Deadline: 31.05.2026

Grenzsoziologie Revisited

Call for Papers für ein Sammelband. Deadline: 31. Mai 2026

Grenzen sind für den Prozess der Gesellschaftsbildung konstitutiv. Als politisch-territoriale Demarkationen trennen sie Staaten und Territorien, als epistemische Schranken markieren sie Bereiche des Wissens und Nichtwissens. Als verhärtete Differenzen separieren sie Geschlechter, Alters- und ethnische Gruppen, als Bündel von Geschmackspräferenzen produzieren sie Zugehörigkeiten zu Klassen oder Märkten. Als Geflechte von Institutionen begründen sie Regime der Ausgrenzung. Als ontologische Zurechnungen heben sie den Menschen von den Tieren und Maschinen ab, ebenso wie sie das Öffentliche vom Privaten, das Digitale vom Analogen scheiden. Als Kapazitäten des Körpers laden sie kontinuierlich zur Verschiebung von Leistbar- und Belastbarkeiten ein, als Affektstrukturen signalisieren sie psychologische Zustände. Als kondensierte Werte- und Normvorstellungen motivieren sie die Unterscheidung zwischen Vertretbarem und Verwerflichem, Recht und Unrecht. Als Kommunikationsformate und Adressierungsweisen operieren sie als Schließungsprozesse sozialer Gebilde wie Organisationen. Als temporale Schwellen machen sie Ereignisse, Perioden und Verläufe erkennbar. Und als klimatische Kipppunkte visibilisieren sie planetare Zustände.

Dabei zeigt der Blick in die Sozialwissenschaften, dass Grenzen nicht nur trennen, sondern auch relationale Verbindungen entstehen lassen. Sie sind oft vielmehr Prozesse als fixierte Linien, können für die einen als Barriere, für die anderen als Übergang erscheinen. Sie wirken symbolisch und werden allzu oft materiell in Szene gesetzt. Sie produzieren Zustände des Dazwischens, schaffen Ordnung und zugleich Unordnungen. Sie werden durch Machtverhältnisse geprägt und beschwören Konflikte um ihre Existenz.

Während verschiedene gegenstandsbezogene Soziologien wie auch einzelne Theorietraditionen grenzsoziologische Forschung hervorgebracht haben, liegt der programmatische Vorschlag einer „Grenzsoziologie“ (Eigmüller/Vobruba 2006) nun 20 Jahre zurück. Seither gab es vereinzelte und meist subdisziplinär verstreute Versuche, diese Perspektive weiterzuentwickeln. Der geplante Sammelband möchte hier anschließen und eine Soziologie der Grenze erneut adressieren. In dem Bemühen darum, Ansätze zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Grenzphänomenen zusammenzuführen, soll es mithin auch darum gehen, neue und innovative theoretische Impulse, methodologische Reflexionen und empirische Erkundungen von Grenzbereichen der Gesellschaft zu motivieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Grenzsoziologie heute neu gefasst werden kann. Grenzen sollen dabei nicht als randständige Phänomene verstanden werden, sondern als konstitutiv für das Soziale: Sie strukturieren gesellschaftliche Un/Ordnungen, (de-)stabilisieren Wirklichkeiten und sind zugleich Ergebnis sozialer Praktiken, Konflikte und Aushandlungsprozesse.

Wir laden ein zu Beiträgen, die Grenzen aus soziologischer Perspektive theoretisch, empirisch oder methodologisch beleuchten. Mögliche Schwerpunkte sind, aber nicht beschränkt auf:

  • Theoretische Perspektiven auf Grenzen und Reflexionen über Grenzen als Grundbegriff der Soziologie
  • Verortungen soziologischer Grenzbegriffe mit Blick auf etablierte Begriffe und Konzepte wie Distinktion, Differenz, Unterscheidung, Kategorisierung, aber auch verwandte Begriffe und Konzepte wie Grenzregime, Frontier, Horizont, Extreme
  • Konzeptuelle Überlegungen zu kulturellen Formen und Prozessen sozialer Ordnungsbildung
  • Diskussionen von „vergessenen“ Klassiker:innen der Grenzsoziologie
  • Epistemologische Erörterungen der Bedingungen von Grenzsoziologie
  • Methodologische Reflexionen empirischer Grenzsoziologie in verschiedenen Feldern
  • Diskussionen um das Auffinden von Grenzen, Grenzbedingungen, Grenzeffekten in empirischen Materialien
  • Darstellungen innovativer Forschungsstrategien und methodischer Zuschnitte
  • Empirische Analysen zu (aber nicht beschränkt auf): Grenzüberschreitungen, Materialisierungen von Grenzen, Stilisierung und Ästhetisierung von Grenz(gegen)praxis, Übergangszonen, Zwischenzeiten und Aushandlungsprozesse, Grenzen im Spannungsfeld von (Im)Mobilität und Staatlichkeit, lokale Praktiken und globale Normen in der Produktion von Grenzen, Grenzen und Grenzräume in Alltagspraktiken und Erinnerungskulturen ...

Abstracts (max. 500 Wörter) sind erwünscht mit einer kurzen Darstellung des Beitrags, der Fragestellung und des theoretischen Zugriffs – auch für empirische und methodische Beiträge – bis zum 31. Mai 2026 an: ulla.connor(at)uni-saarland.de & Vivien.Sommer(at)leibnizirs.de

Die fertigen Manuskripte (Umfang: 9.000 Wörter) werden bis zum 31. Oktober 2026 erwartet. Geplant ist eine Publikation im kommenden Jahr.

Herausgeber:innen:

Dr. Annett Bochmann (Humboldt Universität zu Berlin)
Dr. Ulla Connor (Universität des Saarlandes)
Dr. Dominik Gerst (Universität Leipzig)
Dr. Vivien Sommer (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner)

Call for Papers (LINK)

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