Deadline: 15.09.2026
Digital statt sozial? Kritische Perspektiven auf digitale Technologien in der Sozialen Arbeit
Call for Papers für einen Sammelband. Deadline: 15. September 2026
Herausgeber
Prof. Dr. Konstantin Rink (HS Koblenz), rink(at)hs-koblenz.de, Dr. Moritz von Stetten (TH Köln), moritz.von_stetten(at)th-koeln.de, Prof. Dr. Philipp Waag (katho Paderborn), p.waag(at)katho-nrw.de
Ziel und Fragestellung des Bandes
Der Band versammelt kritische Perspektiven auf digitale Technologien in der Sozialen Arbeit. Ziel ist es, die bisherigen Themen und Perspektiven durch die Zusammenstellung vielfältiger kritischer Aspekte zu erweitern und zu vertiefen. Der Band unterteilt sich in fünf thematische Blöcke, die die verschiedenen Dimensionen kritischer Ansätze inhaltlich bündeln: politische Ökonomie des Digitalen; digitale Arbeit und Professionalität im Wandel; soziale Ungleichheit und digitale Teilhabe; autoritäre Verhältnisse, digitale Gewalt und neuer Faschismus; digitale Subjektivierung. Wir freuen uns über empirische und theoretische Beiträge, die sowohl sozialarbeitswissenschaftliche Zugänge als auch Ansätze der Bezugsdisziplinen Sozialer Arbeit und darüber hinaus gehende Perspektiven (bspw. medienarchäologische oder historische) aufgreifen. Zudem laden wir ausdrücklich auch Praktiker:innen dazu ein, Vorschläge für Praxiseinblicke in Form von Interviews, Fallberichten, Essays oder Ähnlichem einzureichen.
Zeitplan
Wir laden alle Interessierten ein, sich mit einem Beitragsvorschlag an diesem Band zu beteiligen. Erbeten sind Abstracts im Umfang max. 2 Seiten, die den geplanten Beitrag skizzieren. Wir freuen uns über Einreichungen bis zum 15. September 2026 an rink(at)hs-koblenz.de, p.waag(at)katho-nrw.de und moritz.von_stetten(at)th-koeln.de Die Frist für die Abgabe der fertigen Manuskripte ist der 1. März 2027. Alle Beiträge durchlaufen im Anschluss einen internen Peer-Review Prozess. Die Publikation des Bandes ist für Ende 2027 geplant; er wird als open-access im Verlag Beltz Juventa erscheinen.
Hintergrund und Kontext
Die Nutzung digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren gesamtgesellschaftlich zu einem beschleunigten sozialen Wandel geführt. Diese Entwicklung vollzieht sich in einer Zeit wachsender sozialer Ungleichheit, autoritärer Dynamiken und ökonomischen Drucks. Technologische Innovationen werden dabei sowohl als Heilsbringer und Emanzipationsversprechen angepriesen (z.B. Kreidenweis 2024; Kurzweil 2024) als auch als Wegbereiter für Kontrolle, Ausbeutung und Unterdrückung erkannt (z.B. Büchner & Dosdall 2025; Mühlhoff 2025).
In Praxis und Disziplin der Sozialen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit digitalen Technologien in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einem Randthema zu einem zentralen Querschnittsthema geworden (Seelmeyer & Kutscher 2021; Graflhoff & Tuider 2023; Waag & Rink 2023). Dieser Bedeutungszuwachs ist nicht zuletzt das Resultat einer vielschichtigen diskursiven Genese, die weitreichende Veränderungen in der Einschätzung digitaler Technologien in der Sozialen Arbeit mit sich gebracht hat. In den 1980er und 1990er Jahren dominierten Stimmen, die vor den potentiellen Gefahren der neuen Technologie für das professionelle Handeln warnten, auf eine „Computerisierung des Denkens“ (Schurz 1991, 22) oder auf „programmierte Entscheidungen“ (Meyer 1991, 12) hinwiesen. Mit dem Aufkommen und der sukzessiven Verbreitung von Fachanwendungen seit den 2000er Jahren entwickelte sich zunehmend eine professionsbezogene Thematisierung, die neue Facetten ins Spiel brachte – darunter anwendungsorientierte Fragestellungen sowie praxisnahe Fallbeispiele. In diesem Sinne waren die ersten zwanzig Jahre des 21. Jahrhunderts – zumindest in der Disziplin der Sozialen Arbeit – vorrangig von programmatischen und praktischen Fragestellungen geprägt. Bis heute gibt es jedoch keine ernstzunehmende „Theorieentwicklung in der Sozialen Arbeit in Bezug auf Digitalisierungsfragen“ (Kutscher 2024, 128).
