Deadline: 15.11.2026
Endlich verschieden. Geschlecht, Diversität und Tod
Call for Abstracts für eine Tagung vom 26. bis 27. Februar 2027 in Emden/Leer. Deadline: 15. November 2026
Sind im Tod alle gleich? Kaum eine Gewissheit scheint selbstverständlicher – und doch hält sie einer genaueren Betrachtung nicht ohne Weiteres stand.
Im Blick auf Geschichte und Gegenwart zeigt sich, dass der Tod soziale Differenzen nicht einfach auflöst. Sterbepraktiken, Trauer- und Bestattungsrituale, Formen des Totengedenkens und die Darstellung Verstorbener sind geprägt von Vorstellungen über Geschlecht, Herkunft, Alter, soziale Position, Religion und weitere Zugehörigkeiten. Dabei können Identitäten auch im Gedenken verändert, überschrieben oder getilgt werden. Der lapidare Inschriftenzusatz »Hier ruhen … und seine Frau« mag dafür als lakonisches Beispiel stehen: Wer war diese verstorbene ›Frau‹ – und was bleibt von ihr, wenn ihre Identität nachträglich auf eine relationale Position reduziert wird?
Weiter gefragt: Hat eine Leiche ein Geschlecht? Der tote Körper ist nicht bloß biologischer Überrest. Er ist weiterhin ein Träger von Bedeutungen. Bei Sektionen und bei anderen medizinisch-anatomischen Praktiken treten materielle Variablen im Vordergrund, die für die Person selbst zu Lebzeiten womöglich wenig relevant waren; gleichwohl scheinen sie ›Sinn‹ zu erzeugen. Dass Körper vermessen, verglichen und kategorisiert und im Zuge dessen Identitäten gefestigt werden, ist im Leben wie im Tod eine durchaus überwältigende und allemal machtvolle Praxis.
Nicht nur der Leichnam, auch der Tod selbst kann geschlechtlich codiert sein. Kulturgeschichtlich sind die Personifizierungen des Lebensendes keineswegs immer als ein eigentlich geschlechtsloses Skelett aufgetreten – und selbst dieses wird oft als ›Sensenmann‹ gelesen. Der Tod erscheint als Mann, Frau, abstrakte Figur, Liebhaber, Geliebte, Engel, Schreckgespenst – stets abhängig von gesellschaftlichen Rahmungen.
Ausgehend von diesen Beobachtungen eröffnet sich die Perspektive auf Diversität am Lebensende. Relevant ist hierbei nicht nur die Kategorie Gender, sondern auch class, race und Ethnizität, Alter, Sexualität, Religionszugehörigkeit, Behinderung, familiale Lebensform, Migrationserfahrungen und weitere Zugehörigkeiten. Eine intersektionale Perspektive fragt danach, wie diese Dimensionen zusammenwirken, sich gegenseitig verstärken oder widersprechen. Auch im Kontext von Sterben, Tod und Trauer sind entsprechende (Wechsel-)Wirkungen zunehmend zu spüren. Überhaupt ist davon auszugehen, dass die gesellschaftliche Sensibilisierung für soziale Ungleichheit, Marginalisierung, Ausgrenzung, aber auch Pluralität und Empowerment erheblichen Einfluss auf den Umgang mit dem Lebensende ausübt.
Diesen Spuren soll auf der Tagung nachgegangen werden. Es soll danach gefragt werden, wie Differenz am Ende des Lebens und über den Tod hinaus hergestellt, fortgeschrieben, sichtbar gemacht oder zum Verschwinden gebracht wird. Willkommen sind theoretische, empirische, method(olog)ische und historische Beiträge in deutscher und englischer Sprache. Angesprochen sind z. B. Soziologie, Gender und Queer Studies, Kultur- und Sozialanthropologie, Geschichtswissenschaft, Medizin sowie Pflege- und Gesundheitswissenschaften.
Abstracts im Umfang von etwa einer Seite (inklusive Informationen zur Person) sind bitte bis zum 15. November 2026 an alle drei folgenden Mail-Adressen zu richten:
- thorsten.benkel(at)uni-passau.de
- ekkehard.coenen(at)uni-weimar.de
- nicole.kirchhoff(at)hs-emden-leer.de
Wir geben zeitnah Rückmeldung. Tagungsgebühren fallen nicht an. Die Veranstaltung findet in Präsenz in Emden statt. Reise- und Unterbringungskosten können leider nicht übernommen werden. Die Beiträge der Tagung sollen im Jahrbuch für Tod und Gesellschaft (Beltz-Juventa, peer reviewed, open access), dem Organ des Arbeitskreises, veröffentlicht werden. Weitere Hinweise finden sich unter www.thanatologie.eu.