Deadline: 31.10.2026
Kulturelle Praktiken und Prozesse transnationaler und globaler Ungleichheiten
Call for Papers für ein Themenheft der Zeitschrift für Soziologie. Deadline: 31. Oktober 2026
Herausgegeben von Daniel Drewski (Bamberg) und Thorsten Peetz (Berlin)
Die soziologische Ungleichheitsforschung konzentriert sich meist auf Ungleichheiten innerhalb des Nationalstaats (Beck 2007). Prozesse der Globalisierung und der regionalen Integration haben jedoch zu einer wachsenden Verflechtung über nationale Grenzen hinweg geführt, die ungleichheitsrelevante Folgen zeitigt (Weiß 2017). Sie beeinflussen die sozialen Positionen von Individuen und Gruppen und erzeugen Ungleichheitsrelationen, die sich über nationale und regionale Grenzen erstrecken, etwa in transnationalen Bildungs- und Arbeitsmärkten. Darüber hinaus verändern Globalisierung und regionale Integration auch, wie Individuen ihre soziale Position interpretieren und bewerten (Delhey und Kohler 2006). Entsprechend mehren sich Forderungen, den Nationalstaat nicht länger als selbstverständlichen Bezugsrahmen zu betrachten und stattdessen Ungleichheitsverhältnisse auf transnationaler, regionaler (Beckfield 2019) oder globaler Ebene (Wallerstein 2004; Milanovic 2016) sowie im Hinblick auf heterogene soziale Differenzierungskontexte (Weiß 2017) zu untersuchen – etwa in globalen sozialen Feldern (Buchholz 2022) oder globalen Städten (Warikoo 2011).
Mit diesem Sonderheft möchten wir zu dieser Forschungsagenda beitragen, indem wir kulturelle Praktiken und Prozesse (Lamont, Beljean und Clair 2014) der (Re-)Produktion transnationaler und globaler Ungleichheitsverhältnisse in den Blick nehmen. Zwei Arten eng miteinander verbundener kultureller Praktiken und Prozesse sind für dieses Sonderheft besonders relevant: (1) Kategorisierung und Bewertung sowie (2) Narrative und Rechtfertigungen (Valentino und Vaisey 2022).
(1) Praktiken der Kategorisierung und Bewertung: Wie Menschen sich selbst und andere in soziale Kategorien (wie soziale Klasse, Geschlecht, „Race“, Ethnizität usw.) einordnen und welchen Wert sie den Mitgliedern dieser Kategorien zuschreiben, bedingt maßgeblich deren Lebenschancen (Tilly 1998; Brubaker 2015). Kategorisierung und damit verbundene Praktiken wie symbolische Grenzziehungen (Lamont und Molnár 2002) sind grundlegend für soziale Schließungsprozesse und die Monopolisierung von Ressourcen. Ein Großteil dieser Forschung vernachlässigt jedoch die transsituativen Kontexte von Kategorisierung und Bewertung (Waibel, Peetz und Meier 2021). Die Dynamiken der Kategorisierung und Bewertung, die transnationale, regionale und globale Ungleichheitsverhältnisse prägen (und von ihnen geprägt werden), sind bislang wenig erforscht. Angesichts der weiterhin zentralen Bedeutung des Nationalstaats stellt sich beispielsweise die Frage, wie die Kategorie der „Nationalität“ innerhalb transnationaler und globaler Ungleichheitsverhältnisse mit anderen sozialen Kategorien zusammenhängt. Wie beeinflussen die Regeln globaler Felder konkrete Bewertungspraktiken – und umgekehrt? Wie stehen sie in Beziehung zu den sozial differenzierten Kontexten, in denen sich Ungleichheiten manifestieren (Weiß 2017)? Welche Folgen hat Standardisierung (Lampland und Star 2009) für globale Ungleichheiten?