Dieser kurze Abriss des Digitalisierungsdiskurses innerhalb der Sozialen Arbeit wirft Fragen hinsichtlich der kritischen Reflexion digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz auf. Wir gehen davon aus, dass ihre zunehmende Verbreitung mit umfassenden technischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen einhergeht, die auch die Soziale Arbeit auf vielschichtige Weise betreffen. Der aktuelle Fachdiskurs birgt aus unserer Sicht die Gefahr, nicht nur die historische Genese, sondern auch die gegenwärtige Auseinandersetzung mit verengten, allzu affirmativen Perspektiven voranzutreiben. Die damit einhergehenden Einschränkungen sind vielfältig und betreffen das Grundverständnis der Profession: Schnell werden digitale Technologien als isolierte Werkzeuge betrachtet, obwohl mit ihnen Umwälzungen der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit einhergehen. Schnell erscheinen digitale Technologien als alternativlos im gesellschaftlichen Innovationswettbewerb (Kreidenweis 2020, 74), obwohl viele Entwicklungsrichtungen denkbar sind. Schnell werden die Probleme im Bereich digitaler Technologien auf Implementierungs- und Anwendungsfragen reduziert, obwohl grundlegende Konflikte zum professionellen Selbstverständnis der Sozialen Arbeit bestehen (Dowling 2023). Schnell werden die digitalisierungsbedingten Verschärfungen sozialer Problemlagen als relevante Themen für den Fachdiskurs der Sozialen Arbeit ausgeklammert.
Im Vordergrund des Bandes stehen Beiträge, die sich aus einer dezidiert kritischen Perspektive mit digitalen Technologien und Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Innerhalb der Disziplin knüpfen wir damit an die Perspektive einer kritischen Sozialen Arbeit an, die sich seit den 1970er Jahren um eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und Kapitalismus bemüht (Anhorn et al. 2008; Anhorn et al. 2012; Hartmann & Hünsersdorf 2013; Hollstein & Meinhold 1973; Widersprüche 2006). Digitale Technologien wurden aus dieser Perspektive – mit wenigen Ausnahmen (z.B. Otto et al. 2020; Richter 2022; Steinmetz 2024) – bislang kaum thematisiert.[1] Vor diesem Hintergrund laden wir zu Beiträgen ein, die diese Leerstelle adressieren und das Verhältnis von digitalen Technologien, Künstlicher Intelligenz und Sozialer Arbeit aus einer kritisch-reflexiven Perspektive ausleuchten. Willkommen sind sowohl theoretisch-konzeptionelle Arbeiten als auch empirisch fundierte Analysen, die den Diskurs um neue, kritische Perspektiven, Befunde und Argumentationslinien erweitern.
Wir verstehen Kritik als wissenschaftliche Praxis der reflexiven Beobachtung, die innerhalb eines eingespielten Diskurses Momente der „Diskontinuität“ erzeugt (Anhorn et al. 2012, 7). Kritik kann demnach als Anlass zum Innehalten, Prüfen und Kontextualisieren dienen, um bisherige Vorgehensweisen, Narrative, Theorien, Konzepte oder Methoden zu hinterfragen, neue Perspektiven zu ergänzen und den Handlungsspielraum der Sozialen Arbeit insgesamt zu erweitern. Eine wissenschaftliche Praxis der Kritik geht demnach nicht notwendigerweise mit einer abgeschlossenen Verständigung über zugrunde liegende normative Ziele einher. Ganz im Gegenteil: Kritik kann als eine Vermeidung von bloßem Abgleich und moralischer Anrufung verstanden werden, um so eine Offenheit gegenüber den normativen Zielen wissenschaftlicher Praxis zu wahren (Anhorn et al. 2012, 20).
