Deadline: 30.04.2026

Rechte Immersion: Über die alltägliche Verfestigung des Rechtsextremismus in mediatisierten Lebenswelten

Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026

Die weltweiten Wahlerfolge rechtsautoritärer und rechtslibertärer Parteien sind Symptome einer tieferliegenden gesellschaftlichen Rechtsdrift, die sich in Kultur und Medien artikuliert und mit dem Erstarken neoautoritärer Politiken einhergeht. Den zugrunde liegenden, rechten Weltanschauungen begegnen große Teile der Bevölkerung häufig in ihrem Alltag, etwa im Gebrauch digitaler Medien oder in Lebenswelten wie Schule, Arbeit, Familie und Freizeit. Prozesse und Phänomene, die in den 2010er Jahren zunächst noch unter dem Oberbegriff „Populismus“ konzeptualisiert und diskutiert wurden, haben mittlerweile eine Dynamik erreicht, die nach neuen Bezeichnungen und Erklärungen verlangt.

Mit unserer Ad-Hoc-Gruppe „Rechte Immersion“ wollen wir verbreitete Erklärungsansätze zur Attraktivität rechter Weltanschauungen um wichtige Facetten erweitern. Der Rechtsruck wird häufig durch eine Wechselwirkung zwischen politischer Agitation und krisenbedingten gesellschaftlichen Ohnmachtserfahrungen erklärt. In den Sozialwissenschaften wird dabei analytisch zwischen der Supply Side und der Demand Side unterschieden. In der Politik- und Kommunikationswissenschaft haben sich zudem die Konzepte Mainstreaming und Normalization etabliert, um die Akzeptanzgewinne von Rechtsaußenparteien sowie die diskursive Verbreitung extrem rechter Positionen in Medien und Öffentlichkeit zu beschreiben. Mit Ansätzen wie Banalisierung oder Everyday Extremism wurde zuletzt verstärkt die Veralltäglichung des Rechtsextremismus in der Lebenswelt in den Blick genommen, etwa anhand raumgestaltender Artefakte wie Architektur oder körperbezogener, identitätsstiftender und habitusprägender Mikropraktiken wie Essen und Sport, die politisch aufgeladen und instrumentalisiert werden können.

Das Konzept der „Immersion“ wird bereits in sozialphilosophischen und medienwissenschaftlichen Arbeiten genutzt, um Involvierungs-, Affizierungs- und Subjektivierungsprozesse machtkritisch zu untersuchen. Wir möchten an diese Diskussionen anschließen und verschiedene disziplinäre Perspektiven zu einem praxeologischen und wissenssoziologischen Framework erweitern. Immersion bezeichnet das Eintauchen in mediatisierte Umwelten, das mit einer intensiven Sinneserfahrung einhergeht und das Denken, Fühlen und Handeln von Subjekten moduliert. Die Subjekte werden dabei nicht als passive Rezipient:innen, sondern als ko-produzierende Akteur:innen verstanden. Mit „rechter Immersion“ nehmen wir also Prozesse in den Blick, in denen Subjekte mit rechten Weltanschauungen oder Lebenswelten in Kontakt kommen, sich – bewusst oder unbewusst – involvieren (lassen) und allmählich rechte Einstellungsdispositionen, Denkformen und Habitusstrukturen entwickeln. Durch den Fokus auf mediatisierte und lebensweltlich modulierte Prozesse der Identitäts- und Habitusbildung will dieser Ansatz über klassische Subjekt-Objekt- bzw. Struktur-Handlung-Unterscheidungen hinausgehen, wie sie etwa den Supply-Demand-Modellen zugrunde liegen.

In unserer Ad-Hoc-Gruppe möchten wir das Konzept „rechte Immersion“ zur Diskussion stellen, theoretisch weiterentwickeln und an empirischem Material prüfen. Dazu stellen wir die Ergebnisse eines systematischen Scoping Reviews vor und situieren den Ansatz in der interdisziplinären Rechtsextremismusforschung. Wir suchen weitere Beiträge, die eine praxeologische Perspektive auf Rechtsextremismus einnehmen oder eine der folgenden Fragestellungen aufgreifen:

Theoretische und konzeptuelle Zugänge zu „rechter Immersion“

  • Mit welchen Begriffen und Modellen lässt sich rechte Immersion konzeptualisieren?
  • Welche in der Rechtsextremismusforschung und der politischen Soziologie etablierten Konzepte und Ansätze lassen sich gut an das Konzept „rechte Immersion“ anschließen?
  • Wie können ‚klassische‘ Konzepte der Autoritarismus- und Ritualforschung – z.B. Agitation (Löwenthal) oder kollektive Efferveszenz (Durkheim) – als Immersionsprozesse reformuliert werden?
  • Inwiefern lassen sich Ideologiekonzepte (v.a. Wissenssoziologie und Phänomenologie) mit praxeologischen Immersionskonzepten verknüpfen?
  • In welchem Verhältnis stehen Social Imaginaries und Prozesse der (rechten) Immersion? 

Empirische Untersuchungen von rechten Immersionsprozessen und -dynamiken

  • Welche Mikropolitiken und Mikropraktiken sind besonders relevant für rechte Immersionsprozesse? Wie funktionieren sie?
  • Welche Rollen spielen Medien und mediatisierte Praktiken bei der Verfestigung rechtsextremer Dispositionen und Einstellungen?
  • Welche Artefakte und Infrastrukturen begünstigen rechte Immersionsprozesse?
  • Wie lässt sich (politische) Sozialisation als Immersionsprozess verstehen?
  • Wie lässt sich (politische) Radikalisierung als Immersionsprozess verstehen?

Ansätze von Prävention und Intervention

  • Welche Widerstände treten in rechten Immersionsprozessen auf?
  • Welche pädagogischen Ansätze sind geeignet, um rechte Immersion reflexiv zu bearbeiten?
  • Wie könnte eine nicht-rechte, demokratische Immersion aussehen?

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (maximal eine Seite) bis zum 30.04.2026 an: felix.schilk(at)uni-tuebingen.de 

Organisation: Dr. Felix Schilk (Universität Tübingen), Prof. Dr. Tanja Thomas (Universität Tübingen)

Zum Call for Papers (PDF)

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