(2) Narrative und Rechtfertigungen: Wie Menschen soziale Ungleichheiten beurteilen und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen, hängt davon ab, wie sie Ungleichheiten interpretieren und was sie als gerecht ansehen. Dabei greifen sie auf kulturell verankerte Narrative (wie den „American Dream“) zurück und orientieren sich an geteilten Fairnessvorstellungen oder meritokratischen Kriterien (Mijs 2019). Diese Narrative und Gerechtigkeitsvorstellungen sind Teil dessen, was auch als „Wertigkeitsordnungen“ (Boltanski und Thévenot 2006) oder als „moralische Ökonomien“ der Ungleichheit (Mau 2003; Svallfors 2006; Sachweh 2012) bezeichnet wurde. Die Forschung zu diesen Themen hat sich bislang jedoch überwiegend mit Wahrnehmungen und Rechtfertigungen sozialer Ungleichheiten innerhalb einzelner Länder beschäftigt. Die Frage, wie Menschen und Organisationen transnationale, regionale und globale Ungleichheiten deuten und welche Gerechtigkeitsvorstellungen sie in Bezug darauf haben, ist bislang wenig erforscht.
Das zentrale Ziel dieses Sonderhefts besteht darin, theoretisch zu reflektieren und empirisch zu analysieren, wie kulturelle Praktiken und Prozesse transnationale, regionale und globale Ungleichheiten strukturieren – und zugleich durch diese strukturiert werden. Obwohl die Beiträge durch diesen analytischen Fokus verbunden sein sollen, können sie unterschiedliche empirische Phänomene untersuchen. Die folgenden drei Themenfelder dienen als Beispiele für Forschungsbereiche, die besonders vielversprechende Einsichten erwarten lassen.
(1) Internationale Migration und Mobilität: In einer Welt, in der der Zugang zu Ressourcen weiterhin eng an Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsrechte gebunden ist (Shachar 2009; Milanovic 2016), stellt grenzüberschreitende Mobilität einen wichtigen Weg sozialer Mobilität dar. Entsprechend haben Staatsbürgerschafts-, Migrations- und Grenzpolitiken erhebliche Auswirkungen auf globale Ungleichheiten (Mau 2023; Recchi et al. 2021; Harpaz 2019). Auch Gatekeeping-Mechanismen innerhalb transnationaler sozialer Felder und Organisationen, die internationale Migration und Mobilität ermöglichen oder begrenzen, können eine wichtige Rolle für die Reproduktion globaler Ungleichheiten spielen (Gerhards, Hans und Drewski 2018). Beiträge in diesem Themenbereich könnten die Kategorisierungen und Bewertungen untersuchen, die die Chancen internationaler Migration und Mobilität beeinflussen, ebenso wie die Rechtfertigungen, die hierfür angeführt werden.
(2) Entstehung transnationaler sozialer Gruppen und Klassen: Die Forschung hat gezeigt, dass insbesondere die oberen sozialen Klassen und Eliten die Globalisierung nutzen können, um eine „sozial-räumliche Autonomie“ (Weiß 2017) und die damit verbundenen Vorteile zu erlangen (Gerhards, Hans und Carlson 2014; Surak 2023). Insbesondere multinationale Unternehmen, internationale Organisationen und professionelle Felder eröffnen diesen Akteuren entsprechende Möglichkeiten (Drewski 2021). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die in diesen Feldern und Organisationen tätigen Personen zu einer neuen „transnationalen sozialen Klasse“ zusammenwachsen, die sich von den im Nationalstaat verankerten sozialen Klassen unterscheidet (Sklair 2001; Hartmann 2016; Carlson und Barglowski 2024; Cousin und Chauvin 2021). Beiträge in diesem Themenbereich könnten die Kategorisierungskämpfe und Distinktionspraktiken untersuchen, die mit der Entstehung dieser Gruppen zusammenhängen.
