Deadline: 15.07.2026
Repräsentationen und Re-Präsentationen von Sexarbeit
Call for Papers für einen Sammelband. Deadline: 15. Juli 2026
Band 1 der Schriftenreihe „Studien zu Sexarbeit und Prostitution | Studies on Sex Work and Prostitution“
Sexarbeit ist ein gesellschaftspolitisch polarisierendes Feld: Öffentliche Debatten, wissenschaftliche Diskurse und politische Regulierungen sind oft von emotionalisierenden Zuschreibungen, moralischen Bewertungen und vereinfachenden Repräsentationsansprüchen geprägt, welche die vielfältigen Lebens- und Arbeitsrealitäten von Sexarbeiter:innen überlagern – ob durch feministische Kontroversen, mediale Skandalisierungen oder ästhetische Stilisierungen.
Diese Repräsentationen manifestieren sich in sozialen Ordnungen und Moralvorstellungen, Regulierungen und Gesetzen sowie Diskursen, Narrativen, visuellen Figurationen und Assoziationen in Medien, Politik, Wissenschaft und künstlerischen Darstellungen. Begleitet werden sie von versteckter Neugier, starken Gefühlen sowie von Formen der Moralpolitik. Daraus resultierende Stigmatisierungen, Kriminalisierungen, Diskriminierungen sowie stereotype – visuelle und diskursive – Vereinheitlichungen prägen bis heute die Lebensrealitäten vieler Sexarbeiter:innen. Diese Unterdrückungsverhältnisse – besonders entlang von Klasse, race, Gender, Sexualität oder Körper (Martini 2025; Künkel 2007; Probst 2022; Thiemann 2020) – werden in und durch Politik, Wissenschaft, Medien und im Alltag auch von Sexarbeiter:innen (re)produziert.
Neben diesen vorherrschenden Repräsentationsformen existiert eine Vielfalt weiterer, nicht minder wirkmächtiger Dar- und Vorstellungen von Sexarbeit und Prostitution. Sie ergeben unterschiedliche Perspektiven, die sich teilweise ergänzen und sich widersprechen. Diese Vielfalt entsteht daraus, dass Sexarbeit von unterschiedlichen Institutionen bearbeitet wird, die jeweils eigene Zuständigkeiten und daran anknüpfende Problemdefinitionen hervorbringen (Dreßler 2014; Löffler 2022; Brink/Löffler/Keller 2024). So nähert sich das Gesundheitsamt Sexarbeit mit anderen Fragestellungen als die Polizei, Beratungsstellen mit anderen als das Finanzamt. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Bilder von Sexarbeit. Daraus gehen zugleich spezifische Deutungen, politische Forderungen und alternative Repräsentationsangebote hervor, die jedoch mit moralischen Vorstellungen der Gesellschaft verflochten bleiben.
Demgegenüber beanspruchen die empirischen Wissenschaften, überprüfbare Aussagen über Wirklichkeiten zu gewinnen – nicht als Suche nach absoluten Wahrheiten, sondern als kontinuierlicher Prozess der Annäherung. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sexarbeit und Prostitution, wie leicht sich Fragestellungen auf diskursive Vorannahmen stützen oder sich von institutionellen Zwecken vereinnahmen lassen. Zwar sind Forschungen über Sexarbeit zugänglicher und differenzierter geworden, dennoch wird weiterhin häufiger über als mit Sexarbeiter:innen geforscht (Martini 2025). Zudem ist partizipative wie kollaborative Forschung kein Garant dafür, dass Sexarbeiter:innen als Wissensproduzent:innen ihrer Berufsgruppe anerkannt werden oder in das vorherrschende Repräsentationsregime eingreifen können (Faissner et al. 2024; Hammes 2022; Tocci 2024; Platt et al. 2018; Yang et al. 2025). Darüber hinaus zeigt sich, dass trotz zunehmender Auseinandersetzung mit Repräsentationen, Positionalitäten, Machtstrukturen und Wissenssystemen sowie -produktionen Theorien und Methoden häufig eurozentrisch geprägt bleiben, wodurch asymmetrische Subjekt-Objekt-Verhältnisse fortgeführt werden.
Das Feld der Sexarbeit mit all in ihm agierenden Akteur:innen ist zudem ein Schauplatz von Widerstand und Utopie. Utopien entstehen vor dem Hintergrund unzumutbarer Erfahrungen und formulieren wünschbare Alternativen. Sie sind essenziell, um Anstrengungen für Veränderung zu motivieren. Dabei wird die Widerspiegelung zur absichtsvollen Wider-Spiegelung. Ungeachtet der Frage, wo die Grenze zwischen Radikalität und Umsetzbarkeit verläuft, verdeutlichen Utopien, dass Andersartigkeit an vielen Stellen – im Kleinen (Wright 2010) und Großen (Mannheim 1985) – gedacht werden kann. Utopien entstehen nicht nur aus gesicherter sozialer Position heraus und mit dem Anspruch des Für-Andere-Sprechens, sondern sind ebenso Ausdruck von Selbstermächtigung.
In differenzierten Gesellschaften ist Repräsentation ein vielfältiges Ereignis, weil sie auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig, aber mit unterschiedlicher Ausstattung an Machtressourcen und entsprechend variierenden Einflusschancen stattfindet (Schwinn 2001): innerhalb und außerhalb von Institutionen, für oder gegen sie. Als Akt nimmt Repräsentation zugleich eine Darstellung und Vertretung vor. Beides umfasst damit sowohl ein Sprechen über andere als auch ein Sprechen für sie in sprachlicher als auch bildlicher Form (Castro Varela/Dhawan 2004). Repräsentation beruht stets auf einer Definition, die auswählt, ein- und abgrenzt (Goffman 1974). Dabei sucht sie Überzeugungskraft über Werte, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Alltagsplausibilitäten (Spector/Kitsuse 1977) und Einbettung in Diskurse (Keller 2005).
