Deadline: 10.08.2026
Konservatismus und Kapitalismus – Ziemlich beste Freunde?
Call for Papers für eine interdisziplinäre Tagung vom 18. bis 19. Februar 2027 am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Deadline: 10. August 2026
Die Begriffe ‚Konservatismus‘ und ‚Kapitalismus‘ sind als Grundbegriffe der politisch-sozialen Sprache normativ aufgeladen und definitorisch umkämpft. Während sich unter ‚Konservatismus‘ so verschiedene Vorstellungen wie eine anthropologische Disposition, ein formalisiert-positionales Ideologieverständnis oder gegenaufklärerische Bewegungen subsumieren lassen, evoziert der ‚Kapitalismus‘ so unterschiedliche Ordnungsmodelle wie die extraktivistischen Ausbeutungsregime des Kolonialismus, die ordoliberal imprägnierte ‚soziale Markwirtschaft‘ europäisch-kontinentaler Prägung oder anarcho-libertäre Programmatiken, die auf die Überwindung (wohlfahrts-)staatlicher Errungenschaften abzielen. Die Tagung nimmt die Konturen der ambivalenten Beziehungsgeschichte von Konservatismus und Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert systematisch in den Blick, wobei der Fokus auf den USA und Deutschland liegt.
Folgt man der viel diskutierten Lesart von Panajotis Kondylis, so war der Konservatismus durch seinen genuinen Bezug auf die Trägerschicht des Adels immer auch kapitalismuskritisch, verlor jedoch mit dem Bedeutungs- und Herrschaftsverlust des Adels zunehmend seinen begrifflichen Gehalt. In der Tat lässt sich diese Frontstellung im Kontext der europäischen Moderne zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert erkennen, der Kondylis’ Hauptaugenmerk gilt. Aber auch in den USA, wo diese Trägerschicht historisch keine Rolle spielte, existiert bis heute eine vergleichbare Ablehnung moderner Wirtschaftsformen im Kontext des alten Südens und seiner auf der vorherrschenden Sklavenwirtschaft basierenden ‚Plantagenaristokratie‘ (Plantation Aristocracy). Dort wurde der Kapitalismus mit dem industriellen Norden identifiziert – eine Position, die man etwa beim Politiker John C. Calhoun vertreten findet, die im 20. Jahrhundert von den Southern Agrarians wiederaufgenommen wurde und der in gewisser Weise auch Theodore Roosevelt eine prominente (konservative) Stimme verlieh.
Vor dem Hintergrund der Transformation des Adels, des Aufstiegs des Bürgertums, der schrumpfenden Bedeutung der Agrarökonomie gegenüber dem industriellen Sektor und der Entwicklung starker sozialistischer Bewegungen vollzog sich schrittweise eine Neubewertung des Kapitalismus in weiten Teilen konservativer Milieus. In den USA und dem Vereinigten Königreich etwa präsentieren sich Konservative (bis auf wenige, wenn auch bisweilen gewichtige Ausnahmen) bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts als teils glühende Befürworter des Kapitalismus. In den kontinentaleuropäischen Konservatismen hielten sich die teils massiven Vorbehalte, nicht selten unterstrichen durch eine konfessionelle Frontstellung, weitaus länger. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der beginnenden Blockkonfrontation mit der Sowjetunion stellte sich temporär – zumindest im nordatlantischen Raum – eine weitgehende Umkehrung der normativen Bewertung des Kapitalismus von Seiten des Konservatismus ein. Seither scheinen Konservatismus und Kapitalismus für viele Beobachter eine politische Allianz zu bilden.
Trotz dieser lange Zeit verbreiteten Wahrnehmung handelt es sich keineswegs um perfekte Komplemente. Schließlich trifft der mutmaßliche konservative Kernimpuls mit dem Kapitalismus auf ein disruptives Regime der „schöpferischen Zerstörung“ (Joseph Schumpeter), das alles „Ständische und Stehende verdampft“ (Karl Marx). Das erklärungsbedürftige Rätsel im Hinblick auf das Verhältnis von Konservatismus und Kapitalismus liegt also darin, dass es sich trotz dieser offenkundigen Gegensätzlichkeiten – und der seit nunmehr dreißig Jahren fehlenden Feindbilder ‚Sowjetunion‘ und ‚Sozialismus‘, die viele Konservative geradezu reflexartig zu Anwälten des Kapitalismus werden ließ – faktisch um ein auffallend stabiles Bündnis zu handeln scheint.
Die vom Arbeitskreis Interdisziplinäre Konservatismusforschung veranstaltete Tagung findet am 18./19. Februar 2027 am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin sowie an der Ludwig-Maximilians-Universität München statt und lädt zu einer interdisziplinären Auseinandersetzung ein. Wir bitten um Vorschläge für Vorträge aus den Politik-, Sozial- und Geschichtswissenschaften, die sich a) mit Ideen, Begriffen und Diskursen, b) mit sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Ordnungen oder c) mit Kulturen und Praktiken beschäftigen. Insbesondere suchen wir Beiträge, die die Gelenkstellen im spannungsreichen Beziehungsverhältnis von Konservatismus und Kapitalismus analysieren, die hier nur stichpunktartig genannt werden können: Eigentum – Ökologie – Nation und Nationalismus – Moral – Leistung – Verantwortung – Ungleichheit – Technologie – Religion – Geschlecht – Staatlichkeit.
