Miriam Schad | Rezension |

Zwischen Sicherheitsbedürfnis und Selbstentfaltung

Rezension zu „Lebensführung unter Spannung. Die junge Mittelschicht auf der Suche nach Orientierung“ von Stefan Holubek-Schaum

Abbildung Buchcover Lebensführung unter Spannung von Holubek-Schaum

Stefan Holubek-Schaum:
Lebensführung unter Spannung. Die junge Mittelschicht auf der Suche nach Orientierung
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2021: Campus
373 S., 39,95 EUR
ISBN 978-3-593-51442-0

Mittelschichten sind kein klar umrissener Untersuchungsgegenstand: Sie gelten als wirtschaftlich stabilisierend,[1] als politisch gemäßigt[2]oder als ökologisch bewusst.[3] Manche gehen davon aus, dass sich insbesondere aus ihren Reihen sogenannte Corona-Leugner rekrutieren,[4] andere vermuten hier sogar eine wichtige Basis rechtpopulistischer Kräfte.[5] Sie werden wahlweise als extrem verunsichert oder als sehr resilient bezeichnet. Je nach Operationalisierung der jeweiligen Studie variieren auch die Aussagen darüber, wie groß die Mittelschicht eigentlich ist.[6] Der Grund für die vielschichtigen und zum Teil konträren Zuschreibungen und Befunde ist die Heterogenität sozialer Lagen, die sich hinter dem Schlagwort „Mittelschicht“ (oder auch „Mittelklasse“) verbirgt. Hält man also eine empirische Arbeit zu Mittelschichten in den Händen, stellt sich zu Beginn die Frage, welches Segment der sozialen Mitte die jeweilige Studie genauer betrachtet.

Wie schon der Untertitel verrät, beschäftigt sich das Buch von Stefan Holubek-Schaum mit der „jungen Mittelschicht“. Damit meint er überraschenderweise eine Kohorte von 35- bis 46-jährigen (man erwartet doch eine jüngere Untersuchungsgruppe) mit unterschiedlichen ökonomischen Positionen und Bildungsabschlüssen (S. 104). Auf Basis von 15 biografischen Interviews möchte der Autor mehr über die Lebenssituation seiner Gesprächspartner:innen herausfinden, insbesondere ihre Erfahrungen in früheren Phasen des Erwerbsverlaufs. Dabei stellt er den Lebenslauf und die Lebensführung ins Zentrum seines Forschungsinteresses.

Statusaspirationen einer Generation

Ausgangspunkt der Studie sind die prominent vorgetragenen Krisendiagnosen zur sozialen Mitte, die unter Druck gerate und ihren Status aktiv herstellen und reproduzieren müsse. Die von Holubek-Schaum untersuchte Generation galt in der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 als zuversichtlich und überzeugt von der eigenen Leistungsfähigkeit. Sie versuchte, durch Zukunftsplanung Risiken zu vermeiden, und verstand den eigenen beruflichen Werdegang als selbst gewähltes Lebenskonzept (S. 15). Inwiefern sich die berufsbiografischen Erwartungen dieser Generation in der frühen Erwerbsphase tatsächlich entsprechend erfüllten, eruiert und differenziert Holubek-Schaum in dichten empirischen Beschreibung unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten.

Dies ist zu begrüßen, da (insbesondere die qualitative) Mittelschichtsforschung in Deutschland lange etwas eingeschlafen schien. Den Annahmen zum Lebensführungsmodus im Sinne einer „investiven Statusarbeit“[7] fehlte die empirische Unterfütterung. Bemerkenswert ist die Bandbreite an sozialen Lagen, die der Autor hierbei in den Blick nimmt. So finden sich etwa eine Arzthelferin, ein Hilfskoch, ein Stuntman, eine Handwerkerin, aber auch eine Lehrerin, ein Polizist oder ein Architekt unter den Interviewpartner:innen. Die Aufzählung macht deutlich, dass ein Teil der dargestellten Lebenssituationen eher der unteren Mittelschicht (mit durchaus prekärem Potenzial) zuzuschreiben ist.

Erwerbsbezogene Orientierung

Holubek-Schaums Analysen verdeutlichen die Relevanz der ökonomischen Basis für die Lebensführung. Dennoch ist der Versuch, den eigenen Status zu erhalten oder zu verbessern, nicht in allen Fällen strukturgebend. Die identifizierten Orientierungen bewegen sich zwischen „Sachzwang und Sinnzwang“ (S. 313), weshalb es zu unterschiedlichen Formen der Selbstentfaltung kommt (S. 198 ff.).

