Deadline: 30.04.2026
„Terrorismus“ als umkämpfter Begriff – Soziologische Perspektiven auf Deutung, Macht und Praxis
Call for Papers für eine Ad-hoc-Gruppe auf dem 43. Kongress der DGS vom 28. September bis 2. Oktober 2026 in Mainz. Deadline: 30. April 2026
In den letzten Jahren hat die Zahl der Gerichtsprozesse im Zusammenhang mit terroristischen Gewalttaten aus dem extrem rechten (z.B. die NSU-Prozesse oder die Gruppierung(en) um Prinz Reuß in Deutschland) und dschihadistischen Spektrum (z.B. Bataclan, Frankreich; Verfahren wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung des sog. IS) in Europa erheblich zugenommen (Eurojust 2024). In diesem Kontext wird der öffentliche Diskurs über Terrorismus mit weiteren Themen wie kollektive Identität oder nationale bzw. innere Sicherheit verknüpft (Graaf und Heide 2016) und nationale Kategorien des „wir“ und „der anderen“ reproduziert (Brunner 2011).
Im öffentlich-medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs zeigt sich jedoch die Ambivalenz des Begriffs „Terrorismus“. Diese Ambivalenz gründet sich einerseits in einer faktisch fehlenden, tatsächlich jedoch postulierten begrifflichen Eindeutigkeit im Recht. Dem gegenüber steht die konzeptionelle (Ab-)Nutzung des Konstrukts durch die politisch motivierte Einordnung von Referenzereignissen zwecks Kontrolle, Einhegung oder auch Repressionen im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen und politischen Protests („Klimaterrorismus“, „Gender- oder Regenbogen-Terror“, „Tierrechts-Terror“). „Terrorismus“ markiert dabei u. a. die Grenzen zwischen „legitimer“ und „illegitimer“ politischer Gewalt, strukturiert Sicherheitsregimes, legitimiert Ausnahmepraktiken und beeinflusst, wessen Leid sichtbar und wessen Denken und Handeln kollektiv als Bedrohung wahrgenommen wird. Zugleich ist der Begriff historisch wandelbar, normativ aufgeladen und politisch hoch wirksam (vgl. Schmidt-Kleinert 2023). Hingegen zielt eine soziologische Definition (vgl. Richardson 2000) auf die symbolische sowie materielle Bedeutung einer Tat, indem sie fragt, welche sozialen Gruppen aufgrund bestimmter Zuschreibungen mit dem Ziel der physischen Gewalt oder Einschüchterung ausgewählt werden und welches strategische Ziel die Verbreitung von Angst in der Öffentlichkeit verfolgt. Gleichwohl besteht ein gewisser Grundkonsens darin, dass Terrorismus als eine asymmetrische Gewalt- und mediale Kommunikationsstrategie verstanden wird, die zur Vermittlung und Durchsetzung politischer Ziele systematisch und symbolisch Gewalt androhen und anwenden und dadurch Angst und Schrecken verbreitet (u.a. Schneckener 2006; Waldmann 2005). Während die Gruppen- und Organisationszugehörigkeit lange als konstitutives Definitionskriterium für transnationalen Terrorismus galt (Kron et al. 2014), bezieht die Forschung mittlerweile auch politisch oder religiös motivierte Einzeltäter*innen ein, die ohne organisatorische Einbindung terroristische Gewalt ausüben (Grossman und Hellyer 2025).
Die geplante Ad-hoc-Gruppe lädt dazu ein, den „Terrorismus“-Begriff aus soziologischer Perspektive kritisch zu untersuchen: als Klassifikationsleistung, als Instrument sozialer Kontrolle, als diskursive Ressource und als Element institutioneller Routinen (Bögelein et al. 2022). Wir freuen uns über Beiträge, die den Begriff als gesellschaftliche Grenzziehung und als umkämpfte Ordnungskategorie (vgl. Diskurs zum Rechtsextremismusbegriff: Oppenhäuser 2011) sichtbar machen – und damit Räume für präzisere Analysen, abgewogenere Perspektiven und eine reflexive Wissenschaftspraxis eröffnen. Erwünscht sind theoretische, empirische und methodologische Beiträge, die eine reflexive, machtkritische und historisch informierte Perspektive einnehmen.
Willkommen sind u. a. konzeptionelle und empirische Arbeiten zu folgenden Themenfeldern:
- Begriffsgeschichte und Wissenssoziologie des „Terrorismus“
- Mikrosoziologische Perspektiven auf „Terrorismus“
- Diskursanalysen
- Institutionelle Praktiken
- „Terrorismus“ und soziale Ungleichheit
- Vergleichende Perspektiven
- Reflexivität der Forschung
Geplant sind 5 Vorträge (je 15 Minuten + Diskussion). Einreichungen von Wissenschaftler*innen in einer frühen Karrierephase sind ausdrücklich erwünscht. Beiträge können auf Deutsch oder Englisch erfolgen. Die Ad-hoc-Gruppe schließt mit einer gemeinsamen Diskussion der Vorträge.
Wir bitten um die Einreichung von Abstracts (2.400 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 30.04.2026 an: Nicole.Boegelein(at)uni-koeln.de; franca.heuer(at)uni-bielefeld.de; anja.schmidt-kleinert(at)uni-marburg.de
Organisation: Nicole Bögelein (Universität zu Köln), Franca Heuer (Universität Bielefeld), Anja Schmidt-Kleinert (Philipps-Universität Marburg)