Deadline: 01.12.2026

Alles an seinem Platz? Loci operandi des Sozialen und ihre qualitative Erforschung

Call for Proposals für ein Schwerpunktheft der Zeitschrift für Qualitative Forschung. Deadline: 1. Dezember 2026

Herausgegeben von Thomas Hoebel

Wie erhalten konkrete Orte ihre spezifischen Bedeutungen, wie ihren spezifischen Stellenwert für soziale Phänomene? Wie beantworten Sozialforscher:innen diese Fragen? Warum sollten sie darauf überhaupt Antworten haben?

„Alles muss an einem bestimmten Ort stattfinden“, formulierte Howard S. Becker[1] eine Einsicht, die im gesellschaftlichen Alltagsgespräch für gewöhnlich unausgesprochene Prämisse ist – und nur selten expliziter Aufmerksamkeitsfokus. Er lenkte damit das Augenmerk darauf, dass soziale Phänomene sowohl durch bestimmte modi operandi der Beteiligten gestaltet sind als auch konkrete loci operandi haben.[2] Becker spielte dabei nicht nur auf die schiere Situiertheit sozialen Begegnens und Tuns an[3], wie sie u.a. in der Tradition der Chicagoer Soziologie besondere Beachtung findet. Es ging ihm insbesondere darum, wie Sozialforscher:innen[4] die von ihnen gewonnenen Daten verorten: wo sie diese aufgefunden oder erstellt haben und wo die Vorgänge stattgefunden haben, die mithilfe der Daten (re-)konstruiert, verstanden oder erklärt werden sollen.

Die Verortung von Daten und Vorgängen ist in dieser Perspektive für gewöhnlich ein ambivalentes Unterfangen. – Einerseits dient sie dazu, aus dem untersuchten Geschehen einen Fall von X zu machen, d.h. das Gegebene als Instanz einer allgemeinen Kategorie zu behandeln. Die Forschung mag an der University of Kansas stattfinden und sich auf dortige Ereignisse beziehen,[5] im Jugendgefängnis Hahnöfersand,[6] in den Büroräumen einer Organisation der Vereinten Nationen in Kinshasa[7] oder in temporär befristeten Online-Meetings.[8] Ihre explizite Lokalisierung an den betreffenden Orten impliziert, dass an spezifischen loci operandi Wissen über Phänomene existiert bzw. entstanden ist, die sich auch anderen Orten finden lassen (ohne dass diese Orte in den betreffenden Studien selbst thematisch sind). Wissen über forschungsnahe Ausbildungsstätten für angehende Ärzt:innen, Wissen über den Strafvollzug an jungen Menschen, Wissen über konfliktreiche Interventionszonen der gleichsam inter- und supranationalen Entwicklungszusammenarbeit, Wissen über die Gefühlsarbeit in virtuellen Interaktionssettings. – Andererseits ist das Gegebene unhintergehbar indexikal und an seinen Entstehungskontext gebunden, der in seinem örtlichen Charakter einzigartig ist. Damit ist nicht allein seine geografische Position gemeint, sondern vielmehr seine sozial hergestellte Gewordenheit, die als „place making“[9] keinem anderen Ort gleicht. So unterstreicht Thomas Gieryn[10], dass Orte soziologisch gesehen „unique spot[s] in the universe“ sind. Sie haben jeweils besondere Charakteristika, „artificial or natural“, die in zweifacher Hinsicht Zwischenergebnisse gesellschaftlicher Konstruktion sind: „most are built or in some way physically carved out“, ebenso wie sie „interpreted, narrated, perceived, felt, understood, and imagined“ sind. Eviatar Zerubavel[11] spricht treffend von „insular chunks of space“, die symbolisch, oftmals mit namentlichen Bezeichnungen hervorgehoben und als diskret behandelt werden.

Schon Georg Simmel erörterte in diesem Zusammenhang die „Landschaftlichkeit“ sozialen Geschehens.[12] Anders als schiere Natur oder geometrische Räume sind ortsspezifische Landschaften in dieser Perspektive nicht durch die vorfindbare Anordnung und Verknüpftheit von natürlichen und künstlichen Elementen an einem spezifischen geografischen Punkt charakterisiert, sondern durch ihre soziomentalen Bedeutungen, die bestimmte Ensemble dieser Elemente für Anwesende und Betrachter:innen haben, und den symbolischen Formen, die diese Bedeutungen verstetigen (z.B. Benennungen und Markierungen). Martina Löw[13] unterscheidet Orte in dieser Perspektive primär handlungslogisch von Territorien, die durch Abgrenzen und Zugangsregulierung geprägt sind, von Bahnen (Durchqueren und Bewegen) sowie von Netzwerken (Verbinden und Verknüpfen).[14] Es handelt sich dabei um Idealtypen von Raumfiguren, die sich im konkreten sozialen Vollzug verknüpfen oder auseinanderlaufen. Im postdigitalen Alltag sind Orte dabei heute nicht selten als Ensemble von miteinander verschränkten analogen und digitalen Elementen zu begreifen.

