Deadline: 30.06.2026

Sozioanalytische Pädagogik – Perspektiven gerechter Bildung

Call for Papers für ein Sammelband. Deadline: 30. Juni 2026

Inhaltliche Ausrichtung

Das deutsche Bildungssystem scheint ungerecht. Wiederkehrend beschreibt der jährliche Bildungsbericht die soziale Herkunft als stärksten Prädiktor für Schulerfolg. Dieser hängt demnach nicht in erster Linie von Intelligenz, Interesse oder Anstrengungsbereitschaft ab, sondern von der natalen Lotterie, in welches Elternhaus ein Kind geboren wird. Schulerfolg erscheint dadurch als ungerechtes Erbe. So erhalten Kinder aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien deutlich seltener eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus Akademikerhaushalten. In kaum einem anderen OECD-Industrieland ist der Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und dem Schulerfolg der Kinder so stark ausgeprägt wie in Deutschland.

Die Rolle des dreigliedrigen Schulsystems

Bildungsforschende sehen für diese Selektion nach Herkunft in summa zwei Faktoren als ausschlaggebend an, die sich als „harte Faktoren" und als „weiche Faktoren" charakterisieren lassen. Die harten Faktoren umschreiben strukturelle Parameter des deutschen Bildungssystems. Allen voran die Dreigliedrigkeit und die damit einhergehende frühe Auflösung der gemeinsamen Beschulung nach der vierten Grundschulklasse und die Aufteilung in nach Leistung gegliederten weiterführenden Schulen.

In europäischen Ländern, die im Hinblick auf Chancengleichheit besser abschneiden, erfolgt diese Aufteilung nicht bereits in der fünften Klasse im Alter von zehn Jahren, sondern erst in der neunten Klasse im Alter von 16 Jahren (z.B. Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen).

Eine Möglichkeit, etwas gegen Bildungsbenachteiligung anhand sozialer Herkunft zu unternehmen, bestünde darin, das deutsche Bildungssystem hin zu einer späteren Aufteilung zu reformieren. Eine derartige schulstrukturelle Lösung ist in der föderal organisierten deutschen Bildungspolitik jedoch nicht leicht umzusetzen. An dieser Stelle rücken die weichen Faktoren in den Fokus, und mit ihnen die Bewusstseinsbildung der Lehrkräfte.

Die Rolle der Lehrkräfte

Lehrkräfte nehmen, meist ungewollt, eine Schlüsselrolle bei der (Re-)Produktion von Bildungsungerechtigkeit ein. Sie sind nicht nur Wissensvermittler, sondern fungieren im Bildungssystem oft als „Sortierinstanz" und „Gatekeeper". Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Schulkinder aus zugewanderten oder sozial benachteiligten Familien bei gleicher Leistung von Lehrkräften tendenziell schlechter bewertet werden. Auch bei der Übertrittsempfehlung ist für das Lehrerurteil nicht allein das Leistungsniveau der Kinder ausschlaggebend, sondern auch leistungsunabhängige Parameter, wie Antizipationen über den Grad familiärer Unterstützung oder Stereotype hinsichtlich der soziokulturellen Herkunft (Gomolla/Radke 2009).

Ein weiteres Problem liegt in der Homogenität des Kollegiums im Unterschied zu den Sozialisationsbedingungen der Schülerinnen und Schüler. Nur 19% der Lehrkräfte hatten im Jahr 2024 eine Migrationsgeschichte, während der Anteil in der Schülerschaft bei 42% lag (mediendienst-integration 2026). Studien zeigen zudem, dass der Lehrerberuf sozial selektiv ist, was bedeutet, dass Lehrkräfte überproportional häufig aus der Mittelschicht oder gehobenen Schichten stammen (Kühne 2019). Dies führt zu einer problematischen habituellen Distanz zwischen der Lebenswelt der Schulkinder und derjenigen der Lehrpersonen, was das Verständnis für spezifische Barrieren, Verhaltensformen und Priorisierungen erschweren kann. So geraten Schülerinnen und Schüler, die wenig Übereinstimmung mit der Herkunft der Lehrkraft besitzen, tendenziell aus dem Blick. Bei vielen Lehrkräften lässt sich eine problemorientierte Sichtweise auf Einstellungen und Lebensweisen der unteren sozialen Gruppen abbilden (Rutter/Weitkämper 2022). Lehrkräfte besitzen demnach oft implizite Normalitätsannahmen, welche die Interaktion mit und die Bewertung von milieufremden Schülerinnen und Schülern negativ beeinflussen, was sich dann auch auf das schulische Wohlergehen und letztlich den Schulerfolg dieser Kinder auswirkt.

Sozioanalyse

Vor dem Hintergrund eines starren föderalen Schulsystems steht somit die Lehrerbildung im Fokus denkbarer Veränderungen. In den 1970er und 1980er Jahren entwickelt Pierre Bourdieu, aufbauend auf seine Arbeiten zum Habitus und gesellschaftlichen wie institutionellen Unrechtsstrukturen, die Methode der Sozioanalyse. Sie erscheint als „Psychoanalyse des Sozialen" (King 2022), die darauf abzielt, die unbewussten gesellschaftlichen Strukturen und Zwänge im Denken und Handeln von Individuen und Formen Symbolischer Gewalt in Institutionen aufzudecken. Anstelle innerpsychischer Prozesse untersucht sie die soziale Herkunft und Position im gesellschaftlichen Raum, um den Akteuren ihre unbewussten Prägungen bewusst zu machen und soziale Emanzipation zu ermöglichen. Sie erscheint damit als Reflexionspraktik der Bewusstwerdung des Einflusses gesamtgesellschaftlicher Strukturen auf das eigene Denken und Handeln, die eigenen Bewertungsprozesse und Selbst- wie Fremdauffassungen. Auch moderne Standpunkttheorien greifen dieses Bedenken der eigenen Positionierung auf (Loick 2025). Die Praktik der Privilegienkritik versucht aus dem kritischen Bedenken des Eigenen Rückschlüsse für das richtige Handeln und Verhalten in Bezug auf benachteiligte, marginalisierte Menschen zu entwickeln (Rieger-Ladich 2022).

