Deadline: 23.02.2026

Max Scheler und die Kritische Theorie

Call for Papers für einen Kongress vom 11. bis 13. Juni 2026 in Nantes, Frankreich. Deadline: 23. Februar 2026

Die Beziehungen zwischen der aus der Frankfurter Schule hervorgegangenen Kritischen Theorie und Max Scheler (1874-1928) sind vielfältig und komplex. Aus historischer Sicht würdigte die Frankfurter Schule zunächst die Bedeutung der von Scheler geleisteten philosophischen Erneuerung (Horkheimer 1928). Seine Beiträge zur Psychologie, zur Phänomenologie und zur Lebensphilosophie wurden von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in den 1920er und 1930er Jahren ausführlich diskutiert. Die Frankfurter Schule – möglicherweise z.T. von Siegfried Kracauer angeregt (Kracauer 2011; Agard 2006, 146-148) – distanzierte sich dann allmählich von dem Philosophen durch provokative Äußerungen wie jene Adornos: „Scheler: Das Boudoir in der Philosophie“ (Adorno 1951, 253). Aus systematischer Sicht ist Schelers Einfluss auf die Kritische Theorie jedoch konstant, so untergründig und wenig erforscht er auch sein mag (mit Ausnahme der zahlreichen und wegweisenden Arbeiten von G. Raulet zu diesem Thema: siehe Raulet 2020). 

Die klassische Frankfurter Schule teilt mit Scheler ihr zentrales Thema: die Kritik an den modernen Gesellschaften, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Herrschaft über die äußere und innere Natur. Davon zeugt ein Brief Horkheimers an Pollock vom 27. April 1941, in dem er die „Disposition“ eines geplanten Buches erläutert, das die Dialektik der Aufklärung werden sollte: „Wissenschaft ist unlöslich mit Naturbeherrschung verknüpft. Die Dialektik der Naturbeherrschung zu geben, wird eine der Hauptaufgaben sein und wir werden uns hüten, dabei in Scheler’sche Bahnen zu geraten.“ (Horkheimer 1996, 25). Insbesondere diese charakteristische Ambivalenz – zwischen einer Wiederaufnahme der Themen Schelers und einer Distanzierung von dessen Herangehensweise – verdient eine eingehende Untersuchung. Namentlich Schelers Aufsätze über den Geist des Kapitalismus (Scheler 1972) bilden „das fehlende Bindeglied zwischen Max Weber und den charakteristischen Themen der Frankfurter Schule“ (Haber 2016). Letztere bemüht sich in der Tat, die marxistische Kritik des Kapitalismus in eine allgemeine Anklage der „Moderne“ zu integrieren – einer Moderne, welche sich in einer „instrumentellen Rationalität“ verfangen hat, die mit zunehmender Selbstsicherheit immer brutaler wurde (Adorno und Horkheimer 1944; Agard 2024).

Schelers Einfluss auf die Frankfurter Schule zeigt sich auch später. In Technik und Wissenschaft als „Ideologie“ setzt Jürgen Habermas die Unterscheidung zwischen Herrschaftswissen, Kulturwissen und Heilswissen ein (Habermas 1968), ohne jedoch darauf hinzuweisen, dass sie aus Schelers Wissenssoziologie stammt (Scheler 1926). In Axel Honneths Der Kampf um Anerkennung (Honneth 1992) findet sich eine sehr positive Bezugnahme auf Schelers Unterscheidung zwischen Gemeinschaft, Gesellschaft und Gesamtperson (siehe Schloßberger 2005). In jüngster Zeit hat Rahel Jaeggi Schelers Analysen zum Ressentiment aufgegriffen und dieses als einen der Modi der Regression dargestellt (Jaeggi 2022). 