Darüber hinaus lässt sich Repräsentation als Übersetzung begreifen, die Verständlichkeit herstellt, dabei jedoch immer auch Differenzen vereinfachen und Heterogenität homogenisieren kann (Castro Varela/Dhawan 2004). Repräsentation über ein Machtgefälle hinweg ist daher mit Verantwortung für die Erzählungen verbunden, die sie stützen. Der Erfolg von Übersetzungen hängt indes auch daran, ob die Übersetzten sich in sie fügen oder – wenn sie können – widersetzen (Latour 2003). Insofern ist Repräsentation auch verbunden mit Kritik (Foucault 1977).
Repräsentation zu betrachten, beschränkt sich also nicht auf ihren Inhalt, sondern verweist aus einer kritischen Perspektive auf folgende Fragen: Wer interpretiert? Wer beansprucht Deutungshoheit? Wer und wer nicht wird aus welchen Gründen von wem wie repräsentiert? Zu welchem Anlass, in Bezug auf welches Vorangegangene, mit welchen Strategien und mit welcher Haltung und Positionalität (Castro Varela/Dhawan 2004)? Und was passiert dann?
Vor diesem Hintergrund lädt der inter- und transdisziplinär angelegte Sammelband dazu ein, das Themenfeld der Repräsentation von Sexarbeiter:innen und Sexarbeit aus historischer, gegenwärtiger und utopischer Perspektive zu beleuchten.
Ausgehend von den folgenden, ausdrücklich nicht abschließend gedachten Fragen lassen sich mögliche Beiträge entwickeln:
- Wer spricht wie und mit welchen Konsequenzen für sich selbst oder für Sexarbeiter:innen? Wie und von wem werden Repräsentationshandlungen von Sexarbeitenden sichtbar und unsichtbar gemacht?
- Wessen Stimmen werden gehört, wessen ausgeblendet und warum?
- Wer konnte/kann wie mit welchen Konsequenzen in das bestehende Repräsentationsregime eingreifen?
- Wie lassen sich die unterschiedlichen Perspektiven der Akteur:innen im Feld der Sexarbeit, der medialen, künstlerischen, politischen oder institutionellen Bearbeitung kombinieren, überbrücken oder wechselseitig ineinander übersetzen?
- Wie haben sich die institutionellen Perspektiven auf und Repräsentationen von Sexarbeit entwickelt? Wie kam/kommt es zu ihrer Veränderung?
- Wie kann bei empirischer Forschung mit normativen Fragen und der Positionalität der Forschenden umgegangen werden?
- Welche Möglichkeiten partizipativer und kollaborativer Forschung mit Sexarbeitenden gibt es? Was bedeutet „partizipative“ und „kollaborative“ Forschung in diesem Feld?
- Wie lassen sich repräsentations- und erkenntniskritische Ansätze sowie nicht-eurozentrische, dekoloniale Theorie- und Methodenbezüge gewinnbringend in der Sexarbeitsforschung nutzen?
- Wie sehen innovative Wissens- und Darstellungsformen, etwa mehr als Text oder mehr als eine Sprache, aus?
- Wie kann man angesichts der stark polarisierten Repräsentationen von Sexarbeit den öffentlichen Bewertungs- und Entscheidungsprozess so organisieren, dass kluge Regelungen gefunden werden?
- Wie verändern Regulierungen, räumliche Verortung, Mediendarstellungen, Forschung und technologische, digitale Entwicklungen etc. die selbstrepräsentativen und/oder politischen Gestaltungsmöglichkeiten? Welche Alternativen zu vorherrschenden Repräsentationen und den damit verbundenen Konsequenzen für Sexarbeitende existieren bereits und wie lassen sich diese weiter oder neu weben?
Wir begrüßen wissenschaftliche Analysen, methodische Reflexionen, aktivistische, essayistische, künstlerische, künstlerisch-forschende und multimodale (mehr-als-textliche) Formate. Besonders willkommen sind Beiträge von Sexarbeiter:innen, Aktivist:innen und Forscher:innen in Mehrfachrollen.
Interessierte sind eingeladen, Beitragsvorschläge in Form eines 300 bis 500 Wörter langen Abstracts zusammen mit einigen Worten zur Person bis zum 15.07.2026 per Mail an:
- arne.dressler(at)uni-hamburg.de
- marlen-simone.loeffler(at)iu.org
- stranzl(at)ifk.ac.at
- Lisa.Waegerle(at)hs-bochum.de
einzureichen.
Eine Rückmeldung erfolgt bis Ende August 2026. Bei positiver Rückmeldung ist der Abgabetermin für die fertigen Beiträge (20.000–35.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) Ende Februar 2027.
Der Sammelband erscheint im Springer Verlag in der Reihe „Studien zu Sexarbeit und Prostitution | Studies on Sex Work and Prostitution“ im Double-Blind-Peer-Review-Verfahren. Für künstlerische, künstlerisch-forschende, essayistische, aktivistische und multimodale Beiträge ist ein eigenständiges, formatsensibles Reviewverfahren vorgesehen, das durch die Herausgeber:innen unter Einbezug fachlicher und praktischer Expertise durchgeführt wird.