Deadline: 31.10.2026
Aktuelle Klassiker interpretativer Sozialforschung
Call for Proposals für einen Sammelband. Deadline: 31. Oktober 2026
Herausgegeben von Jonas Barth, Ekkehard Coenen, Hai Ha Nguyen und Melanie Pierburg
Was bedeutet es, wenn in den Debatten zur interpretativen Sozialforschung auf ‚klassische‘ Aufsätze oder Bücher verwiesen wird? Welche Texte gelten derzeit im Kontext welches interpretativen Ansatzes als Klassiker? Und welche Bedeutung kommt ihm in der konkreten Umsetzung empirischer Forschung zu?
Dass bestimmte Texte einzelnen Forschungsansätzen als Gründungsdokumente, systematisches Fundament und Rechtfertigung dienen, dürfte niemanden verwundern. Damit ist jedoch noch keineswegs geklärt, was ein Klassiker ist, was ihn auszeichnet, wie er zu einem wird und welche Funktionen er in den Debatten zur interpretativen Sozialforschung einnimmt. Denn letztendlich ist der Begriff des ‚Klassikers‘ selbst umstritten. Während die einen die zentrale Stellung und die Bedeutung von Klassikern betonen (Alexander 1987; Baehr 2002; Kaesler 2024), kritisieren die anderen die Perspektivenverengung und die Reproduktion von Machtverhältnissen, die mit der Kanonbildung verbunden sind (Connell 1997; Calhoun 1996; Heßelmann 2024). Für die interpretative Sozialforschung stellt sich daher die Aufgabe, die spezifischen Perspektiven auf Klassiker näher zu bestimmen. Dabei ist zu untersuchen, ob sich Klassiker im Rahmen eines „interpretativen Paradigmas“ (Wilson 1970) auf eigene, spezifischere Problemlagen beziehen und inwiefern der Klassikerbegriff selbst zum Gegenstand der Interpretation wird oder vielmehr weitgehend unreflektiert Anwendung findet. Ebenso ist zu klären, ob sich – wie für die Soziologie im Allgemeinen festgestellt wird (Gerhards 2014) – auch innerhalb der interpretativen Sozialforschung eine Umstrittenheit darüber zeigt, was als Klassiker bezeichnet werden darf, oder ob sich ein größtenteils unangefochtener Kanon herausgebildet hat. Damit verbunden ist schließlich die Frage nach der Existenz und Ausprägung von „canon wars“ (Guggenhem & Krause 2012: 113) innerhalb der interpretativen Sozialforschung.
Mit diesen Fragen möchten wir dazu einladen, Beitragsvorschläge für einen referierten Sammelband einzureichen. Der Sammelband soll sich ebenso an erfahrene Forscher:innen richten wie an fortgeschrittene Student:innen, die sich einerseits wichtiger Grundlagen unterschiedlicher Ansätze interpretativer Forschung versichern und andererseits über die Dynamik des Wandels von Klassikern informieren möchten.
Mit ‚aktuellen Klassikern‘ meinen wir Texte, die in gegenwärtigen Debatten um Forschungspraktiken interpretativer Sozialforschung beispielsweise orientierende, legitimierende oder irritierende Funktionen übernehmen, unabhängig davon, ob sie bereits lange kanonisiert sind oder erst seit Kurzem Klassikerstatus gewinnen. Ihre Relevanz kann sich dabei im Zusammenhang konkreter methodischer Ansätze, aber auch in übergreifender Weise zeigen. Abgesehen davon lassen wir es bewusst offen, was einen Text zu einem Klassiker werden lässt – in der Erwartung und Hoffnung, dass die Autor:innen des Sammelbandes diese Lücke schließen, wenn sie selbst zum Thema machen, inwieweit der von ihnen behandelte Text als Klassiker gelten kann.
Die Gliederung der Beiträge soll dabei einer Dramaturgie folgen, die auf der folgenden Reihe von Fragen beruht:
(1) Welchem Klassikerverständnis wird gefolgt, welcher Text (Aufsatz oder Buch) wird zentral gestellt und im Kontext welches Forschungsansatzes spielt er eine Rolle?
(2) Wie wirkt er sich auf die empirische Beforschung eines konkreten Phänomens aus und wie lässt sich mit ihm forschen?
(3) Was ergibt sich aus dieser Anwendung für das beforschte Phänomen, aber auch für das Klassikerverständnis?
(4) Verwendete Literatur und weitere Literaturempfehlungen
Wir wünschen uns von den Beiträgen also nicht nur eine inhaltlich-systematische Auseinander-setzung mit dem Text selbst, sondern zu gleichen Teilen die Orientierung an einem aktuellen Fall. Die Texte können dem Feld der soziologischen Theorie, der Debatte(n) um interpretative Methodologien oder aber auch weiteren sozialwissenschaftlichen Feldern, etwa der Erziehungs- oder Geschichtswissenschaften, entnommen werden; z. B. Mannheims „Beiträge zur Theorie der Weltanschauungs-Interpretation“, Glaser und Strauss’ Manifest „The Discovery of Grounded Theory“, Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ oder auch Haraways „Situated Knowledges“. Und sie können sich in unterschiedlichsten Forschungsfeldern beweisen, von sozialer Ungleichheit über Klimaaktivismus bis zur Befassung mit Digitalisierung, Migration usw. Wir sind hier offen für alle gesellschaftlichen Phänomenbereiche.
Geben Sie dem Abstract bitte einen sprechenden und prägnanten Titel und fügen Sie ihm auch kurze Angaben zu Ihrer Person an. Das Abstract sollte einen Umfang von etwa einer Seite haben; das entspricht ca. 1.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Verzeichnisse). Bitte senden Sie es bis zum 31.10.2026 per E-Mail an classics(at)medien.uni-weimar.de.
Wir streben an, alle Einreichungen innerhalb eines Monats zu sichten und allen Beteiligten bis zum 30. November 2026 zu antworten.
Alle, die wir nach der Sichtung dazu einladen, mit einem Volltext zum Sammelband beizutragen, werden gebeten, ihre Manuskripte bis zum 31.03.2027 einzureichen. Die finalen Texte sollen einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Verzeichnisse) nicht über-schreiten und dramaturgisch der oben genannten einheitlichen Gliederung folgen.
Die eingereichten Manuskripte durchlaufen anschließend ein Begutachtungsverfahren. Eine Rückmeldung zu den Beiträgen ist bis Ende Juni 2027 vorgesehen. Für gegebenenfalls erforderliche Überarbeitungen stehen anschließend ca. sechs Wochen zur Verfügung. Die Veröffentlichung des Sammelbandes ist für das Frühjahr 2028 geplant.
Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen!
Zeitplan
- 31. Oktober 2026 – Einreichung der Abstracts
- 30. November 2026 – Rückmeldung zu den Abstracts
- 31. März 2027 – Einreichung der Manuskripte
- bis Ende Juni 2027 – Begutachtung und Rückmeldung zu den Manuskripten
- Mitte August 2027 – Überarbeitung der Manuskripte
- Frühjahr 2028 – Geplante Veröffentlichung