Von einer „Raumvergessenheit“[15] in der (deutschsprachigen) Sozialforschung kann heute kaum mehr die Rede sein. Die skizzierte Ambivalenz der Verortung von Forschungszugängen und Phänomenen ist jedoch als Aufforderung zu verstehen, sich systematisch und vertiefend mit methodologischen, methodischen und forschungspraktischen Problemen und Vorgehensweisen zu befassen, um konkrete loci operandi sozialer Phänomene zu untersuchen. Dass die Verortung von Daten und Phänomenen in einschlägigen Überblickswerken und Handbüchern zur qualitativen Sozialforschung nur (wenn überhaupt) randständige Beachtung findet, unterstreicht diese Aufforderung zusätzlich.[16] Orte finden für gewöhnlich dann Aufmerksamkeit, wenn es um ethnografische Forschungszugänge geht.[17] Dass Untersuchungsgegenstände nicht allein als Fall einer allgemeinen Kategorie zu betrachten sind und die Einzigartigkeit konkreter loci operandi ein elementarer Aspekt ist, die erforschten Phänomene zu beschreiben, zu verstehen oder zu erklären, ist jedoch nicht auf Ethnografien reduzierbar.

Alles an seinem Platz? Die leitende Frage des Themenschwerpunkts ist vor diesem Hintergrund, wie qualitative Forschungsvorhaben den Spezifika der loci operandi sozialer Phänomene, auf denen das Untersuchungsinteresse liegt, in der Konzeption, Umsetzung und argumentativen Verdichtung Rechnung tragen – und aus welchen Gründen das jeweils der Fall ist. Erwartet werden Beiträge, deren Autor:innen anhand von praktischen Forschungsverläufen und materialen Forschungsergebnissen zeigen, wie sie als Forschende verfahren, um die ortsspezifischen Eigenheiten von Untersuchungsgegenständen zu untersuchen und in ihrer Bedeutung für die untersuchten Phänomene einzuordnen. Spezifischere Fragen können sein:

  •  Welche methodischen Herangehensweisen kommen zum Einsatz und worin besteht ihre jeweilige Gegenstandsangemessenheit?
  •  Welche forschungspraktischen Probleme entstehen im Untersuchungsprozess und wie bearbeiten die Beteiligten?
  •  Welche textuellen und visuellen (Re-)Präsentationsformen des Örtlichen setzen die Forschenden ein?
  •  Wie setzen sich die Forschenden mit den (eher) statischen und den (eher) im Wandel befindlichen Elementen konkreter loci operandi auseinander, wie befassen sie sich folglich mit der Verstetigung und der Transformation spezifischer Orte?

Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit. Autor:innen sind jedoch ausdrücklich gebeten, ihre Beitragsvorschläge problemorientiert anhand konkreter empirischer Fälle und Phänomene zu entwickeln, die sie untersucht haben bzw. untersuchen.

Zeitplan

  • 01. Dez. 2026: Bitte senden Sie Ihr Proposal im Umfang von 1,5 Normseiten oder mehr an Thomas Hoebel (thomas.hoebel(at)uni-kassel.de).
  • bis 15. Jan. 2027: Sie erhalten die Einladung, ein vollständiges Manuskript für ein anonymes peer review einzureichen, oder eine Absage.
  • bis 31. Jan. 2027: Alle eingeladenen Autor:innen sind gebeten, ihre Mitwirkung zu- oder abzusagen.
  • bis 15. Mai 2027: Alle eingeladenen Autor:innen sind gebeten, ihre Manuskripte im Umfang von max. 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) und gemäß ZQF-Formatvorlage[18] bei Thomas Hoebel einzureichen. Die Manuskripte können sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache verfasst sein. Manuskripte, die den angegebenen Umfang überschreiten, können nicht angenommen werden.
  • bis 15. Okt. 2027: Die fertigen Manuskripte haben das peer review durchlaufen, die Autor:innen haben Zusagen, Auflagen oder Absagen erhalten und die finalen Texte liegen druckfertig vor.

Kontakt

Für Fragen zum Themenschwerpunkt wenden Sie sich bitte per E-Mail an Thomas Hoebel: thomas.hoebel(at)uni-kassel.de

Thomas Hoebel vertritt seit April 2026 die Professur für soziale Differenzierung und Soziokultur an der Universität Kassel. Jüngere Publikationen zur Untersuchung konkreter loci operandi sind: ‘Settlements of Unsettled Places. On the Importance of Unique Locations for Social Theory’, European Journal of Social Theory, online first (2026). https://doi.org/10.1177/13684310261451722; ‘Arriving/Being Stopped. Six Fatal Shots and the Sociology of Place’, in Intersectionality and the City. Exploring Violence and Inequality in Urban Space, hg. von Lucie Bernroider u. a. (Routledge 2025), S. 26–41. https://doi.org/10.4324/9781003529729-4; ‚Schlüsselereignisse einer erklärungsbedürftigen Eskalation. „Welcome to Hell“, Blockadefinger und brennende Schanze‘ (zus. mit Stefan Malthaner und Chris Schattka), in Eskalation. G20 in Hamburg, Protest und Gewalt, hg. von Stefan Malthaner und Simon Theune (Hamburger Edition 2023), S. 75–97.

Zum Call for Papers und Literatur (PDF)

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