Fahrgastschiffen ist es sommers rappelvoll. Auf den Straßen nach Norden stauen hinter den Autos von Urlaubern und Ferienhausbesitzern die Lieferlastfahrzeuge. DHL, UPS, DPD. Seit Jahren kämpft eine Bürgerinitiative so verzweifelt wie erfolglos für eine Umgehung. Denn in der Rheinsberger Mühlenstraße drohen die alten Fachwerkshäuser der ständigen Erschütterungen wegen in sich zusammenzufallen. Und selbst im Winter, wenn der kleine Ort kurz aufatmet, die Leute für einen kurzen Moment unter sich, schweigsam und versonnen sein dürfen, die Kellnerinnen ihr Diensleistungslächeln feierlich im Unterholz verbrennen, dröhnen die Anhänger von Amazon, das eines seiner Hauptlager in der Nähe hat, über das Kopfsteinpflaster an der alten Mühle.

Dem Dröhnen halten, neben den Werbeschildern für hübsche Ausflugsziele, auch Zeichen der Erinnerung stand: Gedenktafeln für die Todesmärsche. Von den KZs Sachsenhausen und Ravensbrück wurden 16.000 Menschen nach Raben Steinfeld südlich von Schwerin geschickt. Straße als letzter Weg. Das war im April vor 79 Jahren.

Seit ich diese Gegend der Wenigen vor Jahrzehnten verließ, bin ich eine von vielen. Auf Durchreise. Meist unterwegs zu einer Lesung, einem Konzert, einer Schreibwerkstatt mit Schülerinnen oder einem Platz, wo es still ist. Wo man Sterne sehen kann. Dann betrachte ich Orte und Landschaft aus der sicheren Entfernung eines Zugfensters. Oder von den harten Sitzen eines in die Jahre gekommenen „Schlenkers“, wie man hier die Gelenkbusse nennt. Wartend an Haltestellen, Bahnhöfen, vor Ruinen. Abseits, mit verlassenen Fahrrädern, die sind jetzt Teil der Landschaft. Oder im Auto, den eigenen kleinen Privatraum mit mir führend, beschützt vor der Leere märkischer Alleen und endloser Felder. Längst verwandeln sich die Scheibenwischer nicht mehr in blutige Fallen, in Insektenfriedhöfe. Nein, nein. Um sterben zu können, muss man vorher gelebt haben. Das gilt auch für Käfer, Bienen, Schmetterlinge.

Zugfensterblick auf der Rückfahrt von Rostock nach Rheinsberg über Gransee. Kleine Mähroboter ruckeln durch die Vorgärten. Die Bahn bewirbt in den Waggons eine „Gruseltour und Gänsehaut in Wismar“. Windräder drehen sich hinter kahlen Baumwipfeln. So friedvoll. So viel Ärgernis. Die Landschaft! Unsere schöne deutsche Landschaft! Der Wald schweigt und stirbt weiter. Kornblumenblau und klatschmohnrot die Felder. Schon seit Wochen. Mittsommerfrüh. Solarfarmen glänzen schwarz zwischen Fabrikruinen.

„Hey you, over there / change your heart instead of stare“ – singt Beth Gibbons nur für mich.[2]

„Sucht nach Zeichen der Liebe“, hatte ich die Schülerinnen und Schüler bei meinem Workshop am Vormittag aufgefordert, und sie waren rasch fündig geworden. Hansa-Rostock-Aufkleber nannten sie als Beispiel für Heimatliebe, und: „Da lief eine Frau mit Hund und einer Schale Erdbeeren in der anderen Hand.“ Das hätte so liebevoll gewirkt. Auch ein älteres Paar war ihnen aufgefallen. Der Mann stützte seine Frau, die konnte nicht mehr so gut laufen. „Und er sah gar nicht genervt aus.“

Beim Halt in Güstrow durchbricht das Schwarz-rot-gold einer Fahne, groß wie ein Bettlaken, das Grau-in-grau der Fassaden am geschlossenen Bahnübergang. Davor steht eine Gruppe offensichtlich Nichteinheimischer. Offene Gesichter, auffällige Typen, Welt. Unweigerlich fürchte ich um sie.