Anhand der biografischen Narrationen arbeitet der Autor unterschiedliche Phasen der erwerbsbezogenen Orientierung heraus, die unabhängig von Berufsfeld und sozialer Position zu beobachten sind: biografisches Suchen, Initiierung, Bewährung sowie Spezifizierung. Holubek-Schaum macht seine Unterscheidung mithilfe von Fallanalysen deutlich und formuliert die einzelnen Phasen nachvollziehbar aus. Die Gesprächspartner:innen setzen typischerweise keinen vorab bestehenden Lebensplan sukzessive um, ihre Berufsbiografien stellen vielmehr Suchbewegungen dar, die von Ausprobieren und Neuausrichten geprägt sind. Unklar bleibt allerdings, inwiefern die vier rekonstruierten Phasen als besonderes Charakteristikum der Mittelschicht zu verstehen sind beziehungsweise ob sie nicht auch in benachteiligteren oder privilegierteren Lagen zu beobachten sind.

Die sich mit der Zeit einstellende Orientierung konzeptualisiert der Autor als doing orientation (S. 183 ff.) und berücksichtigt dabei auch den doppelten Charakter von Herstellungsleistungen und Routinen in der Lebensführung (S. 60). Somit kann er auch das „aktive Ringen“ (S. 189) der Interviewpartner:innen konzeptionell fassen und verfällt keinem Strukturdeterminismus. Denn in jedem biografischen Verlauf werden selbst- und fremdbeeinflusste berufliche Entwicklungen zur ‚eigenen Geschichte‘ gemacht.

In den daran anschließenden Analysen sind die für mittlere Lagen viel beschworenen Charakteristika wie „Leistungsethos“ und „Planungsimperativ“[8] empirisch nicht gedeckt: Es gibt zwar durchaus mittlere Lagen, die sich stark am sozioökonomischen Status orientieren und denen berufliche Karrieren und monetärer Erfolg wichtig sind. Aber nicht alle Angehörigen der Mittelschicht stellen das Statusstreben ins Zentrum ihrer Lebensführung und verfolgen es um jeden Preis. So rekonstruiert der Autor zudem Orientierungen auf Gemeinschaft sowie beruflichen Stolz. Die Gemeinschaftsorientierung führt mitunter dazu, dass die Einzelnen ihre beruflichen Ziele der sozialen Integration unterordnen. Beruflicher Stolz drückt sich in einem Streben nach tätigkeitsbezogener Meister:innenschaft aus, in diesen Fällen sind der ökonomische Verdienst oder die Karriereoptionen nachrangig gegenüber der inhaltlichen Arbeit. Die Diversität der Befunde bestätigt die Annahme, dass es eben keine „milieuübergreifende Homologien eines mittelschichtsspezifischen Erfahrungsraumes“ (S. 49) gibt.

Mit und gegen die Familie

Die interessanten und bemerkenswerten Ergebnisse machen deutlich, dass berufsbiografische Entscheidungen meist in Abhängigkeit vom sozialen Umfeld und insbesondere von der Erwerbssituation der Partnerin beziehungsweise des Partners getroffen werden. Teils sind sie auch nur dank intergenerationaler Unterstützungsleistungen möglich. Diese Art der Verschränkung von Lebensläufen (linked lives) und Differenzkategorien wie class, gender und race (S. 225) ist Holubek-Schaum zwar bewusst (S. 234), sie hätten aber eine ausführlichere empirische Betrachtung und Reflexion verdient.

Besonders instruktiv ist hierbei, wie stark die Personen in manchen Fällen mit familialen Traditionen brechen: Eine phasenweise Orientierungslosigkeit trifft auf Abgrenzungspraktiken vom familialen Herkunftsmilieu, beide rahmen in Kombination den jeweiligen berufsbiografischen Werdegang. Dabei bleibt der elterliche Status – finanziell und sozial – eine zentrale Referenzfolie in der eigenen Orientierung. Nach Holubek-Schaum führt „nicht so sehr die Angst vor dem Abstieg aus einer etablierten Situation heraus zu Irritationen […], sondern die uneingelöste, intergenerational tradierte Erwartung, seinen Mittelschichts-Status halten zu können, ohne den sozioökonomischen Status zum Zentrum der Lebensführung machen zu müssen“ (S. 311 f.).