In diesem Sinne bleiben die Diskurse und Praktiken rund um die Bedeutung digitaler Technologien in der Sozialen Arbeit in Form von Gleichzeitigkeiten thematisierbar. Ambivalenzen, Widersprüche, Paradoxien sowie Gegenbewegungen, die mit ihnen verknüpft sind, sollen offengelegt, nicht verdeckt werden. So kann eine bestimmte Technologie neue Handlungsspielräume und Emanzipationsdynamiken bei Betroffenen erzeugen, während sie bei Fachkräften eher den Leistungsdruck erhöht oder ökonomische und rechtliche Abhängigkeiten auf der Organisationsebene verschärft. Eine Technologie, deren Nutzung Fachkräfte entlastet und organisationale Abläufe erleichtert, kann zugleich zu einer verschlechterten Versorgung der Adressat:innen führen. Die kritische Auseinandersetzung mit Gleichzeitigkeiten und Widersprüchen erfordert Offenheit gegenüber den wünschenswerten und den ungewollten Entwicklungen, die mit der Nutzung digitaler Technologien einhergehen. Im Band soll jedoch immer die Auseinandersetzung mit Missständen und neuen Herrschaftsverhältnissen im Vordergrund stehen, die in Form von Erfahrungen der Ausgrenzung, Ausbeutung, Abwertung, Unterdrückung, Kontrolle oder Diskriminierung beobachtet und untersucht werden können, um auf diese Weise eine Erweiterung und Vertiefung des etablierten, eher affirmativen Diskurses zu erreichen. Dies soll auch Auseinandersetzungen mit Gegenbewegungen und Widerstandspraktiken umfassen. Neben der Bedeutung von Open-Source-Lösungen sollen beispielsweise auch Möglichkeiten des Verzichts auf Digitalisierung und der Prüfung der punktuellen Rückkehr zum Analogen in den Blick kommen. Wir begrüßen Einreichungen, die sich dieser Auseinandersetzung mit Missständen im weiteren Sinne stellen und dabei z.B. auch irritierende Befunde, Brüche und blinde Flecken des bisherigen Diskurses zur Sprache bringen.
Mögliche Themenbereiche
Die Struktur des Bandes ergibt sich aus den folgenden fünf thematischen Blöcken, die als Orientierung für die weitere Erarbeitung dienen und zugleich als Einladung zu verstehen sind, eigene Beiträge entlang dieser Schwerpunkte – oder in deren produktiver Erweiterung – zu verorten. Außerdem ermutigen wir ausdrücklich Vorschläge, die über die von uns vorgeschlagenen Themenbereiche hinausgehen.
Politische Ökonomie des Digitalen
Die Nutzung digitaler Technologien ist eingebunden in kapitalistische Verwertungslogiken (Pfeiffer 2021; Staab 2019), die mit ökonomisch motivierten Überwachungspraktiken und Eingriffen in die Privatsphäre von Nutzer:innen einhergehen (Zuboff 2018). Für Gegenstand, Organisation und Finanzierung der Sozialen Arbeit geraten hier zahlreiche Umstrukturierungen in den Blick, etwa datenbasierte Geschäftsmodelle und Effizienzparadigmen, die in Form von Software‑Lösungen, Subskriptionsmodellen sowie Public‑Private‑Partnerships implementiert werden und die Spielräume von Trägern wie Fachkräften zunehmend einschränken (Otto et al. 2020). Die Nutzung von Fallmanagement‑Software, KI‑gestützten Entscheidungshilfen, Scoring‑ und Monitoring‑Tools geht einher mit einer neuen Qualität der Quantifizierung und Klassifizierung des Sozialen (Mau 2017; Katzenbach & Ulbricht 2019). Die digitalen Möglichkeiten der Kontrolle von Klient:innen und ihrer Lebensführung können zur Entstehung eines datengetriebenen Wohlfahrts- und Überwachungsstaates beitragen (Dencik 2022; Yeung 2022). Zugleich verschieben sich Eigentums‑, Verfügungs‑ und Kontrollrechte über sozialpädagogisch erzeugtes Wissen hin zu profitorientierten Softwareanbietern und Plattformunternehmen, was Fragen nach der technischen und ökonomischen Abhängigkeit der Sozialen Arbeit aufwirft. Beiträge können hier z.B. ökonomische und politische Rahmenbedingungen digitaler Transformationen, Abhängigkeiten zu Softwareanbietern und Plattformunternehmen oder die konkreten Folgen quantifizierender Verfahren für Träger, Fachkräfte und Adressat:innen untersuchen.