Dann wieder grün, ja grün, das den Bahndamm von beiden Seiten umschließt. Ob es stimmt, dass sie bei den Sonnenwendfeiern vergangene Nacht alte Volkslieder sangen? Welche wohl? Ob die Augen und Gesichter der Menschen im Angesicht des Feuers glänzten? In meiner Facebook-Timeline trugen sie schwarz-rot-goldene Tarnkappen. Nur noch Augen, Mund, Nation.

Im Weizenfeld stehen die Kraniche. Mein Smartphone erläutert: „Die Schönheit der Kraniche, ihre spektakulären Balztänze und ihr gut zu beobachtender Zug haben schon in früher Zeit die Menschen fasziniert. […] Er war ein Symbol der Wachsamkeit und Klugheit und galt als ‚Vogel des Glücks‘.“[3]

Pech nur für die von Trockenheit verdrängten Störche, die nun weiter südlich die Froschwelt durchforsten und Mäuse das Fürchten lehren.

In Langenhagen schleppt sich ein versehrter Mann in das Abteil. Sackt auf dem ersten Sitz in sich zusammen. Gelbgesichtig. Mir zugewandt das zerschlagene Auge. Er sieht mager aus. Droht, von seinem Sitz zu gleiten. Seine Fahne weht durch den ganzen Wagon. Er berappelt sich, setzt die Kapuze auf und schaut in sein Telefon. Dann springt er auf, wankt. Schwankt. Abgang. Szenenende.

Wir passieren Waren. Auch hier kein Mensch auf der Straße. Dafür Autos. Jeder im eigenen. Jeder mit eigenem Deutschlandwimpel, flatternd im Wind. Ein Erstklässler, hatte mir eine Mitarbeiterin des Rostocker Literaturhauses erzählt, habe neulich eine nichtweiße Autorin mit den Worten verabschiedet: „Bis demnächst in Afrika!“ Und eine zufällige Zuhörerin hatte kommentiert: „Ich hasse Menschen.“ Ein paar Tage zuvor war das nach dem Antifaschisten Peter Weiss benannte Haus von einem AfD-Abgeordneten bedroht worden: „Nicht mehr lange, dann mach ich den Laden hier dicht.“ Alles kommt wieder. Als blutige Farce. Oder? „Und die Massenmörder gehen frei herum und züchten Blumen.“ (Joseph Wulf)

Der Regionalzug fährt weiter in Richtung Berlin. Ich beobachte zwei Männer, die aussehen, als würden sie sich auf ein Überleben im Wald vorbereiten. Wahrscheinlich tun sie das auch. Die Haare sind entweder weg oder da. Nichts dazwischen. Unfrisiert. Werden auch sie Teil der Landschaft?

Zwischen Neustrelitz und Fürstenberg kreuzt die Bahnlinie die so typischen breiten Schneisen für zweigleisige Freileitungsmasten. Am Bahnhof: Birken wachsen durch die Dächer verlassener Wirtschaftsgebäude. Die Anmut einer Speicherruine am See. Kein Mensch. Kein Tier. Der Regen nun. Ab jetzt wuchert Wald zum Zug. Greifen Äste, Büsche hinüber. Unterbrochen von Heide – Wald – Heide. Wir passieren Fürstenberg. Nur unweit, im Lager Ravensbrück, begann der Todesmarsch der Frauen. In Dannenwalde steht ein hagerer Junge allein im Regen. Uniformiert. Ein Glatzkopf, wie aus der Zeit gefallen, dabei sieht er seine Zeit wahrscheinlich gerade erst gekommen.

Re-enacment der Neunzigerjahre

Zum ersten Mal hatte ich das vor fast genau einem Jahr gesehen, bei einer Schullesung in Pasewalk. Die Jungen saßen in der vierten oder fünften Reihe, auffällig. Wegen der Glatzen. Sie sahen genauso aus, wie die Jungen meiner Alterskohorte damals, Anfang der Neunziger. Haargenau (haha). Domestos-Jeans, schwarz-rot-goldene Hosenträger, Fred-Perry-Poloshirts. Pubertätspickel. Nur die Springerstiefel fehlten. Weil die Direktorin ein Verbot erlassen hatte. „Die gehören zur Völkischen Bruderschaft in Strasburg“, erklärte sie mir. Von da an sah ich sie öfter. Wurden sie mehr. Die Wiedergänger. Alter Tagebucheintrag, wiederentdeckt im Oktober 2023: „Ost-ost-ostdeutschland. Das pfeifen die Glatzen von den Dächern.“

