Deadline: 11.10.2026

Critical Friends?! Zum Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung

Call for Papers für eine Tagung vom 4. bis 5. Februar 2027 in Berlin. Deadline: 11. Oktober 2026

Organisation: Alina Jugenheimer (Hochschule Niederrhein), Charlie Kaufhold (Universität Wien), Leo Roepert (Universität Hamburg), Viktoria Rösch (Frankfurt University of Applied Sciences), Felix Schilk (Universität Tübingen)

Kontakt: ak-far-right(at)proton.me

Rassismus und Antisemitismus bilden historisch wie aktuell einen konstitutiven Bestandteil der Ideologie der extremen Rechten. Zugleich sind Rassismus und Antisemitismus nicht auf die extreme Rechte beschränkt, sondern finden sich auch in anderen politischen Strömungen sowie in alltäglichen Wissensbeständen und psychosozialen Dynamiken. Obwohl sich ihre Gegenstandsbereiche überschneiden, haben sich die Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung auf unterschiedlichen Pfaden entwickelt und dabei unterschiedliche theoretische Ansätze und methodologische Zugänge herausgebildet. In der Einstellungsforschung werden Antisemitismus und Rassismus zwar als Elemente rechtsextremer Weltanschauung berücksichtigt. Für weite Teile der Rechtsextremismusforschung lässt sich jedoch feststellen, dass die Befunde der Rassismus- und Antisemitismusforschung nur wenig systematisch rezipiert werden. Umgekehrt sind für die Rassismus- und Antisemitismusforschung der spezifisch rechte Rassismus und Antisemitismus nur ein Teilbereich eines umfangreicheren Gegenstandsfeldes.

Nach der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus wurde eine breite öffentliche Kritik an Rassismus und Antisemitismus formuliert, die sich auch institutionell – etwa in gesetzlichen Diskriminierungsverboten oder in der Abschaffung der rassistischen Segregation in den USA – niederschlug. Die Sanktionierung von offen artikuliertem Rassismus und Antisemitismus führte jedoch nicht zu deren Verschwinden, sondern zu gewandelten Artikulationsformen. So äußert sich Antisemitismus häufig in indirekten oder codierten Formen über Motive der Schuldabwehr oder in Verschwörungserzählungen. Vormals biologisch begründete Rassenkonzepte werden zunehmend durch einen kulturalistischen „Rassismus ohne Rassen“ ersetzt. Rassistische Zuschreibungen und Bilder finden sich etwa in Konzepten (z.B. Ethnopluralismus oder Identität) und Erzählungen (z.B. „Islamisierung“ oder „Großer Austausch“) der Neuen Rechten – nicht selten verschränkt mit antisemitischen Codes.

Der Rassismus der extremen Rechten richtet sich vor allem gegen Geflüchtete, Migrant:innen und Muslim:innen. Während der Islam einerseits ein zentrales Feindbild darstellt, finden sich in der Neuen Rechten zugleich positive Bezugnahmen auf dessen traditionalistische und antiliberale Gehalte. Was den Antisemitismus betrifft, zeigt sich ebenfalls ein widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite distanzieren sich viele extrem rechte Parteien von offenem Antisemitismus und positionieren sich z.T. pro-israelisch. Häufig wird dabei die Kritik am Antisemitismus rassistisch instrumentalisiert (z.B. „importierter Antisemitismus“). Gleichzeitig bedienen sich die gleichen Akteur:innen häufig antisemitischer Codes und strukturell antisemitischer Verschwörungserzählungen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass im Spektrum der populistischen bis extremen Rechten Richtungskämpfe zwischen Fraktionen (z.B. pro- vs. anti-westlich; libertär, national-konservativ, völkisch usw.) stattfinden, die jeweils unterschiedliche Affinitäten zu Rassismus und Antisemitismus aufweisen.

In dieser politischen und gesellschaftlichen Gemengelage wäre es produktiv, wenn sich die Rechtsextremismusforschung stärker mit den Befunden der Rassismus- und Antisemitismusforschung auseinandersetzen würde – und umgekehrt. Auch der virulente Antiziganismus spielt in vielen Analysen der extremen Rechten eine untergeordnete Rolle. Trotz bereits bestehenden Austausches und gegenseitiger Rezeption bleibt das Verhältnis dieser Forschungsrichtungen bisher spannungsvoll bis disparat. Zum Teil lässt sich das auf unterschiedliche historische Erfahrungshintergründe und Erkenntnisinteressen zurückführen. So sind Begriffe der US-amerikanischen Rassismusforschung wie „White Supremacy“ stark an mit der Plantagensklaverei entstandenen Herrschaftsstrukturen orientiert, während die europäische und speziell deutsche Forschung zu Antisemitismus und Rassismus stärker durch die Geschichte des völkischen Nationalismus, der NS-Rassenideologie und des Holocaust geprägt ist.