Dennoch stehen fast alle Arbeiten der klassischen und neueren Frankfurter Schule in einem Spannungsverhältnis zur Sozialphilosophie Schelers, zum einen aufgrund ihrer Ablehnung jeglicher metaphysischer Spekulation, zum anderen, weil sie dem grundlegenden Paradigma der negativen Kritik verpflichtet sind. In der Tat bleibt die Kritische Theorie sehr zurückhaltend mit positiven Aussagen über den Menschen, seien sie anthropologischer oder phänomenologischer Natur („Es gehört zum Wesen des Menschen, einen Leib zu haben”, „Das menschliche Leben verwirklicht sich in Formen emotionaler Teilhabe” usw.). In dieser Hinsicht stellt die von Hartmut Rosa entwickelte Resonanztheorie, die sich auf phänomenologische Annahmen stützt, die von Merleau-Ponty übernommen wurden, aber auf Scheler zurückgehen (Rosa 2016), eine Ausnahme dar und könnte den Dialog zwischen Phänomenologie und Kritischer Theorie erneuern. Man kann sich fragen, ob das, was Rosa Resonanz nennt, nicht ähnlich oder gleichbedeutend ist mit dem, was Scheler unter dem Begriff Sympathie analysiert; zumindest könnte die phänomenologische Unterscheidung verschiedener Sympathieformen eventuell die Polysemie in Rosas Resonanzbegriff erhellen (Krebs 2021, 132). Da sie sich das Forschungsgebiet der Sozialphilosophie teilen, können sich die Kritische Theorie und die phänomenologische Anthropologie, die auf Scheler (und Plessner) zurückgeht, gegenseitig befruchten, bereichern und beeinflussen. 

Ziel dieses Kongresses ist es, die Beziehungen zwischen Schelers Denken und der Kritischen Theorie so systematisch und umfassend wie möglich anhand der folgenden Schwerpunkte (die Liste ist offen) zu untersuchen: 

1. Historische und institutionelle Beziehungen (Coomann 2021). 

Das im Februar 1923 in Frankfurt gegründete Institut für Sozialforschung hatte sein „Pendant” in dem 1919 in Köln gegründeten Institut, in dem die Strömungen der Sozialpsychologie und der Wissenssoziologie (mit Leopold von Wiese und Scheler) vertreten waren. 1928 wurde Scheler nach Frankfurt auf den zuvor von Hans Cornelius bekleideten Lehrstuhl berufen; letzterer hatte sowohl Horkheimers als auch Adornos Doktorarbeiten betreut. Adornos Habilitationsschrift wurde schließlich nicht von Scheler, sondern von Paul Tillich betreut, der nach Schelers frühem Tod dessen Nachfolge antrat. In mehreren Texten aus den 1920er und 1930er Jahren würdigt Horkheimer das Werk Schelers nachdrücklich.

2. Thematische Beziehungen: Kritik der Moderne. 

  • Unterthema 1: Kritik der instrumentellen Rationalität / des Herrschaftswissens. Kritik der Herrschaft über die äußere und innere Natur. Bezug zur Psychoanalyse.
  • Unterthema 2: Kritik der sozialen Ausbeutungsverhältnisse: Ausbeutung und Herrschaft der Menschen untereinander in der Kritischen Theorie, Selbstausbeutung bei Scheler. Status und Wert der Arbeit in der modernen Gesellschaft.
  • Unterthema 3: Scheler’sche Phänomenologie versus „immanente Kritik“. Verhältnis zur Metaphysik; verschiedene Fassungen der Unterscheidung zwischen „normativ“ und „deskriptiv“.
  • Unterthema 4: Philosophische Anthropologie und Kritische Theorie (Breuer 2016, insbesondere Kap. 3 „Anthropologie 3.0“, 97 sqq.; Fischer 2017, wo der Gegensatz, sowie Thies 2018, wo die Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden). Vgl. insbesondere die kritische Diskussion der philosophischen Anthropologie Schelers durch Horkheimer (Horkheimer 1930, 1935) und Adorno (in den letzten drei Texten von Adorno 2003). Zur Rehabilitierung der philosophischen Anthropologie, insbesondere derjenigen Schelers, vgl. Ebke et al. 2017; Schloßberger 2019; Raulet 2020. 

3. Begriffliches Erbe. 

  • Unterthema 1: Ressentiment und Anerkennung (siehe z.B. Guénard 2012).
  • Unterthema 2: Beziehung der verschiedenen Generationen und Epochen der Frankfurter Schule zu Scheler: a) Sind diese Beziehungen für die jüngere Schule und für die klassische Schule von gleicher Bedeutung? b) Sind sie insofern ähnlich, als sie dieselben Themen und Begriffe behandeln?
  • Unterthema 3: Kritische Anwendungen der Scheler'schen Phänomenologie in verschiedenen kulturellen Kontexten (außerhalb der Frankfurter Schule).

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