Es stellt sich die bildungswissenschaftlich relevante Frage, wie sich diese Modelle und Konzepte für die Entwicklung einer ungleichheitssensiblen Pädagogik nutzen lassen. Der geplante Sammelband Sozioanalytische Pädagogik vereint Expertinnen und Experten auf unterschiedlichen Teilgebieten des beschriebenen Problemfeldes mit dem Anspruch, das Konzept der Sozioanalyse auf das schulpädagogische Feld anzuwenden. Damit soll die Professionalisierung von Lehrkräften in einem diversifizierten Handlungsfeld gefördert werden, um auf diese Weise Bildungsbenachteiligung abzubauen. Dabei finden sowohl Verhältnisbestimmungen bestehender pädagogischer Kategorien zu den Prinzipien der Sozioanalyse statt als auch die Entwicklung, Konzeptionalisierung und Positionierung einer eigenständigen Sozioanalytischen Pädagogik, welche eine kritische – unter Umständen auch politische – Programmatik aufweist und Grundhaltungen der kritischen Reflexion, Empathie und Solidarität umfasst, die in Zusammenhang mit professionell pädagogischen Haltungen gesetzt werden.

Für dieses Vorhaben können Beiträge eingereicht werden, die sich aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive mit der Institution Schule, Gerechtigkeitsbegriffen in der Pädagogik, der Professionalisierung von Lehrkräften, Bildungsbenachteiligung von Schülerinnen und Schülern oder spezifischen fachdidaktischen Konzepten beschäftigen und dabei einen Bezug oder auch eine Abgrenzung zur Methodik der Sozioanalyse herstellen.

Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Vorläufige Gliederung des Sammelbandes

Kapitel 1: Schule, Schulsystem und Gesellschaft

  • Rolle der Schule in der Gesellschaft
  • Sozialmilieus und die Bewertung von Schule und schulischer Bildung
  • Spannungsfelder Gerechtigkeit, Gleichmachung, Gleichberechtigung in der Schule
  • Historische Perspektiven auf Bildungsbenachteiligung im deutschen Bildungssystem
  • Sozio-ökonomische Ungleichheit: Folgen für die soziale Teilhabe in der Gesellschaft

Kapitel 2: Bezug zu pädagogischer Beratung und Therapie

  • Psychoanalytische Pädagogik und Sozioanalyse
  • Sozioanalyse durch systemische Verfahren
  • Sozioanalyse als Psychoanalyse des Sozialen
  • Sozioanalyse als Reflexionspraktik im Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Psychologie

Kapitel 3: Schulische Praxis

  • Sozioanalyse als Kompetenz oder pädagogische Haltung?
  • Sozioanalyse als Mentalisierung anderer Lebensumstände?
  • Praktiken des Strafens als Negativ sozioanalytischer Haltungen in der Schule
  • Vertrauen im System Schule als Grundlage oder Ziel sozioanalytischer Reflexion?
  • Implizite Selbstverständnisse und Normalitätserwartungen von Lehrkräften
  • Anteilnahme und Solidarität vs. Abscheu und Ekel in der pädagogischen Arbeit
  • Nähe und Distanz in der Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler
  • Sozioanalytische Fundierung für Unterscheiden und Entscheiden im Lehrberuf

Kapitel 4: Lehrerbildung

  • Biografisches Lernen als Anbahnung von Sozioanalysekompetenz
  • Habituelle Distanz thematisieren, erkennen und reflektieren
  • Habitussensibilität oder Sozioanalysekompetenz? – Zielbestimmungen ungleichheitssensibler Lehrerbildung
  • Privilegienkritische Biographiearbeit – Konzipierung einer sozioanalytischen Lehrerbildung zum Abbau von Bildungsbenachteiligung
  • Soziologische Theorien im Lehramtsstudium als sozioanalytische Schulung
  • Die soziale Selektivität des Lehrberufs
  • Zur sozialen Ungleichheit der Lehrkräfte
  • Misstrauen der Lehrkräfte gegenüber ihrer eigenen professionellen Haltung

Eckdaten

  • bis 30.06.2026 Einreichung der Abstracts an lukas.kleinhenz(at)uni-wuerzburg.de und stephan.ellinger(at)uni-wuerzburg.de
  • bis 15.07.2026 Rückmeldung zu den Abstracts
  • bis 30.11.2026 Deadline für die fertigen Beiträge
  • bis 28.02.2027 Rückmeldung zu den Beiträgen
  • bis 30.04.2027 Überarbeitungszeit
  • 01.06.2027 Versand an den Verlag
  • Oktober 2027 Veröffentlichung

Das Abstract sollte die wesentlichen Inhalte und die methodische Ausrichtung des Beitrags überblicksartig beschreiben und dabei 2.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Der Beitrag sollte 55.000 Zeichen inkl. Leerzeichen nicht überschreiten.

Zum Call for Papers (PDF)

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