Deadline: 30.04.2026

Resilienz als soziologisches Konzept? Theoretische und empirische Ansätze zum Zusammenhang von Krise, Vulnerabilität, Transformation und Rekonfiguration von Gesellschaften

Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026

Resilienz ist spätestens seit der Covid-19-Pandemie und im Zusammenhang mit dem Widerstand der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg zu einem zentralen Schlagwort geworden. Auch in den Sozialwissenschaften erlangte der Begriff in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit. Dabei wird Resilienz häufig als abhängige Variable politischer und gesellschaftlicher Prozesse betrachtet. In öffentlichen Debatten gilt Resilienz häufig unhinterfragt als wünschenswerte gesellschaftliche Ressource zur Krisenbewältigung und wird teils als ‚Durchhalteparole‘ verwendet. Der Fokus dabei liegt oft auf einem eingeschränkten Verständnis von Resilienz als Anpassung an krisenbedingte Herausforderungen oder Wiederherstellung eines Status Quo Ante. Dieses enge Verständnis reduziert Resilienz auf ein normatives wie auch statisches Konzept, das zudem als Form des Konservatismus – im Sinne des Status-Quo-Erhalts – oder als Form liberaler Konzepte zur Verlagerung von Verantwortung und politischer Agency weg von der Ebene politischer Steuerung auf die Ebene individueller Anpassungsfähigkeit zurecht kritisiert wird. Resiliente Zukünfte wären in dieser Lesart gesellschaftliche Arrangements, die zentrale Aufgaben staatlicher Fürsorge etwa aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, Katastrophenschutz oder auch die Herstellung sozialen Zusammenhalts konsequent auf die individuelle Ebene verlagern und zudem relativ wenig Veränderungspotenzial zulassen würden.

Kann die Soziologie dem etwas hinzufügen, entgegensetzen, und den Begriff für die Analyse gesamtgesellschaftlicher Prozesse fruchtbar machen? Wir argumentieren, dass Resilienz in der Soziologie als analytisches Konzept unterschätzt wurde, aber ein großes Potenzial für einen Kernbegriff der Soziologie birgt – insbesondere, wenn es um die Konzeptualisierung unsicherer Zukünfte und dynamischer, ambivalenter und widersprüchlicher Entwicklungen geht. Resilienz kann den Begriff der Transformation bereichern und multidimensionale Prozesse gesellschaftlichen Wandels analysieren. Resilienz als soziologisches Konzept könnte die Simultanität von multiplen Krisen und deren gesellschaftlicher Aushandlung, von Kriseninterpretation und -reaktion, sozialem Wandel und kollektiver Identität, sich überlagernden Pfadabhängigkeiten und multiperspektivischen Zukunftsideen erfassen und in ihren möglichen Auswirkungen erklären.

Beiträge zu dieser Veranstaltung sollen das theoretisch-konzeptuelle Potenzial, die Grenzen und die Operationalisierbarkeit von Resilienz als soziologischem Konzept thematisieren. Empirische Perspektiven, z.B. aus der Osteuropa-/Europasoziologie, Techniksoziologie, Politischen Soziologie oder Soziologie sozialen Wandels, sind willkommen, wenn sie einen Beitrag zur theoretischen Konzeptualisierung leisten. Vorschläge für Vorträge können sich insbesondere auf folgende Aspekte beziehen:

  • Neue Konzeptualisierung von Resilienz im Spannungsfeld von Theorien zu sozialem Wandel, Governance, Sozialen Bewegungen, Nachhaltigkeitsforschung, Postkolonialen Studien, Konflikttheorien u.a.
  • Verortung von Resilienz in Bezug auf Vulnerabilität, Krisen, Komplexität
  • Empirische Anwendungen, Operationalisierung und methodische Zugänge der Resilienzforschung
  • Gegenstandsbezogene Resilienzanalysen, z.B. im Bereich Community Resilience, Zivilgesellschafts- und Partizipationsforschung, Sozio-ökologische Systeme etc.

Den Vortragenden wird im Juni-Juli 2026 ein konzeptueller Grundlagentext der Initiatorinnen zur Verfügung gestellt, der als Ausgangsbasis der Debatte dient. Verschriftlichungen der Beiträge sind bis zum 15.09.26 einzusenden. In der Veranstaltung selbst werden die Vortragenden auch zugleich Diskutant*innen der anderen Textentwürfe, sodass eine interaktive Debatte zwischen Vortragenden, individuellem Feedback und anschließender Debatte im Plenum entsteht.

Eine Publikation der Beiträge als Sonderheft einer internationalen soziologischen Fachzeitschrift im Jahr 2027 ist geplant.

Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (350 Wörter exkl. Referenzen) mit dem Betreff „Ad hoc Resilienz“ bis zum 30.04.2026 an: worschech(at)europa-uni.de und sophie.schmaeing(at)uni-greifswald.de

Organisation: Susann Worschech (Europa-Universität Viadrina) und Sophie Schmäing (FU Berlin / Universität Greifswald)

Zum Call for Papers (PDF)

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