Mein Telefon piept. Kurzer Kontakt zwischen den Funklöchern. Es ist nur Werbung. Der Online-Marktplatz Ebay grüßt: „Hallo Retro-Sommer! Juni 1999: Sonne und Eis? Check. Und du? Legst einen sauberen Kickflip auf dem Skateboard hin. Feiere das Retro-Feeling in dieser Saison und freu dich auf tolle Rabatte!“

Es ist Mitte Juni. Fußballzeit. Biertrinkende Männer auf Straßen, Plätzen, in Zügen und Autos, im Fernsehen, auf Fensterbrettern. Europameisterschaft. Deutschland ist Gastgeberland. In meiner Facebook-Timeline taucht der Eintrag eines Kollegen auf:

„nachdem am Vorabend D gegen Schottland das Auftaktspiel der EM gewann gestern erinnerte ich mich plötzlich an die besoffenen rechten fan-horden, die 1990 in leipzig nachts nach dem deutschen wm-fußballsieg grölend die menschenleere georg-schuhmann-straße entlangzogen – und wie schaurig es zwischen den nächtlichen häusern widerhallte.“

Eine Schlagzeile desselben Morgens lautet: „Rassistischer Angriff in Grevesmühlen“. Zwanzig gegen zwei. Kinder werden von Kindern gehetzt und verletzt. Warum? Weil sie Schwarz sind. Die nächste Schlagzeile verkündet, dass Angst und Schrecken nach Abpfiff auch die Straßen Warnemündes beherrschten. Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem fußballverrückten Kollegen vor ein paar Wochen. In der Furcht vor der nahenden EM waren wir uns einig gewesen. Zweifelten aber, was schlimmer wäre – Sieg oder Niederlage für das deutsche Team? Die Antwort ist dieselbe, wie damals, nachts, in Sportplatznähe: Duck dich lieber weg. So oder so.

In Berlin platzt die Fanmeile aus allen Nähten. Die halbe Stadt ist abgesperrt. Bitte umfahren Sie die Gegend weitläufig. Jubel. Fahnen. Bierverkäufer im Umsatzrausch. Bitte umfahren Sie die Gegend weitläufig. Ich packe meine Koffer und fahre, fahre, fahre. Weitläufig. Durch die Gegend. In der Stadt ist der Anpfiff ein Straßenfeger. Auf dem Land, wo man selbst zum Besuch der Nachbarn sechs Häuser weiter das Auto nimmt, braucht es das nicht. Hoffentlich ist keiner von uns draußen unterwegs. Egal auf welcher Straße.

  1. Thomas Heise, Material, Dokumentarfilm, Deutschland 2009.
  2. Aus dem Song „Lost Changes“ vom Album Lives Outgrown (2024).
  3. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Kraniche [23.6.2024].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Affekte / Emotionen Demokratie Erinnerung Familie / Jugend / Alter Sozialgeschichte Stadt / Raum

Abbildung Profilbild Manja Präkels

Manja Präkels

Manja Präkels (*1974) ist Autorin und Musikerin. Als Reporterin dokumentierte sie die gesellschaftlichen Verwerfungen der 1990er-Jahre in Brandenburg. In ihrem preisgekrönten Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ sowie dem zuletzt erschienene Essayband „Welt im Widerhall oder war das eine Plastiktüte?“ thematisiert sie rechte Raumgewinne. Präkels betreibt Schreibwerkstätten an Schulen und stiftet in Kooperation mit dem Theater HAU (Hebbel am Ufer) Allianzen mit Nachbarinnen in Berlin. (©Christoph Voy)

Alle Artikel

Teil von Dossier

Umschwung Ost

Vorheriger Artikel aus Dossier: Ostdeutsche Gravitationskraft

Nächster Artikel aus Dossier: Orte, die von uns erzählen

Empfehlungen

Juri Auderset

Die bäuerliche Welt von Gestern

Rezension zu „Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland“ von Ewald Frie

Artikel lesen

Stephanie Kappacher

Aufgelesen

Die Zeitschriftenschau im Mai 2023

Artikel lesen

Newsletter