Deadline: 30.04.2026
Quo vadis ländliche Räume? Zwischen Begrenzung und Gestaltung – Handlungsspielräume und gesellschaftliche Zukünfte
Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026
Ländliche Räume in Deutschland erfahren gegenwärtig eine tiefgreifende Diversifizierung. Während großstadtnahe Agglomerationsräume durch Zuzug und infrastrukturelle Verdichtung neue Dynamiken entwickeln, sind strukturschwache Regionen von Peripherisierungsprozessen betroffen, die mit einem Bevölkerungsrückgang und dem Rückbau öffentlicher Infrastrukturen einhergehen. Neben materiellen Ungleichheiten kommt es ebenfalls zu Prozessen sozialer Entmischung – allgemein zeigt sich das in einer neuen sozialstrukturellen Polarisierung der Mitte (Reckwitz 2019) oder speziell im Kontext des ostdeutschen Transformationsprozesses entlang von Vor- und Einstellungsmustern (Mau 2024).
Raum situiert damit einerseits Lebensverhältnisse strukturell, rahmt andererseits aber über kollektiv erlebte Erfahrungszusammenhänge regionaler oder ortsgebundener Entwicklungspfade, institutioneller Beziehungen und Zukunftserwartungen die Herausbildung von Orientierungen und Handlungslogiken. In dieser Perspektive werden ländliche Räume zugleich zu Orten spezifischer Erwartungshorizonte: Zwischen Aufbruch, Stabilisierung, Resignation oder Protest entstehen unterschiedliche Bilder des Kommenden, die gegenwärtiges Handeln orientieren. Ländliche Räume erscheinen so nicht als homogene Gegenpole zur Stadt, sondern als historisch gewordene Kontexte gesellschaftlicher Aushandlung.
Die Ad-hoc-Gruppe knüpft an diese Perspektive an und begreift die Entstehung ungleicher Handlungsspielräume aus der Verschränkung struktureller Bedingungen, institutioneller Ordnungen und sozialer Anerkennungsverhältnisse sowie aus affektiv geprägten Wahrnehmungen von Handlungsoptionen. Peripherisierung verweist damit zugleich auf ungleich verteilte Zukunftsressourcen: auf unterschiedliche Chancen, gesellschaftliche Entwicklungen als gestaltbar zu erfahren und an der kollektiven Imagination des Kommenden teilzuhaben. Ländliche Räume werden damit zu historisch geformten Möglichkeitsräumen, in denen sich Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, institutionellem Vertrauen und gesellschaftlicher Anerkennung über längere Zeiträume sedimentieren.
Vor diesem Hintergrund richtet die Ad-hoc-Gruppe den Blick auf unterschiedliche regionale Entwicklungspfade und fragt: Wie verlaufen Transformationsprozesse in verschiedenen ländlichen Kontexten? Wie werden bestimmte Zukunftsentwürfe plausibilisiert, andere delegitimiert – und welche Akteur:innen verfügen über Deutungsmacht in diesen Aushandlungen? Inwiefern prägen historische Brüche – etwa Systemtransformationen, Deindustrialisierung oder aktuelle sozial-ökologische Umstellungen – langfristig Wahrnehnungen von Handlungsmöglichkeiten, Erwartungen an Institutionen und politische Orientierungen? Und wie wirken lokale Deutungsmuster, Governance-Strukturen und Beteiligungsformate auf die Herausbildung regionaler Handlungspotenziale zurück?
Wir laden Beiträge ein, die sich empirisch, theoretisch oder praxisbezogen mit ländlichen Räumen im Spannungsfeld gesellschaftlicher Transformation zu beispielsweise zu folgenden Themen befassen:
- Analysen zu Peripherisierung, Diversifizierung und regionalen Entwicklungspfaden
- Untersuchungen zu Selbstwirksamkeit, Engagement, Protest oder politischer Mobilisierung
- Forschungen zu Anerkennung, Stigmatisierung und regionalen Selbstbildern
- Studien zu Governance-Formaten, Beteiligungsprozessen und sozial-ökologischer Transformation (z. B. Energiewende, Strukturwandel)
- Reflexionen aus Planung, Verwaltung oder zivilgesellschaftlicher Praxis
Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 30.04.2026 an: katja.klebig(at)soziologie.uni-halle.de und eva.fabian(at)soziologie.uni-halle.de
Organisation:
- Katja Klebig (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg),
- Eva Fabian (Just Transition Center, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)