Statusbedingungen der jungen Mittelschicht

Sicherheitsbedürfnis einerseits und Selbstentfaltung andererseits bestimmen folglich die Strategien des Statuserhalts der in diesem Buch untersuchten Generation. Wie die drei Typen der berufsbiografischen Orientierung –am sozioökonomischen Status, an Gemeinschaft und an beruflichem Stolz– zeigen, kann dabei die Art der angestrebten Selbstentfaltung stark variieren, sie hängt in der Regel mit der ökonomischen Ausgangslage zusammen. Die Mittelschicht hätte, so Holubek-Schaum, eine mittlere Kapitalausstattung zur Verfügung und könne somit im Lebenslauf „gewisse Orientierungselemente“ fallen lassen und andere enaktieren (S. 301). Welcher materielle Lebensstandard sich hinter einer solchen mittleren Kapitalausstattung verbirgt, deutet er lediglich an, anstatt seine Aussagen zu explizieren oder kontextualisieren.

Holubek-Schaum orientiert er sich am methodischen Verfahren der dokumentarischen Methode, das er handwerklich geschickt, aber wenig innovativ umsetzt. Auf Basis von Einzelfallanalysen steht das Individuum mit seinen Wahrnehmungen und Deutungen im Zentrum des Forschungsinteresses. Ergänzendes Material zum Lebenslauf (etwa Timelines, private Fotografien, Bewerbungsmaterialien) oder Kontextinformationen zum familiären Hintergrund der Befragten (etwa Genogramme, Kurzfragebögen) hätten zusätzliche Analyseperspektiven ermöglicht.

In der Gesamtschau nimmt die Arbeit die besonderen Statusbedingungen einer spezifischen Generation in den Blick und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur qualitativen Ungleichheitsforschung. Ausgehend von den präsentierten Befunden stellt sich die Frage, welche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten sich im Kontrast zu anderen Kohorten beobachten lassen. Die familiäre Prägung scheint auch in der heutigen jungen Generation weiterhin grundsätzlich relevant bei der Berufswahl zu sein und könnte möglicherweise gerade in Phasen gesellschaftlicher und ökonomischer Unsicherheit wieder wichtiger werden. Interessant wäre, die Bedeutung besonderer historischer generationsspezifischer Erfahrungen und Ereignisse zu untersuchen: Inwiefern erweisen sich etwa Wirtschaftskrisen oder Pandemien, sofern sie in der frühen Erwerbsphase stattfinden, im biografischen Verlauf als langfristig statusrelevant?

  1. Jill Littrell / Fred Brooks / Jan Ivery / Mary Ohmer, Why You Should Care about the Threatened Middle Class, in: Journal of Sociology & Social Welfare 37 (2010), 3, S. 85–112.
  2. Stefan Hradil / Holger Schmidt, Angst und Chancen. Zur Lage der gesellschaftlichen Mitte aus soziologischer Sicht, in: Herbert Quandt-Stiftung / Stefan Hradil (Hg.), Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland. Ein Lagebericht, Frankfurt am Main 2007, S. 163–226.
  3. Sighard Neckel, Ökologische Distinktion. Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit, in: ders. et al. (Hg.), Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms, Bielefeld 2018, S. 59–76.
  4. Nadine Frei / Robert Schäfer / Oliver Nachtwey, Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Eine soziologische Annäherung, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 34 (2021), 2, S. 249–258.
  5. Uwe Schimank, Rechtspopulistische Mittelschichten als Gefährder gesellschaftlicher Ordnung. Eine theoretische Skizze, in: Nadine M. Schöneck / Sabine Ritter (Hg.), Die Mitte als Kampfzone. Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten, Bielefeld 2018, S. 217–242.
  6. Nicole Burzan / Silke Kohrs / Miriam Schad, Verunsicherung in den Mittelschichten? Konzeptionelle und methodische Erwägungen sowie empirische Befunde zur aktuellen Entwicklung in Deutschland [21.3.2022], in: sozialpolitik.ch (2019).
  7. Olaf Groh-Samberg / Steffen Mau / Uwe Schimank, Investieren in den Status. Der voraussetzungsvolle Lebensführungsmodus der Mittelschichten, in: Leviathan 42 (2014), 2, S. 219–248.
  8. Hradil/Schmidt, Angst und Chancen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Lebensformen Soziale Ungleichheit

Abbildung Profilbild Miriam Schad

Miriam Schad

Miriam Schad ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Lehrstuhl für Soziologie an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Soziale Ungleichheiten (Statuserhalt in der Mittelschicht und Prekarität) und Umweltsoziologie (im Zusammenhang mit Ungleichheit, Populismus und Transformationskonflikten).

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