Auch bei den disziplinären und theoretischen Bezugspunkten gibt es Differenzen: Die Rechtsextremismusforschung, die vor allem in Disziplinen wie der Erziehungswissenschaft, der Politikwissenschaft und der politischen Soziologie angesiedelt ist, greift häufig auf Anomie-, Desintegrations- und Deprivationstheorien sowie sozialpsychologische Vorurteilstheorien zurück. Auch in der Antisemitismusforschung spielen sozialpsychologische Konzepte – etwa in der Tradition der Kritischen Theorie – eine zentrale Rolle. Die Rassismusforschung ist hingegen eher von poststrukturalistischen und postkolonialen Ansätzen geprägt. Kontroversen, die sich daraus ergeben, betreffen einerseits das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus im Allgemeinen – etwa die Fragen, ob Antisemitismus eine Unterform von Rassismus oder ein eigenständiges Phänomen darstellt, welche Rolle koloniale Strukturen oder soziale Positionierungen bei der Definition von Rassismus spielen, wie israelbezogener Antisemitismus zu beurteilen ist usw. –, andererseits die Frage nach der Verbreitung und den Ursachen von antischwarzem, antimuslimischem, antimigrantischem Rassismus und Antisemitismus in der Gegenwartsgesellschaft und in der extremen Rechten.

Die Tagung möchte der Frage nachgehen, wie der Dialog und Wissenstransfer zwischen den drei Forschungsfeldern befördert und trotz der skizzierten (wissenschafts-)politischen Spannungen und Übersetzungsschwierigkeiten fruchtbar gemacht werden können. Wir suchen Beiträge, die sich (empirisch, theoretisch, konzeptionell) mit dem Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus in der extremen Rechten oder mit dem Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung auseinandersetzen.

Wir suchen Beiträge zu folgenden Fragen:

Zum Verhältnis von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus allgemein:

  • Welche empirischen Befunde gibt es zur Verbreitung und zum Zusammenhang von Antisemitismus und Rassismus in der extremen Rechten?
  • Wie verhalten sich Rassismus und Antisemitismus zu anderen Elementen extrem rechter Ideologie wie Antiziganismus, Antifeminismus und hetero-/sexistische Einstellungen, Sozialdarwinismus, Klassismus?
  • Wie gelingt es der extremen Rechten, gesellschaftlich verbreitete rassistische und antisemitische Deutungsmuster zu politisieren bzw. diese für Mobilisierungen zu nutzen?
  • Inwiefern stellen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in migrantischen Kontexten (z.B. Ülkücü und Hindutva) etablierte Konzepte der Antisemitismus-, Rassismus- und Rechtsextremismusforschung vor Herausforderungen?

Zum Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung:

  • Wie lässt sich das Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung beschreiben? Wo findet wechselseitige Rezeption und Transfer statt, an welchen Stellen gibt es blinde Flecken und Übersetzungsschwierigkeiten?
  • Wo können sich theoretische Konzepte und methodische Zugänge aus den drei Forschungsrichtungen produktiv ergänzen? Wo gibt es Spannungen und Widersprüche? Was sind deren (wissenschafts-)politische Ursachen und Implikationen?
  • Welche Spannungen und Konflikte gibt es zwischen und innerhalb der Rassismus- und Antisemitismusforschung und welche Folgen haben diese für die Erforschung von Rassismus und Antisemitismus im Kontext der extremen Rechten?
  • Wie ist das Verhältnis von Rassismus-, Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung in anderen Ländern bzw. wissenschaftlichen Kontexten? Welche Definitionen von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus gibt es, wie sind sie entstanden und in welchen Kontexten sind sie aus welchen Gründen dominant?

Wir bitten um Einsendungen von Vorschlägen für deutsch- oder englischsprachige Beiträge in Form eines Abstracts (max. 1 Seite) sowie eines kurzen CVs bis zum 11. Oktober an: ak-far-right(at)proton.me

Die Tagung wird am 04. und 05. Februar 2027 in Berlin stattfinden. Wir bemühen uns, Reisekosten für Vortragende ohne institutionelle Anbindung zu erstatten.

Call for Papers (PDF)

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