Deadline: 30.10.2026
Technisierung von Wissen
Call for Papers für ein Sonderheft der Sozialen Welt. Deadline: 30. Oktober 2026
Gastherausgeber:innen Michael R. Müller, Silke Steets, Anne Sonnenmoser & Philipp Knopp
Die Gegenwartsgesellschaft ist in einem bislang ungekannten Ausmaß durch digitale Technologien geprägt. Intuitive Oberflächen, kommunikative Plattformen, algorithmische Systeme und sogenannte Künstliche Intelligenzen sind zu selbstverständlichen Bestandteilen des Alltags geworden und haben grundlegende Veränderungen in Arbeitsweisen, Kommunikationsformen und Lebensstilen angestoßen. Während jüngere Gesellschaftsanalysen diese Transformationen – meist recht allgemein und auf hoher Abstraktionsebene – unter dem Schlagwort der Digitalisierung bzw. der digitalen Gesellschaft fassen (Lupton 2015; Reckwitz 2017; Becker 2018; Nassehi 2019), richtet der Sonderband Technisierung von Wissen den Blick gezielt auf das Verhältnis von Technik und Wissen. Ausgangspunkt ist die These, dass die zunehmende Allgegenwart technischer Artefakte und Systeme zu tiefgreifenden Transformationen sowohl subjektiven als auch gesellschaftlichen Wissens führt und damit zu Veränderungen gesellschaftlicher Wirklichkeitsbezüge insgesamt. Wissen verstehen wir hierbei in Anlehnung an Berger und Luckmann als „die Gewissheit, dass Dinge wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben“ (Berger/Luckmann 1969: 1). Wissen basiert demnach auf der Art und Weise, wie wir uns sinnhaft auf uns selbst, auf andere und auf unsere Umwelt beziehen (können). Diese sinnhaften Bezugnahmen sind kulturell und historisch variabel, weshalb die Frage nach dem Wissen stets aktuell bleibt und sich immer wieder neu stellt.
Der Sonderband Technisierung von Wissen zielt darauf, gegenwärtige Wissenstransformationen theoretisch und empirisch zu erfassen. Im Zentrum steht die Frage, wie Wissen durch Technik hervorgebracht, verändert, vermittelt und stabilisiert wird. Während Autoren wie George Herbert Mead (1934) oder Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1969) ihr Hauptaugenmerk noch auf Sprache als Medium der Wissenserzeugung und Wirklichkeitskonstruktion legten, sind Hervorbringung, Weitergabe und Veränderung von Wissen heute sehr viel breiter und in deutlich stärkeren Technikbezügen zu denken: Sie vollziehen sich ebenso in Sprache wie in Bildern, im habitualisierten Gebrauch technischer Artefakte und Medien, in der infrastrukturellen Organisation gesellschaftlicher Wissensbestände sowie in algorithmischen Systemen der Datenverarbeitung und Entscheidungssteuerung. Wissenstransformationen manifestieren sich nicht zuletzt in gesellschaftspolitisch forcierten Zusammenführungen professioneller Sonderwissensbestände zu sogenannten „Schlüsseltechnologien“ sowie in der Umformung technologischen Knowhows in intuitive Oberflächen, automatisierte Abläufe, artifizielle Evidenzen (Metriken, Indizes) oder „Entitäten neuer Art“ (Popitz 1995: 31) wie Bots, Assistenzsysteme oder autonome Fahrzeuge.
Der Sonderband soll seinen Blick gezielt auf solche oder vergleichbare Phänomene und Prozesse der Technisierung von Wissen richten und danach fragen, welchen Anteil diese an der gesellschaftlichen Bearbeitung, Veränderung und Hervorbringung von Wirklichkeit haben. In diesem Sinne streben wir mit dem Band eine auch grundlagentheoretisch orientierte Darstellung und Diskussion des sich verändernden Verhältnisses von Technik und Wissen an. Zu klären wäre zum Beispiel, wie Wissen – diesseits der Sprache – beschaffen ist: wie es praktisch zustande kommt, wie es medial weitergegeben wird, wie es verinnerlicht wird. In dieser Fragerichtung geht es, mit Konrad Lorenz (1973) formuliert, darum, einen Blick auf die „Rückseite des Spiegels“ zu werfen, d.h. auf all das, was unserem expliziten Wissen nicht zuletzt auch technisch vorausgeht (Soeffner 2004; Knoblauch 2017). Zu fragen wäre aber auch nach dem theoretisch komplexen Wechselverhältnis von Technik und Wissen: Einerseits ist Technik selbst eine Form von Wissen – ein praktisches Wissen darüber, wie sich bestimmte Probleme effektiv bearbeiten lassen (griechisch téchne). Andererseits bringen die uns zur Verfügung stehenden Techniken fortlaufend neue Wissensformen hervor – etwa durch das Monitoring zuvor unsichtbarer Prozesse oder durch digitale Verfahren der Partnersuche – und erzeugen zugleich neue Wissensprobleme, etwa die Frage, wem oder was wir vertrauen können.