(3) Transnationale und globale soziale Felder: Mit Globalisierung geht auch die Entstehung globaler „sozialer Felder“ einher, die die Verteilung von Ressourcen und Positionen steuern und sich teilweise der Jurisdiktion von Nationalstaaten entziehen (Buchholz 2022; Go und Krause 2017). Innerhalb dieser Felder werden Bewertungsregime etabliert, die die Zuschreibung von Wert sowie die Wahrnehmung von Ungleichheit prägen können – etwa durch globale Hochschulrankings (Brankovic 2025; Espeland und Sauder 2016). Darüber hinaus hat die Forschung Ungleichheitsverhältnisse in verschiedenen transnationalen Feldern kultureller Produktion untersucht (Buchholz 2022; Heilbron 1999). Beiträge in diesem Themenbereich könnten globale Praktiken analysieren, die solche Felder konstituieren und intern strukturieren, ebenso wie die Narrative und Gerechtigkeitsvorstellungen, die innerhalb dieser transnationalen und globalen Felder institutionalisiert werden. Darüber hinaus könnten sie untersuchen, wie verschiedene globale Felder miteinander interagieren, wie sie mit Feldern auf anderen Ebenen (etwa Nationalstaaten oder Organisationen) verbunden sind und wie die Wechselwirkungen zwischen diesen Feldern soziale Ungleichheiten beeinflussen.
Bitte reichen Sie Ihre Abstracts (1–2 Seiten, in deutscher oder englischer Sprache) bis zum 31. Oktober 2026 bei den Gastherausgebern ein. In der ersten Begutachtungsphase werden die Einreichungen hinsichtlich ihrer Passung für das Sonderheft geprüft. Autorinnen und Autoren ausgewählter Abstracts werden eingeladen, bis zum 31. Mai 2027 vollständige Manuskripte einzureichen. Ein (virtueller) Workshop für die Beitragenden findet im Juli 2027 statt. Anschließend werden alle Beiträge bis Dezember 2027 bei der Zeitschrift für Soziologie eingereicht und durchlaufen dort das reguläre Double-Blind-Peer-Review-Verfahren. Im Falle einer Annahme werden die Artikel zunächst online erscheinen; die Veröffentlichung des Sonderhefts ist für das Frühjahr 2029 vorgesehen.
Bitte senden Sie Ihre Abstracts an daniel.drewski(at)uni-bamberg.de & thorsten.peetz(at)ipu-berlin.de.
Herausgeber des Schwerpunkthefts:
Jun.-Prof. Dr. Daniel Drewski ist Juniorprofessor für die Soziologie Europas und der Globalisierung an der Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der vergleichenden Kultursoziologie und der Soziologie der europäischen Integration. In seiner empirischen Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit symbolischen Grenzen und symbolischen Ungleichheiten entlang nationaler Zugehörigkeiten in transnationalen Kontexten.
Prof. Dr. Thorsten Peetz ist Soziologe und Professor für Organisationssoziologie an der International Psychoanalytic University Berlin. Zu seinen Forschungsinteressen zählen soziologische Theorie, Organisationsforschung und Kultursoziologie. Seine empirische Forschung konzentriert sich auf Bewertungsprozesse im Kontext digitaler Intimität sowie der katholischen Kirche.
Zum Call for Papers (PDF)
Literatur
Beck, Ulrich. 2007. "The cosmopolitan condition: Why methodological nationalism fails." Theory, Culture & Society 24 (7-8): 286–290.
Beckfield, Jason. 2019. Unequal Europe: Regional integration and the rise of European inequality. Oxford: Oxford University Press.
Boltanski, Luc, and Laurent Thévenot. 2006. On justification. Economies of worth. Princeton: Princeton University Press.
Brankovic, Jelena. 2025. "Worlds of ranking research." In The Routledge international handbook of valuation and society, edited by Anne K. Krüger, Thorsten Peetz and Hilmar Schäfer, 348–358. Abingdon: Routledge.
Brubaker, Rogers. 2015. Grounds for difference. Cambridge: Harvard University Press.
Buchholz, Larissa. 2022. The global rules of art. The emergence and divisions of a cultural world economy. Princeton: Princeton University Press.
Carlson, Sören, and Karolina Barglowski. 2024. "Theorizing transnational class formation: Novel approaches to the study of transnational inequalities and class-making." Global Networks 24 (3): 1–6.
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Shachar, Ayelet. 2009. The birthright lottery: Citizenship and global inequality. Cambridge: Harvard University Press.
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Wallerstein, Immanuel. 2004. World-Systems Analysis. An introduction. Durham; London: Duke University Press.
Warikoo, Natasha. 2011. Balancing acts: Youth culture in the global city. Los Angeles: University of California Press.
Weiß, Anja. 2017. Soziologie Globaler Ungleichheiten. Berlin: Suhrkamp.