Digitale Arbeit und Professionalität im Wandel
Soziale Arbeit als Dienstleistungsprofession unterscheidet sich von standardisierten Formen der Problembearbeitung dadurch, dass ihre Qualität nicht in der Anwendung von Routinen liegt, sondern in der fallbezogenen Verwendung wissenschaftlichen Wissens sowie praktischen Handlungswissens – und damit in einem Prozess der stellvertretenden Deutung komplexer Problemlagen (Dewe et al. 2011). In dieser dyadischen Dienstleistungserbringung schalten sich mit digitalen Technologien, je nach Grad der Handlungsfähigkeit, neue Aktanten ein, die eine triadische Struktur aus Professionellen-Technologien-Adressat:innen etablieren (Waag 2023). Digitale Technologien funktionieren oftmals über Formalisierungen, probalistische Entscheidungen und Wenn-Dann-Relationen, Logiken, die der interpretativen Offenheit professionellen Handelns widersprechen. Deutlich wird dieser Effekt bspw. bei Softwarearchitekturen mit vordefinierten Kategorisierungen, die als stille Selektionsfilter wirken, die Wahrnehmungs- und Handlungsschemata der Fachkräfte vorstrukturieren und so mitbestimmen, welche Aspekte einer Lebenspraxis sichtbar werden (Nadai 2015). Solche Dynamiken wirken als Element eines „Managerialismus“ (Seithe 2025) Sozialer Arbeit und verändern professionelle Handlungsspielräume, Wissensbestände und Verantwortungszuschreibungen (Stein 2020; Will-Zocholl & Hardering 2020). Hier sollen Ansätze versammelt werden, die etwa Veränderungen der professionellen Dienstleistungserbringung, neue Formen algorithmischer Entscheidungen, Fallkonstruktionen (Kennzahlen, Dashboards, Rankings), Verschiebungen in der Arbeitsteilung zwischen Fachkräften, Verwaltung und Technik sowie Ansätze einer (Re‑)Professionalisierung unter digitalen Bedingungen untersuchen.
Soziale Ungleichheit und digitale Teilhabe
Soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Teilhabe sind zentrale Themen der Sozialen Arbeit. Die Profession hat hier zum Ziel, autonome Lebensführung unter den jeweils gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zu ermöglichen (Kutscher & Iske 2020) und im Rahmen ihres politischen Mandats die Voraussetzungen autonomer Lebensführung zu verbessern (Kusche & Krüger 2001). Mit der Verbreitung digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz verfestigen sich allerdings allzu oft existierende Ungleichheiten, die im Zusammenhang mit soziodemographischen Faktoren wie Herkunft, Geschlecht, Bildung und ökonomischem Status stehen und in engem Zusammenhang mit dem Zugang und der Nutzung von digitalen Technologien stehen. Ersetzt die Digitalisierung analoge Zugänge zu Teilhabe-, Sozial- und Verwaltungsleistungen, führt dies zu Ausschluss und neuen Abhängigkeiten. Adressat:innen Sozialer Arbeit sind in besonderem Maße von Digitalzwang und digitaler Spaltung betroffen (Digitalcourage 2026). Neben den bestehenden medienpädagogischen Bemühungen sollte (der Einsatz für) die Aufrechterhaltung analoger Zugänge daher ein wichtiges Anliegen der Sozialen Arbeit sein. Kooperationen mit der Zivilgesellschaft wären hierfür ein förderliches Instrument. Die Beiträge dieses Abschnitts sollen digitale Ungleichheiten und Auswirkungen von Digitalzwang in verschiedenen Handlungsfeldern (Wohnungsnotfallhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Migrationsarbeit, Straffälligenhilfe etc.) sowie hinsichtlich intersektionaler Verschränkungen von Klasse, Geschlecht, Rassismus und Behinderung untersuchen.