Analytisch lassen sich mindestens drei Ebenen unterscheiden, auf denen gegenwärtige Prozesse einer Technisierung von Wissen beobachtbar werden können. Erstens betrifft dies die Ebene expliziten Wissens: Technisierung zeigt sich hier in der Hervorbringung neuer Wissensformen, etwa durch bildgebende Verfahren, datenanalytische Systeme, soziale Metriken oder generative KI (Beer 2017; Kitchin 2017; Amoore 2020). Solche Entwicklungen gehen jedoch nicht einfach mit einem linearen Wissenszuwachs einher, sondern erzeugen zugleich neue Wissensprobleme – etwa Formen von Intransparenz, Verzerrung oder Unsicherheit. Zweitens lässt sich Technisierung auf der Ebene praktischen Wissens als Verdichtung gesellschaftlicher Wissensbestände in komplexen Technologien begreifen. Systeme wie Chatbots, autonome Fahrzeuge oder intuitive Benutzeroberflächen verkörpern und organisieren Handlungswissen in technisch verfügbarer Form und strukturieren dadurch alltägliche Praktiken und Entscheidungsprozesse (Pfadenhauer 2021; Rammert 1993; Simondon 2012 [1958]). Drittens betrifft Technisierung die Ebene noematischer Wissensbezüge, insofern technische Umgebungen neue Wahrnehmungs- und Bezugswirklichkeiten hervorbringen. Menschen orientieren sich zunehmend an technisch generierten Informationen, Visualisierungen, Simulationen oder digitalen Repräsentationen, die nicht bloß Wirklichkeit abbilden, sondern selbst neue Gegenstände gesellschaftlicher Wahrnehmung und Entscheidung erzeugen (Couldry/Hepp 2017).
Nicht ohne Folgen dürfte die Technisierung von Wissen schließlich auch für die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion sein. Wenn Wissen als die Gewissheit verstanden werden kann, dass Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben, und wenn Wissenschaft die Infragestellung solcher Gewissheit zur notwendigen Voraussetzung hat, welche Möglichkeiten, Herausforderungen, Hindernisse oder Konsequenzen ergeben sich dann aus der Technisierung von Wissen für die Wissenschaften?
Während die skizzierten Ebenen eine mögliche analytische Orientierung zur Untersuchung des Verhältnisses von Technik und Wissen bieten, versteht sich der Sonderband thematisch ausdrücklich offen. Willkommen sind sowohl theoretische als auch empirische oder methodologische Beiträge, die unterschiedliche Phänomene, Felder und Problemstellungen gegenwärtiger Technisierung von Wissen in den Blick nehmen. Denkbar sind etwa Arbeiten zur Materialität digitalen Wissens, zu Skripten (Akrich 1992) und Affordanzen technischer Artefakte (Hutchby 2001), zu datenbasierten Formen wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion (Knorr Cetina 1999), zu digitalen Verfahren der Verkörperung und sozialen Sichtbarkeit (Müller 2023), zu Klassifikations- und Bewertungsordnungen (Beer 2017), zu algorithmischen Entscheidungsprozessen (Kitchin 2017; Amoore 2020), zu technisierten Formen der Subjektivierung und Identitätsbildung oder zu soziotechnischen Imaginationen und Zukunftsentwürfen (Jasanoff/Kim 2015). Ebenso interessieren Beiträge, die neue Wissensprobleme rekonstruieren, die mit digitalen Technologien einhergehen – etwa Fragen von Vertrauen, Unsicherheit, Intransparenz oder epistemischer Autorität. Entscheidend ist weniger das konkrete Untersuchungsfeld als die Frage, wie sich Wissen unter Bedingungen gesellschaftlicher Technisierung verändert und welche neuen Wirklichkeitsbezüge daraus hervorgehen.
Beitragsvorschläge in Form von Abstracts im Umfang von ca. 2 Seiten (etwa 6.000–8.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) werden bis zum 30. Oktober 2026 an knowledge@phil.tu-chemnitz.de erbeten. Die Abstracts sollen je nach Konzeption des vorgeschlagenen Beitrages die Problem- oder Fragestellung, den theoretischen Zugang, ggf. das empirische Material bzw. methodische Vorgehen sowie den Bezug zum Themenfeld des Sonderbandes skizzieren. Nach Sichtung der eingegangenen Vorschläge erfolgen Einladungen zur Ausarbeitung vollständiger Manuskripte, die bis zum 30. Mai 2027 eingereicht werden sollen. Für die Beiträge wird ein Peer-Review-Verfahren durchgeführt. Darüber hinaus findet im September 2027 eine Autor:innen-Tagung statt, auf der die unterschiedlichen Perspektiven auf die Technisierung von Wissen auf Grundlage der vorliegenden Manuskripte gemeinsam diskutiert und möglichst produktiv miteinander ins Gespräch gebracht werden sollen, um wechselseitige Bezugnahmen zu ermöglichen und die Beiträge durch kollegiales Feedback weiter zu schärfen. Der Band wird Anfang 2028 Open Access erscheinen.
Für Rückfragen zum Sonderheft wenden Sie sich bitte an die Herausgeber:innen Michael R. Müller (michael-rudolf.mueller(at)phil.tu-chemnitz.de), Silke Steets (s.steets(at)tu-berlin.de), Anne Sonnenmoser (anne.sonnenmoser(at)phil.tu-chemnitz.de) oder Philipp Knopp (philipp.knopp(at)phil.tu-chemnitz.de).