Deadline: 15.10.2026
Die linke und die rechte Hand des Umwelt- und Transformationsstaates
Call for Papers für einen Workshop vom 25. bis 26. Februar 2027 in Bielefeld. Deadline: 15. Oktober 2026
Die 2. Bourdieu Lectures stellen die Frage nach der Rolle von Staatlichkeit für gegenwärtige autoritäre Transformationen und greifen hierzu Bourdieus Bild der linken und der rechten Hand des Staates auf: Steht die linke Hand für die integrativen, ausgleichenden und umverteilenden Funktionen der Herstellung von Allgemeinheit, so die rechte für die Durchsetzung staatlicher Macht gegen die Einzelnen im Dienste der in ihm institutionalisierten ökonomischen (Klassen-)Interessen. Schon Anfang der 1990er Jahre machte er damit auf einen zentralen Treiber von Illiberalisierung und Autoritarisierung aufmerksam. Autoritäre Transformationen von Staatlichkeit lassen sich jedoch nicht nur entlang der Konfliktlinien um Wohlfahrtsstaatlichkeit und Neoliberalisierung studieren. Als ebenso wirkmächtig erweisen sich gegenwärtig auch Auseinandersetzungen um die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse und den sich seit den 1970er Jahren etablierenden Umweltstaat. Am Umgang mit sozial-ökologischen Problemen entzünden sich Konfliktlinien, entlang derer Fragen von Klimapolitik und Artenschutz zunehmend als „sozial-ökologischer Klassenkonflikt“ (Eversberg et al. 2024) erkennbar werden. In dieser Konstellation stellen Positionen der Äußeren Rechten Klimaschutz und sozial-ökologische Transformation häufig als „Elitenprojekte“ und entgrenzte staatliche Kontrolle in Frage. In der Folge der Normalisierung solcher Positionen und eines klimapolitischen Backlash lässt sich ebenso ein Rollback des Umwelt- und Transformationsstaats (Brand et al. 2025; Hausknost 2020) beobachten. Der Workshop möchte Beiträge versammeln, anhand derer sich die Übertragbarkeit von Bourdieus kritischer Staatsanalytik auf das Feld der Umweltpolitik diskutieren lässt.
Produktiv erscheint uns eine solche Übertragung bzw. Erweiterung der Bourdieu‘schen Staatsanalyse aus zwei Gründen: Zum einen wird auch in der Aushandlung um die Regulation gesellschaftlicher Naturverhältnisse deutlich, dass eine ‚linke Hand‘ der Integration der Belange von Natur und künftigen Generationen durch umwelt- und klimapolitische Regulation, der Begrenzung gesellschaftlicher Aktivitäten und der Herstellung von Gerechtigkeit durch limitierende Ansprüche zunehmend offener in Konflikt gerät mit einer ‚rechten Hand‘, die Naturbeherrschung durch technologische Innovation und die Legitimation und Durchsetzung instrumentellen Zugriffs auf Natur (insb. durch Eigentumsrechte) zur Priorität staatlichen Handelns erklärt. Zum anderen liegt diese Konstellation in Teilen quer zu der von Bourdieu für die Sozialpolitik beobachteten: Während die limitierende Integrations- und Gerechtigkeitslogik der umweltstaatlichen linken Hand der klassisch von der sozialstaatlichen linken Hand betriebenen Umverteilung der Früchte stetig zunehmender wirtschaftlicher Aktivität widerspricht, erscheint die Kontrolllogik (Adloff/Neckel 2019) der umweltstaatlichen Rechten prinzipiell mit den Ansprüchen beider Hände des Sozialstaats vereinbar. Der Ausbau umweltstaatlicher Regulation verschärft damit die Spannung zwischen sozialstaatlicher Integration und staatlicher Kontrolle, während umgekehrt ein nachhaltigkeitspolitischer Paradigmenwechsel hin zur Kontrolle (ebd.) diese zu lösen verspricht. So entstehen im Kontext neokonservativer, autoritärer und faschisierender Transformationen staatlicher Strukturen und kultureller Felder neue instabile Konstellationen. Ein Beispiel hierfür ist das neoklassische Modell eines Emissionszertifikatehandels ohne sozialpolitische Umverteilung, der genau jene überproportional belastet, die verhältnismäßig wenig zum Klimawandel beitragen. Je mehr das Versprechen von ökologischer Modernisierung und grünem Wachstum sich erschöpft (Degens/Neckel 2025), desto stärker bricht ein sozial-ökologischer Transformationskonflikt auf, dessen Dynamik auf dem Terrain des Staates sich gewinnbringend mit Bourdieus Konzepten untersuchen lässt. Dieses Aufbrechen scheint nicht nur eng mit wirtschafts- und außenpolitischen Dynamiken verknüpft, sondern auch mit der Befreiung politischer und ökonomischer Eliten von sozial-ökologischer Verantwortung. Das bürokratische Feld (Bourdieu 2014: 47f., 1998) scheint sich zu verschieben, indem der autonome/„etatistische“ Pol von umwelt- und naturschutzfachlicher Expertise in der staatlichen Verwaltung durch die politische Priorisierung von Wachstum, „Bürokratieabbau“ und ökonomischer Rationalität gegenüber dem heteronomen/„liberalen“ Pol wirtschaftlicher Partikularinteressen zunehmend ins Hintertreffen gerät. Vor diesem Hintergrund stellt der Workshop folgende Leitfragen:
Inwieweit und wie genau lässt sich Bourdieus Analyse des Verhältnisses von linker und rechter Hand des Staates auf die Umwelt- und Klimapolitik übertragen? Wie ist diese Übertragung zu denken, wie weit trägt sie und was macht sie sichtbar?
Welche Verbindungen zwischen sozialstaatlich-umweltpolitischer Integration und disziplinierenden, instrumentell-ökonomisierenden Logiken finden sich aktuell in Strukturen des Umwelt- und Transformationsstaates und wie stabil sind diese?
Wie wirken sich der Aufstieg rechtsextremer Kräfte, autoritäre Transformationen und Militarisierung auf das Verhältnis von Schutz- und Kontrolllogiken in der Umweltpolitik aus?
Inwiefern findet im bürokratischen Feld der Umwelt- und Klimapolitik eine Verschiebung vom autonomen zum heteronomen Pol statt und welche Rolle spielt die Verflechtung politischer und ökonomischer Eliten dabei?
Beitragsvorschläge im Umfang von max. 500 Wörtern, die die oben genannten Leitfragen aufgreifen und/oder aus von Bourdieu inspirierter Perspektive zum Verständnis des gegenwärtigen Wandels von Staatlichkeit im umwelt- und klimapolitischen Feld beizutragen suchen, erbitten wir bis zum 15.10. 2026 an umweltsoziologie(at)soz.uni-frankfurt.de.
Der Workshop wird veranstaltet von Anna Geyer, Hauke Dannemann und Dennis Eversberg (Goethe Universität Frankfurt am Main, Kontakt: eversberg(at)soz.uni-frankfurt.de)