Folgende Themen-/Fragekomplexe können das Thema aufschließen:
Konservatismus und Kapitalismus in Deutschland: Worauf zielte die konservative Kapitalismuskritik ab und welche Bedeutung hatte sie für die Pluralisierung des Konservatismus seit dem 19. Jahrhundert (bspw. preußischer Sozialkonservatismus, politischer Katholizismus, bürgerlicher Heimatschutz oder Weimarer Rechtsintellektualismus)? Wo setzte sie an, welche Phänomene kapitalistischen Wirtschaftens nahm sie besonders in den Blick, welche Alternativen stellte sie vor? Welche Diskurse, wie etwa der Sozialdarwinismus der Jahrhundertwende, religiöse (insb. protestantische) Überzeugungen oder elitäre Ideologeme, spielten dabei eine Rolle? Wie vollzog sich der Wandel von einer (radikal-)konservativen Kritik am Kapitalismus zu seiner Befürwortung und welche strukturellen oder ideologischen Faktoren spielten hierbei eine Rolle? Welche Bedeutung hatte die Akzeptanz einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung für die Geschichte der Deradikalisierung des deutschen Konservatismus nach 1945? Inwiefern spielt in diesem Zusammenhang der Wandel der sozialen Trägerschaft des Konservatismus eine Rolle, und wie werden hierbei Diskussionen um einen ‚neuen‘ Adel, die Relevanz von (Wirtschafts-)Eliten oder die Entstehung eines ‚Geldadels‘ verarbeitet? In welcher Beziehung standen gesellschaftliche Verwerfungen, Migrationsbewegungen, territoriale Verschiebungen infolge des Zweiten Weltkriegs und die Erfahrung des NS-Regimes zur Rekonfiguration des Verhältnisses von Konservatismus und Kapitalismus? Wie lassen sich Imperialismus, Extraktivismus und Kolonialismus, Globalisierung und Internationalisierung in diese ambivalente Beziehungsgeschichte von Konservatismus und Kapitalismus integrieren? Wo gibt es auch heute noch konservative Kapitalismuskritik?
Systematische Fragen zur Beziehung zwischen Konservatismus und Kapitalismus: Welche Rolle spielen Ungleichheitsvorstellungen in dieser Beziehung? Welche Funktionen erfüllen kapitalistische Theoreme im konservativen Denken und vice versa? Welche Rolle spielt der Kapitalismus in Kombination mit mutmaßlichen Kernideologemen bestimmter Konservatismen wie etwa dem Nationalismus/Patriotismus (Stichworte: Standortwettbewerb, DM-Nationalismus, Austerität), dem Schutz von Eigentum oder der Aufrechterhaltung von Moralordnungen? Inwiefern passen sich etwa Subsidiarität oder Korporatismus in ganz bestimmte Formen des Kapitalismus ein? Welche Relevanz kommt dem Neo-/Ordoliberalismus in dieser Beziehungskonstellation zu? Lässt sich der Glaube an den Markt als eine säkularisierte Variante überindividueller Legitimationsstiftung erfassen? Inwiefern stehen (fossiler) Kapitalismus und die Bewahrung der Schöpfung im Widerspruch, und lassen sich hier genuin ökologisch-konservative Positionen ausmachen? Gibt es einen genuin ‚linken‘, kapitalismuskritischen Konservatismus? Wie begründet sich die konservative Parteinahme für den Kapitalismus? Ist er eine konservative Tugendschule à la ‚Schwäbische Hausfrau‘? Geht es um einen Hierarchisierungsmechanismus und die bewusste Produktion gesellschaftlicher Ungleichheit inklusive kapitalistisch vermittelter Privilegien? Oder muss man sowohl historisch als auch zeitgenössisch mit ideologiekritischem Instrumentarium den Zusammenhang zwischen kapitalistischen und staatlichen Akteuren in den Blick nehmen: Konservative sind eben im Bunde mit finanzstarken und einflussreichen Akteuren aus der Sphäre einer kapitalistischen Ökonomie und agieren als Anwälte von deren Interessen?
Konservatismus und Kapitalismus in den USA und transatlantische Verflechtungen: Gibt es im Anschluss an neokonservative Klassiker des Genres wie Daniel Bells Cultural Contradictions of Capitalism oder Irving Kristols Two Cheers for Capitalism Versuche, einen ‚ethischen‘ Kapitalismus zu entwerfen, der etwa gegen den Neoliberalismus in Stellung gebracht wird? Ist der Postliberalismus Patrick Deneens oder Adrian Pabsts zur neuen Domäne konservativer Kapitalismuskritik geworden? Wie ist es um das paläokonservative Spektrum (Samuel Francis, Paul Gottfried) bestellt, das einerseits libertäre Strömungen aufweist, andererseits bisweilen Antikapitalismus, Antiliberalismus und Antisemitismus vermischt? Und wie lässt sich erklären, dass es die erwähnte Ungleichzeitigkeit in den Verschiebungsprozessen zwischen anglo-amerikanischer und kontinentaleuropäischer Welt gibt? Mit Blick auf die Verflechtungsgeschichten: Was sind konservative Netzwerke oder Medien, in denen diese Fragen erörtert werden? Welche Relevanz kommt den Debatten um den Kapitalismus in den konservativen Selbstverständigungsdiskursen zu, und lassen sich hier Konjunkturen identifizieren?
Wir bitten um Einsendungen von Vorschlägen für Vorträge in Form eines Abstracts (max. 1.000 Wörter) sowie eines kurzen CVs bis zum 10. August an:
konservatismusforschung(at)uni-goettingen.de
Organisation:
Dr. Tobias Adler-Bartels, Georg-August-Universität Göttingen
Prof. Thomas Biebricher, Goethe-Universität Frankfurt a.M.
Prof. Johannes Großmann, Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. Felix Schilk, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Prof. Martina Steber, Institut für Zeitgeschichte München–Berlin / Universität Augsburg
Prof. Tine Stein, Georg-August-Universität Göttingen