Deadline: 31.03.2026
Paradoxe Unterwerfung – Symbolische Gewalt. Literatur- und kultursoziologische Perspektiven auf Bourdieus „Die männliche Herrschaft“
Call for Abstracts für einen Workshop vom 26. bis 28. November 2026 in Wien, Österreich. Deadline: 31. März 2026
In Die männliche Herrschaft (1998) analysiert Pierre Bourdieu die Geschlechterordnung als paradigmatisches Modell sozialer Dominanz. Ihre Wirksamkeit beruht, so seine zentrale These, auf verborgenen Mechanismen symbolischer Gewalt – einer subtilen, kulturell vermittelten Form der Machtausübung, die sich tief in die soziale Welt und den Habitus einschreibt. Diese „sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt“ (Bourdieu 2021, 8) zeigt sich etwa in der dichotomen Zuweisung geschlechtsspezifischer Räume, im ständigen „Wahrgenommen-werden“ (Bourdieu 2021, 117) des sexualisierten weiblichen Körpers sowie in der Marginalisierung von Frauen in Wissenschaft und Kunst.
Die mitunter widerstandslose Tradierung dieser „männlichen Ordnung“ beruht Bourdieu zufolge darauf, dass sie nicht als willkürlich, sondern als selbstverständlich wahrgenommen wird.¹ Diese „paradoxe Unterwerfung“ (Bourdieu 2021, 212) bewirkt auch eine Stabilisierung und Naturalisierung der gegebenen gesellschaftlichen Ordnung insgesamt, die gerade deshalb zumeist unhinterfragt und dadurch unsichtbar bleibt.
Der Verborgenheit zum Trotz ist es allerdings möglich, diese Strukturen zu analysieren und in einem zweiten Schritt zu subvertieren: In seinem literatursoziologischen Hauptwerk Die Regeln der Kunst spricht Bourdieu der Literatur eine besondere Fähigkeit zu, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu „entschleiern“, wodurch sie gar mitunter mehr über die soziale Welt auszusagen vermöge als manche „vorgeblich wissenschaftliche Schrift“ (Bourdieu 2014, 66f.; Schniedermann 2020, 6). Diese gleichermaßen auf das Erkenntnispotenzial literarischer Texte wie auch auf deren spezifische Darstellungsleistung abhebende Annahme bildet die Grundlage von Bourdieus exemplarischer Analyse von Virginia Woolfs To the Lighthouse (vgl. Bourdieu 2021, 122–141), in deren Rahmen er das analytische Potenzial literarischer Verfahren für die Sichtbarmachung der verborgenen Logik männlicher Herrschaft aufzeigt.³
Eine systematische Auseinandersetzung mit der Anschlussfähigkeit von Bourdieus Theorie für die Analyse literarischer Texte, wie sie Bourdieu selbst für To the Lighthouse vorgelegt hat, steht ebenso noch aus wie es gilt, ihr Potenzial für die Reflexion von Machtverhältnissen im Literatur- und Kulturbetrieb zu erkunden – insbesondere im Rückgriff auf Die Regeln der Kunst.
Der geplante Workshop möchte sich dieser und ähnlichen Fragestellungen widmen. Wir laden interessierte Wissenschaftler:innen aus allen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein, ihre eigenen Überlegungen und Forschungsergebnisse zum Thema vorzustellen – gerne auch mit interdisziplinären Bezügen (Soziologie, Gender Studies usw.), Theorievergleichen (z. B. Raewyn Connell) und Aktualisierungen (Queer Theory, Intersektionalität). Erwünscht sind sowohl Theoriebeiträge als auch Fallstudien, die sich mit Blick auf die Frage nach geschlechterspezifischen Machtstrukturen konkreten literarischen Sozioanalysen widmen (vgl. exemplarisch Wolf 2011, Teil II, bes. S. 771–825).
Mögliche Fragestellungen könnten etwa sein:
- Theoriereflexion und -verortung:
Was sind die maßgeblichen Prämissen und Grundannahmen von Bourdieus Konzept der „männlichen Herrschaft“ und inwiefern lässt sich dieses innerhalb seiner allgemeinen Kultur- und Sozialtheorie verorten, zum Beispiel im Hinblick auf das Verhältnis von Geschlecht und Klasse? - Rezeption und Weiterentwicklung:
Wie wurde Bourdieus Theorie produktiv und kritisch in unterschiedlichen Disziplinen rezipiert? Wo liegen mit Blick auf aktuelle Entwicklungen Potenziale, wo Desiderate? - Symbolische Gewalt in sozialen Feldern:
Welche Erscheinungsformen symbolischer Gewalt lassen sich in verschiedenen sozialen Feldern identifizieren, etwa im Literatur- und Kulturbetrieb (Ökonomie symbolischer Güter) oder im Wissenschaftssystem? - Literaturwissenschaftliche Anschlussfähigkeit:
Inwiefern eignet sich Bourdieus Konzept der „männlichen Herrschaft“ zur Analyse literarischer Texte, beispielsweise hinsichtlich sozioanalytischer Verfahren, des vergeschlechtlichten Habitus literarischer Figuren, der literarischen Imaginationen symbolischer Revolution oder narrativer Strategien der Reproduktion bzw. Subversion symbolischer Gewalt? - Verhältnis von Soziologie und Literatur:
Wie gestaltet sich die Dialektik zwischen soziologischer „Entschleierung“ und literarischer „Verschleierung“ gesellschaftlicher Strukturen, insbesondere im Hinblick auf die „Formgebungsakte“ (Bourdieu 2014, 66f.)? - Sprache, Körper und Herrschaft:
Welche Zusammenhänge bestehen zwischen männlicher Herrschaft, sprachlichen Strukturen und Körperlichkeit, etwa im Sinne der Inkorporation von Herrschaft oder des „male gaze“?
26.–28. November 2026, Wien, Schreyvogelsaal (Hofburg)
Leitung: Louise-Marie Jandl, Lydia Rammerstorfer, Norbert Christian Wolf
Keynote: Gisèle Sapiro (Paris)
Für die Teilnahme mit einem Vortrag (30 Minuten) bitten wir bis zum 31.03.2026 um die Einsendung von Abstracts (ca. 250 Wörter) einschließlich Titel, Kurzbiografie und institutioneller Verankerung an
Louise-Marie Jandl (louise-marie.jandl(at)univie.ac.at) und
Lydia Rammerstorfer (lydia.rammerstorfer(at)univie.ac.at).
Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten ist bei Bedarf möglich.
Call for Abstracts (PDF)