Autoritäre Verhältnisse, digitale Gewalt und neuer Faschismus
In jüngster Zeit wird verstärkt darauf hingewiesen, dass digitale Technologien, soziale Medien und Künstliche Intelligenz in einem Zusammenhang mit der autoritären Wende, zunehmender Gewalt und einem neuen Faschismus stehen (Mühlhoff 2025; Strick 2021). Soziale Medien begünstigen die Entstehung von Polarisierung, Enthemmung und digitaler Gewalt, während digitale Technologien und neue Formen Künstlicher Intelligenz zunehmend bewusst dazu genutzt werden, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu attackieren. Für die Soziale Arbeit ergeben sich aus dieser Situation ambivalente Herausforderungen. Einerseits eröffnen digitale Technologien für vulnerable Gruppen neue Zugänge und Gestaltungsspielräume, die auch als Zuflucht vor und Widerstand gegen repressive Strukturen fungieren können. Andererseits sind soziale Organisationen, Fachkräfte und Adressat:innen mit neuen Formen der Gewalt und Desinformation konfrontiert, die eine erweiterte Perspektive auf die Bedeutung digitaler Technologien und ihrer Anbieter:innen erforderlich macht. Ganz grundsätzlich wirft die finanzielle und rechtliche Abhängigkeit der Profession von staatlichen Rahmenbedingungen zudem die Frage auf, wie es mit der Sozialen Arbeit weitergeht, wenn antidemokratische Kräfte politischen Einfluss auf die Sozialgesetzgebung und die Finanzierung der Sozialen Arbeit nehmen. Beiträge können hier den Zusammenhang von digitalen Technologien und autoritären Dynamiken, neue Formen digitaler Gewalt und Desinformation gegenüber sozialen Organisationen, Fachkräften und Adressat:innen sowie die Bedeutung staatlicher Abhängigkeitsverhältnisse für die Zukunft der Profession analysieren.
Digitale Subjektivierung
Digitale Technologien durchdringen soziale Praktiken tiefgreifend, transformieren Wissens- und Wahrheitsregime, schreiben sich in institutionelle Strukturen ein und verändern damit nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen des Subjektseins, sondern grundlegend die Modi der Subjektivierung (Carstensen et al. 2014; Dander et al. 2020). Die Herstellung des Subjekts wird zunehmend an technologisch modellierte Beobachtungs- und Anerkennungsregime geknüpft, in denen algorithmische Ordnungsmuster das Selbst wesentlich mitfigurieren (Bettinger 2017; Jörissen 2017). Gleichzeitig ist mit der digitalen Subjektivierung eine Transformation von Affektivität und Selbstverhältnissen zu beobachten, die den Möglichkeitsraum für Adressierung und kollektive Artikulationen von Subjektivität verschiebt. Für die Soziale Arbeit sind diese Verschiebungen in doppelter Weise bedeutsam. Auf Seiten der Adressat:innen stellt sich die Frage, wie datengestützte Kuratierungen des Selbst, plattformbasierte Anerkennungsordnungen und algorithmische Kategorisierungen Subjektpositionen und somit auch Handlungsspielräume transformieren. Sichtbar wird dies unter anderem in Form modularisierter „data doubles“ (Haggerty/Ericson 2000), die Adressat:innen nicht mehr als ganze Person, sondern als Bündel auswertbarer Datenpunkte erscheinen lassen. Auf Seiten der Fachkräfte verändern digitale Technologien zugleich die Modi beruflicher Subjektivierung, da sich professionelles Handeln nicht mehr auf den Fall in seiner vollumfänglichen Komplexität, sondern zunehmend auf seine digitale Repräsentation bezieht. Beiträge können hier etwa die Transformation von Subjektpositionen unter algorithmischen Anerkennungsregimen untersuchen oder die veränderten Modi professioneller Subjektivierung im Verhältnis zur digitalen Repräsentation des Falls in den Blick nehmen.
Call for Papers (PDF)
Literatur
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