Deadline: 31.05.2026
„Modellfälle“ und „Modellaffären“: Methodologische Überlegungen zur Erforschung von Kollektiven
Call for Papers für eine Tagung am 13. November 2026 in Regensburg. Deadline: 31. Mai 2026
Wie kommt die sozialwissenschaftliche Forschung zu Aussagen über allgemeine Logiken des kollektiven Lebens, und ebenso zu Aussagen, die tiefgreifende historische Veränderungen respektive je eigene Spezifiken von Kollektivität behaupten? Die Tagung möchte zwei Begriffe aufgreifen, die für die empirische Erforschung von Kollektiven und für deren methodologische Diskussion vielversprechend scheinen: Modellfall und Modellaffäre. Die beiden Begriffe öffnen dabei je andere Fragerichtungen und methodische Vorgehensweisen.
1. Von model cases oder von „privilegierten Forschungsobjekten“ als dem methodischen Vorgehen der Sozialwissenschaften spricht Monika Krause im Kontrast zu weiteren Forschungslogiken, in denen es um experimentelle Modellierung, die Entdeckung neuer Phänomene oder um die repräsentative Erfassung eines ‚Feldes‘ geht. Die sozialwissenschaftliche Forschung teile in den soziologischen Subdisziplinen (wie Stadtsoziologie), in der allgemeinen Soziologie und soziologischen Theorie oder in der postkolonialen Theorie und Forschung die Privilegierung einiger weniger Fälle. Der Fall eines Kollektivs, eines sozialen Phänomens wird als exemplarisch für alle anderen genommen. So ist in der Stadtsoziologie Chicago der immer erneut betrachtete Modellfall der modernen Großstadt, Frankreich und England stehen für ‚die‘ moderne Gesellschaft, das Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für das Konzept der ‚ethnic nation‘ und Frankreich für das der ‚civic nation‘, und Indien ist der Modellfall eines kolonial beherrschten Kollektivs. Für professionelle Kollektive wurde oft die Ärzteschaft erforscht, für Kleingruppen US-amerikanische Straßengangs, für Gewerkschaften die der Automobilbranche, für (links-)populistische Bewegungen ist Argentinien der model case. (Überdies spricht Krause im Bereich der Theorie von model cases; sie erwähnt Foucault und Bourdieu).
Für die Sozialwissenschaften gelte insgesamt:
„[S]ome material research objects are studied repeatedly and shape the understanding of more general categories in disproportionate ways. I call these objects ‚privileged material research objects‘; or ‚model cases‘. Sociologists, historians, and anthropologists thus have a canon of privileged research sites and objects in addition to a canon of texts.“
Ähnliches lässt sich für weitere Disziplinen und deren Kollektive (für Kultur- und Sozialanthropologie, Archäologie, Politikwissenschaft) festhalten. Ein Vorteil dieser Forschungslogik ist etwa die Vergleichbarkeit im Blick auf historische Veränderungen der Modellfälle. Die Grenzen liegen – so Krause – u.a. in einer Reduktion der empirischen Vielfalt der Kollektive oder in Verallgemeinerungen, die die Differenzen der Kollektive verdecken (z.B. die Unterschiede der Gewerkschaften verschiedener Branchen oder jene Unterschiede in der Imagination der ‚modernen Nation‘, die auf differente Vergangenheiten zurückgehen).
2. Der Begriff der „Modellaffäre“ entspricht einer weiteren Forschungslogik, wenn es darum geht, Kollektive oder kollektive Tatsachen zu erforschen. Dieser Begriff entstammt dem Werk Michel Foucaults, der in seinen Monografien und Vorlesungen an historischen „Affären“ ansetzte – d.i. den Gerichtsprozessen, die um Aufsehen erregende Verbrechen oder Verhaltensweisen im 17., 18. und 19. Jahrhundert geführt worden sind. Foucault zufolge lassen sich an solchen Gerichtsverfahren – in der „Affäre des Soldaten Bertrand“, der „Affäre Cornier“, der „Affäre Grandjean“ – grundlegende historische Veränderungen zeigen: Veränderungen von Kollektivität (ein neues Gerechtigkeitsempfinden, eine neue Selbstvorstellung, eine neue Einstellung zu Sexualität). Den Begriff der „Modellaffäre“ – „affaire modèle“ resp. „affaire princeps“ – prägt Foucault in der Vorlesung Die Anormalen. Er lässt sich sicher auf alle von ihm untersuchten Gerichtsverfahren beziehen. Die Frage ist, ob sich von Foucault aus (oder AutorInnen, die ähnlich vorgehen) eine methodologische Anweisung gewinnen lässt, wenn es um die historische Erforschung von kollektiven oder gesellschaftlichen Tatsachen geht und um historische Veränderungen von Kollektiven – von Denkweisen und Aussagemöglichkeiten hinsichtlich des Subjekts und des Kollektivs.
Es sind zwei differente Methodologien zur Erforschung von Kollektivität, die Krause und Foucault eröffnen. Sie können, ggf. ergänzt um weitere Begriffe und Konzepte, Überlegungen dazu anregen, wie sich historische und gegenwärtige Kollektive erforschen lassen: Mit welchen Methoden werden historische Brüche sichtbar, Neuformationen kollektiver Praxen, Organisationsweisen und Vorstellungen; welche Chancen hat die Aufmerksamkeit für juristische Prozesse oder historische Delinquenz – lässt sie sich auf andere ‚Affären‘, Zeiten, Regionen und gesellschaftliche Bereiche übertragen? Welche Chancen und Grenzen hat andererseits die von Krause beobachtete Konzentration auf einige wenige Kollektive, wie werden sie ausge- wählt, was wären die model cases, wenn es darum geht, die Vielfalt von Kollektiven im Blick zu halten und deren Differenz empirisch zu untersuchen – im Sinne von inter- oder transdisziplinären collectivity studies?
Wir freuen uns auf (methodologische, empirische, epistemologische) Beiträge zu diesen und weiteren Fragen.
Ihre Reise- und Übernachtungskosten werden von der Hansen-Stiftung übernommen. Im Anschluss ist eine Publikation der Beiträge in der Zeitschrift für Kollektiv- und Kulturwissenschaft (ZKKW) geplant. Mehr Infos unter forschungsstelle.org.
Bitte senden Sie Ihren Beitragsvorschlag bis 31.5.2026 an: heike.delitz(at)ur.de; anna-lisa.mueller(at)uni-bielefeld.de.
Call for Papers (PDF)